Intel NUC Hades Canyon im Test: Der stärkste 1,2-Liter-PC dank AMD Vega auf Kaby Lake-G

Jan-Frederik Timm et al. 68 Kommentare
Intel NUC Hades Canyon im Test: Der stärkste 1,2-Liter-PC dank AMD Vega auf Kaby Lake-G

tl;dr: Kaby Lake-G vereint Intels CPU-Architektur und AMDs Vega-GPU auf einem Package. Die stärkste Ausbaustufe, den Core i7-8809G, mit 100 Watt TDP gibt es dabei vorerst nur bei Intel selbst: in der NUC Hades Canyon mit RGB-LED-Totenkopf. Im Test ist die Leistung (aber nur) in Bezug auf das Systemvolumen rekordverdächtig hoch.

Intel NUC Hades Canyon im Detail

Für die neue High-End-NUC „Hades Canyon“ (Hades: griechisch für Unterwelt) nutzt Intel zwei der vorgestellten Ausbaustufen von Kaby Lake-G. Diese Architektur gehört technisch, aber vor allem politisch zu den interessantesten Neuentwicklungen der letzten Jahre. Warum?

Kaby Lake‑G verbindet eine Vier-Kern-Acht-Thread-CPU auf Kaby-Lake-Basis von Intel mit einer Vega-GPU von AMD und 4 GB HBM2 auf einem Multi-Chip-Package. Die verfügbaren fünf Ausbaustufen teilen sich auf zwei Leistungsklassen auf: Die zwei stärksten bieten ab Werk 100 Watt TDP, die drei kleineren 65 Watt. Das hat auch Auswirkungen auf die Anzahl der aktiven GPU-Shader.

Im großen Modell des Hades Canyon steckt der Core i7-8809G mit 100 Watt TDP, im kleineren das 65-Watt-Modell Core i7-8705G. Dies ist der einzige Unterschied zwischen den Modellen NUC8i7HVK und NUC8i7HNK. Beide bieten Platz für zwei SO-DIMMs und maximal 32 GByte Speicher, zwei M.2-Slots können mit SSDs bestückt werden. Das liegt aber immer in der Verantwortung des Kunden. Öffnen lässt sich das System nach dem Lösen von sechs Innensechskantschrauben am Deckel und dem Entfernen einer weiteren Kreuzschlitzschraube an der darunter liegenden Metallabschirmung (inkl. RGB-LED-Beleuchtung).

Anschlüsse (für Displays) satt

Beachtlich ist die Ausstattung mit Anschlüssen. An der Front gibt es neben An/Aus und Reset zweimal USB 3.1 Gen2 (1 × Typ A, 1 × Typ C), USB 3.1 Gen1 (Typ A), HDMI 2.0, 3,5-mm-Klinke sowie einen SD-Kartenleser. An der Rückseite finden sich ein weiterer HDMI-Anschluss, zweimal Thunderbolt 3, zweimal Mini DisplayPort, zweimal Gigabit-Ethernet, viermal USB 3.1 Gen1 (Typ A) sowie ein optischer Audio-Ausgang und die Buchse für das externe 230-Watt-Netzteil wieder.

Das Netzteil hat einen ähnlich großen Fußabdruck wie die NUC selbst. Auf der rechten Seite des nach allen Seiten perforierten Gehäuses befindet sich zudem der Anschluss für ein Kensington-Schloss.

Großes Netzteil (links) mit 230 Watt Nennleistung
Großes Netzteil (links) mit 230 Watt Nennleistung

Um die Verfügbarkeit der Intel NUC Hades Canyon ist es in Deutschland aktuell noch schlecht bestellt. Händler bieten das kleinere Modell NUC8i7HNK ab 740 Euro an, geliefert werden kann es aber nicht. Das größere Modell NUC8i7HVK gibt es zu Preisen ab 890 Euro. Geliefert werden kann ab 930 Euro.

Der 1,2-Liter-PC für den Wohnheim-Gamer

Intel bewirbt Hades Canyon als eierlegenden Wollmilchsau-PC für Spieler mit wenig Platz, ein Werbevideo nennt Studenten im Wohnheim als prädestinierte Zielgruppe, die das System nach dem Eintauchen in VR dann (ohne Netzteil) mit ins Labor nehmen um dort die hohe Leistung zum Arbeiten zu nutzen. Mit 1,2 Litern Volumen unterbietet der Rechner eine Zotac Zbox mit GeForce GTX 1050 in der Tat um 50 Prozent.

Kaby Lake-G mit „Vega“-GPU im Detail

Intel Kaby Lake-G nur als Ausstattungsmerkmal des Hades Canyon zu betrachten, würde dem Thema nicht gerecht werden. Zu einmalig ist die Kooperation der oft so verbitterten Wettbewerber und mit dem Abgang von Raja Koduri und weiterer Architekten der aktuellen Produkte von AMD zu Intel haftet der Plattform nachhaltig ein fader Beigeschmack an.

Mehr als 2,5 Jahre Entwicklung stecken in dem Produkt, wie Intel im Frühjahr 2018 gegenüber ComputerBase preisgab. „Ihr arbeitet mit wem!?“, war dabei nicht nur bei Intel in den Entwicklungsphasen eine der meistgestellten Fragen, sie sollte die Architekten bis über den Produktstart hinaus begleiten. „The thing“ wird der Prozessor passend dazu hin und wieder auch vom Hersteller genannt.

Vega-Polaris-Hybrid statt purem Vega

Weder AMD noch Intel geben genauere Details zur „Radeon RX Vega M“ von Kaby Kake-G bekannt. Aber es deutet alles darauf hin, dass die Radeon RX Vega M eigentlich gar nicht der Vega-Architektur entspringt, sondern es sich um einen um Vega-Funktionen erweiterten Polaris handelt.

So unterstützt die Radeon RX Vega M (genau wie Polaris) derzeit nur DirectX 12 mit dem Feature-Level 12_0, während Vega das Feature-Level 12_1 beherrscht. Hinzu kommt, dass es die von Polaris-Grafikkarten bekannte Treiberoption gibt, den Workload von „Graphics“ auf „Compute“ zu ändern. Der fehlt bei Vega eigentlich. Aber das ist noch nicht alles.

Ferner benennt das Diagnose-Tool AIDA64 die GPU als „Polaris 22“ und der Turbo entspricht dem von Polaris und nicht dem von Vega. Die Anzahl der Indizien, dass nicht Vega, sondern Polaris die Basis für die GPU gebildet hat, ist also groß.

Intel nennt die Grafiklösung aber nicht umsonst „Custom-Radeon-Grafiklösung, speziell hergestellt für Intel“. Es gibt auch Funktionen, die bisher nur von Vega bekannt sind. So soll beispielsweise der High-Bandwith-Cache-Controller mit an Bord sein, bei dem sich der Adressraum des Speichers auf den Arbeitsspeicher erweitern lässt. Im Treiber fehlt davon bis heute allerdings noch jede Spur. Definitiv neu muss aber auch der Speichercontroller sein, der HBM2 statt GDDR5 unterstützt.

Kaby Lake-G (hinten) im Vergleich zu Vega 64
Kaby Lake-G (hinten) im Vergleich zu Vega 64

Weniger Fragen in Bezug auf die CPU

Bei der CPU ist die Angelegenheit klarer: Die Taktraten lassen eine Klassifizierung nahe des 578 US-Dollar teuren Core i7-7920HQ zu. Die CPU bietet alle bekannten Features inklusive PCIe-3.0-Lanes für eine diskrete Grafiklösung, von denen acht Lanes direkt zu der Vega-Grafikeinheit auf dem gleichen Package führen. Die Vega-Grafikeinheit wiederum ist mit HBM2 via EMIB verbunden, Intels neuer Lösung für Multi-Chip-Packages.

Fünf Modelle mit zwei unterschiedlichen Grafiklösungen

Intel bietet Kaby Lake-G in fünf Modellen mit zwei unterschiedlich starken Grafiklösungen an. Hinter der Radeon RX Vega M GH Graphics steckt die stärkere Lösung (GH = Graphics High) mit 24 CUs und hohem Takt, die für die beiden Modelle mit einer TDP von 100 Watt gedacht ist. Die Radeon RX Vega M GL Graphics bietet als leicht schwächere Variante (GL = Graphics Low) noch 20 CUs mit geringeren Taktraten, ist als gesamter Chip aber in der 65-Watt-Klasse beheimatet. Drei Modelle werden mit dieser Grafikeinheit bestückt.

Grafikeinheit Radeon RX Vega M GH Graphics Radeon RX Vega M GL Graphics
Architektur Vega M Vega M
Compute-Units 24 20
Stream-Processors 1.536 1.280
Base GPU-Clock 1.063 MHz 931 MHz
Boost GPU-Clock 1.190 MHz 1.011 MHz
Speicher 4 GB HBM2 4 GB HBM2
Speichertakt 800 MHz 700 MHz
Speicherbandbreite 204,8 GB/s 179,2 GB/s
Peak SP-Performance max. 3,7 TFLOPS max. 2,6 TFLOPS
ROPs 64 pix/clk 32 pix/clk

Intels iGPU ist weiter vorhanden und auch aktiv

Alle CPUs halten parallel Intels iGPU aktiv, die HD 630 wird dadurch auch Quick-Sync-Features erlauben. Gleichzeitig erhöht das Gespann die Anzahl von Display-Anschlüssen: Sechs über die Vega-Lösung und noch einmal drei über Intel lassen theoretisch neun Bildschirme zu. Die NUC setzt 2 × HDMI + 2 × Mini DisplayPort + 2 × Thunderbolt 3 = 6 davon um.

Die NUC im Test hat die schnellste CPU

Die fünf Prozessoren unterscheiden sich primär über die Grafikeinheit, denn die höherklassige Lösung ist für die TDP von 100 Watt Package-Power ausgelegt. Die CPU-Taktraten bleiben jedoch nahezu unverändert über alle Modelle, lediglich der kleinste Core i5 als günstigste Lösung fällt etwas zurück. Im Notebook werden zuerst nur die 65-Watt-Varianten zum Einsatz kommen, allen voran der kleinste Core i7. Die NUC hingegen darf (vorerst exklusiv) auf ein 100-Watt-Modell zurückgreifen.

Modell i7-8809G i7-8709G i7-8706G i7-8705G i5-8305G
Basistakt 3,1 3,1 3,1 3,1 2,8
max. Turbotakt 4,2 4,1 4,1 4,1 3,8
Kerne/Threads 4/8 4/8 4/8 4/8 4/8
L3-Cache 8 8 8 8 6
Speicherkanäle 2 2 2 2 2
Speichertyp DDR4-2400 DDR4-2400 DDR4-2400 DDR4-2400 DDR4-2400
Unlocked Yes No No No No
Intel HD Graphics 630 630 630 630 630
max. Grafiktakt 1.100 MHz 1.100 MHz 1.100 MHz 1.100 MHz 1.100 MHz
Diskrete Grafik Vega M GH Vega M GH Vega M GL Vega M GL Vega M GL
Intel vPro Technology No No Yes No No
Package-Type BGA BGA BGA BGA BGA
TDP 100 W 100 W 65 W 65 W 65 W

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