Chip-Herstellung: Google will Entwicklung in eigene Hand nehmen

Michael Schäfer 30 Kommentare
Chip-Herstellung: Google will Entwicklung in eigene Hand nehmen
Bild: geralt | CC0 1.0

Um noch unabhängiger von Prozessor-Herstellern zu werden, soll Google damit begonnen haben, in Indien ein eigenes Design-Team für die Chipentwicklung aufzubauen. Dies geht aus einem Bericht der Nachrichtenagentur Reuters hervor.

Bisher trat Google häufiger als Komponenten-Hersteller auf, in den meisten Fällen handelte es hierbei jedoch um Auftragsfertigungen oder Technik von zugekauften Unternehmen. Die letzten Quartalszahlen machten erneut deutlich, welchen wichtigen Anteil das Label „Made by Google‟, unter dem das Unternehmen eigene Produkte wie unter anderem die Pixel-Reihe oder Smart-Home-Komponenten verkauft, am Umsatz des Konzern besitzt.

Mobilbereich und Smart Home als wichtiges Standbein

Auch wenn Google selbst die Quartalszahlen nicht aufschlüsselt, gehen Analysten von RBC Capital Markets davon aus, dass das Unternehmen 2018 alleine mit den Pixel-Smartphones rund 1,2 Milliarden US-Dollar umgesetzt hat, bei einem Gewinn von 678 Millionen US-Dollar. Auch die Smart-Home-Sparte ist mit einem Umsatz von 717 Millionen US-Dollar bei einem Reinerlös von 105 Millionen US-Dollar erfolgreich.

Eigenes Chip-Team für mehr Unabhängigkeit

Um sich von Prozessor-Zulieferern wie Qualcomm unabhängiger zu machen und das Geld im eigenen Hause zu belassen, will Google nun zur eigenen Chip-Herstellung übergehen. So soll der Konzern bereits vor einigen Monaten in Bengaluru, Indien, damit begonnen haben, ein eigenes Design-Team für Prozessoren aufzubauen. Dieses soll bisher 20 Spezialisten umfassen, die vorher unter anderem in den Diensten von Broadcom, Intel, Nvidia oder Qualcomm standen. Bis Ende des Jahres soll das Team auf bis zu 80 Mitarbeiter wachsen. Komplett unerfahren ist Google in diesem Bereich nicht, bereits den Pixel Visual Core der Pixel-Smartphones sowie diverse Komponenten der eigenen Server stellt das Unternehmen selbst her.

Laut Reuters soll der Schwerpunkt der neuen Abteilung zunächst in den Bereichen Bildverarbeitung, künstliche Intelligenz sowie Cloud-Lösungen liegen, es ist aber davon auszugehen, dass sich der Tätigkeitsbereich in Zukunft auf Googles komplette Hardware-Sparte ausweiten wird. Eine offizielle Bestätigung seitens Google blieb bisher aus. Mit der Herstellung eigener Chips befindet sich Google darüber hinaus in guter Gesellschaft zu Apple, Amazon, Facebook und Microsoft, die ebenfalls eigene Design-Teams unterhalten.

Jim McGregor, Analyst bei Tirias Research, sieht den Schritt von Google nur als eine konsequente Weiterentwicklung: „Jeder versucht anfänglich Dinge nahe bei sich zu halten, aber ab einem gewissen Erfolgslevel ist man gezwungen zu expandieren‟. Für ihn ist es zudem keine große Überraschung, dass Google den neuen Standort für sein „gChip-Team‟ in Bengaluru aufbaut, da dieser Ort eine lange Tradition in Sachen Chip-Herstellung besitzt und Spezialisten dort leicht zu finden sind.

Vorteil auch für Anwender

Googles Engagement besitzt zudem, wenn vielleicht auch eher ungewollt, Vorteile für den Kunden: So kann das Unternehmen die Pflege der einzelnen Komponenten in eigene Hände nehmen und ist nicht mehr auf die Unterstützung der Zulieferer angewiesen. So musste Google seinerzeit bereits nach zwei Jahren die Update-Versorgung des Galaxy Nexus einstellen, da Chip-Lieferant Texas Instrument sich vom Endkundenmarkt zurückgezogen hatte und keine neuen Treiber für entsprechende Prozessoren lieferte. Ein ähnliches Schicksal wurde dem Nexus 5 und anderen Mobilgeräten mit Snapdragon S800 zuteil, welchen ein Update auf Android 7 verwehrt wurde, da Qualcomm keine entsprechenden Treiber mehr zur Verfügung stellte.