Harman Automotive : Apple und Google sind im PKW keine Bedrohung

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Harman Automotive: Apple und Google sind im PKW keine Bedrohung

Apple und Google preschen mit CarPlay und Android Auto in den Automotive-Sektor vor, der bis vor Kurzem noch in alleiniger Hand von Herstellern wie Harman war. Als Bedrohung für die eigene Marktposition sieht Harman die Aufmischer aus dem Silicon Valley aber nicht, sondern als ergänzenden Teil im Automobil.

ComputerBase hat auf dem Mobile World Congress 2015 mit David Slump, Executive Vice President bei Harman und President der Automotive Services, über den Einstieg in den Automotive-Sektor durch Apple und Google gesprochen. CarPlay und Android Auto bedrohen laut Slump nicht das eigene Geschäft und werden auch in Zukunft nicht die derzeit in PKWs verbauten Systeme ablösen. Harman liefert Infotainment-Systeme unter anderem an Automobilhersteller wie Audi, BMW und Mercedes-Benz. ComputerBase konnte ein System auf Basis von Harman, das Comand Online NTG 5, im Dezember des letzten Jahres in der aktuellen S-Klasse testen.

Apple CarPlay und Google Android Auto werden bestehende Systeme nur ergänzen und unter anderem deshalb nicht ablösen, weil PKW-Hersteller über diese weit mehr als die von CarPlay und Android Auto abgedeckten Funktionen lösen. Zudem würde sich laut Slump selbst bei einer realisierbaren Unterstützung aller Fahrzeugfunktionen kein etablierter Hersteller exklusiv für eines der Systeme entscheiden. Mit der Integration in aktuelle Systeme haben Fahrzeughersteller die Möglichkeit, mehrere Systeme beziehungsweise im konkreten Fall CarPlay und Android Auto in das System aufzunehmen. Diese Schiene fahren derzeit alle deutschen Automobilhersteller. Weder Audi noch BMW, Mercedes-Benz oder VW haben sich exklusiv für eine der beiden Plattformen entschieden – auch mit Blick auf die Bedürfnisse der Kunden.

Mercedes-Benz Comand Online NTG 5 von Harman
Mercedes-Benz Comand Online NTG 5 von Harman

Bei Harman Automotive macht die eigene Plattform etwa 70 Prozent des gesamten Systems aus, die anderen 30 Prozent entfallen auf Anpassungen durch den Hersteller. Zu diesem Bereich zählt auch die Unterstützung für CarPlay und Android Auto. Harman ist sich der Tatsache bewusst, dass Unternehmen wie Apple und Google deutlich kürzere Entwicklungszyklen vorlegen als es derzeit in der Automobilindustrie üblich ist. Indem der Anteil der Basis eines jedes Infotainmentsystems gesteigert wird und ohne Involvierung des Automobilherstellers aktualisiert werden kann, will Harman den in der Automobilindustrie längeren Entwicklungszyklen entgegenwirken. Slump sagte im Gespräch aber auch, dass er es verstehe, wenn die jüngere Generation von Anwendern, die die Schnelligkeit von modernen Smartphones und Tablets gewohnt ist, in puncto Geschwindigkeit nicht mit aktuellen PKW-Systemen zufrieden sei.

Auf Entwicklungszyklen von stellenweise gerade einmal sechs Monaten bis zur nächsten Generation, wie es teilweise bei Smartphones und Tablets üblich ist, werde Harman schon aufgrund der strengen Richtlinien für die Zertifizierung von Komponenten nicht kommen. Verbaute Komponenten müssten über mehrere tausend Versuche außerhalb des oberen und unteren Temperaturlimits betrieben werden und starke Vibrationen aushalten. Selbst feinste Haarrisse in Bauteilen dürften für eine erfolgreiche Zertifizierung nicht auftreten. Laut Slump liegt der Entwicklungszyklus von Automotive-Plattformen bei Harman derzeit bei rund zwei Jahren.

In der Automobilbranche ist es üblich, dass neue Technologien zuerst in Oberklassemodellen eingeführt werden und im Laufe der Zeit auch in günstigeren Baureihen und später serienmäßig angeboten werden. Laut Slump werde bis zum Jahr 2020 in jedem Neuwagen unabhängig von der Preisklasse serienmäßig ein Infotainmentsystem verbaut sein, für die heutzutage oftmals noch hohe Aufpreise bezahlt werden müssen. Slump teilt zukünftige Systeme grob in die Klassen Einsteiger, Mittelklasse und High-End auf. Günstige Automobile sollen mit einem Bildschirm, der wahlweise auch die klassischen Rundinstrumente ablöst, ausgestattet sein, während in der Mittelklasse mehrere Displays und eine stärkere Vernetzung denkbar sind. Im High-End-Segment könnten mehrere Bildschirme, intelligente Assistenzsysteme und neuartige Bedienmöglichkeiten wie die Gestensteuerung zum Einsatz kommen.

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