Digitales Zeichnen : Klaus Stuttmann trifft iPad Pro und Surface Pro 4

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Digitales Zeichnen: Klaus Stuttmann trifft iPad Pro und Surface Pro 4

Mit iPad Pro und Surface Pro (4) wollen Apple und Microsoft auch Maler und Zeichner erreichen. Die künstlerische Kreativität des Anwenders ist zentrale Säule der Werbebotschaft. Damit werben beide Konzerne um Kunden, die bisher auf Alternativen von Herstellern wie Wacom zurückgegriffen haben. Mit Erfolg?

ComputerBase hat jemanden um seine Meinung gebeten, der sich mit dem digitalen Zeichnen auskennt: Klaus Stuttmann. Sein Erstkontakt mit iPad Pro und Surface Pro 4 gibt interessante Einblicke in die Entscheidungskriterien der bisher an andere Hersteller gebundenen Zielgruppe.

Politische Karikaturen seit Helmut Schmidt

Klaus Stuttmann ist Jahrgang 1949. Er studierte Kunstgeschichte in Tübingen und Berlin. Seinen Magister erhielt er im Jahr 1976, arbeitete im Anschluss als freischaffender politischer Karikaturist, Layouter, Illustrator und Plakatemacher. Als Autodidakt, wie „eigentlich alle Kollegen“.

Seit 1990 hat er sich auf seine Tätigkeit als tagespolitischer Karikaturist fokussiert und zeichnet seit zwölf Jahren täglich Karikaturen für den Berliner Tagesspiegel. Regelmäßig veröffentlicht er auch in der „taz“, der „Leipziger Volkszeitung“ und dem „Freitag“.

Klaus Stuttmann zum Einsatz in Syrien
Klaus Stuttmann zum Einsatz in Syrien (Bild: Klaus Stuttmann)

Über 30 Tageszeitungen greifen insgesamt auf seine Dienste zurück. Die Werke eines Jahres gibt es seit 2010 auch in Sammelbänden zu kaufen, die neuesten Karikaturen auch immer auf Stuttmann-Karikaturen.de.

15 Jahre Erfahrung mit dem Digitizer

Seit 15 Jahren zeichnet Stuttmann digital. Damals keine große Umstellung, mit Papier und Stift sei er ohnehin nie warm geworden. „Bei dem vielen Radieren ist vom Papier ja kaum noch was übrig geblieben.“ (lacht)

Stuttmann in der Redaktion von ComputerBase
Stuttmann in der Redaktion von ComputerBase

Sein erstes digitales Zeichenbrett kam von Wacom. Es erfasste lediglich die Eingaben, gezeichnet wurde auf dem angeschlossenen Rechner. Sein Fazit: „Junge Leute können das wohl tatsächlich machen, ich habe welche kennengelernt. Ich konnte das nicht.“ Schnell erfolgte der Griff zum Wacom Cintiq mit 13 Zoll, das zwar weiterhin einen Rechner benötigte, die Zeichnung aber selbst darstellen konnte. Stuttmann nutzte einen Mac und Adobe Photoshop.

Seit fast zehn Jahren zeichnet Stuttmann zu Hause auf einem Wacom UX21, das weiterhin an seinem iMac angeschlossen ist und auf Photoshop zurückgreift. Es bietet auf 21,3 Zoll eine Auflösung von 1.600 × 1.200 Pixeln und einen passiven Stift mit 2.048 Druckstufen. Auf jeder Seite lassen sich acht Knöpfe mit beliebigen Befehlen belegen. „Das Zeichnen ist sehr komfortabel“, Stuttmann ist grundsätzlich zufrieden.

Das Gewicht beträgt hingegen fast neun Kilogramm – ohne den Standfuß. Auf Reisen gehen wollte Stuttmann mit dem Tablet samt dem erforderlichen Rechner nie. „Ich war immer an meinen Schreibtisch gebunden.

Mit dem Modbook auf Reisen

Das kleine Cinteq mit dem erforderlichen Notebook mitzunehmen, war „ziemlicher Kabelsalat“ und daher für kurze Reisen ebenso wenig eine Option wie das autarke Cintiq Companion mit Windows. Denn wie jeder Mensch ist auch Stuttmann ein Gewohnheitstier, das in der Prä-App-Welt in dem Fall am liebsten Photoshop auf allen Geräten mit denselben Tastaturkürzeln nutzen wollte.

Er wurde schließlich beim Modbook Pro fündig. Es setzt auf das PCB aus dem klassischen MacBook Pro mit 13 Zoll, das in einem eigenen Chassis mit Display samt Stifterkennung von Wacom untergebracht ist. Als Betriebssystem kommt weiterhin Mac OS X zum Einsatz, die gewohnte Umgebung bleibt also erhalten und Stuttmann konnte bei einem Gewicht von 2,5 kg ohne Kabelsalat auf Reisen gehen. Um diese Freiheit durch einen Defekt nicht wieder zu verlieren, erwarb er ein weiteres Modbook Pro vom zwischenzeitig in Zahlungsschwierigkeiten steckenden Hersteller auf Vorrat.

Mehr Mobilität und Auflösung gesucht

Auf der Suche nach noch mehr Mobilität hat sich Stuttmann immer wieder nach Alternativen umgesehen. Die Idealvorstellung eines mobilen Begleiters hatte bereits Bill Gates im Jahr 2001 mit Enthüllung des ersten Tablets mit Windows und Stifteingabe umrissen. Ein Flop, aber seitdem wusste Stuttmann: „Wenn du so ein Tablet hast, bist du plötzlich sehr flexibel.

Stuttmann hat später das Zeichnen mit Stiften von Drittherstellern auf dem iPhone und dem iPad Air ausprobiert, „das war aber nichts fürs professionelle Arbeiten, das war mehr wie Spielzeug“. In Apples Ökosystem verankert, wurde er erst wieder hellhörig, als das iPad Pro erschien. Das sollte ihm potenziell auch einen weiteren Wunsch erfüllen: den nach einer höheren Auflösung. Sie ermöglicht ein detaillierteres Zeichnen auch ohne hohe Zoomstufen.

iPad Pro oder Surface Pro?

In der Redaktion wird Stuttmann allerdings zuerst das Surface Pro 4 gereicht. Auf seiner Suche nach mobilen Endgeräten zum Zeichnen mit Betriebssystem von Apple hat er von diesem Gerät bisher keine Notiz genommen. Die ersten Striche sind im vollwertigen und bekannten Adobe Photoshop schnell zu einem Gesicht geformt. „Das ist schon gut“, lautet das erste Fazit. Vor allem die extrem hohe Auflösung und der flexible Standfuß überzeugen. Dass das Gerät beim Zeichnen in der Schräglage leicht wippt? „Kein Problem.“ Den flexiblen Ständer sieht Stuttmann als Vorteil gegenüber der weniger flexiblen Schutzhülle von Apple.

Stuttmann in der Redaktion von ComputerBase
Stuttmann in der Redaktion von ComputerBase

Problematisch ist wiederum, dass es sich um Windows handelt – und hier sind die Shortcuts andere als unter OS X. Stuttmann müsste sich umgewöhnen; und genau das hat er bisher versucht zu vermeiden.

Beim iPad Pro gibt es kein vollwertiges Photoshop, es gibt Apps wie Adobe Sketch, Procreate oder AstroPad. Die sind darauf ausgelegt, auch ohne Tastatur zu funktionieren. Erfahrungen mit den Programmen hat Stuttmann allerdings ebenfalls kaum, nur flüchtige Blicke riskiert. Ein Umstieg ohne Aufwand ist auch mit dem iPad Pro nicht möglich, immerhin ist iOS vom iPad Air bestens bekannt.

Software mit Ebenen und Flexiblität

Damit eine Anwendung für Stuttmann in Frage kommt, muss sie Ebenen, das Verschieben einer Auswahl in eine Ebene und vielfältige Anpassungsmöglichkeiten für den Stift unterstützen. Karikaturen von Stuttmann setzen nicht selten auf 50 Ebenen. In der Regel zeichnet Stuttmann einzelne Figuren oder Gegenstände in einer eigenen Ebene und deren Schwarz-Weiß-Zeichnung wiederum getrennt von der Koloration. So lassen sich die Elemente einer Zeichnung jederzeit anders anordnen und die Farbe überdeckt die Konturen nicht.

In Procreate ist die maximale Anzahl an Ebenen auf dem iPad Pro beispielsweise von der Auflösung abhängig. In Photoshop zeichnet Stuttmann auf 26 × 18 Zentimetern mit 300 dpi (3.250 × 2.250). Bei Procreate sind auf DIN A4 (2.480 × 3.508) bis zu 72 Ebenen möglich.

Interessant zu beobachten ist Stuttmanns gedanklicher Spagat zwischen Anwendungen für PCs und klassische Tablets. Adobe Photoshop ist ihm bekannt, die Tastaturkürzel unter Mac OS X beherrscht er blind. Trotzdem würde er auf dem Tablet sofort darauf verzichten, wenn eine App die benötigten Funktionen über die Eingabe per Finger oder Stift ganz ohne Tastatur zugänglich macht.

Die hohe Auflösung ist ein Blickfang

Begeisterung löst bei Stuttmann in beiden Lagern die Auflösung aus. „Das macht richtig Spaß“, die Freude ist ihm anzusehen. Auch wenn sein stationäres Wacom Cintiq UX21 deutlich größer ist, die hohe Auflösung ist ein Vorteil der kleinen Geräte: Ohne Zoomen lässt es sich deutlich präziser zeichnen. Das große Gerät gibt es mittlerweile auch mit QHD, so scharf wie auf den Tablets wird es damit aber immer noch nicht.

Auch mit dem Gewicht von knapp 800 respektive etwas über 700 Gramm kommen Surface Pro 4 und iPad Pro Stuttmanns Ideal vom mobilen Zeichenbrett schon sehr nahe. „Auf Dauer wird das zwar auch schwer“, gegenüber seinem Modbook Pro specken aber beide Kandidaten um über 1,5 Kilogramm ab. Von weniger Interesse ist wiederum die Leistungsfähigkeit, irrelevant die Architektur. Beide sind schnell genug, diese Erkenntnis reicht.

Der zu lange Stift zeichnet angenehmer

Wie viele Druckstufen ein Stift hat, interessiert Stuttmann nicht. Entscheidend ist, wie lebendig die Linien sind. Sowohl mit dem Surface Pen (1.024 Druckstufen) als auch mit dem Apple Pencil (unbekannt) ist Stuttmann im Vergleich zu seinem Stift von Wacom (2.048) aber absolut zufrieden. Dass der Stift von Apple schlicht gehalten ist und leichter über das iPad Pro gleitet, als der Stift von Microsoft über das Surface Pro 4, gefällt Stuttmann. Ihm habe das mit viel Widerstand behaftete Zeichnen auf Papier ohnehin nie gelegen, er würde das Gefühl deshalb nicht vermissen. Allerdings könnte Apples Stift nach seinem Geschmack „zwei Zentimeter kürzer sein“. Weil er bereits heute mit zwei Stiften im Wechsel zeichnet, sei er in Bezug auf die Ergonomie aber relativ frei.

Stuttmann favorisiert den Stift von Apple
Stuttmann favorisiert den Stift von Apple

Keinen Gebrauch macht Stuttmann von den virtuellen Radierern am Ende der Stifte von Wacom. Dass Apple im Gegensatz zu Microsoft nicht auf dieses Funktion setzt, stört ihn deshalb nicht.

Dass es von Apple keine Vorrichtung gibt, um den Stift zu verstauen, hält Stuttmann wiederum für „eigentlich unmöglich“. „Apple hat doch sonst so geniale Lösungen. Das ist keine Lösung.“ Wie beim Surface Pro 4 mit einem starken Magneten an der Seite sollte das sein. Dass der Stift auch noch weiß ist, lässt Erinnerungen wach werden. Auch beim Modbook Pro ist der Stift weiß, beim ersten Zeicheneinsatz in einem Restaurant habe er ihn damals prompt vergessen. Seitdem ziert ein roter Streifen Klebeband das Eingabegerät – Stuttmann ist Pragmatiker.

Die Hardware begeistert, die Software entscheidet

Anderthalb Stunden dauert der erste Kontakt mit beiden Geräten. Stuttmann reichen sie für ein erstes Fazit: technisch kommen beide seinem Ideal sehr nahe. Das aktuell genutzte Modbook Pro schlagen beide um Längen.

Aber die Software wird darüber entscheiden, ob eines der beiden Geräte in Zukunft den Zuschlag erhält. Als Nutzer des Ökosystems von Apple wird Stuttmann dem iPad Pro ohne Tastatur eine Chance geben, er weiß bisher aber nicht, welche App in Frage kommt – und der bestellte Stift kommt erst in vier Wochen. Beim Surface Pro 4 ist die Software-Frage zwar geklärt, denn hier läuft das bekannte Adobe Photoshop. Das kommt auf dem kleinen Display allerdings erst recht nicht ohne Shortcuts aus, die Stuttmann sich in Teilen neu aneignen müsste.

Weil die Technik überzeugt, ist er sich allerdings sicher: Hätte es das Surface Pro bereits gegeben, als er vor dem Kauf des Modbooks stand, wäre der Schritt zu Windows auf diesem Gerät eine Alternative gewesen. Die Leistungsfähigkeit der Programme unter iOS wird darüber entscheiden, ob es in Zukunft erneut eine Alternative werden wird.

Zu Hause wird er hingegen weiterhin auf 21 Zoll zeichnen. Das bleibt bequemer als mehr Auflösung auf der Hälfte der Diagonale. Die Erfahrung mit den Displays von iPad Pro und Surface Pro 4 wird Stuttmann aber immer wieder zum aktuellen UX21 mit QHD schielen lassen. Mit 2.700 Euro will diese Anschaffung aber auch für den professionellen Zeichner mit einem funktionierenden System wohlüberlegt sein.

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