Den Loudness War mit Schallplatten bekämpfen?

Stannis schrieb:
Selbst die billigsten Stöpsel prahlen ja damit, von 20 Hz bis 20 kHz alles darstellen zu können, d.h. der DR-Unterschied wäre auch mit billigen Dingern wahrnehmbar.

Ich denke du meinst damit die Bit und nicht den Frequenzbereich.
Beim Audio-CD Format mit 16bit und 44.1kHz stehen 16bit zur Verfügung um die Dynamik (Lautstärke) der Musik zu beschreiben. Je mehr Bit desto feiner können die Lautstärke-Abstufungen sein im Musikstück.
Leute die das durchgerechnet haben sagen das man mit 16bit ziemlich gut das menschliche Hörvermögen abdeckt, im Zweifelsfalle wären 20bit dann wohl genug um auch die feinsten Ohren abzudecken.

Für Lautsprecher ist es schwieriger auf große Lautstärke-Schwankungen schnell und genau zu reagieren.
Billigeren Lautsprechern kommt mehr Kompression des Dynamikbereich entgegen.
Wenn alles zusammengequetschter ist dann wird es auch für den Hörer schwerer Details zu unterscheiden und auch die schlechteren Lautsprecher können dann noch gut mithalten - weil's der Hörer so oder so nicht mehr gut heraushören kann.
 
Dead_Red schrieb:
Leute die das durchgerechnet haben sagen das man mit 16bit ziemlich gut das menschliche Hörvermögen abdeckt

Das kann man sich auch selbst ganz einfach klarmachen, ohne höhere Mathematik bemühen zu müssen. Pro Bit Auflösung hat man 6dB Dynamikumfang zur Verfügung.
Weiterhin muß man nur wissen, daß bei etwa 120dB Schallpegel die Schmerzgrenze beim Menschen liegt. Hörschäden können jedoch auch schon bei niedrigeren Pegeln entstehen, das kommt auf die Dauer der Beschallung an.

Nun hört man Musik ja meistens in einem ganz normalen Wohnraum, der immer auch einen gewissen Grundschallpegel aufweist. Dazu gehören alle Geräusche die in dem Raum entstehen, oder die von Außen eindringen, Verkehrslärm etwa, Flugzeuge am Himmel oder Infraschall von Windkraftanlagen in der Nähe.
Ein Raum mit 30dB Grudschallpegel gilt heutzutage schon als ruhig.
Zum Vergleich, eine Glühlampe mit einer Leistung von 100W emittiert ein 50Hz-Brummen von 10dB. Die wenigsten leben in einer so ruhigen Gegend, daß sie das schon mal hören konnten.

Die leisesten Stellen in der Musik müssen also mindestens mit 30dB Schalldruck wiedergegeben werden, damit sie überhaupt aus dem Grundgeräusch des Raumes heraus wahrgenommen werden können.
Nun bietet die normale Audio-CD maximal 16(Bit) x 6dB = 96dB Dynamik. Wenn wir also bei 30dB starten und die 96dB Dynamikumfang dazurechnen, landen wir bei 126dB maximalem Schalldruck. Den meisten Menschen tut das schon weh und alle Menschen erleiden dadurch irreversible Hörschäden. Schon nach wenigen Minuten hat man ein lautes Pfeifen auf den Ohren sobald es wieder still ist und es dauert einige Zeit, bis das wieder abgeklungen ist.

Warum nun von der Industrie das hohe Lied vom sogenannten "High-Res Audio" gesungen wird, wo mit 24 Bit Auflösung gearbeitet wird, konnte mir noch niemand plausibel erklären. 24 Bit entsprechen einem Dynamikumfang von 24 x 6 = 144dB und selbst wenn es Lautsprecher gäbe, die solch einen gewaltigen Schalldruck verzerrungsfrei erzeugen könnten, würde sich doch trotzdem niemand einem solch extrem schmerzhaften Lärm freiwillig aussetzen.

Durch diese einfachen Betrachtungen sieht man ganz klar, daß Sony und Philips damals alles richtig gemacht haben. Bei Philips wollte man Anfangs nur ein 14 Bit-System einführen, aber Sony hat sich mit 16 Bit dann doch durchgesetzt. Auch die Spieldauer der ersten CDs mit 74 Minuten wurde vom damaligen Chef von Sony durchgesetzt, er wollte Beethovens 9. Symphonie endlich in einem Stück hören können. :D

Daß die Plattenfirmen heute die Musik zu Tode kompromieren, ist für die doch ganz logisch. Die geben doch nicht ihre Kronjuwelen aus der Hand. Die wollen doch auch noch in 50 Jahren das 47. Remaster von The Dark Side of the Moon oder dem White Album der Beatles verkaufen und jedesmal wieder versprechen sie, daß diees Release nun wirklich die absolute Top-Klangqualität liefert, noch näher dran am Masterband und mit noch mehr Herzeblut vom Ingenieur abgemischt.

Würden sie einmal eine Aufnahme in tatsächlicher Master-Qualität herausgeben, würden sie nie wieder ein neues Release verkaufen, weil dann eben die wirkliche Top-Qualität in freier Wildbahn wäre.

Was mit einer CD tatsächlich möglich ist merkt man erst, wenn man mal ein Album mit wirklich ordentlicher Dynamik anhört. (Falls die eigenen Lautsprecher das denn schaffen)

Ein Beispiel wäre Flim and the BBs, das Album "Tricycle" aus dem Jahre 1983. Damals wollte man noch zeigen, was die CD wirklich kann.

http://dr.loudness-war.info/album/view/58280

Was dagegen heute geboten wird ist ein absolutes Trauerspiel. Manches kann man sich auf überhaupt nicht mehr anhören, so schlecht ist das gebotene. Manchmal bietet die Schallplatte noch einen Ausweg, weil die Herren Manager da nicht durchkommen mit ihrem Klangbrei. Sämtliche Kunden würden die Platten sofort als defekt zurückschicken, wenn sie schlecht wären wie die CD.

Schönes Beispiel dafür, das Album "25" von Adele:

http://dr.loudness-war.info/album/list?artist=Adele&album=25

Hier sieht man sehr schön, daß die Schallplatten noch recht ordentlich daherkommen, aber alle digitalen Formate komplett totkomprimiert sind.

Man kann angesichts all dessen eigentlich nur noch ins Kissen schluchzen.

Gruß
Michael
 
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16 bit oder 24 bit wär mir beides recht, wenn sie doch nur die Abmischung nicht (fast) immer versauen würden.

Für alles was vor ca. 1990 rausgekommen ist (POP/Rock Musik) gibt es ja noch die alten CDs wo die Abmischung gut gemacht war. Die gibt's teilweise auch im Netz wenn leider nur illegal oder man kauft wo eine alte CD auf dem Flohmarkt und digitalisiert die dann selber.

Die Remasters sind fast immer schlecht (Vangelis ist da z.B. eine Ausnahme).

Schlecht sieht es aus mit aktuellen Produktionen, die sind leider fast alle tod-komprimiert.
Bei Soundtracks, also eigens gemachten Kompositionen, sieht es oft noch ganz gut aus.
 
mhhh… habe nur die ersten zwei bis drei beiträge gelesen... sorry sollte ich falsch verstehen..

aber ich vermute, es liegt nicht am Plattenspieler, an der Nadel, an der Scheibe, cd oder komprimierten file selber, sondern am ziemlich billigen Verstärker/Vorverstärker oder am katastrophalen Zustand der boxen oder mischer selber....
 
Es liegt an der Musik die vom Tonstudio abgemischt wurde.
 
Wobei das Abmischen immer vom Feinsten gemacht wird. Da sind dann nämlich fast immer auch die Musiker dabei und sollen das Ergebnis abnicken.

Beim Mischen entsteht aus den einzelnen aufgenommenen Spuren bzw. Kanälen erst das Gesamtkunstwerk des fertigen Stückes. Die Musiker müssen ja nicht mehr gemeinsam im Studio arbeiten, jeder kann "seine" Spur dort aufnehmen, wo er lebt und wann er gerade Lust dazu hat.

Das was da entsteht, wird das Master genannt und das meinte ich im Beitrag oben mit dem Begriff Kronjuwelen. Diese Top-Qualität ist aber niemals für den Verkauf bestimmt, davor legt immer der sogenannte Mastering-Ingenieur noch Hand an und erzeugt Masterings für die verschiedenen Vertriebskanäle. Relativ gute Qualität für die Schallplattenproduktion, und deutlich schlechtere Qualität für die digitelen Vertriebswege, weil diese ja durch die Kunden verlustfrei kopiert werden könnten.
Die schlechteste Qualität findet man normalerweise bei Downloadportalen und Streamingdiensten sowie beim Rundfunk, wo die Musik auch noch zusätzlich durchs Optimod geschickt wird, damit sie auch auf dem allerkleinsten Küchenradio noch halbwegs anzuhören ist.
Auf der Strecke bleiben dabei all diejenigen, denen es um möglichst guten Klang geht.


Dead_Red schrieb:
Die Remasters sind fast immer schlecht (Vangelis ist da z.B. eine Ausnahme).

Ja, solche Künstler sind ja auch eine Marktmacht, die haben es garnicht nötig sich von irgendeinem Manager in der Musikindustrie etwas gefallen zu lassen. Genauso wird sich keine Firma erlauben, eine totkomprimierte Aufnahme der Berliner Philharmoniker herauszubringen, das wäre nämlich der letzte Auftrag, den sie bekommen hätten. :D

Genauso andere Größen aus Der Welt des Rock oder Jazz. Eine Kate Bush, ein Peter Gabriel oder ein Pat Metheny geben ganz klar vor welche Qualität zu liefern ist, sonst gehen die einfach woanders hin.

Hier übrigens noch ein wunderbares Beispiel für die erstaunliche Qualität, die eine einfache CD ermöglicht. Ein Album mit sehr hoher Dynamik gemastert und dementsprechend natürlich und echt klingt das Ganze.

http://dr.loudness-war.info/album/view/138297

Hedges hatte eine völlig neue Spieltechnik für die Gitarre entwickelt und Stücke geschrieben, die man vorher nicht für möglich gehalten hat. Hier das Titelstück des Albums in einem Video eines Live-Konzerts bei youtube, allerdings in sehr schlechter Klangqualität.



Auf der CD kommt das extrem gut rüber und beim Hören ist Gänsehaut garantiert. ;)
Bei ebay kann man die noch recht häufig ersteigern, aber vorsicht vor neueren Remasters! Es sollte unbedingt die alte Ausgabe von Windham Hill Records aus dem Jahre 1984 sein.

Gruß
Michael
 
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