Rimowa Electronic Tag im Test: Das vollständig papierlose Reisen ist zum Greifen nahe 3/3

Nicolas La Rocco 104 Kommentare

Reiseablauf mit Electronic Tag

Wie genau läuft eine Reise mit dem Rimowa Electronic Tag im Detail ab? Um das zu klären, wurde das System auf einer Reise von Leipzig (LEJ) über Frankfurt am Main (FRA) und San Francisco (SFO) nach San Diego (SAN) getestet. Die ersten beiden Flugsegmente wurden von Lufthansa durchgeführt, das letzte von United Airlines. Obwohl sich United Airlines derzeit nur in der Testphase für das Electronic Tag befindet, war die Reise dank der Anfangssegmente über Lufthansa kompatibel zum Electronic Tag. Denn entscheidend ist zunächst die Kompatibilität der IT der Airline sowie der zugehörigen Airline-App zum Electronic Tag. Beides ist bei Lufthansa bereits gegeben. Ob sich ein digitales oder analoges Bag Tag am Koffer befindet, ist für den weiteren Verlauf der Reise nicht relevant, weshalb auch United Airlines funktioniert.

Airline-Partner für das Rimowa Electronic Tag
Gestartet Testphase
Lufthansa United Airlines
EVA Air Condor
Thomas Cook

Erst einchecken

Ein Koffer mit Electronic Tag wird nicht direkt mit der Lufthansa-App und dem dort hinterlegten Kundenkonto verknüpft, sondern setzt für die Nutzung den erfolgreichen Check-in für eine Reise voraus, die anschließend mit dem Koffer verknüpft werden kann. Dieser erhält daraufhin das Electronic Tag. An dem Check-in-Prozess ändert sich durch die Nutzung eines Koffers mit Electronic Tag nichts. Der Vorgang wird wie bisher über die App abgeschlossen, sodass im letzten Schritt die Bordkarte(n) ausgestellt und in der App dargestellt wird. Optional ist der Bordkarten-Export an die Apple Wallet.

Reise mit Smart Bag verknüpfen

Nach dem Check-in muss in der Lufthansa-App im Hauptmenü in den Abschnitt „Gepäck“ sowie das Untermenü „Smart bag“ gewechselt werden, um eine bevorstehende Reise an den Koffer zu übertragen. Der Begriff „Smart bag“ ist hier leicht irreführend oder besser gesagt falsch von Lufthansa gewählt worden, da Rimowa selbst nie diesen Begriff für seine Koffer verwendet. Als Nutzer versteht man aber zumindest, was damit gemeint ist. Ohne abgeschlossenen Check-in erscheint im Smart-Bag-Menü lediglich der korrekte Hinweis, dass keine Bordkarten gefunden wurden.

Nach dem Check-in lässt sich die Reise dem Koffer zuordnen
Nach dem Check-in lässt sich die Reise dem Koffer zuordnen

Im Testszenario wurde der Check-in aber bereits erfolgreich abgeschlossen, sodass das erste Segment von Leipzig nach Frankfurt sowie die Bag-Tag-Zuweisung für den Reisenden angezeigt wurden. Obwohl zunächst nur das erste Segment angezeigt wird, wird im weiteren Verlauf des Vorgangs korrekt San Diego als Zielort verwendet.

Lufthansa-App sucht sofort nach Koffern

Nach Auswahl der Reise sollte nach Möglichkeit rasch der Bluetooth-Pairing-Knopf im Inneren des Koffers gedrückt werden, da die Lufthansa-App sonst wie im Test passiert zunächst mit der Suche nach einem Smart Bag scheitert. Hier wäre ein Hinweis durch die Lufthansa-App, dass in Kürze die Suche nach einem kompatiblen Koffer gestartet wird, hilfreich gewesen, um den Nutzer auf die Aktion vorzubereiten.

Im zweiten Versuch mit aktiviertem Pairing-Modus wird der Koffer unter seiner schon beim Pairing mit der Rimowa-App genutzten Bezeichnung „BAG5A319C“ gefunden. Daraufhin lässt er sich auswählen und das digitale Bag Tag wird an den Koffer gesendet. Der Vorgang dauert nur wenige Sekunden und wird mit einer Bitte abgeschlossen, die in der App angezeigten Informationen mit dem digitalen Bag auf dem Koffer abzugleichen, um eine fehlerhafte Übertragung vor Antritt der Reise auszuschließen.

Verwirrende Vorschaubilder

Auch an dieser Stelle nimmt es die Lufthansa-App wieder nicht ganz genau mit den angezeigten Hinweisen. Zwar stimmen Zielort, Datum und Tagnummer noch überein, weiter unten heißt es neben einem Bild eines Bag Tags dann aber, dass der Nutzer die angezeigten Informationen bestätigen soll. Fatal ist hier jedoch, dass nur ein Beispiel für ein elektronisches Bag Tag angezeigt wird, nicht eine Vorschau des tatsächlich übertragenen Bag Tags. Erst auf Seite zwei der Vorschau wird erklärt, dass es sich lediglich um ein Beispiel für eine Gepäckstücknummer handelt. Vom Anwender kann die verwirrende Vorschau als Fehler bei der Übertragung interpretiert werden. Der App fehlt es in gewissen Bereichen an einem klaren und unmissverständlichen Aufbau, was für Flugreisen unabdingbar ist. Der Nutzer sollte sich nie unsicher im Vorgang fühlen.

Bei den angezeigten Bildern handelt es sich immer nur um Beispiele
Bei den angezeigten Bildern handelt es sich immer nur um Beispiele

Koffer aufgeben

Ein mit gültigem Electronic Tag versehener Koffer ist bereit für die Aufgabe am Flughafen. Dies kann entweder über Gepäckautomaten wie an den Flughäfen Frankfurt am Main (FRA) oder München (MUC) sowie klassisch über einen mit Personal besetzten Schalter erfolgen. Da weder Berlin Tegel (TXL) noch der aufgrund eines Streiks in Berlin als Alternative gewählte Flughafen Leipzig (LEJ) über Gepäckautomaten verfügen, wurde der neuartige Koffer ganz klassisch am Schalter aufgegeben.

Aufgabe des Koffers am Flughafen Flughafen Leipzig/Halle (LEJ)
Aufgabe des Koffers am Flughafen Flughafen Leipzig/Halle (LEJ)

Das in Leipzig anwesende Lufthansa-Personal hatte so die Möglichkeit, selbst zum ersten Mal Erfahrung mit dem neuen Bag Tag zu sammeln, denn abgefertigt hatte einen Rimowa-Koffer mit Electronic Tag bisher noch keiner der Anwesenden. Ausgerechnet am genutzten Schalter war das Lesegerät für den Barcode zum Zeitpunkt der Aufgabe außer Betrieb, sodass die Gepäcknummer manuell vom E-Ink-Display abgetippt werden musste. Anschließend machte sich der Koffer auf den Weg durch das Gepäckleitsystem.

Gepäckbeleg abrufen

Üblicherweise erhalten Reisende nach der Gepäckaufgabe einen Gepäckbeleg (siehe Seite eins des Tests) aus Papier, der vom eigentlichen Bag Tag, das sich am Koffer befindet, abgetrennt und dem Kunden als Nachweis der Gepäckabgabe überreicht wird. Das gibt es beim Electronic Tag nicht mehr, sodass sich auf die IT-Systeme der Airlines verlassen werden muss, die einen digitalen Gepäckbeleg an die App übermitteln sollen. Den jetzt digitalen Gepäckbeleg verwahrt der Reisende in seinem Smartphone.

Die App meldet keine Gepäckbelege und findet auch keine nach der Suche
Die App meldet keine Gepäckbelege und findet auch keine nach der Suche

Zu viele Einzelschritte

In der Lufthansa-App heißt es, „der digitale Gepäckbeleg wird auf der mobilen Bordkarte in der Lufthansa App bereitgestellt – unter Belege und Status“. Im Bordkarten-Menü der Lufthansa-App muss hierfür in der Detailansicht einer Bordkarte nach unten gescrollt werden, woraufhin wie von Lufthansa beschrieben unter dem Punkt „Gepäckabgabe“ ein Link für Gepäckbelege zu finden ist. Dieser führt unter iOS allerdings zum Verlassen der App und öffnet den Safari-Browser, der auf der mobilen Webseite von Lufthansa die korrekte Gepäcknummer anzeigt. In der Detailansicht werden Zwischenstopps der Reise aufgelistet, außerdem sind Gepäckstatusinformationen abrufbar, die unter anderem Informationen zur Verladung des Koffers auf das jeweilige Flugzeug beinhalten.

Erfolgreich den Gepäckbeleg über Umwege im Browser in die Wallet gespeichert
Erfolgreich den Gepäckbeleg über Umwege im Browser in die Wallet gespeichert

Einen als Gepäckbeleg interpretierten „Schein“ findet man hier aber nicht. Erst der Link „In Passbook herunterladen“ öffnet schließlich einen „echten“ Gepäckbeleg, der sich in der Apple Wallet speichern lässt. Lufthansa verwendet fälschlicherweise noch den von iOS 6 bis iOS 8 genutzten Namen Passbook für die Wallet. Auch hier mangelt es der Lufthansa-App an einem klar verständlichen Aufbau, der in wenigen Schritten zum Ziel führt. Zumal der Anwender aus der App in den Browser geworfen wird.

Gepäckbelege gehören in „Gepäckbelege“

Diese unsaubere App-Strukturierung setzt sich an anderer Stelle fort: Denn warum müssen Anwender überhaupt per Bordkarte und mit Umweg über den Browser den Gepäckbeleg abrufen, wenn es doch im Hauptmenü der App den Punkt „Gepäckbelege“ gibt? Im selben Menü wird ja ohnehin bereits der gesamte Smart-Bag-Vorgang initialisiert. Als Kunde erwartet man wenige Sekunden oder Minuten nach Abgabe des Koffers genau in diesem Menü den Gepäckbeleg – dem ist aber nicht so. Im Test tauchte der Gepäckbeleg wie aus heiterem Himmel erst zwei Wochen nach Rückkehr aus den USA in dem Menü auf, als er schon längst nicht mehr benötigt wurde.

Bessere Abstimmung notwendig

Auf Seiten von Rimowa funktioniert das Electronic-Tag-System bereits wie vom Anwender erwartet, allerdings hat der Kofferhersteller den aus logistischer Sicht auch kleineren, weniger aufwendigen Teil als Lufthansa zu meistern. Das E-Ink-Display zu verbauen und die Datenübertragung mit dem Koffer abzuwickeln ist der eine Part, Lufthansa muss sich hingegen um die korrekte Abwicklung nach der Kofferaufgabe kümmern, die eine reibungslose IT auf Seiten der Airline voraussetzt.

Wie ComputerBase von der Pressestelle der Lufthansa in Erfahrung gebracht hat, handelt sich etwa bei der Ausstellung des Gepäckbelegs in der Tat noch um einen Pull-Service, den der Kunde abfragen muss. Das heißt, ohne Abfrage des Gepäckbelegs würde ihn der Kunde nicht automatisch zu Gesicht bekommen. Am Schalter ist das anders: hier muss kein Reisender explizit nach seinem Gepäckbeleg fragen, wenn der Koffer aufgegeben wurde. Das Flughafenpersonal überreicht diesen ganz selbstverständlich, ebenso die Gepäckautomaten an großen Drehkreuzen.

Zwei Wochen nach Rückankunft erscheint der Gepäckbeleg im korrekten Menü
Zwei Wochen nach Rückankunft erscheint der Gepäckbeleg im korrekten Menü

Im ersten Schritt wäre es empfehlenswert, wenn Lufthansa die Ausstellung des Gepäckbelegs auf eine Push-Zustellung umstellen würde, sodass der Reisende sofort eine Bestätigung für den aufgegebenen Koffer erhält. Etwas größere Umbauarbeiten würden auch der App von Lufthansa gut stehen, denn derzeit verteilen sich für die Reise wichtige Punkte auf zu vielen Menüebenen. Der Umweg über die Bordkarten, um den Gepäckbeleg zu erhalten, ist logisch betrachtet nicht sinnvoll. Alle relevante Daten liegen der Lufthansa ja bereits vor, sie müssen nur besser zugeordnet werden.

Rückreise ohne Electronic Tag

Rimowa-Koffer mit Electronic Tag lassen sich natürlich auch ganz klassisch mit einem Bag Tag aus Papier nutzen. Auf dem Rückweg aus San Diego nach Berlin Tegel war dies der Fall, da zwar die Flüge selbst über Lufthansa gebucht wurden, das erste Segment von San Diego nach San Francisco wurde aber von United Airlines durchgeführt, sodass der Check-in mit Electronic Tag nicht möglich war. Die derzeit stattfindende Testphase von United Airlines für das Electronic Tag ist nicht öffentlich; der App fehlt noch das entsprechende Menü. Über die Lufthansa-App war der Check-in aus den USA nach Deutschland nicht möglich. Das passiert des Öfteren.

Altes Electronic Tag löschen

Bevor der Koffer in Kombination mit einem klassisch analogen Bag Tag aus Papier verwendeten wird, sollte das zuvor aufgespielte Electronic Tag aus dem Display des Koffers gelöscht werden. Dies lässt sich einfach über die App von Rimowa realisieren, indem zum Beispiel eines der Städtemotive oder die Kontaktinformationen des Reisenden auf das Display geladen werden. Das verhindert, dass die Gepäckleitsysteme durch die Kombination aus einem alten digitalen und einem neuen analogen Bag Tag verwirrt werden, wenngleich das Electronic Tag nach Ankunft nicht mehr gültig ist.

Fazit

Das Rimowa Electronic Tag ermöglicht in der Theorie und teilweise auch Praxis das vollständig papierlos reisen – mit Ausnahme des Reisepasses. Nachdem Tickets schon seit langer Zeit in den Apps der Airlines oder der Apple Wallet digital abgelegt werden können, ist dies jetzt auch mit dem Bag Tag auf dem E-Ink-Display aktueller Rimowa-Koffer möglich. Der Gepäckbeleg hingegen wird noch nicht zuverlässig digital übermittelt, oder die Schritte, um dies zu erreichen, sind zu verschachtelt.

Das Fazit zum Rimowa Topas Stealth mit Electronic Tag muss deshalb zweigeteilt ausfallen: Der Koffer für sich alleine betrachtet ist ein schickes Stück Hardware, das sehr gut verarbeitet ist und einen hohen Komfort beim Packen und Transportieren bietet. Noch dazu sehen die Koffer von Rimowa elegant aus. Schade nur, dass die schwarze Eloxierung der Stealth-Variante schon nach einer Reise stark abgenutzt erscheint.

Das Electronic Tag des E-Ink-Displays ist sehr gut ablesbar und wurde im Test von mehreren Gepäckleitsystemen korrekt erkannt. Das zunächst einmal wichtigste Ziel, der korrekte Transport des Koffers bis zum Zielflughafen, wurde vollständig erfüllt.

Teurer macht das Electronic Tag die Koffer von Rimowa nicht, auch schon vor der Umstellung auf die aktuelle Koffer-Generation musste für einen mittelgroßen Rimowa-Koffer aus Aluminium mit Preisen um 900 Euro gerechnet werden.

Der Rimowa-Koffer sammelt mehr Pluspunkte als die Lufthansa-App
Der Rimowa-Koffer sammelt mehr Pluspunkte als die Lufthansa-App

Noch nicht vollständig überzeugen hingegen die Abläufe innerhalb der Airline-App, in diesem Fall Lufthansa. Für einen technisch versierten Anwender sind die vorausgesetzten Schritte noch halbwegs nachvollziehbar. Für Otto Normalverbraucher wäre eine Reduktion der Menüebenen und notwendigen Schritte sehr hilfreich.

Abschließend bewertet fehlt es dem Electronic Tag noch etwas an Feintuning, insbesondere auf Seiten der Airline(s). Vereinfachte Abläufe würden das System deutlich komfortabler machen, und das ist ja eines der Ziele des Systems. Rimowa selbst hat mit dem Electronic Tag einen bereits sehr guten Koffer noch etwas besser gemacht.

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