Ich habe den Artikel auch hier veröffentlicht.
Die Welt der freien Software erlebt momentan eine ihrer schwersten Stunden. Und wer LibreOffice im Alltag nutzt, sollte wissen, dass sich hinter den Kulissen ein gewaltiger Umbruch vollzieht. Einer, der das Zeug hat, die Landschaft der freien Bürosoftware dauerhaft zu verändern. Der Streit zwischen der Document Foundation aus Berlin und dem wichtigsten Entwicklerteam von Collabora ist im April 2026 vollkommen eskaliert. Es geht dabei nicht um irgendwelche technischen Details am Rande, sondern um die brutalste Frage, die man in einem Open-Source-Projekt stellen kann: Wem gehört die Software eigentlich? Und wer gibt die Richtung vor, wenn Idealismus auf wirtschaftliche Realität trifft?
Um die aktuelle Lage zu verstehen, muss man die Geschichte und die technischen Entscheidungen betrachten, die diesen Konflikt über Jahre hinweg befeuert haben. Denn dieser Bruch kam nicht über Nacht. Er war absehbar - und wer genau hingeschaut hat, konnte die Risse schon seit 2020 sehen.
Auf der anderen Seite steht Collabora Productivity - ein Unternehmen, das aus den ursprünglichen Gründern von LibreOffice besteht und seit über einem Jahrzehnt die technologische Hauptlast des Projekts trägt. Die Zahlen sprechen eine brutale Sprache: Fast die Hälfte des gesamten Programmcodes stammt von Collabora-Mitarbeitern. Caolán McNamara allein hat über 37'000 Commits beigesteuert. Stephan Bergmann über 21'000. Noel Grandin über 20'000. Das sind keine Hobby-Beitragenden, die am Wochenende mal ein paar Zeilen schreiben. Das sind Vollzeitentwickler, die seit Jahren das Rückgrat von LibreOffice bilden.
Jahrelang funktionierte die Partnerschaft zwischen TDF und Collabora hervorragend. Die Stiftung sorgte für Unabhängigkeit und Neutralität, Collabora machte die Suite für grosse Unternehmen und Behörden fit und gab den Code brav an die Gemeinschaft zurück. Alle waren zufrieden. Alle profitierten. Doch dieses Gleichgewicht ist nun zerstört - und zwar nicht durch einen externen Angriff, sondern durch die Stiftung selbst.
Im April 2026 hat die Document Foundation über 30 der wichtigsten Entwickler und Gründungsmitglieder aus ihren Gremien ausgeschlossen. Dreissig. Darunter Leute, die LibreOffice von der ersten Zeile Code an mitaufgebaut haben. Die Begründung? Neue "Community Bylaws", die im Januar 2026 verabschiedet wurden und besagen, dass niemand mitentscheiden darf, dessen Arbeitgeber in einen Rechtsstreit mit der Stiftung verwickelt ist. Da die TDF zeitgleich selbst rechtliche Schritte gegen Collabora eingeleitet hat, war die Falle perfekt: Erst verklagt man den Partner, dann schliesst man seine Leute mit Verweis auf die Klage aus. Man muss kein Jurist sein, um zu erkennen, wie zynisch dieses Manöver ist.
Sechzehn Jahre später hat sich dieses Versprechen in sein Gegenteil verkehrt. Nur dass der Akteur diesmal nicht Oracle heisst, sondern Document Foundation.
Michael Meeks, der technische Kopf von Collabora und einer der Urväter von LibreOffice, wirft der Stiftung vor, das meritokratische Prinzip geopfert zu haben. Und seine Argumente sind schwer zu entkräften. Der aktuelle Vorstand (Board of Directors) der TDF besteht fast nur noch aus Personen, die selbst keine Software entwickeln. Drei davon sind bezahlte Mitarbeiter der Stiftung - Leute, die von den Spenden der Community bezahlt werden und die nun darüber entscheiden, wer mitreden darf und wer nicht. Michael Meeks nennt das "Electoral Gerrymandering" (Wahlkreisschiebung) man hat die Wählerschaft so manipuliert, dass bei den nächsten Wahlen keine Opposition aus den Reihen der Entwickler mehr zu erwarten ist.
Das ist keine Verschwörungstheorie. Das sind dokumentierte Fakten. Sieben der zehn aktivsten Entwickler in der gesamten Geschichte von LibreOffice sind direkt von den Sanktionen betroffen. Die Leute, die den Code geschrieben haben, der LibreOffice überhaupt erst zu dem gemacht hat, was es heute ist, haben kein Stimmrecht mehr. Stattdessen entscheiden Verwalter, Marketingleute und Bürokraten über die Zukunft eines Softwareprojekts, zu dem sie selbst kaum eine Zeile beigetragen haben.
Das Grundproblem war so alt wie LibreOffice selbst: Wer bezahlt die Entwickler? Die Stiftung sammelt zwar Spenden, aber sie beschäftigt kaum Programmierer. Die eigentliche Arbeit wird von Firmen wie Collabora geleistet, die ihre Entwickler bezahlen müssen. Und genau hier lag das Dilemma. Grosse Unternehmen, Banken und Behörden setzten LibreOffice ein, ohne einen einzigen Euro für professionellen Support auszugeben. Warum auch? Die Software war kostenlos, die Community half bei Problemen, und niemand zwang sie, etwas zurückzugeben. Für Collabora bedeutete das: Man investierte Millionen in den Code, und die grössten Profiteure zahlten nichts dafür.
Collabora und andere Ökosystem-Partner drängten deshalb seit Jahren darauf, dass die TDF eine klare Unterscheidung einführt zwischen der kostenlosen Version für Privatanwender und einer Version mit professionellem Support für Unternehmen. Nicht, um Funktionen einzuschränken, der Code sollte identisch bleiben. Sondern um ein psychologisches Signal zu setzen: Wenn du diese Software geschäftlich nutzt, dann kaufe Support bei einem der Partner, die den Code auch tatsächlich schreiben.
Mit dem Release Candidate von LibreOffice 7.0 schien dieser Plan endlich Wirklichkeit zu werden. Im Startbildschirm tauchte plötzlich die Bezeichnung "Personal Edition" auf, ergänzt durch den Hinweis "intended for individual use". Für Collabora war das ein lang ersehnter Durchbruch. Endlich würde es einen sichtbaren Anstoss geben, der Unternehmen in Richtung bezahlter Angebote lenkt. Italo Vignoli, damals Sprecher der TDF, verteidigte den Schritt öffentlich und argumentierte, dass die Nutzung der freien Version durch gewinnorientierte Unternehmen ohne Gegenleistung eine ineffiziente Nutzung der Zeit von Freiwilligen darstelle.
Doch die Community explodierte. In Foren, auf Mailinglisten und in sozialen Medien brach ein Proteststurm los. Nutzer aus dem Bildungssektor befürchteten, dass ein Label wie "Personal Edition" den Einsatz in Schulen und Universitäten rechtlich oder moralisch erschweren würde. Non-Profit-Organisationen sahen sich plötzlich in einer Grauzone. Und viele Privatanwender witterten schlicht den Anfang einer Freemium-Falle, bei der professionelle Funktionen irgendwann hinter einer Bezahlschranke verschwinden.
Die TDF knickte ein. Nicht langsam und abwägend, sondern schnell und ohne Rücksprache mit den Partnerunternehmen, die diesen Plan jahrelang vorangetrieben hatten. Mit Version 7.1 wurde aus der "Personal Edition" eine deutlich harmlosere "Community Edition". Ein einseitiger Kompromiss, der niemandem wirklich half. Der Name "Community Edition" setzte kein Signal mehr an Unternehmen, sondern klang einfach nur nach einer netten Variante neben einer nicht existierenden "Pro Edition". Für Collabora war dieser Kompromiss bereits eine Niederlage, weil er das eigentliche Ziel - die geschäftliche Differenzierung - vollständig verwässerte.
Aber es kam noch schlimmer. Selbst dieser zahnlose Kompromiss überlebte nicht lange. Im Dezember 2025, mit der Ankündigung von Version 26.2, liess die TDF den Zusatz ganz fallen und kehrte schlicht zum Namen "LibreOffice" zurück. Keine Edition, kein Suffix, keine Differenzierung. Die Entscheidung fiel im Board of Directors, jenem Gremium, das zu diesem Zeitpunkt bereits von Nicht-Programmierern dominiert wurde. Die Partner, die jahrelang um ein nachhaltiges Geschäftsmodell gekämpft hatten, wurden vor vollendete Tatsachen gestellt.
Für Collabora war das ein verheerendes Signal, und im Rückblick vielleicht der Moment, in dem die Weichen endgültig auf Trennung gestellt wurden. Die Botschaft der Stiftung war unmissverständlich: Wir nehmen euren Code gerne, aber euer Geschäftsmodell ist nicht unser Problem. Die TDF hatte gezeigt, dass sie bereit war, die wirtschaftlichen Interessen ihrer wichtigsten Beitragenden zu opfern, sobald der Wind der öffentlichen Meinung sich drehte. Collabora zog daraus den einzig logischen Schluss: Wenn die Stiftung uns nicht hilft, uns selbst zu finanzieren, dann müssen wir unsere eigene Zukunft bauen - unabhängig von der TDF.
LibreOffice Online (LOOL) wurde ursprünglich als gemeinsames Projekt entwickelt, wobei Collabora den überwiegenden Teil der Ingenieursleistung erbrachte. Millionen von Euros flossen in die Entwicklung. Doch die TDF bot keine fertigen Pakete an und bewarb auf ihrem Portal auch Konkurrenten, die selbst kaum Code beigesteuert hatten. Im Oktober 2020 zog Collabora die Reissleine und erstellte einen Fork: Collabora Online (COOL). Der Grund war simpel, man konnte es sich nicht leisten, die eigene Arbeit kostenlos an Trittbrettfahrer zu verschenken.
Die TDF reagierte, indem sie das ursprüngliche LOOL-Repository in den "Attic" verschob - einen digitalen Dachboden für eingestellte Projekte. Dort lag es jahrelang und sammelte Staub. Niemand rührte es an. Kein einziger ernsthafter Commit. Gleichzeitig entwickelte Collabora sein COOL zu einer marktreifen Lösung weiter, die heute bei Behörden und Grossunternehmen im Einsatz ist.
Und dann, im Februar 2026, passierte das Unfassbare: Die TDF holte den verstaubten LOOL-Code aus dem Archiv und verkündete, man wolle "eine Online-Version von der Community und für die Community" aufbauen. Michael Meeks bezeichnete diesen Schritt als "Vandalismus". Und man muss ihm recht geben. Es ergibt keinen technischen Sinn, ein totes Repository wiederzubeleben, wenn bereits eine aktive, offene Gemeinschaft rund um Collabora Online existiert. Es war ein reiner Machtmove - eine Vergeltungsmassnahme der TDF, ein "Tit-for-Tat" als Reaktion auf Collaboras Desktop-Produkt.
Besonders pikant: In Community-Foren wurde bereits offen darüber diskutiert, ob man mittels künstlicher Intelligenz und automatisierter Skripte sämtliche Bugfixes und Features von Collabora Online einfach massenhaft in das wiederbelebte LOOL-Repository kopieren könnte. Ein "AI-automatisierter Krieg", bei dem man dem kommerziellen Partner systematisch die Geschäftsgrundlage entzieht. Die Lizenz (MPLv2) erlaubt das technisch. Aber es wäre ein Akt der gezielten wirtschaftlichen Zerstörung - verpackt in der hübschen Sprache der Open-Source-Freiheit.
Um zu verstehen, warum Collabora eigenes Desktop-Produkt veröffentlichte, muss man einen Schritt zurücktreten und sich fragen: Was hatte Collabora zu diesem Zeitpunkt eigentlich in der Hand?
Seit dem Fork von LibreOffice Online im Oktober 2020 hatte Collabora sein Cloud-Produkt Collabora Online (COOL) konsequent weiterentwickelt. COOL lief bei Behörden, Bildungseinrichtungen und Unternehmen in ganz Europa. Collabora hatte sich im öffentlichen Sektor und bei datenschutzbewussten Organisationen einen Namen gemacht, die eine selbst gehostete Alternative zu Google Docs und Microsoft 365 suchten. Das Produkt funktionierte, die Kundenbasis wuchs, und vor allem: Collabora hatte eine komplett eigene Benutzeroberfläche entwickelt, die im Browser lief und mit dem klassischen LibreOffice-Interface nichts mehr gemeinsam hatte. Modern, aufgeräumt, mit Reitern statt verschachtelter Menüs.
Und genau hier lag die strategische Erkenntnis, die zur Geburt von CODA führte: Wenn wir bereits eine hervorragende Oberfläche haben, die im Browser läuft - warum bringen wir sie nicht einfach auf den Desktop?
Die Motivation war dabei mehrschichtig. Erstens gab es ein handfestes Kundenproblem. Unternehmen, die Collabora Online in der Cloud einsetzten, beschwerten sich regelmässig über den Medienbruch. Ihre Mitarbeitenden arbeiteten im Browser mit einer modernen, schlanken Oberfläche und wenn sie ein Dokument lokal öffneten, landeten sie im klassischen LibreOffice mit seinen unzähligen Werkzeugleisten, anderen Tastenkombinationen und einem völlig anderen Look. Das erzeugte Schulungsaufwand, Verwirrung und Frust. Die Kunden fragten: Warum kann das auf dem Desktop nicht genauso aussehen wie im Browser?
Modernes Nutzerinterface Collabora Office:
Zweitens war da die technische Frustration. Das klassische LibreOffice basiert auf dem jahrzehntealten VCL-Toolkit (Visual Class Library) - einem Grundgerüst, das über dreissig Jahre auf dem Buckel hat und so träge auf Neuerungen reagiert wie ein Öltanker auf eine Kursänderung. Jede Änderung an der Oberfläche musste durch endlose Abstimmungsprozesse innerhalb der TDF geschleust werden. Collabora-Entwickler, die eine Schaltfläche verschieben oder ein Menü modernisieren wollten, stiessen regelmässig auf Widerstand von Community-Mitgliedern, die jede Veränderung als Angriff auf ihre gewohnte Arbeitsumgebung empfanden. Das VCL-Toolkit war nicht nur technisch veraltet - es war auch politisch blockiert.
"Altbackenes" Nutzerinterface LibreOffice
Drittens - und das war nach dem "Personal Edition"-Debakel der vielleicht wichtigste Punkt - brauchte Collabora ein eigenes Produkt, das unter dem eigenen Namen lief und über dessen Ausrichtung die Stiftung nicht mitbestimmen konnte. Solange Collabora nur Dienstleistungen rund um LibreOffice verkaufte, war man vollständig abhängig von den Entscheidungen der TDF. Wenn die Stiftung morgen beschloss, die Markenrechte anders zu handhaben oder die Lizenzbedingungen für App-Stores zu ändern, stand Collabora mit leeren Händen da. CODA war die Antwort auf diese existenzielle Verwundbarkeit: ein Produkt, das Collabora gehört, das Collabora kontrolliert und das Collabora unabhängig von der Stiftung weiterentwickeln kann.
Die technische Umsetzung war dabei elegant. CODA nutzt im Kern dieselbe Engine wie Collabora Online. Das Interface wird mittels JavaScript, WebGL und Canvas gerendert, wobei die systemeigenen Browser-Engines (wie WebView2 unter Windows) zum Einsatz kommen. Im Grunde ist CODA die Cloud-Version in einer lokalen Hülle - und genau das löst das Kundenproblem auf einen Schlag. Wer online arbeitet und wer lokal arbeitet, sieht exakt dieselbe Oberfläche. Dieselben Reiter, dieselben Schaltflächen, dieselben Tastenkombinationen. Kein Medienbruch, kein Schulungsaufwand.
Und dann ist da noch der Punkt, der technisch versierte Nutzer aufhorchen lässt: CODA braucht kein Java. Das klassische LibreOffice benötigt Java für viele Assistenten und Datenbankfunktionen, was regelmässig zu Performanceproblemen, Sicherheitslücken und frustrierenden Konfigurationsorgien führt. Wer jemals auf einem frisch installierten Linux-System LibreOffice Base öffnen wollte und von einer kryptischen Java-Fehlermeldung begrüsst wurde, weiss genau, wovon hier die Rede ist. CODA hingegen ist ein schlankes, in sich geschlossenes Paket, das schneller startet und diese Abhängigkeit komplett hinter sich lässt.
Die Botschaft von Collabora war unmissverständlich: Wir brauchen euch nicht mehr. Wir haben die Technologie, wir haben die Entwickler, wir haben die Kunden - und wir bauen unsere eigene Zukunft.
Die TDF-Führung wertete die Veröffentlichung von CODA natürlich als Beweis dafür, dass Collabora plane, sich vollständig von LibreOffice zu lösen und ein konkurrierendes Produkt aufzubauen. In gewisser Weise hatten sie damit sogar recht. Aber was die TDF dabei geflissentlich verschwieg: Es war ihr eigenes Verhalten - die gescheiterte Differenzierung, die Blockade im VCL-Toolkit, die schleichende Entmachtung der Entwickler - das Collabora in genau diese Richtung getrieben hat. Man kann ein Pferd nicht jahrelang treten und sich dann darüber wundern, dass es irgendwann durchgeht.
Und hier kommt ein Faktor ins Spiel, der auf den ersten Blick so langweilig klingt, dass man ihn fast übersieht - der aber in Wirklichkeit die gesamte Eskalation befeuert hat: das deutsche Steuerrecht.
Die Document Foundation ist in Berlin als gemeinnützige Stiftung registriert. Dieser Status bringt erhebliche Vorteile mit sich: Spenden sind steuerlich absetzbar, die Stiftung selbst zahlt kaum Steuern, und der gemeinnützige Rahmen verleiht dem Projekt eine Glaubwürdigkeit, die rein kommerzielle Anbieter nicht haben. Aber dieser Status hat einen Preis. Das deutsche Finanzamt stellt strenge Bedingungen an die Trennung von gemeinnützigen Aufgaben und wirtschaftlichen Aktivitäten. Und genau hier geriet die TDF offenbar ins Visier der Behörden.
Das Problem drehte sich um die Einnahmen aus digitalen Läden wie dem Apple Store und dem Microsoft Store. LibreOffice wird dort gegen Geld verkauft - teils von Partnern, teils unter Beteiligung der Stiftung. Für das Finanzamt sah das nach wirtschaftlicher Tätigkeit aus, die mit dem Status einer gemeinnützigen Stiftung schwer vereinbar ist. Sollte die TDF ihren gemeinnützigen Status verlieren, drohen rückwirkende Steuerzahlungen auf Spenden in Millionenhöhe. Das wäre nicht bloss peinlich - das wäre der finanzielle Ruin der Stiftung.
Und genau an dieser Stelle wird die Geschichte giftig. Denn die TDF-Führung behauptet, sie habe die harten Regeln, die neuen Bylaws und letztlich auch den Ausschluss der Collabora-Entwickler durchsetzen müssen, um dieses Steuerproblem zu lösen. Die wirtschaftlichen Verflechtungen mit Collabora, so das Argument, hätten den gemeinnützigen Status gefährdet, und man habe keine andere Wahl gehabt, als sauber zu trennen.
Collabora sieht das völlig anders. Michael Meeks und sein Team behaupten, die TDF habe das rechtliche Problem künstlich aufgebauscht - oder sogar selbst provoziert - um einen Vorwand für die Entmachtung der technischen Experten zu haben. Die Steuerfrage sei real, aber die Lösung hätte nicht im Ausschluss der wichtigsten Entwickler bestehen müssen. Es hätte andere Wege gegeben: neue Lizenzmodelle, saubere Vertragsstrukturen, eine gemeinsame Lösung mit den Partnern. Stattdessen habe die TDF das Finanzamt als Keule benutzt, um einen Machtkampf zu gewinnen, den sie auf demokratischem Weg verloren hätte.
Was stimmt? Vermutlich liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen. Aber eines ist sicher: Wenn du deine fähigsten Leute rauswirfst, um ein Steuerproblem zu lösen, hast du danach vielleicht noch deinen Steuerstatus - aber keine Software mehr, die den Namen verdient. Und genau das zeigt die Chronologie der Ereignisse mit erschreckender Klarheit.
Fangen wir beim Offensichtlichen an: LibreOffice ohne Collabora ist wie ein Auto ohne Motor. Die Karosserie steht noch, der Lack glänzt, aber bewegen wird es sich nicht mehr lange. Die Collabora-Entwickler haben nicht irgendwelchen Randcode geschrieben. Sie waren für die schwierigsten und wichtigsten Teile der Software verantwortlich - die Import- und Export-Filter für Microsoft-Formate, die Kern-Engine von Writer, das Build-System, das Performance-Refactoring. Das sind die Komponenten, die darüber entscheiden, ob dein DOCX-Dokument korrekt aussieht, ob deine XLSX-Tabelle richtig rechnet, ob die Software flüssig läuft oder bei grossen Dateien einfriert. Ohne die Leute, die diesen Code seit Jahren pflegen und verstehen, wird die Qualität unweigerlich nachlassen. Nicht sofort. Nicht morgen. Aber schleichend, Release für Release.
Für Windows- und macOS-Nutzer, die LibreOffice als kostenlose Alternative zu Microsoft 365 einsetzen, trifft das besonders hart. Denn der häufigste Grund, LibreOffice auf diesen Plattformen zu installieren, ist genau die Kompatibilität mit Microsoft-Formaten. Man will DOCX-Dateien öffnen können, ohne ein Abo zu bezahlen. Man will XLSX-Tabellen bearbeiten, die der Arbeitgeber schickt. Wenn diese Filter ohne die Collabora-Entwickler an Qualität verlieren - und davon ist auszugehen, weil die komplexen Format-Spezifikationen von OOXML ein Spezialwissen erfordern, das man nicht einfach ersetzt - dann verliert LibreOffice seine wichtigste Daseinsberechtigung auf dem Desktop. Dann wird aus der kostenlosen Alternative eine kostenlose Enttäuschung.
Und genau hier liegt die bittere Parallele zu Apache OpenOffice. Auch OpenOffice war einmal der unangefochtene Standard der freien Bürosoftware. Auch dort war es eine Governance-Krise, die das Ende einläutete - nicht ein technischer Fehler, nicht ein Mangel an Nutzern, sondern ein Machtkampf, der die Entwickler vertrieb. Heute existiert Apache OpenOffice noch. Auf dem Papier. Mit sporadischen Updates, die kaum jemand bemerkt, und einer Codebasis, die so veraltet ist, dass Sicherheitsforscher regelmässig den Kopf schütteln. Es ist kein totes Projekt - es ist ein untotes, was fast noch schlimmer ist. Die Gefahr, dass LibreOffice diesen Weg einschlägt, ist real. Nicht wahrscheinlich - aber real genug, dass man sie ernst nehmen muss.
Auf der anderen Seite steht Collabora mit CODA als moderne Alternative. Schneller, schlanker, konsistenter zwischen Desktop und Cloud. Für professionelle Anwender, die eine zuverlässige Suite brauchen, klingt das verlockend. Aber hier muss man ehrlich sein: CODA ist ein kommerzielles Produkt. Ja, der Kern ist Open Source. Ja, die Lizenz erlaubt es jedem, den Code zu lesen und zu verändern. Aber die Entwicklungsrichtung bestimmt ein einzelnes Unternehmen, nicht eine Gemeinschaft. Das ist nicht per se schlecht - Red Hat macht es mit Fedora ähnlich, Canonical mit Ubuntu. Aber es ist ein anderes Modell als das, was LibreOffice einmal versprochen hat. Wer CODA nutzt, vertraut darauf, dass Collabora langfristig die richtigen Entscheidungen trifft. Bei LibreOffice konnte man zumindest theoretisch mitbestimmen. Bei CODA nicht.
Für die Linux-Distributionen wird die Lage besonders heikel. Fedora, openSUSE, Ubuntu - sie alle liefern LibreOffice als Standard-Office-Suite aus. Wenn die Qualität spürbar nachlässt, stehen die Paketbetreuer vor einer unangenehmen Entscheidung: Weiter an LibreOffice festhalten aus Loyalität zur Marke? Auf CODA wechseln und damit ein kommerzielles Produkt zum Standard machen? Oder auf OnlyOffice setzen, das zwar modern aussieht, aber eine völlig andere Codebasis hat und bei der ODF-Unterstützung noch Nachholbedarf zeigt? Keine dieser Optionen ist ideal. Und keine wird ohne heftige Diskussionen ablaufen.
Aber auch ausserhalb der Linux-Welt stellt sich eine unbequeme Frage: Wohin geht man, wenn LibreOffice seinen Glanz verliert? Auf Windows und macOS gibt es mit Microsoft 365 und Google Docs etablierte Alternativen - aber beide sind proprietär, beide kosten Geld oder bezahlen mit deinen Daten, und beide binden dich an das Ökosystem eines Tech-Konzerns. LibreOffice war für Millionen von Menschen die Antwort auf genau dieses Problem. Eine Office-Suite, die niemandem gehört, die auf jedem System läuft, die deine Dokumente in einem offenen Format speichert. Wenn diese Option wegbricht oder zur Hülle verkommt, verlieren nicht nur Linux-Nutzer etwas - es verlieren alle, denen digitale Selbstbestimmung wichtig ist.
Was mich persönlich am meisten beschäftigt, ist aber etwas anderes: der Vertrauensverlust. LibreOffice war für viele von uns mehr als eine Software. Es war ein Beweis dafür, dass das Open-Source-Modell funktioniert. Dass eine Gemeinschaft aus Freiwilligen und Unternehmen gemeinsam etwas aufbauen kann, das mit den Produkten der Tech-Giganten mithalten kann. Dass man Software schaffen kann, die niemandem gehört und allen dient. Dieser Beweis hat jetzt einen tiefen Riss bekommen. Nicht weil die Technologie versagt hat, sondern weil die Menschen dahinter versagt haben - oder genauer: weil die Strukturen versagt haben, die verhindern sollten, dass genau so etwas passiert.
Es bleibt die Hoffnung auf einen Governance-Reset. Dass eine neue Generation von Community-Mitgliedern die umstrittenen Bylaws kippt, die ausgeschlossenen Entwickler zurückholt und die Brücken wieder aufbaut. Aber mit jedem Monat, der verstreicht, wird dieses Szenario unwahrscheinlicher. Vertrauen lässt sich nicht per Vorstandsbeschluss wiederherstellen. Und Entwickler, die einmal vor die Tür gesetzt wurden, kommen selten freiwillig zurück.
Momentan sieht alles nach einer dauerhaften Spaltung aus. Und das ist nicht nur für LibreOffice eine Tragödie. Es ist eine Warnung an jedes Open-Source-Projekt, das glaubt, seine wichtigsten Beitragenden ersetzen zu können, ohne einen Preis dafür zu zahlen. An jede Stiftung, die vergisst, dass ihre Daseinsberechtigung nicht in der Verwaltung von Markenrechten liegt, sondern im Dienst an denen, die den Code schreiben. Und an jeden von uns, der glaubt, dass gute Software von alleine entsteht, solange nur der Name stimmt.
Die Welt der freien Software erlebt momentan eine ihrer schwersten Stunden. Und wer LibreOffice im Alltag nutzt, sollte wissen, dass sich hinter den Kulissen ein gewaltiger Umbruch vollzieht. Einer, der das Zeug hat, die Landschaft der freien Bürosoftware dauerhaft zu verändern. Der Streit zwischen der Document Foundation aus Berlin und dem wichtigsten Entwicklerteam von Collabora ist im April 2026 vollkommen eskaliert. Es geht dabei nicht um irgendwelche technischen Details am Rande, sondern um die brutalste Frage, die man in einem Open-Source-Projekt stellen kann: Wem gehört die Software eigentlich? Und wer gibt die Richtung vor, wenn Idealismus auf wirtschaftliche Realität trifft?
Um die aktuelle Lage zu verstehen, muss man die Geschichte und die technischen Entscheidungen betrachten, die diesen Konflikt über Jahre hinweg befeuert haben. Denn dieser Bruch kam nicht über Nacht. Er war absehbar - und wer genau hingeschaut hat, konnte die Risse schon seit 2020 sehen.
Die Akteure und das verspielte Vertrauen der Gemeinschaft
Auf der einen Seite steht die Document Foundation (TDF), eine gemeinnützige Stiftung mit Sitz in Berlin, die die Markenrechte an LibreOffice hält und die Infrastruktur für die Gemeinschaft bereitstellt. Klingt wichtig. Ist es auch. Aber hier kommt der Haken: Die Stiftung selbst beschäftigt kaum Programmierer. Sie verwaltet primär die Spenden der Nutzer und pflegt die Aussenwirkung. Code schreiben? Das machen andere.Auf der anderen Seite steht Collabora Productivity - ein Unternehmen, das aus den ursprünglichen Gründern von LibreOffice besteht und seit über einem Jahrzehnt die technologische Hauptlast des Projekts trägt. Die Zahlen sprechen eine brutale Sprache: Fast die Hälfte des gesamten Programmcodes stammt von Collabora-Mitarbeitern. Caolán McNamara allein hat über 37'000 Commits beigesteuert. Stephan Bergmann über 21'000. Noel Grandin über 20'000. Das sind keine Hobby-Beitragenden, die am Wochenende mal ein paar Zeilen schreiben. Das sind Vollzeitentwickler, die seit Jahren das Rückgrat von LibreOffice bilden.
Jahrelang funktionierte die Partnerschaft zwischen TDF und Collabora hervorragend. Die Stiftung sorgte für Unabhängigkeit und Neutralität, Collabora machte die Suite für grosse Unternehmen und Behörden fit und gab den Code brav an die Gemeinschaft zurück. Alle waren zufrieden. Alle profitierten. Doch dieses Gleichgewicht ist nun zerstört - und zwar nicht durch einen externen Angriff, sondern durch die Stiftung selbst.
Im April 2026 hat die Document Foundation über 30 der wichtigsten Entwickler und Gründungsmitglieder aus ihren Gremien ausgeschlossen. Dreissig. Darunter Leute, die LibreOffice von der ersten Zeile Code an mitaufgebaut haben. Die Begründung? Neue "Community Bylaws", die im Januar 2026 verabschiedet wurden und besagen, dass niemand mitentscheiden darf, dessen Arbeitgeber in einen Rechtsstreit mit der Stiftung verwickelt ist. Da die TDF zeitgleich selbst rechtliche Schritte gegen Collabora eingeleitet hat, war die Falle perfekt: Erst verklagt man den Partner, dann schliesst man seine Leute mit Verweis auf die Klage aus. Man muss kein Jurist sein, um zu erkennen, wie zynisch dieses Manöver ist.
Das Ende der Meritokratie - oder: Wenn die Verwalter die Macher vertreiben
Ein zentraler Begriff in dieser Debatte ist die Meritokratie. In der Welt der offenen Software bedeutet das: Diejenigen, die den meisten Code schreiben und die schwierigsten Probleme lösen, sollen auch bestimmen, wohin die Reise geht. Es ist das Fundament, auf dem LibreOffice einst aufgebaut wurde, um sich von der Bevormundung durch Oracle zu befreien. Damals, 2010, war das Versprechen glasklar: Nie wieder soll ein einzelner Akteur die Macht über die Software an sich reissen können.Sechzehn Jahre später hat sich dieses Versprechen in sein Gegenteil verkehrt. Nur dass der Akteur diesmal nicht Oracle heisst, sondern Document Foundation.
Michael Meeks, der technische Kopf von Collabora und einer der Urväter von LibreOffice, wirft der Stiftung vor, das meritokratische Prinzip geopfert zu haben. Und seine Argumente sind schwer zu entkräften. Der aktuelle Vorstand (Board of Directors) der TDF besteht fast nur noch aus Personen, die selbst keine Software entwickeln. Drei davon sind bezahlte Mitarbeiter der Stiftung - Leute, die von den Spenden der Community bezahlt werden und die nun darüber entscheiden, wer mitreden darf und wer nicht. Michael Meeks nennt das "Electoral Gerrymandering" (Wahlkreisschiebung) man hat die Wählerschaft so manipuliert, dass bei den nächsten Wahlen keine Opposition aus den Reihen der Entwickler mehr zu erwarten ist.
Das ist keine Verschwörungstheorie. Das sind dokumentierte Fakten. Sieben der zehn aktivsten Entwickler in der gesamten Geschichte von LibreOffice sind direkt von den Sanktionen betroffen. Die Leute, die den Code geschrieben haben, der LibreOffice überhaupt erst zu dem gemacht hat, was es heute ist, haben kein Stimmrecht mehr. Stattdessen entscheiden Verwalter, Marketingleute und Bürokraten über die Zukunft eines Softwareprojekts, zu dem sie selbst kaum eine Zeile beigetragen haben.
Die erste Eskalation: Das "Personal Edition"-Debakel von 2020
Wer die heutige Krise verstehen will, muss zurückschauen. Denn der Riss zwischen der Document Foundation und ihren kommerziellen Partnern begann nicht im Jahr 2026, er begann schleichend im Sommer 2020.Das Grundproblem war so alt wie LibreOffice selbst: Wer bezahlt die Entwickler? Die Stiftung sammelt zwar Spenden, aber sie beschäftigt kaum Programmierer. Die eigentliche Arbeit wird von Firmen wie Collabora geleistet, die ihre Entwickler bezahlen müssen. Und genau hier lag das Dilemma. Grosse Unternehmen, Banken und Behörden setzten LibreOffice ein, ohne einen einzigen Euro für professionellen Support auszugeben. Warum auch? Die Software war kostenlos, die Community half bei Problemen, und niemand zwang sie, etwas zurückzugeben. Für Collabora bedeutete das: Man investierte Millionen in den Code, und die grössten Profiteure zahlten nichts dafür.
Collabora und andere Ökosystem-Partner drängten deshalb seit Jahren darauf, dass die TDF eine klare Unterscheidung einführt zwischen der kostenlosen Version für Privatanwender und einer Version mit professionellem Support für Unternehmen. Nicht, um Funktionen einzuschränken, der Code sollte identisch bleiben. Sondern um ein psychologisches Signal zu setzen: Wenn du diese Software geschäftlich nutzt, dann kaufe Support bei einem der Partner, die den Code auch tatsächlich schreiben.
Mit dem Release Candidate von LibreOffice 7.0 schien dieser Plan endlich Wirklichkeit zu werden. Im Startbildschirm tauchte plötzlich die Bezeichnung "Personal Edition" auf, ergänzt durch den Hinweis "intended for individual use". Für Collabora war das ein lang ersehnter Durchbruch. Endlich würde es einen sichtbaren Anstoss geben, der Unternehmen in Richtung bezahlter Angebote lenkt. Italo Vignoli, damals Sprecher der TDF, verteidigte den Schritt öffentlich und argumentierte, dass die Nutzung der freien Version durch gewinnorientierte Unternehmen ohne Gegenleistung eine ineffiziente Nutzung der Zeit von Freiwilligen darstelle.
Doch die Community explodierte. In Foren, auf Mailinglisten und in sozialen Medien brach ein Proteststurm los. Nutzer aus dem Bildungssektor befürchteten, dass ein Label wie "Personal Edition" den Einsatz in Schulen und Universitäten rechtlich oder moralisch erschweren würde. Non-Profit-Organisationen sahen sich plötzlich in einer Grauzone. Und viele Privatanwender witterten schlicht den Anfang einer Freemium-Falle, bei der professionelle Funktionen irgendwann hinter einer Bezahlschranke verschwinden.
Die TDF knickte ein. Nicht langsam und abwägend, sondern schnell und ohne Rücksprache mit den Partnerunternehmen, die diesen Plan jahrelang vorangetrieben hatten. Mit Version 7.1 wurde aus der "Personal Edition" eine deutlich harmlosere "Community Edition". Ein einseitiger Kompromiss, der niemandem wirklich half. Der Name "Community Edition" setzte kein Signal mehr an Unternehmen, sondern klang einfach nur nach einer netten Variante neben einer nicht existierenden "Pro Edition". Für Collabora war dieser Kompromiss bereits eine Niederlage, weil er das eigentliche Ziel - die geschäftliche Differenzierung - vollständig verwässerte.
Aber es kam noch schlimmer. Selbst dieser zahnlose Kompromiss überlebte nicht lange. Im Dezember 2025, mit der Ankündigung von Version 26.2, liess die TDF den Zusatz ganz fallen und kehrte schlicht zum Namen "LibreOffice" zurück. Keine Edition, kein Suffix, keine Differenzierung. Die Entscheidung fiel im Board of Directors, jenem Gremium, das zu diesem Zeitpunkt bereits von Nicht-Programmierern dominiert wurde. Die Partner, die jahrelang um ein nachhaltiges Geschäftsmodell gekämpft hatten, wurden vor vollendete Tatsachen gestellt.
Für Collabora war das ein verheerendes Signal, und im Rückblick vielleicht der Moment, in dem die Weichen endgültig auf Trennung gestellt wurden. Die Botschaft der Stiftung war unmissverständlich: Wir nehmen euren Code gerne, aber euer Geschäftsmodell ist nicht unser Problem. Die TDF hatte gezeigt, dass sie bereit war, die wirtschaftlichen Interessen ihrer wichtigsten Beitragenden zu opfern, sobald der Wind der öffentlichen Meinung sich drehte. Collabora zog daraus den einzig logischen Schluss: Wenn die Stiftung uns nicht hilft, uns selbst zu finanzieren, dann müssen wir unsere eigene Zukunft bauen - unabhängig von der TDF.
Der Krieg um die Cloud: Wie die Stiftung ein totes Pferd wiederbelebte
Der eigentliche Zündfunke der aktuellen Eskalation liegt in der Cloud. Und hier wird die Geschichte richtig bizarr.LibreOffice Online (LOOL) wurde ursprünglich als gemeinsames Projekt entwickelt, wobei Collabora den überwiegenden Teil der Ingenieursleistung erbrachte. Millionen von Euros flossen in die Entwicklung. Doch die TDF bot keine fertigen Pakete an und bewarb auf ihrem Portal auch Konkurrenten, die selbst kaum Code beigesteuert hatten. Im Oktober 2020 zog Collabora die Reissleine und erstellte einen Fork: Collabora Online (COOL). Der Grund war simpel, man konnte es sich nicht leisten, die eigene Arbeit kostenlos an Trittbrettfahrer zu verschenken.
Die TDF reagierte, indem sie das ursprüngliche LOOL-Repository in den "Attic" verschob - einen digitalen Dachboden für eingestellte Projekte. Dort lag es jahrelang und sammelte Staub. Niemand rührte es an. Kein einziger ernsthafter Commit. Gleichzeitig entwickelte Collabora sein COOL zu einer marktreifen Lösung weiter, die heute bei Behörden und Grossunternehmen im Einsatz ist.
Und dann, im Februar 2026, passierte das Unfassbare: Die TDF holte den verstaubten LOOL-Code aus dem Archiv und verkündete, man wolle "eine Online-Version von der Community und für die Community" aufbauen. Michael Meeks bezeichnete diesen Schritt als "Vandalismus". Und man muss ihm recht geben. Es ergibt keinen technischen Sinn, ein totes Repository wiederzubeleben, wenn bereits eine aktive, offene Gemeinschaft rund um Collabora Online existiert. Es war ein reiner Machtmove - eine Vergeltungsmassnahme der TDF, ein "Tit-for-Tat" als Reaktion auf Collaboras Desktop-Produkt.
Besonders pikant: In Community-Foren wurde bereits offen darüber diskutiert, ob man mittels künstlicher Intelligenz und automatisierter Skripte sämtliche Bugfixes und Features von Collabora Online einfach massenhaft in das wiederbelebte LOOL-Repository kopieren könnte. Ein "AI-automatisierter Krieg", bei dem man dem kommerziellen Partner systematisch die Geschäftsgrundlage entzieht. Die Lizenz (MPLv2) erlaubt das technisch. Aber es wäre ein Akt der gezielten wirtschaftlichen Zerstörung - verpackt in der hübschen Sprache der Open-Source-Freiheit.
Der technologische Befreiungsschlag: Collabora Office for Desktop (CODA)
Bereits im November 2025 - also Monate vor dem grossen Knall - vollzog Collabora einen strategischen Schritt, der im Nachhinein als Vorbote der Trennung gesehen werden muss. Das Unternehmen veröffentlichte mit Collabora Office for Desktop eine völlig neu gedachte Version der Bürosoftware, intern bekannt als CODA.Um zu verstehen, warum Collabora eigenes Desktop-Produkt veröffentlichte, muss man einen Schritt zurücktreten und sich fragen: Was hatte Collabora zu diesem Zeitpunkt eigentlich in der Hand?
Seit dem Fork von LibreOffice Online im Oktober 2020 hatte Collabora sein Cloud-Produkt Collabora Online (COOL) konsequent weiterentwickelt. COOL lief bei Behörden, Bildungseinrichtungen und Unternehmen in ganz Europa. Collabora hatte sich im öffentlichen Sektor und bei datenschutzbewussten Organisationen einen Namen gemacht, die eine selbst gehostete Alternative zu Google Docs und Microsoft 365 suchten. Das Produkt funktionierte, die Kundenbasis wuchs, und vor allem: Collabora hatte eine komplett eigene Benutzeroberfläche entwickelt, die im Browser lief und mit dem klassischen LibreOffice-Interface nichts mehr gemeinsam hatte. Modern, aufgeräumt, mit Reitern statt verschachtelter Menüs.
Und genau hier lag die strategische Erkenntnis, die zur Geburt von CODA führte: Wenn wir bereits eine hervorragende Oberfläche haben, die im Browser läuft - warum bringen wir sie nicht einfach auf den Desktop?
Die Motivation war dabei mehrschichtig. Erstens gab es ein handfestes Kundenproblem. Unternehmen, die Collabora Online in der Cloud einsetzten, beschwerten sich regelmässig über den Medienbruch. Ihre Mitarbeitenden arbeiteten im Browser mit einer modernen, schlanken Oberfläche und wenn sie ein Dokument lokal öffneten, landeten sie im klassischen LibreOffice mit seinen unzähligen Werkzeugleisten, anderen Tastenkombinationen und einem völlig anderen Look. Das erzeugte Schulungsaufwand, Verwirrung und Frust. Die Kunden fragten: Warum kann das auf dem Desktop nicht genauso aussehen wie im Browser?
Modernes Nutzerinterface Collabora Office:
Zweitens war da die technische Frustration. Das klassische LibreOffice basiert auf dem jahrzehntealten VCL-Toolkit (Visual Class Library) - einem Grundgerüst, das über dreissig Jahre auf dem Buckel hat und so träge auf Neuerungen reagiert wie ein Öltanker auf eine Kursänderung. Jede Änderung an der Oberfläche musste durch endlose Abstimmungsprozesse innerhalb der TDF geschleust werden. Collabora-Entwickler, die eine Schaltfläche verschieben oder ein Menü modernisieren wollten, stiessen regelmässig auf Widerstand von Community-Mitgliedern, die jede Veränderung als Angriff auf ihre gewohnte Arbeitsumgebung empfanden. Das VCL-Toolkit war nicht nur technisch veraltet - es war auch politisch blockiert.
"Altbackenes" Nutzerinterface LibreOffice
Drittens - und das war nach dem "Personal Edition"-Debakel der vielleicht wichtigste Punkt - brauchte Collabora ein eigenes Produkt, das unter dem eigenen Namen lief und über dessen Ausrichtung die Stiftung nicht mitbestimmen konnte. Solange Collabora nur Dienstleistungen rund um LibreOffice verkaufte, war man vollständig abhängig von den Entscheidungen der TDF. Wenn die Stiftung morgen beschloss, die Markenrechte anders zu handhaben oder die Lizenzbedingungen für App-Stores zu ändern, stand Collabora mit leeren Händen da. CODA war die Antwort auf diese existenzielle Verwundbarkeit: ein Produkt, das Collabora gehört, das Collabora kontrolliert und das Collabora unabhängig von der Stiftung weiterentwickeln kann.
Die technische Umsetzung war dabei elegant. CODA nutzt im Kern dieselbe Engine wie Collabora Online. Das Interface wird mittels JavaScript, WebGL und Canvas gerendert, wobei die systemeigenen Browser-Engines (wie WebView2 unter Windows) zum Einsatz kommen. Im Grunde ist CODA die Cloud-Version in einer lokalen Hülle - und genau das löst das Kundenproblem auf einen Schlag. Wer online arbeitet und wer lokal arbeitet, sieht exakt dieselbe Oberfläche. Dieselben Reiter, dieselben Schaltflächen, dieselben Tastenkombinationen. Kein Medienbruch, kein Schulungsaufwand.
Und dann ist da noch der Punkt, der technisch versierte Nutzer aufhorchen lässt: CODA braucht kein Java. Das klassische LibreOffice benötigt Java für viele Assistenten und Datenbankfunktionen, was regelmässig zu Performanceproblemen, Sicherheitslücken und frustrierenden Konfigurationsorgien führt. Wer jemals auf einem frisch installierten Linux-System LibreOffice Base öffnen wollte und von einer kryptischen Java-Fehlermeldung begrüsst wurde, weiss genau, wovon hier die Rede ist. CODA hingegen ist ein schlankes, in sich geschlossenes Paket, das schneller startet und diese Abhängigkeit komplett hinter sich lässt.
Die Botschaft von Collabora war unmissverständlich: Wir brauchen euch nicht mehr. Wir haben die Technologie, wir haben die Entwickler, wir haben die Kunden - und wir bauen unsere eigene Zukunft.
Die TDF-Führung wertete die Veröffentlichung von CODA natürlich als Beweis dafür, dass Collabora plane, sich vollständig von LibreOffice zu lösen und ein konkurrierendes Produkt aufzubauen. In gewisser Weise hatten sie damit sogar recht. Aber was die TDF dabei geflissentlich verschwieg: Es war ihr eigenes Verhalten - die gescheiterte Differenzierung, die Blockade im VCL-Toolkit, die schleichende Entmachtung der Entwickler - das Collabora in genau diese Richtung getrieben hat. Man kann ein Pferd nicht jahrelang treten und sich dann darüber wundern, dass es irgendwann durchgeht.
Die Steuerfalle: Deutsches Gemeinnützigkeitsrecht als Vorwand?
Man könnte nun meinen, dass die TDF nach der Veröffentlichung von CODA einfach hätte zurückschlagen können - mit besserer Technologie, mit attraktiveren Angeboten, mit einem überzeugenden Gegenkonzept. Doch die Stiftung griff nicht zu technischen Mitteln. Sie griff zu juristischen.Und hier kommt ein Faktor ins Spiel, der auf den ersten Blick so langweilig klingt, dass man ihn fast übersieht - der aber in Wirklichkeit die gesamte Eskalation befeuert hat: das deutsche Steuerrecht.
Die Document Foundation ist in Berlin als gemeinnützige Stiftung registriert. Dieser Status bringt erhebliche Vorteile mit sich: Spenden sind steuerlich absetzbar, die Stiftung selbst zahlt kaum Steuern, und der gemeinnützige Rahmen verleiht dem Projekt eine Glaubwürdigkeit, die rein kommerzielle Anbieter nicht haben. Aber dieser Status hat einen Preis. Das deutsche Finanzamt stellt strenge Bedingungen an die Trennung von gemeinnützigen Aufgaben und wirtschaftlichen Aktivitäten. Und genau hier geriet die TDF offenbar ins Visier der Behörden.
Das Problem drehte sich um die Einnahmen aus digitalen Läden wie dem Apple Store und dem Microsoft Store. LibreOffice wird dort gegen Geld verkauft - teils von Partnern, teils unter Beteiligung der Stiftung. Für das Finanzamt sah das nach wirtschaftlicher Tätigkeit aus, die mit dem Status einer gemeinnützigen Stiftung schwer vereinbar ist. Sollte die TDF ihren gemeinnützigen Status verlieren, drohen rückwirkende Steuerzahlungen auf Spenden in Millionenhöhe. Das wäre nicht bloss peinlich - das wäre der finanzielle Ruin der Stiftung.
Und genau an dieser Stelle wird die Geschichte giftig. Denn die TDF-Führung behauptet, sie habe die harten Regeln, die neuen Bylaws und letztlich auch den Ausschluss der Collabora-Entwickler durchsetzen müssen, um dieses Steuerproblem zu lösen. Die wirtschaftlichen Verflechtungen mit Collabora, so das Argument, hätten den gemeinnützigen Status gefährdet, und man habe keine andere Wahl gehabt, als sauber zu trennen.
Collabora sieht das völlig anders. Michael Meeks und sein Team behaupten, die TDF habe das rechtliche Problem künstlich aufgebauscht - oder sogar selbst provoziert - um einen Vorwand für die Entmachtung der technischen Experten zu haben. Die Steuerfrage sei real, aber die Lösung hätte nicht im Ausschluss der wichtigsten Entwickler bestehen müssen. Es hätte andere Wege gegeben: neue Lizenzmodelle, saubere Vertragsstrukturen, eine gemeinsame Lösung mit den Partnern. Stattdessen habe die TDF das Finanzamt als Keule benutzt, um einen Machtkampf zu gewinnen, den sie auf demokratischem Weg verloren hätte.
Was stimmt? Vermutlich liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen. Aber eines ist sicher: Wenn du deine fähigsten Leute rauswirfst, um ein Steuerproblem zu lösen, hast du danach vielleicht noch deinen Steuerstatus - aber keine Software mehr, die den Namen verdient. Und genau das zeigt die Chronologie der Ereignisse mit erschreckender Klarheit.
Die Eskalationsspirale auf einen Blick
Wer die Chronologie betrachtet, sieht ein klares Muster:- 2020: Die TDF versucht das "Personal Edition"-Branding und verprellt damit Partnerunternehmen und Community gleichermassen. Das Vertrauen beginnt zu bröckeln.
- Oktober 2020: Collabora forkt LibreOffice Online zu Collabora Online (COOL), weil die TDF keine brauchbare Infrastruktur bereitstellt und Trittbrettfahrer bewirbt. Die TDF verschiebt LOOL in den "Attic".
- 2021-2024: Die Risse vertiefen sich still. Collabora investiert weiter Millionen in COOL, die TDF sammelt weiter Spenden, die Machtbasis verschiebt sich schleichend von den Entwicklern zur Verwaltung.
- November 2025: Collabora veröffentlicht CODA - ein eigenständiges Desktop-Produkt, das technologisch einen klaren Bruch mit dem alten LibreOffice darstellt.
- Januar 2026: Die TDF verabschiedet neue Bylaws mit der brisanten Klausel, dass Mitarbeiter von Unternehmen im Rechtsstreit mit der Stiftung ausgeschlossen werden.
- Februar 2026: Die TDF holt LOOL aus dem "Attic" zurück und erklärt, eine eigene Online-Suite bauen zu wollen - direkte Konkurrenz zu Collaboras COOL.
- April 2026: Der Hammer fällt. Über 30 Collabora-Entwickler werden aus den Gremien ausgeschlossen. Die TDF leitet gleichzeitig rechtliche Schritte gegen Collabora ein.
Was das für uns alle bedeutet
Für uns Nutzer bedeutet dieser Bruch weit mehr als eine interne Streiterei, die man aus sicherer Distanz beobachten kann. Die Folgen werden konkret, messbar und im Alltag spürbar sein - egal ob man LibreOffice unter Linux, Windows oder macOS einsetzt.Fangen wir beim Offensichtlichen an: LibreOffice ohne Collabora ist wie ein Auto ohne Motor. Die Karosserie steht noch, der Lack glänzt, aber bewegen wird es sich nicht mehr lange. Die Collabora-Entwickler haben nicht irgendwelchen Randcode geschrieben. Sie waren für die schwierigsten und wichtigsten Teile der Software verantwortlich - die Import- und Export-Filter für Microsoft-Formate, die Kern-Engine von Writer, das Build-System, das Performance-Refactoring. Das sind die Komponenten, die darüber entscheiden, ob dein DOCX-Dokument korrekt aussieht, ob deine XLSX-Tabelle richtig rechnet, ob die Software flüssig läuft oder bei grossen Dateien einfriert. Ohne die Leute, die diesen Code seit Jahren pflegen und verstehen, wird die Qualität unweigerlich nachlassen. Nicht sofort. Nicht morgen. Aber schleichend, Release für Release.
Für Windows- und macOS-Nutzer, die LibreOffice als kostenlose Alternative zu Microsoft 365 einsetzen, trifft das besonders hart. Denn der häufigste Grund, LibreOffice auf diesen Plattformen zu installieren, ist genau die Kompatibilität mit Microsoft-Formaten. Man will DOCX-Dateien öffnen können, ohne ein Abo zu bezahlen. Man will XLSX-Tabellen bearbeiten, die der Arbeitgeber schickt. Wenn diese Filter ohne die Collabora-Entwickler an Qualität verlieren - und davon ist auszugehen, weil die komplexen Format-Spezifikationen von OOXML ein Spezialwissen erfordern, das man nicht einfach ersetzt - dann verliert LibreOffice seine wichtigste Daseinsberechtigung auf dem Desktop. Dann wird aus der kostenlosen Alternative eine kostenlose Enttäuschung.
Und genau hier liegt die bittere Parallele zu Apache OpenOffice. Auch OpenOffice war einmal der unangefochtene Standard der freien Bürosoftware. Auch dort war es eine Governance-Krise, die das Ende einläutete - nicht ein technischer Fehler, nicht ein Mangel an Nutzern, sondern ein Machtkampf, der die Entwickler vertrieb. Heute existiert Apache OpenOffice noch. Auf dem Papier. Mit sporadischen Updates, die kaum jemand bemerkt, und einer Codebasis, die so veraltet ist, dass Sicherheitsforscher regelmässig den Kopf schütteln. Es ist kein totes Projekt - es ist ein untotes, was fast noch schlimmer ist. Die Gefahr, dass LibreOffice diesen Weg einschlägt, ist real. Nicht wahrscheinlich - aber real genug, dass man sie ernst nehmen muss.
Auf der anderen Seite steht Collabora mit CODA als moderne Alternative. Schneller, schlanker, konsistenter zwischen Desktop und Cloud. Für professionelle Anwender, die eine zuverlässige Suite brauchen, klingt das verlockend. Aber hier muss man ehrlich sein: CODA ist ein kommerzielles Produkt. Ja, der Kern ist Open Source. Ja, die Lizenz erlaubt es jedem, den Code zu lesen und zu verändern. Aber die Entwicklungsrichtung bestimmt ein einzelnes Unternehmen, nicht eine Gemeinschaft. Das ist nicht per se schlecht - Red Hat macht es mit Fedora ähnlich, Canonical mit Ubuntu. Aber es ist ein anderes Modell als das, was LibreOffice einmal versprochen hat. Wer CODA nutzt, vertraut darauf, dass Collabora langfristig die richtigen Entscheidungen trifft. Bei LibreOffice konnte man zumindest theoretisch mitbestimmen. Bei CODA nicht.
Für die Linux-Distributionen wird die Lage besonders heikel. Fedora, openSUSE, Ubuntu - sie alle liefern LibreOffice als Standard-Office-Suite aus. Wenn die Qualität spürbar nachlässt, stehen die Paketbetreuer vor einer unangenehmen Entscheidung: Weiter an LibreOffice festhalten aus Loyalität zur Marke? Auf CODA wechseln und damit ein kommerzielles Produkt zum Standard machen? Oder auf OnlyOffice setzen, das zwar modern aussieht, aber eine völlig andere Codebasis hat und bei der ODF-Unterstützung noch Nachholbedarf zeigt? Keine dieser Optionen ist ideal. Und keine wird ohne heftige Diskussionen ablaufen.
Aber auch ausserhalb der Linux-Welt stellt sich eine unbequeme Frage: Wohin geht man, wenn LibreOffice seinen Glanz verliert? Auf Windows und macOS gibt es mit Microsoft 365 und Google Docs etablierte Alternativen - aber beide sind proprietär, beide kosten Geld oder bezahlen mit deinen Daten, und beide binden dich an das Ökosystem eines Tech-Konzerns. LibreOffice war für Millionen von Menschen die Antwort auf genau dieses Problem. Eine Office-Suite, die niemandem gehört, die auf jedem System läuft, die deine Dokumente in einem offenen Format speichert. Wenn diese Option wegbricht oder zur Hülle verkommt, verlieren nicht nur Linux-Nutzer etwas - es verlieren alle, denen digitale Selbstbestimmung wichtig ist.
Was mich persönlich am meisten beschäftigt, ist aber etwas anderes: der Vertrauensverlust. LibreOffice war für viele von uns mehr als eine Software. Es war ein Beweis dafür, dass das Open-Source-Modell funktioniert. Dass eine Gemeinschaft aus Freiwilligen und Unternehmen gemeinsam etwas aufbauen kann, das mit den Produkten der Tech-Giganten mithalten kann. Dass man Software schaffen kann, die niemandem gehört und allen dient. Dieser Beweis hat jetzt einen tiefen Riss bekommen. Nicht weil die Technologie versagt hat, sondern weil die Menschen dahinter versagt haben - oder genauer: weil die Strukturen versagt haben, die verhindern sollten, dass genau so etwas passiert.
Es bleibt die Hoffnung auf einen Governance-Reset. Dass eine neue Generation von Community-Mitgliedern die umstrittenen Bylaws kippt, die ausgeschlossenen Entwickler zurückholt und die Brücken wieder aufbaut. Aber mit jedem Monat, der verstreicht, wird dieses Szenario unwahrscheinlicher. Vertrauen lässt sich nicht per Vorstandsbeschluss wiederherstellen. Und Entwickler, die einmal vor die Tür gesetzt wurden, kommen selten freiwillig zurück.
Momentan sieht alles nach einer dauerhaften Spaltung aus. Und das ist nicht nur für LibreOffice eine Tragödie. Es ist eine Warnung an jedes Open-Source-Projekt, das glaubt, seine wichtigsten Beitragenden ersetzen zu können, ohne einen Preis dafür zu zahlen. An jede Stiftung, die vergisst, dass ihre Daseinsberechtigung nicht in der Verwaltung von Markenrechten liegt, sondern im Dienst an denen, die den Code schreiben. Und an jeden von uns, der glaubt, dass gute Software von alleine entsteht, solange nur der Name stimmt.