Fitbit Charge 4 im Test: Fitness-Tracker bietet eine Schar von Sensoren

Jan Lehmann
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Fitbit Charge 4 im Test: Fitness-Tracker bietet eine Schar von Sensoren

tl;dr: In der vierten Generation soll sich Fitbits Charge-Serie zum Tracker-Alleskönner wandeln. Mit integriertem GPS kann sich die Charge 4 zwar nochmals zu ihrem Vorgänger absetzen, doch scheitert es am Ende an einem (noch) zu hohen Preis und zu vielen Kompromissen.

Fitbit Charge 4 im Test

Die Charge-Serie stellt Fitbits Speerspitze im Tracker-Segment dar. Im März vorgestellt, ist die vierte Generation nunmehr als Standard- und Special Edition verfügbar.

Fitbit Charge 4
Fitbit Charge 4 (Bild: Fitbit)

Bei identischem Funktionsumfang unterscheiden sich die beiden Varianten lediglich beim Armbandmaterial. Die herkömmliche Charge 4 setzt auf ein strukturiertes Kunststoffarmband in den Farben Schwarz, Palisander und Stahlblau. Die Special Edition bietet ein Gewebearmband. Dem Lieferumfang ist außerdem ein schwarzes Standardband beigelegt. Die Preisempfehlung wird seitens des Herstellers mit 150 Euro respektive 170 Euro für die Special Edition beziffert. Im Preisvergleich ist die Charge 4 ab rund 140 Euro bzw. 165 Euro gelistet.

Der Vergleich zur Charge 3

Rund anderthalb Jahre vergingen zwischen der Vorstellung der Charge 3 und der Charge 4. Äußerlich gleichen sich beide wie Zwillinge, doch fallen die inneren Änderungen überaus groß aus. Allen voran verfügt die Charge 4 über integriertes GPS und zeichnet so genannte Aktivminuten auf – hierzu später mehr. Darüber hinaus bieten beide Varianten der Charge 4 die Fitbit-Pay-Bezahlfunktion via NFC. Jene war zuvor lediglich der Special Edition der Charge 3 vorbehalten. Mit dem Wechsel von einem Aluminium- zu einem Kunststoffgehäuse ist aber auch eine Verschlechterung zu vermerken.

Fitbit Charge 4 Fitbit Charge 3
Form: rechteckig
Kompatibilität: ab Android 7.0, ab iOS 11.0,
ab Windows Phone 10 v1607
ab Android 4.3, ab iOS 10.6,
ab Windows Phone 10
Uhrenglas: Gorilla Glass
Bedienung: Touch
Display: rd. 1,1 Zoll
OLED, monochrom
Anbindung: Bluetooth 4.0 LE, NFC
Sensoren: Beschleunigungsmesser
Gyroskop
Herzfrequenzsensor
Barometer
Umgebungslichtsensor
Sauerstoffsättigung (SpO2)
Energieversorgung: Akku
Abmessung: 35,8 × 23,7 × 12,5 mm 34,5 × 23,7 × 12,5 mm
Gewicht: 26 Gramm ? Gramm
Schutz: wasserdicht, WR 50 Meter
Armband: wechselbar, 22 mm (Klickmechanismus)
nicht geeignet für herkömmliche Uhrenbänder

Zur Vorstellung der Charge 4 zwar als Neuerung beworben, trifft das auf die Schlafüberwachungsfunktion und den Sauerstoffsättigungssensor (SpO2) nicht wirklich zu. Auch die Charge 3 verfügte über einen SpO2-Sensor, der jedoch lange Zeit bei allen entsprechenden Fitbit-Geräten deaktiviert war.

Smartwatch im Detail

Fitbit Charge 4 im Test: Beugungsspalte ist ein Staubversteck
Fitbit Charge 4 im Test: Beugungsspalte ist ein Staubversteck

Die Fitbit Charge 4 macht äußerlich auch trotz Kunststoffgehäuse einen sehr wertigen Eindruck. Selbst das Kunststoffarmband wirkt dank leichtem, oberflächlichem Rautenmuster nicht wie Einheitsbrei und ist schön anzusehen. Ebenso kann das Armband mit seinen Eigenschaften überzeugen. Es riecht nicht unangenehm, ist rutschsicher, doch strammt nicht, und ist dabei zudem kaum schmutz- und staubanfällig. Auch an der Wearable-Einheit lassen sich keine Gründe zur Beanstandung finden. Mit einer Höhe von 12,5 mm wirkt sie zunächst etwas hoch, doch lässt sich dessen ungeachtet sehr gut tragen. Scharfe Kanten oder Ähnliches gibt es nicht. Immer wieder toll: Fitbit legt seinen Wearables und Smartwatches stets zwei Armbandlängen bei.

Anlass zur Kritik gibt es jedoch exakt zwischen Armband und Wearable-Einheit. Der Beugungsspalt ist eine Sammelstätte für Staub, was sogar mit bloßem Auge und aus Ableseentfernung zu sehen ist.

Mit Beschleunigungsmesser, Gyroskop, Herzfrequenzsensor, Barometer, Umgebungslicht- und Sauerstoffsättigungsensor sehr gut aufgestellt, hat die Charge 4 zumindest für das Tracker-Segment eine Vollausstattung inne. EKG-Funktionen und Sturzerkennungen sind derweil lediglich im (vollwertigen) Smartwatch-Bereich zu bekommen.

Das Graustufen-Display zeigt sich durchwachsen. Die Auflösungsqualität ist sehr gut und lässt nur bei genaustem Hinsehen ein Pixelraster erkennen. Bei direktem Sonnenlicht versagt es jedoch und lässt sich gerade noch halbwegs gut ablesen. Die automatische Helligkeitsanpassung funktioniert überdies etwas träge. Ein farbiges Display oder zumindest farbige Akzente würden der Charge 4 außerdem sehr gut stehen. Ebenso die Möglichkeit einer Always-on-Funktion. Gänzlich unverständlich sind hingegen die breiten Display-Ränder. Zwar misst die Front 39,83 mm in der Diagonalen, doch entfallen hierauf gerade einmal rund 27 mm auf den Anzeigebereich.

Schwimmen ja, duschen nein

Die Charge 4 ist wie ihr Vorgänger seitens des Herstellers als „wasserfest bis 50 m“ klassifiziert, was mithin dem Standard 5 ATM gleichzusetzen wäre. Dieser beschreibt zugleich die Möglichkeit, die Uhr beim Duschen zu tragen, jedoch führt Fitbit in den Trage- und Pflegehinweisen Folgendes auf: „Fitbit Ace 2, Charge 3, Flex 2, Ionic sowie Produkte der Inspire- und der Versa-Familie können im See, im Pool oder im Meer getragen werden, Fitbit Ace kann unter der Dusche getragen werden.

Tragehinweise
Tragehinweise (Bild: Fitbit)
Tragehinweise
Tragehinweise (Bild: Fitbit)

Widersprüchlich, da Fitbit dem Wearable sogar das Tragen während des Schwimmens attestiert, was eigentlich erst ab 10 ATM klassifiziert wird. Schwimmen ja, duschen nein? Der Grund für die immer wieder schwammigen Dichtigkeitsaussagen (nahezu aller Hersteller) begründet sich in der Auslegung. Geräte können ohne Schäden im Wasser getragen werden, jedoch ist auf den jeweiligen Druck zu achten. Beim Duschen können beispielsweise Druckspitzen auf eine kleine Fläche der Uhr wirken. Gleiches gilt beim Schwimmen. Beim Kraulschwimmen etwa kann derselbe oder gar ein höherer Druck beim Einschlagen der Hand ins Wasser vorkommen, sodass beide Szenarien materiell nicht mit dem einfachen Im-Wasser-Verweilen verglichen werden dürften.

Minimalistisches System

Ein Fitness-Tracker ist keine Smartwatch, und genau das wird einem beim Tragen der Charge 4 bewusst. Neben der Anzeige der Vitalparameter und dem Training hält das Menü mit einer Kalenderanzeige, einer Relax-Atmungsfunktion, einem Timer, einem Wecker und einer Wetteransicht nur wenige Auswahlpunkte bereit.

Der Charge 4 kann dies jedoch auf keinen Fall angekreidet werden. Anders als eine Smartwatch, die vollumfänglich informieren und möglichst das Smartphone ablösen soll, soll ein Tracker Vitaldaten aufzeichnen und analysieren. Im Menüpunkt „Training“ stehen die Sportarten Laufen, Radfahren, Schwimmen, Laufband, Outdoor-Training und Gehen zur Wahl. Eine automatische Erkennung (Start) von Trainingseinheiten gibt es nicht, sodass dies stets manuell erfolgen muss. Die einzelnen Trainingspunkte können angepasst werden, sodass beim Laufen beispielsweise GPS-Ortung und eine automatische Unterbrechungsfunktion oder beim Schwimmen die Beckenlängen eingestellt werden können.

Benachrichtigungen des gekoppelten Smartphones werden nach Freigabe in der Fitbit-App anstandslos ausgegeben. Wie immer bleibt das Antworten auf Textnachrichten lediglich Android-Nutzern vorbehalten. Einzige Multimedia-Spielerei stellt eine Spotify-App, mit der die Musiksteuerung vorgenommen werden kann, dar. Dass auf der Charge 4 keine Musik abgespeichert und auch ohne Smartphone mit Bluetooth-Kopfhörern abgespielt werden kann, erscheint aufgrund der Größe noch halbwegs nachvollziehbar. Doch warum das Modell nicht einmal die einfache Musiksteuerung des gekoppelten Smartphones übernehmen kann, bleibt fraglich und verärgert zugleich.

Die App als Steckenpferd

Wie schon bei den Ablegern Versa (Test), Versa Lite (Test) und Versa 2 (Test) kann Fitbits eigene Analyse-App abermals glänzen. Leicht verständlich und überaus intuitiv aufgebaut, zählt die App seither zur ersten Riege.

Die App gliedert sich weiterhin in die Kategorien „Heute“ (Hauptanzeige), „Community“ und „Entdecken“. Die Hauptanzeige dient der Übersicht der Vitalparameter Schritte, Etagen, zurückgelegte Entfernung, verbrannte Kalorien, Aktivzonenminuten, Schlaf und Herzfrequenz.

Sind die meisten Punkte selbsterklärend, so benötigen einige eine Erklärung; die Etagen-Ermittlung erfolgt bei Fitbit über den Höhenmesser, sodass nach etwa drei zurückgelegten Höhenmetern ein Stockwerk registriert wird. Die zurückgelegte Entfernung wird bei allen Wearables des Herstellers über Schrittlänge und Schrittzahl errechnet. Die Schrittlänge kann im Nutzerkonto hinterlegt werden oder wird bei Nutzung mit GPS-Ortung automatisch bestimmt.

Als neues Feature erhält die Charge 4 die sogenannten Aktivzonenminuten, die zusammen mit Gesundheitsexperten entwickelt wurden. Das Konzept ist denkbar einfach und greift auf verschiedene Belastungsintensitäten zurück. Der Träger soll ein wöchentliches Minutenziel erreichen. Je nach Puls werden Minuten einfach oder doppelt gewertet. Das Rad wird dabei nicht neu erfunden, jedoch ein weiterer Ansporn geschaffen.

Fitbit Charge 4 im Test: Erläuterungen zu den neuen Aktivminuten
Fitbit Charge 4 im Test: Erläuterungen zu den neuen Aktivminuten
Fitbit Charge 4 im Test: Aktivminuten und Herzfrequenz
Fitbit Charge 4 im Test: Aktivminuten und Herzfrequenz
Fitbit Charge 4 im Test: Hinweise zur Sauerstoffsättigung
Fitbit Charge 4 im Test: Hinweise zur Sauerstoffsättigung
Fitbit Charge 4 im Test: Schlaf-Tracking und SpO2-Messung
Fitbit Charge 4 im Test: Schlaf-Tracking und SpO2-Messung

Die übrigen Ansichten sind gewohnt sehr gut und erlauben eine detaillierte Betrachtung aller Parameter. Auch die Sauerstoffsättigung konnte nach bisheriger Deaktivierung seitens des Herstellers nun zum ersten Mal getestet werden. Der SpO2-Sensor soll dabei den Schlaf überwachen und auf etwaige Atemaussetzer hindeuten. Im Test gar nicht bis kaum auffällig, verschafft die Analyse ein kleines bisschen Gewissheit, dass nichts im Argen liegt.

Die App benötigt einen Fitbit-Account. Welche Informationen zur Erstellung benötigt werden und welche Daten seitens des Unternehmens erhoben werden, erläutert der Hersteller in einem ausführlichen Blog-Eintrag.

Gute Sensoren

Bei der Sensorgenauigkeit reiht sich die Charge 4 bei den bereits zuvor getesteten Fitbit-Smartwatches ein. Kurzum: Schritt- und Herzanalyse sind nahezu tadellos. Die 1.000 gezählten Schritte registriert die Fitbit Charge 4 mit einem Wert von 1.002 Schritten. Die Abweichung von zwei Schritten kann dabei der Toleranz zugerechnet werden, sodass diese womöglich auf den letzten Schritt und dem anschließenden Anheben des Arms zum Ablesen des Ergebnisses zurückzuführen ist.

Auch die Schlafanalyse scheint super zu funktionieren – doch wieso scheint? Ohne feste Referenz kann die Auswertung nur schwer nachvollzogen werden. Zumindest die Einschlaf- und Aufwachzeiten stimmen mit den realen Gegebenheiten – zu Bett gehen und aufstehen – überein.

Bei der Pulsmessung zeigt sich ein bekanntes Bild, das so bei nahezu allen bislang getesteten Wearables beobachtet wurde. Vor und nach dem Sport gleichen sich die Ergebnisse der Fitbit Charge 4 mit den Referenzwerten. Einzig während des Sports – diesmal ein kurzes Home-Workout – wich der Wert um nur einen Pulsschlag des mittels Brustgurt gemessenen Referenzwertes ab.

Durchschnittliche Laufzeit

Mindestens sieben Tage soll die Charge 4 laut Fitbit durchhalten und diese Vorgabe schafft sie auch. Bei normaler Nutzung wurden acht bis achteinhalb Tage erreicht. Bedenkt man indes den geringen Funktionsumfang, das kleine Display und den Aspekt, dass unter iOS, das im Test genutzt wurde, nicht auf Nachrichten geantwortet werden kann, ist dieser Wert eher als Durchschnitt zu beschreiben. Als Vergleich: Vollwertige Smartwatches, etwa auch die Fitbit Versa oder Versa 2, erreichen mittlerweile problemlos Laufzeiten von vier bis sechs Tagen.

Fitbit Charge 4 im Test
Fitbit Charge 4 im Test
Fitbit Charge 4 im Test
Fitbit Charge 4 im Test

Mit Nutzung der internen GPS-Ortung sinkt die Laufzeit rapide. Bereits bei dreimaliger Verwendung – in Summe etwa 30 Minuten – sinkt die Gesamtlaufzeit auf nur noch sechseinhalb Tage. Bei zweistündiger Nutzung verringert sie sich drastisch auf knapp anderthalb Tage. Laut Fitbit ist bei ausschließlicher GPS-Nutzung eine Laufzeit von bis zu fünf Stunden möglich.

Fazit

Das Urteil zur Fitbit Charge 4 fällt ungewohnt schwer. Das smarte Armband macht vieles richtig, lässt aber ebenso viele Verbesserungswünsche offen. Ohne Frage ist die Integration eines internen GPS-Moduls und der variantenübergreifenden Bezahlfunktion ein guter Zug, doch sticht die Charge 4, abgesehen von der Smartphone-App, die wiederum nicht alleinig der Charge 4 zugeschrieben werden kann, nirgends vollends hervor. Der Sauerstoffsättigungssensor ist zwar ein tolles Gimmick, doch keine Neuerung.

So bleiben auf der Habenseite lediglich die guten Analysewerte und Trageeigenschaften. Weniger gut sind hingegen die zu breiten Display-Ränder und ein im Sonnenlicht unterdurchschnittliches Display. Eine unschöne Beugungsspalte, die sich als Staublager entpuppt, und nur durchschnittliche Laufzeiten deklassieren die Charge 4 weiter. Gekrönt wird dies von einem noch zu hohen Straßenpreis. 140 bzw. 165 Euro sind momentan zu viel verlangt, beachtet man, dass der Vorgänger für rund 90 respektive 110 Euro erhältlich ist. Die Fitbit Versa, die im Test sehr gut abschnitt und mehr bietet, ist ebenfalls bereits für rund 110 Euro zu haben. Sogar die Versa 2 ist für nahezu den identischen Preis der Charge 4 zu erstehen.

ComputerBase hat die Charge 4 leihweise von Fitbit zum Testen erhalten. Eine Einflussnahme des Herstellers auf den Testbericht fand nicht statt, eine Verpflichtung zur Veröffentlichung bestand nicht. Es gab kein NDA.

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