Update-Fahrplan: HarmonyOS löst Android, aber nicht ganz das AOSP ab

Nicolas La Rocco
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Update-Fahrplan: HarmonyOS löst Android, aber nicht ganz das AOSP ab
Bild: Huawei

Huawei hat mit dem MatePad 11 und MatePad Pro 12.6 sowie der Watch 3 (Pro) die ersten Geräte mit dem eigenen Betriebssystem HarmonyOS 2.0 vorgestellt. Die Zeit mit AOSP und Huawei Mobile Services war im Nachhinein betrachtet eine Übergangsphase zu einem eigenen Ökosystem. Doch gänzlich außen vor ist das AOSP weiterhin nicht.

In China auf gewissen Geräten bereits seit Version 1.0 verfügbar, schafft HarmonyOS heute in Version 2.0 den Sprung auf den europäischen Markt. Was sich mit dem über die letzten zwei Jahre genutzten Betriebssystem auf Basis des Android Open Source Project (AOSP) abgezeichnet hatte, ist heute Realität geworden: die vollständige Abkehr von Google und Android. Googles Dienste darf Huawei schon seit Frühjahr 2019 nicht mehr nutzen, seit das Unternehmen auf der Entity List der USA steht, die es US-Firmen ohne vorherige Freigabe durch die US-Regierung untersagt, Geschäfte mit Huawei zu tätigen. Qualcomm darf zwischenzeitlich wieder liefern, Google aber nicht.

Die Hoffnung war bis zuletzt noch da

Huawei-Gründer Ren Zhengfei hofft zwar weiterhin auf einen neuen Dialog mit den USA, jetzt wo Biden neuer US-Präsident ist. Die Unsicherheit, potenziell irgendwann wieder Google-Dienste nutzen zu dürfen – oder eben nicht, kann sich Huawei aber nicht länger leisten. Bislang wurden als Alternative die Huawei Mobile Services (HMS) für das Android Open Source Project entwickelt. Mit HarmonyOS 2.0 verabschiedet sich Huawei aber von dieser Zwischenlösung und will ein eigenes Ökosystem ohne Abhängigkeiten zu den USA aufbauen.

HarmonyOS basiere nicht auf Android oder AOSP

Dass HarmonyOS nichts mehr mit Android zu tun habe, erklärte heute Dr. Chenglu Wang, President Software Department der Huawei Consumer Business Group, in einem Statement gegenüber der Redaktion, das letztlich aber auch verrät, dass das AOSP durchaus noch eine Rolle spielt. Aber der Reihe nach.

HarmonyOS basiere weder auf Android noch auf dem Android Open Source Project, sondern auf dem OpenHarmony Project, bei dem es sich um ein Open-Source-Projekt der OpenAtmon Foundation handele. HarmonyOS sei ein Betriebssystem der nächsten Generation für smarte Geräte, die über eine einheitliche Sprache miteinander kommunizieren. Das Betriebssystem zeichne sich durch drei Eigenschaften aus.

Das Betriebssystem erfülle die Anforderungen von Geräten aller Klassen, Größen und Komplexität, von Kopfhörern über Head-Units im Auto, Smartwatches, smarte Bildschirme bis hin zu Smartphones. In Deutschland sind die ersten Geräte mit HarmonyOS 2.0 das MatePad 11 und MatePad Pro 12.6 sowie die Watch 3 und Watch 3 Pro. In China hätten erste Partner darüber hinaus bereits mehr als 50 Produkte mit HarmonyOS entwickelt, darunter Haushaltsgeräte wie ein kompakter Elektro-Backofen für die Küche, eine smarte Kamera, ein Standmixer und ein Laufband. Die Verbindung vom Smartphone im Mittelpunkt zu diesen IoT-Geräten erfolgt künftig mittels HarmonyOS Connect statt des bisher genutzten Huawei HiLink. Kühlschrank, Backofen und Kaffeemaschine lassen sich per NFC mit einem Tap des Smartphones verbinden.

Das Kontrollzentrum als Mittelpunkt der Supergeräte

Geräte mit HarmonyOS sollen laut Huawei nicht isoliert betrachtet werden, sondern lassen sich dem Unternehmen zufolge auf dem Systemlevel zu einem „Super Device“ kombinieren. Gemeint ist damit die Interaktion zwischen Geräten mit HarmonyOS, etwa zwischen Smartphone und Smartwatch. Ein mit dem Smartphone gerufener Fahrdienst wird zum Beispiel im Hintergrund auf die Smartwatch übertragen, wo die Informationen sofort bereitstehen sollen, sobald das Handgelenk angehoben wird. In den Mittelpunkt der „Supergeräte“ rückt dabei das neue Kontrollzentrum in HarmonyOS, das den Aufbau von Verbindungen zwischen den Geräten ermöglicht. Filme lassen sich etwa mit einem Wisch über das Smartscreen-Symbol vom Smartphone auf den Fernseher projizieren. Um abends Mitbewohner nicht zu stören, reicht ein Verschieben des Kopfhörersymbols aus, um den Ton des Films direkt auf kabellosen Kopfhörer von Huawei zu übertragen.

Das AOSP ist nicht vollständig verschwunden

Damit das alles funktioniert, gibt es ein eigenes SDK für HarmonyOS, das mit multiplen Programmiersprachen genutzt werden können soll. Von Huawei bereitgestellte Werkzeuge für Entwickler sollen es ermöglichen, mit dem SDK Anwendungen für alle Produktklassen mit jeweils unterschiedlichem Erlebnis gemäß der Ausrichtung des Gerätes zu entwickeln. Eine Anwendung könne mit ihrem Funktionsumfang nahtlos von einem Gerät auf das andere übertragen werden. Huawei Deutschland erklärt dazu: „Mit HarmonyOS lassen sich Apps beliebig zwischen verschiedenen Geräten hin- und herschieben, ohne sie auf jedem einzelnen Gerät installieren zu müssen: alle Funktionen und Dienste sind somit immer und überall auf jedem verbundenen Gerät synchron verfügbar.

Zum Abschluss des Statements von Dr. Chenglu Wang gibt es dann aber doch den entscheidenden Hinweis, warum zum Beispiel APK-Dateien, wie man sie aus dem Android-Umfeld kennt, nach wir vor auf HarmonyOS-Geräten installiert werden können, wie zum Beispiel The Verge auf einem neuen MatePad Pro festgestellt hat. Und auch alle Apps aus der bislang unter Android angebotenen AppGallery laufen nicht ohne Grund auch unter HarmonyOS, wie ComputerBase von Huawei bestätigt wurde. Damit bestehende Anwender ein Erlebnis wie auf bisherigen Geräten von Huawei unter HarmonyOS fortführen können, nutze Huawei den Open-Source-Code von AOSP in HarmonyOS unter der Bedingung, dass die Open-Source-Lizenzregeln eingehalten und dabei verbundene Verbindlichkeiten und Verpflichtungen erfüllt werden.

To make sure our existing users can still enjoy the experiences that they are familiar with in our phones and tablets, Huawei uses the open source code from AOSP in HarmonyOS on the condition of complying with open source license rules and fulfilling related responsibilities and obligations.

Dr. Chenglu Wang, President, Software Department & President, AI and All-scenario Intelligence Business Unit, Huawei Consumer Business Group

Neue Widgets und eine eigene Schriftart

In puncto Design setzt HarmonyOS auf einen neuen Startbildschirm, für den sich sogenannte Service-Widgets aus App-Symbolen erstellen lassen. Anwender sollen aktuelle Nachrichten oder das Wetter in Echtzeit erhalten, ohne dass die App selbst geöffnet sein muss. Das interaktive Widget selbst, das sich in verschiedenen Größen und Konfigurationen anlegen lässt, stellt fortan die Inhalte der App dar, fungiert aber weiterhin als App-Symbol für den Zugriff auf die Anwendung. Der neue Aufbau wird durch die eigene Schriftart HarmonyOS Sans und neue „Gravitationsanimationen“ abgerundet. HarmonyOS sorge zudem für längere Akkulaufzeiten als Android und Huawei garantiert auch nach 36 Monaten Nutzung noch ein flüssiges Erlebnis.

Diese Geräte erhalten HarmonyOS

Apropos Langlebigkeit: Huawei plant den Rollout von HarmonyOS für unzählige Geräte der letzten Jahre. Ab sofort (zumindest in China, Angaben für Deutschland fehlen noch) und für den weiteren Verlauf des zweiten Quartals sei der optionale Wechsel von Android auf HarmonyOS für die Mate-40-, P40-, Mate-30- und MatePad-Pro-Serie geplant. Im dritten Quartal sollen die Mate-20-, Nova-8-, Nova-7- und Nova-6- sowie die MatePad-Serie folgen. Für das vierte Quartal will Huawei der V- und S-, Mate-20-X- sowie der M6-Serie ein Angebot machen.

Und im Verlauf des ersten Halbjahrs 2022 soll es schließlich Wechselangebote für die Mate-10-, Mate-9-, Nova-5-, P20-, P10-, M5- und weitere V-Serien geben. Einige der genannten Smartphones und weitere Geräten hat es allerdings nie auf dem deutschen Markt gegeben. Wann deutschen Anwender der Wechsel ermöglicht werden soll, ist noch nicht bekannt. Außerdem fehlt ComputerBase noch eine offizielle Aussage dazu, ob es nach dem Wechsel zu HarmonyOS noch die Option für eine Rückkehr zu Android gibt. Nach aktuellem Kenntnisstand geht die Redaktion allerdings nicht davon aus.

Update 02.06.2021 22:28 Uhr

Huawei hat gegenüber The Verge klargestellt, dass es nicht das eine HarmonyOS für alle Geräte gebe. Die Basis bilde das Open-Source-Projekt OpenHarmony 2.0 für smarte Geräte in unterschiedlichen Szenarien. HarmonyOS unterstütze mehrere Kernel, sodass bei einem Gerät mit wenigen Kilobyte RAM etwa der LiteOS-Kernel und bei Geräten mit mehr RAM der Linux-Kernel zum Einsatz kommen könne.

HarmonyOS 2 is a commercial version developed by Huawei based on the open source project OpenHarmony 2.0 for smart devices used in different scenarios. Android is developed based on AOSP open source project. HarmonyOS supports multiple kernels. It allows devices to select the kernel it needs. For example, hardware with only kilobytes or megabytes of RAM can go with the LiteOS kernel, while the devices with larger RAM can implement the Linux kernel.

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