LG Velvet im Test: Ganz schön gut

Nicolas La Rocco 130 Kommentare
LG Velvet im Test: Ganz schön gut

tl;dr: Das Velvet löst bei LG die G-Serie ab. Die Herangehensweise ist eine andere: Statt nur auf High-End-Komponenten zu setzen, stehen Design und Eleganz im Mittelpunkt. Dennoch punktet das Velvet in Bereichen wie Kamera und Akkulaufzeiten. Der Neuanfang gefällt als Gesamtpaket, wird es aber nicht leicht am Markt haben.

Überraschung bei LG: Es gibt kein G9 und allgemein keine G-Serie mehr. Auf das hierzulande nicht angebotene G8 und das G8s (Test) lässt LG das Velvet folgen und künftig sollen alle Smartphone-Flaggschiffe jeweils individuelle Namen erhalten. Der Nachfolger wird demnach nicht Velvet 2 heißen, sondern einen eigenen, neuen Namen bekommen.

Obere Mittelklasse statt Flaggschiff

LG hat aber nicht nur bei der Namensgebung alte Zöpfe abgeschnitten, denn auch die Ausstattung entspricht nicht mehr dem, was Anwender von der G-Serie gewohnt waren. Aus dem Wettrennen der mit immer neuen Superlativen ausgestatteten Smartphone-Flaggschiffe hat sich LG mit dem Velvet ebenso verabschiedet, der Fokus liegt stattdessen auf dem Design des Smartphones. Die im Vergleich zu anderen Topmodellen reduzierte Ausstattung resultiert in einer unverbindlichen Preisempfehlung von „nur noch“ 599 Euro, während andere Flaggschiffe mittlerweile nicht selten im vierstelligen Bereich liegen – dann aber mit mehr Features. LG bietet das Velvet seit Juli in Deutschland in den Farben „Aurora Weiß“ (Testgerät) und „Aurora Grau“ mit 128 GB Speicher an.

Technische Daten im Überblick

LG Velvet (5G)
Software:
(bei Erscheinen)
Android 10.0
Display: 6,80 Zoll
1.080 × 2.460, 395 ppi
OLED
Bedienung: Touch, Fingerabdrucksensor, Gesichtsscanner
SoC: Qualcomm Snapdragon 765
1 × Kryo 475 Gold, 2,30 GHz
1 × Kryo 475 Gold, 2,20 GHz
6 × Kryo 475 Silver, 1,80 GHz
7 nm, 64-Bit
GPU: Adreno 620
RAM: 6.144 MB
LPDDR4X
Speicher: 128 GB (erweiterbar)
1. Kamera: 48,0 MP, 2160p
LED, f/1,8, AF
2. Kamera: 8,0 MP, f/2,2, AF
3. Kamera: 5,0 MP, f/2,4, AF
4. Kamera: Nein
5. Kamera: Nein
1. Frontkamera: 16,0 MP, 1080p
f/1,9
2. Frontkamera: Nein
GSM: GPRS + EDGE
UMTS: HSPA+
↓42,2 ↑5,76 Mbit/s
LTE: Advanced Pro
5G: NSA/SA
WLAN: 802.11 a/b/g/n/ac
Wi-Fi Direct, Miracast
Bluetooth: 5.1
Ortung: A-GPS, GLONASS, BeiDou, Galileo
Weitere Standards: USB 3.1 Typ C, NFC
SIM-Karte: Nano-SIM
Akku: 4.300 mAh
fest verbaut, kabelloses Laden
Größe (B×H×T): 74,0 × 167,1 × 7,85 mm
Schutzart: IP68
Gewicht: 180 g
Preis: ab 599 €

Rundungen schmeicheln der Hand

Velvet steht ins Deutsche übersetzt für „Samt“ und nimmt mit dem Namen vorweg, für was das neue LG-Smartphone stehen soll. Haptik und Design spielen bei diesem Modell eine übergeordnete Rolle, wie es zum Beispiel der symmetrische Aufbau aus leicht gebogenen Glashälften, die zur Mitte des Smartphones zusammenlaufen, verdeutlicht. Das Velvet liegt gut in der Hand, da sich die Rückseite zumindest ein Stück weit der inneren Handfläche anschmiegt. LG nennt das Merkmal „3D Arc Design“.

Ein auf Hochglanz polierter Rahmen aus Aluminium hält die beiden Glashälften in Position. Am Kopf- und Fußende verläuft dieser Rahmen beinahe plan ohne Krümmung, aufstellen wie frühere Xperia-Smartphones lässt sich das Velvet aber nicht. Am unteren Ende finden Nutzer klassischer Kopfhörer eine 3,5-mm-Klinkenbuchse neben dem USB-Typ-C-Port. Den D/A-Wandler („Quad-DAC“) der G-Serie gibt es allerdings nicht mehr.

Fast ohne Kamerabuckel

Interessant hat LG die Rückseite gestaltet, da die Kameras nicht in einem hervorstehenden Kameramodul zusammengefasst werden, wie es Apple, Huawei oder Samsung machen, sondern jede einzelne Linse für sich alleine im Gehäuse untergebracht wurde. Das Design soll fallende Wassertropfen nachahmen. Bis auf die Hauptkamera ist LG die Integration vollständig plan ohne hervorstehende Bauteile gelungen. Schade, dass nicht auch die primäre Linse ganz oben in das mit 6,8 mm sehr dünne Smartphone gepasst hat.

Groß bleibt groß und Glas bleibt rutschig

Auch wenn das Velvet angenehm in der Hand liegt und etwas kompakter wirkt, als es eigentlich ist, kann es seine Größe letztlich nicht ganz verstecken. 74,1 × 167,2 × 6,80 mm und 180 g gilt es in der Hosentasche unterzubringen, was immerhin etwas besser gelingt als bei manchem 200-g-Koloss. Bei Materialwahl und Verarbeitung sammelt LG Pluspunkte. Das Velvet schneidet ebenso gut ab wie teurere Smartphones. Glas bleibt aber ein rutschiges Material, das vorsichtig behandelt werden will.

Langes OLED-Display ohne Schnickschnack

Dass das Velvet letztlich nicht viel kleiner als andere Flaggschiffe ausfällt, liegt nicht zuletzt am 6,8 Zoll großen OLED-Display im länglichen 20,5:9-Format. 1.080 × 2.460 Pixel bietet das Panel, das mit einer Bildwiederholfrequenz von 60 Hz arbeitet. Wer 90 Hz oder gar 120 Hz verlangt, muss sich bei anderen Smartphone-Herstellern umsehen.

Das Panel wird von einem schwarzen Rahmen eingefasst, der in puncto Breite nicht an die Grenzen des derzeit technisch Machbaren geht, aber immerhin symmetrisch ausfällt, sodass links und rechts sowie oben und unten jeweils gleich viel Schwarz zu sehen ist. Das häufig anzutreffende „Kinn“ vermeidet LG mit dieser Bauweise. Eine Ausnahme davon bildet die Tropfen-Notch, die oben zentral in das Display ragt. Darin sitzt eine 16-Megapixel-Kamera für Selfies. Etwa im unteren Drittel des Bildschirms befindet sich der optische Fingerabdrucksensor, der in Sachen Geschwindigkeit und Zuverlässigkeit eher zur Kategorie „In Ordnung“ zählt. Huawei, Honor und OnePlus können das besser.

Helles Display im Automatikmodus

OLED-typisch punktet der Bildschirm vor allem mit seiner kontrastreichen Darstellung, die über den perfekten Schwarzwert erzielt wird. Am anderen Ende des Spektrums steht eine hohe maximale Display-Helligkeit, die aber zum einen erst im Automatikmodus abgerufen und zum anderen nur in diesem Modus deutlich gesteigert werden kann, sofern mit reduziertem Weißanteil („Average Picture Level“, APL) gearbeitet wird.

Im Detail ergeben sich folgende Zahlen: Das OLED-Panel liefert maximal 482 cd/m² im manuellen Modus mit 100 Prozent APL, mit sinkendem Weißanteil (10 Prozent) lassen sich bis zu 575 cd/m² und somit 19 Prozent mehr aus dem Bildschirm holen. Wechselt man in den Automatikmodus und strahlt das Smartphone mit einem sehr hellen LED-Scheinwerfer an, um Sonneneinstrahlung zu simulieren, meldet das Messgerät bis zu 575 cd/m² mit 100 Prozent APL und gar bis zu 841 cd/m² bei nur noch 10 Prozent Weißanteil. Alle anderen Smartphones stehen mit 100 Prozent APL im Diagramm, aufgeschlüsselte Einzelwerte sind in den jeweiligen Smartphone-Tests zu finden.

Display ohne richtige Kalibrierung

LG liefert das Velvet ab Werk im Farbmodus „Natürlich“ aus, der aber keine spezifische Kalibrierung nach sRGB oder Adobe RGB aufweist und kaltes Weiß bei 7.800 bis 8.100 Kelvin (Automatikmodus) mit OLED-typisch leicht übersättigten Farben darstellt. Wer noch mehr Farbsättigung wünscht, kann in den Modus „Lebendig“ wechseln. Darüber hinaus gibt es einen unspezifischen Kinomodus für die Videowiedergabe, der nicht DCI-P3 entspricht, sowie einen individuellen Modus, in dem Nutzer manuellen Einfluss auf die Farbtemperatur und die RGB-Grundfarben nehmen können.

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