AMD Ryzen 3 2200G & 5 2400G im Test: Desktop-APUs mit starker GPU machen erste Ryzen obsolet 3/4

Volker Rißka 1.248 Kommentare

Leistungsaufnahme und Temperaturen

Effizienz deutlich gestiegen

Gegenüber dem 28-nm-Vorgänger Bristol Ridge und seinem noch zwei Jahre älteren, aber deutlich bekannteren Vorläufer Kaveri rund um die Modelle A10-7850K, 7870K und 7890K bei der Effizienz zu gewinnen, ist für Ryzen ein leichtes Spiel.

Im Leerlauf liegen alle Probanden von AMD zwar noch auf dem gleichen Niveau. Schon mit leicht steigender Last zeigen sich aber die ersten Unterschiede. Der hoch taktende Kaveri in Form des A10-7890K verlangt deutlich mehr Strom, auch das 35-Watt-Modell des Bristol Ridge muss sich den 65-Watt-Modellen der Nachfolge-Generation geschlagen geben. Erst wenn es in extreme Szenarien geht, zieht auch Raven Ridge viel Strom. Und 80 Watt Differenz zwischen Leerlauf und Volllast beim 2400G zeigen, dass AMD der APU im 65-Watt-TDP-Korsett viel zugesteht.

Kommt eine diskrete Grafikkarte zum Einsatz, schneiden AMDs CPUs auch in diesem Fall etwas schlechter im Vergleich zu denen von Intel ab.

Wärmeleitpaste lässt die Temperaturen steigen

Einen weiteren und bisher nicht thematisierten Unterschied zu den großen Ryzen für den Desktop-PC gibt es unter der Haube des Heatspreaders: Statt den Prozessor-Die mit eben diesem Heatspreader zu verlöten, um die bestmögliche Wärmeübertragung zu gewährleisten, nutzt AMD bei den APUs wie Intel bei Core Wärmeleitpaste. Dies hat dem Hersteller zufolge in erster Linie Kostengründe, denn bei einer 99-US-Dollar-APU ist jeder noch so kleine Beitrag entscheidend, um wirtschaftlich konkurrenzfähig am Markt zu sein. Bei einer CPU mit einer TDP von 65 Watt sei die Wärmeleitpaste aber kein kriegsentscheidendes Verkaufsargument, betont AMD.

Im Test zeigt das Flaggschiff, welche Folgen der Wechsel nach sich zieht. Mit dem im Lieferumfang enthaltenen kleinsten AMD-Boxed-Kühler Wraith Stealth werden beim AMD Ryzen 5 2400G Temperaturen von bis zu 89 Grad gemessen, bereits bei einem Cinebench-Durchgang wird nach wenigen Sekunden die 75-Grad-Marke geknackt. Der gleiche, über die ganze Zeit sehr leise arbeitende Kühler auf einem Ryzen 5 1400 mit Lötzinn statt Wärmeleitpaste zeigt lediglich 55 Grad Celsius, auch bei beiden anderen Ryzen-CPUs mit identischem Kühler ist das Verhalten das gleiche, 83 statt 54 Grad eine weitere Hausmarke bei den Ryzen 3. Klar ist das neue Modell jeweils auch leicht schneller und hat zudem eine noch etwas höhere Leistungsaufnahme. Dennoch ist ein Unterschied von über 30 Kelvin ein Wert, der so nicht erwartet wurde. Selbst Kaveri brachte es bei einer 30 bis 50 Watt höheren Leistungsaufnahme mit seinem Boxed-Kühler, der allerdings auch auf 100 Watt ausgelegt war und deutlich lauter ist, nur auf ähnlich hohe Temperaturen.

Temperatur
Angaben in °C
  • Tctl/Tdie bei max. Last (Prime95 SmallFFT):
    • AMD A12-9800E
      38
    • Intel Core i3-8100
      53
    • AMD Ryzen 3 1200
      54
    • AMD Ryzen 5 1400
      55
    • Intel Core i5-8400
      57
    • AMD A10-7890K
      81
    • AMD Ryzen 3 2200G
      83
    • AMD Ryzen 5 2400G
      89

Das Ergebnis von Raven Ridge lässt auch den Schluss zu, dass AMD bei der regulären Ryzen-CPU quasi gezwungen war zu verlöten, da die Temperaturen sonst bei hohen Taktraten nicht im Zaum zu halten gewesen wären. Bei Raven Ridge ist hingegen Overclocking mit Boxed-Kühler direkt zum Scheitern verurteilt, es braucht eine Alternative.

Alternativer Kühler, UV und OC (Update)

Die vergleichsweise hohen Temperaturen der neuen APUs waren in den Kommentaren der am heißesten diskutierte Aspekt. Dabei wurde auch kritisiert, dass die Redaktion immer auf einen Boxed-Kühler zurückgegriffen hat und Prime95 als Last herangezogen wurde. ComputerBase hat den mit einer Empfehlung versehenen Ryzen 3 2200G deshalb noch einmal mit einem alternativen Kühler betrieben und auch eine andere Last verwendet. Mit dem Boxed-Kühler erreichte der 96-Euro-Prozessor unter maximaler Last in Prime95 83 Grad, während der Vorgänger Ryzen 3 1200 nur auf 54 Grad kam – eine Differenz von 29 Kelvin.

Temperaturmessungen mit dem Noctua NH-U14S

Ausgerüstet mit einem der stärksten Luftkühler, dem Noctua NH-U14S gepaart mit gleich zwei NF-A15-150-mm-Ventilatoren, ließen sich die erzielten Temperaturen in der gleichen Anwendung um 15 Kelvin senken. Der neue Messwert von 68 Grad liegt allerdings noch immer 14 Grad über dem des Ryzen 3 1200 mit dem kleinsten Boxed-Kühler Wraith Stealth. Der Ryzen 3 1200 erreicht mit dem größeren Kühler 45 Grad. Keine Auswirkungen hat die geringere Temperatur auf die Leistungsaufnahme der APU, hier stehen weiter 93 Watt als Maximum für das System mit dem Ryzen 3 2200G auf der Anzeige.

Dass Prime95 keine unrealistischen Werte geliefert hat, zeigt der Wechsel auf eine Alltagsanwendung mit hohen Anforderungen an die CPU: Die Umwandlung eines 4K-H.265-Videos mit der aktuellen Version 1.0.7 von Handbrake ruft mit dem großen Noctua-Kühler mit zwei Lüftern ebenfalls Temperaturen von 65 Grad mit Spitzen bis über 67 Grad hervor und liegt somit nahe an den in Prime95 erzielten Werten. Das gilt auch für den Ryzen 3 1200, der in Handbrake bis auf zwei Grad an die gleiche Maximaltemperatur herankommt wie unter Prime.

Temperaturen von Ryzen 3 im Vergleich
Modell max. Temp.,
Boxed Lüfter
(Prime95 SmallFFT)
max. Temp.,
Boxed Lüfter
(Handbrake)
max. Temp.,
NH-U14S + 2 Lüfter
(Prime95 SmallFFT)
max. Temp.,
NH-U14S + 2 Lüfter
(Handbrake)
Änderung im Durchschnitt
Ryzen 3 2200G 83 °C 80 °C 68 °C 67 °C 15 °C
Ryzen 3 1200 54 °C 52 °C 45 °C 43 °C 9 °C
Differenz 29 °C 28°C 23 °C 24 °C
AMD Ryzen 2200G in Handbrake bei fast 80 Grad
AMD Ryzen 2200G in Handbrake bei fast 80 Grad

Temperaturen sind hoch, aber nicht kritisch

Der Wechsel des Kühlers und der Anwendungen bestätigt: Im Vergleich zum verlöteten Ryzen sind die Temperaturen der neuen APUs hoch. Sie stellen aber kein Problem dar, weshalb der Ryzen 3 2200G auch mit der gestiegenen Temperatur mit einer ComputerBase-Empfehlung aus dem Test gegangen ist. Durch AMD ist Ryzen nach aktuellem Kenntnisstand für 100 Grad Kern-Temperatur freigegeben. Wenig verwunderlich arbeiteten beide APU auch mit dem Boxed-Kühler in allen Tests inklusive Prime95 ohne Probleme oder gesenkte Taktraten – so wie andere CPUs mit Boxed-Kühlern auch.

Delidding und Overclocking

Hohe Temperaturen in Folge von Wärmeleitpaste zwischen Die und Heatspreader ziehen in den letzten Jahren immer die Frage nach dem Delidding nach sich, also dem Tausch der Wärmeleitpaste zwischen Die und Heatspreader nach dessen Demontage. Diese Frage wurde in den letzten Tagen beantwortet. Roman „der8auer“ Hartung hat einen solchen Versuch unternommen und bietet im Shop von Caseking* auch entsprechend bearbeitete CPUs an. Der Tausch der Wärmeleitpaste bringt laut Hartung 10 bis 15 Grad, der Aufpreis liegt bei 30 Euro.

Bleibt die Frage, für wen sich das rechnet. Geringere Temperaturen sind insbesondere in kleinen PCs für das Wohnzimmer (HTPCs) durchaus gern gesehen, doch bei 95 Euro für die CPU sind die 30 Euro Aufpreis eventuell besser direkt in einen passenden Kühler investiert, der möglicherweise den selben Effekt zeigt. An die Kombination beider Maßnahmen kommt er natürlich nicht heran. Auch für das Overclocking würde es sich anbieten, doch die Nische der APU-Overclocker wird eine kleine sein.

Overclocking wie von Ryzen bekannt

Zumal das Overclocking wie bei den bisherigen Ryzen nur in homöopathischen Dosen gelingt. Bei spätestens 4,1 GHz geht dem Ryzen 3 2200G die Puste aus, auch Spannungserhöhungen bewirken kaum noch etwas, zumal die CPU jetzt selbst mit alternativem Kühler bereits sehr warm ist. Bei 4,1 GHz lässt sich ein gesundes Mittel finden, die Leistungsaufnahme liegt statt bei 93 nun allerdings bei 128 Watt.

Alternatives Board bringt (fast) mehr als Undervolting

Auch Undervolting ist möglich, allerdings sind die Auswirkungen in der jüngeren Vergangenheit stetig geringer geworden. Mit 0,125 Volt geringerer Spannung lassen sich im Test beim Ryzen 3 2200G nur noch acht Watt unter voller Last einsparen, die Temperatur sinkt nur um drei Grad. Im Leerlauf, in der der PC die meiste Zeit verbringt, hat dieser Eingriff gar keine Auswirkung.

Mini-ITX-Board mit Ryzen 3 2200G
Mini-ITX-Board mit Ryzen 3 2200G

Der Wechsel von einem Full-ATX- auf ein kleines ITX-Mainboard mit viel weniger – und ohnehin oft nicht benötigten Steckplätzen – zeigt allerdings, dass es sehr gut möglich ist, den Ryzen 3 2200G inklusive Ausgabe der integrierten Grafik im Desktop unter die 20-Watt-Marke zu drücken. Verwendung fand zu diesem Zweck das MSI B350I Pro AC. Mit 86 Watt unter Maximallast liegt die Differenz zwischen Leerlauf und Last aber nach wie vor bei 67 Watt, die CPU-Temperatur deshalb unter Last auch wieder bei über 80 Grad.

Kombiniert mit Undervolting bleibt es bei 19 Watt im Leerlauf, unter Last sind es jetzt nur noch 77 Watt – 16 Watt unter dem Maximum und mit nun noch 75 Grad auch acht Grad kühler als mit dem ATX-Board. Die Kombination aus Mainboard-Tausch mit weiteren Anpassungen führt am Ende also zu einem sichtbaren Erfolg.

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