Lohnt sich ÖD/Beamtentum mit IT-/Digitalisierungsfokus (Master Wirtschaftsinformatik) oder ist das eine Sackgasse?

Dramme

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Hi zusammen

Ich habe Wirtschaftsinformatik studiert und meine Masterarbeit zum Thema Digitalisierung im öffentlichen Dienst geschrieben. Aktuell komme ich aus der Wirtschaft und überlege, in den öffentlichen Dienst zu wechseln. Einfach, weil ich merke, dass in diesem Land in der Verwaltung mich viele Prozesse einfach nur ankotzen und ich gerne meinen Beitrag dazu leisten würde, dass sich da was ändert.

Inhaltlich geht es um IT-nahe Aufgaben rund um Digitalisierung, Transformation und Modernisierung von Verwaltungsprozessen. Grundsätzlich kann ich mir eine längerfristige Tätigkeit im ÖD vorstellen. Gleichzeitig bin ich unsicher, ob der öffentliche Dienst heute ein Umfeld ist, in dem man mit diesem Profil wirklich wirksam arbeiten und sich fachlich weiterentwickeln kann, oder ob strukturelle Rahmenbedingungen und Mentalitätsprobleme vieler Akteure den Handlungsspielraum stark begrenzen. - Wenn ich mir z.B. die OZG Umsetzung anschaue, dann heisst das für viele Akteure "Ja aber sie haben doch das PDF auf unserer Webseite. Bitte Runterladen, ausfüllen und per Post einschicken" - Damit das im Sinne einer ABM wieder händisch ins System eingetippt wird.

Arbeitsplatzsicherheit sehe ich für mich persönlich nicht als entscheidenden Faktor. Mit meinem Profil war und ist der Arbeitsmarkt auch außerhalb des ÖD offen, selbst in der jetzigen Lage. Mich interessiert daher weniger die klassische Sicherheitsargumentation, sondern die tatsächliche Arbeitsrealität. Zusätzlich bin ich der Ansicht, dass man als Tarifbeschäftigter mit so einem gefragten Profil und Leistungsbereitschaft eher Nachteile der Anstellung trägt, ohne echte strukturelle Vorteile zu haben. Für mich käme daher nur ein Szenario infrage, in dem zeitnah eine Verbeamtung realistisch ist, nicht ein dauerhaftes Verbleiben im Tarifstatus.

Ein weiterer zentraler Punkt ist für mich die Organisationskultur:
Wie verbreitet ist die bekannte „haben wir immer so gemacht“-Mentalität tatsächlich?
Gibt es ernsthafte Veränderungsbereitschaft oder bleibt Digitalisierung häufig auf Konzepten, Strategiepapieren und Pilotprojekten hängen?
Ist nachhaltiger Wandel realistisch oder stößt man früher oder später an starre Strukturen und mangelnde Entscheidungskraft?

Danke euch für euren Input.
 
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Dramme schrieb:
dass in diesem Land in der Verwaltung mich viele Prozesse einfach nur ankotzen und ich gerne meinen Beitrag dazu leisten würde, dass sich da was ändert.
Eine einzelne Person wird nix ändern. Ich welche Richtung es geht, wird auf einer anderen Ebene entschieden.
Dramme schrieb:
Gibt es ernsthafte Veränderungsbereitschaft oder bleibt Digitalisierung häufig auf Konzepten, Strategiepapieren und Pilotprojekten hängen?
Ich sage: NEIN. Ansonsten hätte sich längst was getan.
Ergänzung ()

Dramme schrieb:
dass in diesem Land in der Verwaltung mich viele Prozesse einfach nur ankotzen und ich gerne meinen Beitrag dazu leisten würde, dass sich da was ändert.
Was möchtest du verändern und wie würdest du es angehen?

Am Ende geht es ums Geld und Macht. Es gibt/gab viele Projekte und viele Firmen haben dafür gut Geld kassiert. Rausgekommen ist kaum was.

Digitalisierung bedeutet auch, dass Menschen Arbeitsplätze verlieren würden. Die, die an der Macht sind, wollen es nicht. Wieso, kann man sich selbst seine Gedanken machen.
 
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Ohne deinen Enthusiasmus zu sehr einbremsen zu wollen: Als "Frischling" von der Uni bist du immer erstmal ein kleines Zahnrad im großen Getriebe. Stelle dich also darauf ein, dass du grob die ersten beiden Jahre erstmal Wald- und Wiesenaufgaben ohne große Entscheidungsbefugnis bekommst. Egal, ob du in die freie Wirtschaft oder in den öffentlichen Dienst wechselst.

Dennoch ist die Zeit wichtig: Lerne die Prozesse des Arbeitgebers kennen. Lerne die Entscheidungsträger kennen. Zeige durch solide Arbeit, dass man dir auch größere / freiere Arbeitspakete übergeben kann. Und suche dann mit dem Rückhalt & Wissen die ersten Aufgaben im Bereich "Prozesse umkrempeln".

Bring da auf alle Fälle ein robustes Fell mit, denn Änderungen am Status Quo stoßen selten auf Gegenliebe. Ein guter Start wäre ein Prozess, über dem aktuell alle fluchen. Getreu dem Motto "Egal was man daran ändert, es kann nur besser werden". Und denke lieber evolutionär als revolutionär. Sprich fang mit was kleinen an und schaffe damit den ersten Mehrwert. Mit dem Rückenwind tust du dir leichter, weitere Features reinzubringen.
 
Dramme schrieb:
Aktuell komme ich aus der Wirtschaft und überlege, in den öffentlichen Dienst zu wechseln. Einfach, weil ich merke, dass in diesem Land in der Verwaltung mich viele Prozesse einfach nur ankotzen und ich gerne meinen Beitrag dazu leisten würde, dass sich da was ändert.
Bezahlung ist schlecht und einzelne Angestellte können dort nichts bewirken und sollen es auch gar nicht. Wenn du wirklich etwas bewegen willst, musst du einem der Ministerien/Regierungen zuarbeiten.

Maximal unattraktives Arbeitsumfeld für Informatiker, wenn du mich fragst.
 
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Faluröd schrieb:
Ohne deinen Enthusiasmus zu sehr einbremsen zu wollen: Als "Frischling" von der Uni bist du immer erstmal ein kleines Zahnrad im großen Getriebe. Stelle dich also darauf ein, dass du grob die ersten beiden Jahre erstmal Wald- und Wiesenaufgaben ohne große Entscheidungsbefugnis bekommst. Egal, ob du in die freie Wirtschaft oder in den öffentlichen Dienst wechselst.
Ich glaube da ist etwas etwas missverständlich rübergekommen. Klar muss ich "ganz unten" anfangen. Ich meinte damit eher, ob das weggeworfene Zeit ist oder ob man da was verbessern kann.

RedPanda05 schrieb:
Bezahlung ist schlecht und einzelne Angestellte können dort nichts bewirken und sollen es auch gar nicht. Wenn du wirklich etwas bewegen willst, musst du einem der Ministerien/Regierungen zuarbeiten.

Maximal unattraktives Arbeitsumfeld für Informatiker, wenn du mich fragst.
Wäre der Bund eine option? Ich habe da oft gelesen/gehört, dass es beim Bund nur um irgendwelche Pseudo-(papier-)projekte geht, weil sich am Ende sowieso niemand hält.
 
Tja, das ist eine ganz schwierige Frage, ob ich jemandem das empfehlen würde. Ich mache seit einigen Jahren u.a. das - Digitalisierung in meinem Fachbereich voranbringen. Das ist eine schwierige Aufgabe, grundsätzlich sagen zwar immer alle „wir wollen Digitalisierung“ aber wenn es dann an die Umsetzung geht rennt man vor Wände. Sei es ganz simpel, weil Geld für Anschaffungen fehlt oder das erforderliche Personal. Wenn man das hat, dann muss man zig Stellen ins Boot holen, je nach Fachbereich auch außerhalb der eigenen Behörde und dann wird es ganz kompliziert. Es ist also ein langwieriger und anstrengender Prozess.

Bezahlung: bei uns schwanken die Stellen im IT-Bereich je nach Aufgaben zwischen EG9 und 12. Prozessmanagement Verwaltungsdigitalisierung ist aktuell als EG11AII ausgeschrieben. Verbesserungspotential nach oben ist dann aber sehr gering, höherbewertete IT-Stellen sind sehr rar gesät. Dafür hat man im ÖD den ein oder anderen finanziellen Bonus, z.B. bei Versicherungen, und generell einen sehr sicheren Job - muss man für die eigene Lebensplanung abwägen, was einem wichtiger ist.

Beim Land oder Bund wirst Du oft mehr in abstrakteren Prozessen arbeiten, was dann aus kommunaler Sicht dazu führt, dass sie sich tolle Ideen ausdenken (hust), die man so gar nicht umsetzen kann oder die teilweise einen Rückschritt gegenüber dem aktuellen Stand bedeuten. Manchmal scheitert es auch daran, dass das Land Ideen hat, die Kommunen das aber anders möchten und es nicht so einfach ist, etwas vorzuschreiben (Stichwort: kommunale Selbstverwaltung). Natürlich kann es auch sein bei Land/Bund in die Umsetzung der Digitalisierung einer konkreten Leistung zu kommen, das wäre wohl der Idealfall. Da ist Geld und weniger übergeordnete Stellen, die etwas dagegen haben können. Andererseits soll wohl da das Beharrungsmoment noch größer sein, als im kommunalen Bereich.
 
Danke euch!

@Madcat69
Ja, ich denke wenn der Bund federführend in etwas ist, wird das in den Ländern - und insbesondere ein den Kommunen/Gemeinden - sehr negativ aufgefasst („Man will uns in Berlin vorschreiben wie wir zu handeln haben“). Daher wäre mein Ziel höchstens auf Landesebene, oder noch besser in IT-Zentren des jeweiligen Landes. Ich glaube, damit kann man mitunter am meisten als Intermediär bewegen. Oder irre ich mich da?

„Andererseits soll wohl da das Beharrungsmoment noch größer sein, als im kommunalen Bereich.“ Ach wirklich? Krass. Ich dachte eher, der Bund ist da eher positiv(er) ausgestellt, da die es sich eben leisten können mehr und somit teureres / moderneres Personal zu leisten.
 
Ja, mehr Geld, modernere Technik aber auch viel mehr Politik. Und wenn ein Regierungswechsel kommt, dann kommt ggfs. auch eine andere Digitalstrategie. Und das alles bedeutet auch nicht, dass das mehr Kompetenz sitzt....
 
Dramme schrieb:
Ich glaube, damit kann man mitunter am meisten als Intermediär bewegen.
Ich sag es mal so: Selbst bei Firmen habe ich schon die wildesten Dinge erlebt.
400 Seiten ausdrucken und teilweise händisch ausfüllen und im Nebenraum saß der Lehrling und hat es in die PDF eingetragen, die wir als externe zwar zum Ausdrucken, aber nicht zum Ausfüllen nutzen durften.
 
Als Dienstleister im Digitalisierungssektor arbeiten wir ausschließlich für die öffentliche Hand und ich könnte hier Seitenweise über die Strukturprobleme, Fehlbesetzungen und Mitarbeitermotivation lamentieren.
Aus eigener Erfahrung möchte ich aber hier nur empfehlen erst in die freie Wirtschaft zu gehen, vor allem wenn Du, wie es scheint, sehr motiviert bist und Arbeitssicherheit nur Sekundär ist. Die Lernkurve ist in der Regel höher, das Einbringen von eigenen Lösungswegen ist absolut gefragt.
Eine Veränderungsbereitschaft ist durchaus da, die Veränderungen (z.B. neue Software) werden aber oft von leitenden Positionen und / oder dem ext. IT-Dienstleister durchgesetzt ohne überhaupt zu klären ob diese den alltäglichen Ansprüchen genügt da die eigentlichen Anwender nicht gefragt werden.
 
Grundsätzlich sind IT'ler im öD zzt. sehr gefragt, besonders beim Bund bzw. bei Bundesbehörden, welche auch schwerpunktmäßig IT machen. Zu nennen wären da u.a. BSI, BMI, BfV, BND, BKA, BPol, BMVg. Oder irgendein Minsterium, welches gerade ausschreibt.

Im TVöD gibt's dann auch noch die IT-Zulage, welche es bei Beamten nicht gibt. Als IT'ler hat man zzt. aber gute Chancen verbeamtet zu werden, gerade weil sie eben Mangelware sind. Dennoch verdient man leider deutlich weniger als in der Wirtschaft. Der Job ist jedoch sicher, selbst als Beschäftigter.

Aktuell sind viele Behörden am digitalisieren und man hat teilweise gute Chancen da was mitzugestalten. Grundsätzlich aber gilt für den öD auch weiterhin, dass die Prozesse nicht über Nacht optimiert werden, sondern eher über Jahre....

An deiner Stelle würde ich mich einfach mal iwo bewerben, mehr als eine Absage kann ja nicht passieren 😂
 
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Danke!

Wie sieht es aus mit einer möglichen Verbeamtung auf Probe - sofern die stelle es vorsieht?

Ich lese Teils dass es nicht möglich ist, dann schaue ich aber in Gesetz und sehe dass es theoretisch doch möglich ist. Ebenso haben mir einige Kollegen erzählt dass das bei denen in der Behörde so gemacht wird. Hätte ich mit meinem Profil Chancen? Oder sollte ich lieber den Tarifbeschäftigter-Zweig anstreben?
 
Da gibt es zwei Möglichkeiten: Laufbahnausbildung oder Direkteinstieg. Ersteres kommt im höheren Dienst bzw. mit Master aber nicht in Betracht. Das wäre dann Referendar Lehramt. Der Bund hat sowas aber nicht.

Folglich nur der Direkteinstieg, meistens zunächst als Beschäftigter nach dem TVöD. Das kann dann im Grunde jede Behörde selbst entscheiden, ob sie die Leute später zu Beamten auf Probe (§ 17 BBG) ernennt. In den sog. Mangelstudienfächern wie Informatik, kommt das aber oft vor. Die Probezeit dauert i.d.R. drei Jahre (§§ 28, 31 BLV).

Darauf gibts jedoch keinerlei Rechtsanspruch. Das sollte entweder in der Stellenausschreibung stehen oder man versucht, das vorab zu klären. Neben den persönlichen Anforderungen muss dann leider auch noch Geld für eine Planstelle nach § 49 Abs. 1 BHO vorhanden sein.

Mehr kann man dazu leider gar nicht sagen, weil es neben den persönlichen Qualitäten auch noch die Haushaltslage gibt. Die Chancen sind zweifellos da, aber leider eben ohne Garantie.
 
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cplpro schrieb:
Aktuell sind viele Behörden am digitalisieren und man hat teilweise gute Chancen da was mitzugestalten.
Manche Behörden digitalisieren seit 20 Jahren und sind immer noch nicht fertig...

Ich habe mich mal vor ca. 6 Jahren bei mehreren Behörden beworben, IT-Abteilung Systemadministrator... nach 4 Wochen habe ich per Post(!) Antwort bekommen mit der Bitte das ich meine Bewerbung schriftlich und per Brief einreichen soll... soviel zum Thema Digitalisierung :freak:
 
User38 schrieb:
Ich habe mich mal vor ca. 6 Jahren bei mehreren Behörden beworben, IT-Abteilung Systemadministrator... nach 4 Wochen habe ich per Post(!) Antwort bekommen mit der Bitte das ich meine Bewerbung schriftlich und per Brief einreichen soll... soviel zum Thema Digitalisierung :freak:
Kenne ich. Ich habe Ende letzten Jahres in den USa geheiratet und konnte 2-3 Tage später die Heiratsurkunde runterladen.
Meine Heimatgemeinde angerufen: „Ja drucken sie die bitte aus und schicken sie uns diese per Post, wir archivieren (da ich einige ex-Schulkollegen habe, die dort arbeiten weiss ich dass seit 2019 alles digital archiviert wird) können“.
Lobenswert finde ich aber, dass (bei mir) diese direkt akzeptiert wurde. Bei meiner Frau hingegen wollten die das gesamte Paket: Originale Urkunde, Apostille, Übersetzung etc. Pp.
Ich darf jetzt eine Kopie in den USA beantragen, die schicken diese dann zu mir (kann online nicht anderes auswählen), damit ich die zurück in den USA zum Gebäude paar Häuser weiter zur Apostille schicke, damit diese mir die nach Deutschland schicken.:hammer_alt: Tatsächlich planen wir einfach meine Frau kurzzeitig bei meiner Mutter anzumelden, damit sie da den Ausweis mit ihrem neuen Namen beantragen kann.
 
Ja gut, Digitalisierung ist ein Prozess, den jede Behörde anders wahrnimmt.
Einige sind echt fix, andere hängen noch immer in 2010 oder so fest xD
 
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