Mercedes-Benz User Experience: Infotainmentsystem MBUX setzt auf Touch & Nvidia-SoC

Nicolas La Rocco 106 Kommentare
Mercedes-Benz User Experience: Infotainmentsystem MBUX setzt auf Touch & Nvidia-SoC

Mercedes-Benz bricht auf der CES 2018 mit der Tradition früherer Infotainmentsysteme und stattet die vollständig neu entwickelte Mercedes-Benz User Experience (MBUX) erstmals mit Touch-Bedienung aus. Premiere wird das System in der neuen A-Klasse feiern. Für das Echtzeit-Rendering des UIs ist Hardware von Nvidia zuständig.

MBUX soll bei Mercedes-Benz eine neue Ära des Infotainments und der Konnektivität rund um das Service-Angebot Mercedes me einläuten. Der Automobilhersteller setzt dafür auf ein neues Bedienkonzept, das besonders intuitiv gestaltet worden sein soll und den Fahrer mit Hilfe künstlicher Intelligenz unterstützt. In Las Vegas zeigte Mercedes-Benz MBUX in dem Cockpit der neuen A-Klasse, die im Februar in Amsterdam ihre Premiere feiern und im späteren Verlauf der zweiten Jahreshälfte ihre Markteinführung erfahren wird. Weitere Fahrzeuge mit MBUX werden mit Umstellung auf ein neues Modell folgen. Mit der Einführung eines neuen Infotainmentsystems zuerst in der A-Klasse macht Mercedes-Benz erneut deutlich, dass große neue Features nicht erst auf eine neue S-Klasse warten müssen. Was fertig entwickelt ist, wird auch verbaut.

Dreidimensionale Menüstruktur

Mercedes-Benz setzt bei MBUX auf einen vollständig neuen Menüaufbau aus einer horizontalen und vertikalen Achse im Hauptmenü, der durch Wischgesten und das Halten von Menüpunkten manipuliert werden kann. Sobald ein Menüpunkt auf der ersten Ebene gewählt wird, schickt MBUX den Nutzer einen Layer tiefer in das System. Mercedes-Benz spricht von einem dreidimensionalen Aufbau, der auch eine Z-Achse besitzt. Grafische Overlays visualisieren, auf welcher Ebene sich der Nutzer befindet. Animationen und dargestellte Inhalte werden in Echtzeit gerendert und basieren nicht länger auf Vektorgrafiken. Den zuvor genutzten Aufbau aus einer großen Hauptebene in der Mitte des Bildschirms und jeweils einer kleinen Leiste oberhalb und unterhalb davon gibt es nicht mehr. Größere Symbole und Grafiken, klarere Beschriftungen, neue Animationen und digitale Schalter sowie eine insgesamt übersichtlichere Aufteilung rücken an dessen Stelle.

Neu ist zudem die globale Suche innerhalb von MBUX. Sobald diese vom Anwender aufgerufen wird, werden bei einer Anfrage nicht mehr nur das aktuelle Menü, sondern alle Bereiche sowie zusätzlich die installierten Dienste und das Internet durchsucht. Das erinnert an die globalen Suchen in den Betriebssystemen macOS oder Windows 10. Einer der neuen Dienste ist zum Beispiel das Restaurant-Empfehlungsportal Yelp.

Touch kommt aus gutem Grund erst jetzt

Bedienen lässt sich MBUX über mehrere Wege, darunter zwei neue Methoden der Touch-Bedienung und eine neue natürliche Sprachsteuerung. Das rechte von zwei Displays ist ein Touchscreen und somit eine Abkehr von Mercedes' üblicher Herangehensweise, außerdem befindet sich in der Mittelkonsole eine neue Touch-Fläche für Eingaben, die den rechten Monitor steuert. Über diese erhält der Nutzer auch haptisches Feedback zu seinen Eingaben. Darüber hinaus gibt es am Lenkrad die mit der aktuellen E-Klasse (Test) erstmals eingeführten Touch-Flächen am Lenkrad.

Die neue Sprachsteuerung setzt nicht länger auf feste Vorgaben und kann auch anhand kurzer Ansagen wie „Mir ist kalt“ erkennen, dass die Temperatur erhöht werden soll. Über den Sprachbefehl „Hey Mercedes“ wird die neue Linguatronic aktiviert. Einzigartig soll die Lernfähigkeit sein: Mercedes-Benz will künstliche Intelligenz nutzen, um dem Nutzer auf Basis seiner Gewohnheiten individuelle Vorschläge zu machen.

Sajjad Khan, Vice President Digital Vehicle & Mobiliy Daimler AG, sagte im Gespräch mit ComputerBase, dass die im Vergleich zu anderen Herstellern späte Einführung der Touch-Bedienung aufgrund der zuvor nicht zufriedenstellenden Leistung erfolgt sei. Erst jetzt mit dem neuen UI und einer neuen Hardware-Generation könne das Infotainmentsystem so flüssig wie etwa auf einem Smartphone bedient werden.

Neue SoCs Reilly PX und Parker 128 von Nvidia

Apropos Hardware: Nvidia liefert die Technik hinter MBUX und bietet dabei zwei Lösungen an, die zuvor noch in keinem Fahrzeug zu finden waren. Was verbaut ist, hängt davon ab, welche Ausbaustufe des neuen Infotainmentsystems bestellt wurde. Die Chips der neuen Hardware-Plattform nennt Mercedes-Benz „Reilly PX“ und „Parker 128“, jedoch finden sich diese nicht im normalen Sortiment von Nvidia. Die Eckdaten der neuen Plattform klingen hingegen eher nach einer Lösung, die häufig Tegra X2 genannt wird, wenngleich Nvidia offiziell kein Produkt mit diesem Namen führt. Nvidia-CEO Jensen Huang sagte ComputerBase, dass das Unternehmen kein Produkt mit dem Namen Tegra X2 für den Einsatz in Automobilen vermarkte, die Namen würden wie beworben Reilly PX und Parker 128 lauten. Beide steuern ausschließlich das Infotainmentsystem und werden nicht etwa auch für Assistenzsysteme verwendet. Aber was hat es mit Reilly PX und Parker 128 auf sich?

Nvidia liefert die Hardware hinter MBUX
Nvidia liefert die Hardware hinter MBUX

Die Bezeichnung Tegra X2 leitet sich von Nvidias Dev-Kit Jetson TX2 ab, offiziell gibt es anders als beim Tegra X1, der zum Beispiel in der Nintendo Switch (Test) steckt, aber keinen Tegra X2. Die Eckdaten von Reilly PX und Parker 128 stimmen allerdings mit dem SoC überein, das auf dem Jetson TX2 verbaut ist. Die Hardware-Plattform des neuen Infotainmentsystems bietet sechs CPU-Kerne, davon zwei Nvidia Denver 2 und vier ARM Cortex-A57. Die Grafikeinheit basiert auf Pascal und bietet 128 CUDA-Kerne bei Reilly PX und 256 CUDA-Kerne bei Parker 128. Mercedes-Benz spricht zudem von 8 GB DDR4-RAM, gemeint ist wohl aber eher LPDDR4. Taktraten waren Mercedes-Benz oder Nvidia nicht zu entlocken, das Jetson TX2 kommt auf 2,0 GHz für die CPU-Kerne und 1,12 GHz für die GPU. Das muss aber nicht für den Automotive-Chip gelten.

2 × 10,25 Zoll mit flüssigen 60 FPS

Die Rechenleistung nutzt Mercedes-Benz, um in der höchsten Konfiguration des MBUX zwei jeweils 10,25 Zoll große Monitore zu bespielen. Das ist eine Reduzierung der Diagonale von rund zwei Zoll gegenüber den 12,3-Zoll-Displays aus der aktuellen E-Klasse oder S-Klasse. Die Auflösung liegt bei jeweils 1.920 × 720 Bildpunkten, die Pixeldichte aufgrund der reduzierten Größe somit bei 200 ppi statt zuvor 166 ppi.

Mit welcher Bildwiederholrate Mercedes-Benz die Displays betreibt, ließ sich Sajjad Khan auf Nachfrage nicht entlocken, allerdings sah das Gezeigte beim ersten Ausprobieren vor Ort stark nach 60 Hz aus. Dies würde auch dem Display-Controller von Jetson TX2 entsprechen, der bei 60 Hz Schluss macht. Die Bedienung konnte vor Ort vollständig flüssig durchgeführt werden. Das System reagierte frei von Verzögerungen und schneller als im jüngst vorgestellten und bis dato Maßstab Audi A8 (Hands-On).

Nicht in jeder neuen A-Klasse wird Parker 128 verbaut und somit die volle Rechenleistung verfügbar sein, es wird Unterschiede bei den verbauten Displays und davon abgeleitet auch beim verbauten SoC geben. Serienmäßig wird das Auto mit zwei 7-Zoll-Bildschirmen ausgestattet sein, darüber rangiert eine Variante mit 7-Zoll- und 10-Zoll-Display. Diese „Entry“ und „Mid“ genannten Varianten nutzen Reilly PX. Als Top-Ausstattung folgt schließlich die in Las Vegas gezeigte Variante mit zwei jeweils 10,25 Zoll großen Displays und Parker 128.

Regelmäßige OTA-Updates geplant

MBUX soll regelmäßig OTA-Updates für das System selbst und Unterfunktionen wie etwa die natürliche Spracherkennung erhalten. Geplant ist der Support von insgesamt 23 Sprachen, darunter direkt zum Marktstart Deutsch und Englisch für die Vereinigten Staaten. Updates sollen über einen verschlüsselten TLS-Kanal und durch eine digitale Signatur verifiziert von Mercedes-Benz an das Automobil gesendet werden.

Datenquelle der Sprachsteuerung ist Nuance, für das Wetter bedient sich Mercedes-Benz bei Foreca und Autonavi. Für die Navigationskarten und Points of Interest ist HERE verantwortlich, das Mercedes-Benz zusammen mit Audi und BMW Ende 2015 übernommen hatte. Wie schon bei früheren Comand-Infotainmentsystemen sind für die Anbindung eines Smartphones CarPlay und Android Auto (Test) verfügbar.

Mit MBUX integriert Mercedes-Benz auch die bekannten Assistenten von Amazon und Google. Das bedeutet nicht, dass Alexa und der Google Assistant im Fahrzeug auf Befehle warten, sondern dass diese von zu Hause aus Befehle an das Fahrzeug schicken können. Das ist vergleichbar mit den von BMW angebotenen Funktionen. Diese Dienste zählt Daimler zur Erweiterung der Services rund um Mercedes me. Entsprechende Apps gibt es auch für die Smartwatches von Apple und Google.

Erstes Fazit

Mercedes-Benz und Hardware-Partner Nvidia überraschen in Las Vegas mit einer progressiven Herangehensweise und ungewöhnlich schnellen Entwicklung zur Serienreife. Gerade einmal zwei Jahre sollen zwischen den ersten Ideen und der Präsentation gelegen haben. Für das Automotive-Segment ist dies eine ungewöhnlich kurze Entwicklungszeit. Noch dazu handelt es sich auf Nvidias Seite um bisher nicht bekannte Komponenten, die Mercedes-Benz verbaut. Von Reilly PX und Parker 128 war bisher noch nie die Rede, was das Projekt umso spannender macht. Erstmals scheinen Bauteile zum Einsatz zu kommen, die IT-Enthusiasten nicht schon seit Jahren bekannt sind. Die Zeitspanne zwischen Vorstellung in der IT-Branche und Einsatz beim Autohersteller hat sich definitiv verkürzt. Das alleine ist schon großer Fortschritt.

MBUX selbst hinterließ zur CES einen sehr guten Eindruck. Die Neugestaltung von Software und Bedienung erscheint schlüssig und zur richtigen Zeit vollzogen zu sein. Dass Mercedes-Benz erst jetzt den Touchscreen für sinnvoll erklärt, lässt sich durchaus nachvollziehen. Während andere Hersteller stotternde Animationen hinnehmen, läuft MBUX flüssig mit 60 FPS in hoher Auflösung. Dennoch gilt es abzuwarten, wie sich MBUX im Straßenverkehr schlagen wird. Ob das System wirklich so schlau ist wie Mercedes-Benz behauptet, lässt sich erst außerhalb von Messehallen testen.

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