Lenovo Smart Display im Test: Probleme des Google Assistant und Fazit

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Frank Hüber 41 Kommentare

Der Google Assistant muss selbst noch lernen

Das größte Manko des Smart Display stammt nicht von Lenovo, sondern von Google, denn es betrifft den Google Assistant, der zu wenig Anpassungen zulässt und den Spagat zwischen Lautsprecher und Display dadurch versucht, dass er die angezeigten Informationen auf dem Bildschirm in kompakter Form auch ansagt. Eine einfache Anzeige von Inhalten, ohne diese mit einer Ansage zu verbinden, gibt es anders als bei Amazons Alexa nicht. Lediglich der Startbildschirm lässt sich per Sprache aufrufen, ohne dass die angezeigten Informationen auch angesagt werden. Hat man aber beispielsweise eine längere Liste mit Erinnerungen erstellt, liest der Assistant munter alle Erinnerungen mit Uhrzeit vor, so dass man ihn kein zweites Mal danach fragen wird.

Gute Ergänzungen bei Fragen

Sehr gut umgesetzt ist hingegen, dass Google bei Anfragen nach der Beantwortung weitere inhaltlich passende Fragen einblendet. Fragt man den Google Assistant beispielsweise, was ein Hai ist, werden als Vorschlag etwa „Wie alt werden Haie?“ oder „Gewicht“, „Länge“ und „Geschwindigkeit“ angezeigt. Auch verbundene Anfragen sind für den Google Assistant schon länger kein Problem mehr. So lässt sich eine vormals beantwortete Anfrage etwa durch „Wie schwer wird er?“ erweitern, wobei der Assistant weiß, dass Haie gemeint sind, auf die sich die letzte Anfrage bezog. Außerdem können in einer Anfrage mehrere Aspekte berücksichtigt werden, etwa „Was ist ein Hai und wie alt wird er?“, was dann, wenn auch etwas unzusammenhängend, nacheinander beantwortet wird.

Ebenfalls gut umgesetzt sind die weiteren Informationen, die angezeigt werden, wenn man etwa nach dem Wetter fragt. Denn dann wird nicht nur das aktuelle Wetter angezeigt und angesagt, sondern tatsächlich das Display als zusätzliche Informationsquelle genutzt, indem die Wetteraussichten für den Tagesverlauf angezeigt werden. Eine Übersicht des Wetters etwa für die ganze Woche lässt sich aber selbst mit der Anfrage „Ok Google, wie wird diese Woche das Wetter?“ nicht aufrufen, sondern es wird wieder nur die Tagesansicht angezeigt.

Wo geht's denn hier zur Google-Suche?

Bemerkenswert ist, dass Google der Smart-Display-Plattform keine Implementierung der Google-Suche spendiert. Wird auf eine Frage keine direkte Antwort gefunden, werden keine Suchergebnisse aus der Google-Suche angezeigt. Je nach Fragestellung werden mitunter passende Bilder vorgeschlagen. In diesem Punkt ist der Google Assistant auf einem Smart Display seinem Pendant auf dem Smartphone unterlegen, der wenigstens mit Suchergebnissen Abhilfe schafft.

Merkwürdigkeiten bei Erinnerungen

Ein eigenartiges Verhalten zeigen Erinnerungen. Während der Befehl „Erinner mich in 3 Minuten an meinen Tee“ ohne Probleme funktioniert und umgesetzt wird, wird der Befehl „Erinner mich um 14:03 Uhr an meinen Tee“, wenn es gerade 14:00 Uhr ist, nicht umgesetzt und mit „Tut mir leid, ich konnte die Erinnerung nicht erstellen“ ohne weitere Begründung quittiert. Warum der Assistant dieses Verhalten aufweist, konnte nicht nachvollzogen werden, es scheint jedoch eine zeitliche Einschränkung bei Uhrzeiten zu geben, denn 10 Minuten in der Zukunft, also zu 14:10 Uhr, können wir uns auch um 14:00 Uhr mit dem Befehl „Erinner mich um 14:10 Uhr an meinen Tee“ erinnern lassen.

Erinnerungen werden darüber hinaus nicht vorgelesen, sondern der Assistant sagt lediglich an, dass es eine Erinnerung gibt, aber nicht welche – umständlich.

Auch der Kalender hat noch Potenzial

Auch die Integration der Kalenderfunktion lässt noch zu wünschen übrig. Zwar können auf unterschiedliche Weisen Kalender-Einträge vorgenommen werde, wobei der Assistant beispielsweise auch nachfragt, welchen Titel der Eintrag tragen soll, ein nachträgliches Ändern oder Löschen eines Kalender-Eintrags ist über das Smart Display und den Google Assistant dann aber nicht mehr möglich. Eine ebenfalls unnötig erscheinende Einschränkung, die Google längst ausgemerzt haben sollte.

Nicht jede Aktion per Sprache möglich

Außerdem lässt sich das Display nicht in jeder Situation per Sprache steuern. Ein Blättern durch Ergebnisse ist per Sprache beispielsweise nicht möglich, sondern erfordert die Nutzung des Touchscreens. Wenn eine Information auf dem Display nicht sofort ersichtlich ist, hilft folglich nur die händische Bedienung.

Darüber hinaus fällt auf, dass der Google Assistant viel häufiger Befehle durch deren Wiederholung bestätigt als durch einen Ton oder die einfache Ausführung. Auf Dauer wirkt dies langwierig und umständlich.

Kein Webbrowser für Googles Smart-Displays

Während der Amazon Echo Show mit Firefox und Silk gleich zwei Webbrowser bietet, die sich jedoch nur über den Touchscreen bedienen lassen, kann das Lenovo Smart Display gar keine Websites anzeigen. Auch die Anfrage an den Google Assistant quittiert dieser mit der Aussage, er könne noch keine Websites anzeigen. Noch unterstützt Googles eigene Plattform trotz des hauseigenen Browsers Chrome diesen nicht. Ein Umstand, der ebenso wie die fehlende Google-Suche Verwunderung auslöst, denn Google nutzt die im eigenen Haus verfügbaren Ressourcen und Technologien nicht sinnvoll aus.

Eine Kamera mit Einschränkungen

Wie bereits erwähnt, wird für Videoanrufe Google Duo vorausgesetzt, bei dessen Einrichtung eine Mobilfunknummer benötigt wird. Eine andere Möglichkeit für ein Videotelefonat bietet Google nicht. Es ist insbesondere nicht möglich, einfach mit dem Smartphone das Smart Display anzurufen oder die Kamera eines Smart-Displays von unterwegs über die Google-Home-App aufzurufen. Google hatte diese Möglichkeit jüngst mit dem neu vorgestellten Nest Hub Max vorgestellt, wobei die Nest-App zum Einsatz kommt. Ob auch andere Smart-Displays durch ein Update diese Funktion erhalten werden, ist noch nicht bekannt.

Bei der Videotelefonie über die Echo-Geräte ist Amazon Google somit derzeit deutlich voraus, da über die Alexa-App jederzeit Videoanrufe mit jedem anderen Gerät gestartet werden können und kein Zwang zum Hinterlegen einer Mobilfunknummer besteht.

YouTube ist Googles stärkstes Argument

Was der Echo Show nur über die Webbrowser und ohne Sprachsteuerung kann, unterstützt das Lenovo Smart Display nativ: YouTube. Mit dem Produkt lassen sich per Sprache gezielt Videos starten oder Videos eines YouTubers ansehen. Am einfachsten ist es, wenn man aktuelle Videos wiedergeben möchte und über den Befehl „Ok Google, zeige mir Videos von ...“ die Liste der Videos aufruft und eines über den Touchscreen startet. Ansonsten muss man mitunter sehr genau wissen, wie ein Video heißt, und darauf hoffen, dass Google genau das gesuchte Video auch findet. Dies ist nämlich nicht immer der Fall, was das Aufrufen eines Videos mitunter zur Geduldsprobe werden lässt. Ein Suchfeld mit der Möglichkeit, statt der Spracheingabe eine Onscreen-Tastatur zu nutzen, bietet Google nämlich nicht.

Die Qualität des Videos lässt sich in den Optionen übrigens nicht wählen, sondern wird immer automatisch festgelegt, was im Test jedoch stets eine sehr gute Darstellung lieferte.

Insgesamt ist die Integration von YouTube auf einem Smart-Display mit Google Assistant dennoch besser gelungen als Amazons Notlösung über einen Browser, da eine native Implementierung von Google nicht gestattet wird, weil neben der Sprachsuche und Sprachsteuerung der Wiedergabe auch Funktionen wie Playlisten und die automatische Wiedergabe unterstützt werden.

Alexa Skills aka Google Actions

Amazons Alexa-Lautsprecher punkten vor allem aufgrund der umfangreichen Skills, die es inzwischen in jedem Bereich und zu jedem Thema gibt. Auch wenn sich die Qualität dabei weiterhin stark unterscheidet, haben insbesondere große Unternehmen für sich entdeckt, dass sie hochwertige Alexa-Skills bieten müssen, um eine einfache und nahtlose Unterstützung ihrer Geräte zu bieten.

Lenovo hat die Actions und die Möglichkeiten mit der Action von Chefkoch vorgestellt, die über „Ok Google, sprich mit Chefkoch“ aufgerufen werden muss. Sie leitet Schritt für Schritt durch Rezepte, ohne dass der Nutzer dabei das Display berühren muss. Genau mit solch einer Funktion hatte auch Amazon den neuen Echo Show zur Markteinführung beworben und die Vorteile eines Displays, auf dem in einem Video die einzelnen Schritte erklärt werden, herausgestellt.

Lenovo Smart Display (links) und Amazon Echo Show (rechts)
Lenovo Smart Display (links) und Amazon Echo Show (rechts)

Keine Befehle an den Google Assistant innerhalb einer Action

Einschränkend bei den Google-Actions gilt aber, dass immer nur Befehle innerhalb der Action vom Smart Display verstanden werden. Führt der Nutzer demnach gerade eine Action wie die von Chefkoch aus, kann er nicht nebenbei die Musikwiedergabe über einen Sprachbefehl starten, sondern muss hierfür erst die Action verlassen. Das ist in der Praxis immer wieder umständlich und nervend, denn der eigentliche Google Assistant und auch die Stimme stehen in einer Action Drittanbietern nicht zur Verfügung. Eine Action wird zudem nach 5 Minuten automatisch verlassen.

Preis und Verfügbarkeit

Die unverbindliche Preisempfehlung für das Lenovo Smart Display mit 8-Zoll-Display liegt bei 180 Euro, die Variante mit 10-Zoll-Display kostet hingegen 240 Euro. Im Handel sind beide smarten Lautsprecher verfügbar, wobei das 8-Zoll-Modell derzeit rund 175 Euro kostet und die 10-Zoll-Variante bei etwas über 230 Euro liegt.

Einziger Konkurrent ist seit wenigen Tagen das Google Nest Hub. Für 129 Euro bietet es allerdings nur ein mit 1.024 × 600 Bildpunkten (170 ppi) vergleichsweise niedrig auflösendes 7-Zoll-Display und verzichtet auf eine Kamera. Bislang kann der Google Nest Hub zudem nur vorbestellt werden, die Markteinführung ist am 28. Mai. In den USA startet im Sommer mit dem Google Nest Hub Max eine 10-Zoll-Variante mit Kamera für 229 US-Dollar.

Fazit

Das Fazit muss in zwei Bereiche gegliedert werden. Einerseits in die Hardware des Lenovo Smart Display 10 und anderseits in Googles Smart-Display-Plattform mit Google Assistant.

Lenovo liefert bei der Hardware

Das Smart Display von Lenovo überzeugt, technisch wie optisch. Die Verarbeitung ist sehr gut, der Bildschirm mit 1.920 × 1.200 Bildpunkten (226 ppi) und einem Seitenverhältnis von 16:10 gibt bis auf eine etwas nach rechts abfallende Helligkeit keinerlei Anlass für Kritik. Die Umsetzung der Kamera-Abdeckung und des Ausschalters für das Mikrofon überzeugt ebenso. Vorhersehbaren Ängsten und der Skepsis der Nutzer ist Lenovo so anders als Google beim Nest Hub nicht durch das Weglassen der Kamera begegnet, sondern durch eine integrierte Abdeckung. Der Qualcomm Snapdragon 624 reicht aus, um für eine flüssige Bedienung zu sorgen, so dass auch die Nutzung des Touchscreens keine negativen Assoziationen hervorruft. Auch der Klang des 10-Zoll-Modells ist gut, wenn man realistische Erwartungen an das technisch angesichts der Größe und Preisklasse Mögliche hat sowie eingeschränkte Höhen und Bässe in Kauf nimmt. Der Amazon Echo Show bietet jedoch klanglich etwas mehr, zumal auch die Sprachassistentin Alexa besser klingt als Googles Assistant.

Google patzt bei der Software

Während die Hardware von Lenovo überzeugt, ist es die von Google bereitgestellte Software-Plattform, die dem smarten Display schlussendlich viele Möglichkeiten nimmt. Denn selbst wenn man über die vielen Kleinigkeiten und fehlenden Befehle wie etwa das Löschen gerade hinzugefügter Kalender-Einträge hinwegsieht, ist es nicht verwunderlich, dass der Google Assistant auf der Smart-Display-Plattform nicht mehr Funktionen bietet als auf einem Smartphone. Er bietet sogar weniger. Ein Smart-Display von Google ohne Google-Suche und ohne manuelle Sucheingabe abseits der Sprache? Ein Smart-Display von Google ohne Webbrowser? Keine Onscreen-Tastatur zur Suche in YouTube für unaussprechliche Videobezeichnungen und Interpreten? Eigentlich alles unvorstellbar, für Google aber kein Problem. Und so wirkt der Google Assistant auf dem Smart Display wieder einmal wie ein angefangenes Produkt, das nicht zu Ende entwickelt und nicht mit anderen Konzernbereichen von Google verknüpft wurde und dem deshalb der Durchbruch verwehrt bleibt.

In anderen Bereichen hängt Google dann zu sehr an den eigenen Diensten. Die integrierte Kamera lässt sich nur mit Google Duo nutzen, was sie fast nutzlos werden lässt. Googles Umsetzung von Skills für Drittanbieter, Actions, ist bewusst vom Assistant losgelöst, wirkt deshalb aber nie so in das System integriert, wie die Skills bei Amazon Alexa. Zudem werden bei ihrer Nutzung die Funktionen des Assistant blockiert, was die Handhabung in vielen Situationen so umständlich macht, dass man die Funktion nicht mehr nutzt.

YouTube und Cast retten das ganze Konzept

Googles größter Pluspunkt resultiert aus der Sperre der nativen Integration von YouTube beim Konkurrenten Amazon. Denn die nahtlose Integration von YouTube in Verbindung mit dem Cast-Protokoll, wodurch die häufig langwierigere und schwierige Suche nach Videos über die Spracheingabe umgangen werden kann, ist der größte Pluspunkt für die Smart-Display-Plattform von Google im Vergleich zum Amazon Echo Show. Durch Google Cast können auch andere Videodienste und Inhalte, die Google selbst nicht zur direkten Einbindung auf der Plattform unterstützt, auf das Display gebracht werden – Amazon Prime Video und Netflix allerdings nicht. Eine Übertragung von Inhalten vom Smartphone auf das smarte Display bietet Amazon beim Echo Show bislang nicht.

Google gibt dem Nutzer zu wenig Freiheiten

Wurde beim Amazon Echo Show noch kritisiert, dass die angezeigten Informationen zu wenig individualisiert sind, muss bei der Smart-Display-Plattform von Google kritisiert werden, dass man die angezeigten Inhalte zu wenig personalisieren kann. Was angezeigt wird, und an welcher Stelle auf dem Display, das entscheidet Google und nicht der Nutzer. Der Konzern hätte alle Informationen und die Möglichkeiten, dem Nutzer eine tatsächlich individuelle und personalisierte Erfahrung zu bieten, nutzt diese aber kaum aus.

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