Soap Opera ist ein umstrittenes Thema denk ich...
Da stimm ich nämlich teilweise Betzer, aber auch teilweise Fetzerz21 zu.
Wenn ich mich nicht täusche, entsteht der Soap-Opera-Effekt beim Fernseher (oder auch jedem anderem darstellendem Medium (wie den chinesischen Schattenspielen), einfach durch den Umstand: dass es gegen jede Sehgewohnheit des Menschen (in der Realität) entspricht, dass JEDES Objekt (auch der Hintergrund) gleichscharf sind, sowohl in der Bewegungsschärfe, als auch in der örtlichen Schärfe. Der Mensch fokussiert eben mit dem Auge das Objekt des Interesses, wodurch 'kameraoptische' (bzw physikalische) Unschärfen unvermeidbar sind, die aber nicht von Belang sind, weil man ja das Objekt des Interesses guckt.
Eine Lösung müsste auf mehreren Ebenen durchgeführt werden (in aufsteigender Priorität) :
1) Vordergrundbewegte Objekte automatisch schärfer stellen, als hintergrundbewegte Objekte (Nachteil: Objekte des Interesses werden erzwungen,..da der Film unabhängig vom Willen (=Augensteuerung) des Betrachters abläuft, ist zu erwarten, dass der Soapeffekt dadurch NUR gemildert wäre, aber nicht ausgelöscht)
2) eine 3d-Darstellung des Bildes (das geht mit der Gewohnheit einher, dass man nahe Objekte, die sich vor einem bewegen, eher fokussiert werden, und von den Sehgewohnheiten her auch : 'genauer und detailierter' sieht, als weit entfernte Objekte)...das würde einen rest-Soap-Effekt von Punkt 1) weiter mildern (aber nachwievor nicht ganz).
3) Die Königsdisziplin: 1) und 2) werden angewendet UND hinzu kommt eine Eye-Tracking-Technologie , eingebaut im Fernseher, die das Objekt des Interesses in einer 'Simulator-Sickness'-unterschreitenden Zeit erfasst ( 1/1000 Sekunde), und in dieser Zeit auch NUR das Objekt des Interesses scharf stellt (bzw in einem adäquaten schärfetiefen Bereich, der dem Bildinhalt, und der gedachten Entfernung des Betrachters vom Bildinhalt, scharf stellt) - wenn das Objekt groß ist, dann gilt von der Software auch das Sehfeld des Betrachters zu berücksichtigen ( 2 Grad Raumwinkel = Sehen höchster schärfe , 30 Grad Raumwinkel = bewußtes objektorientiertes sehen ....60 Grad wird noch vage wahrgenommen ..alles darüber hinaus nur unbewußt) ... Das ist dann also eine Sache der Wahrnehmungsphysiologie auch, das anzupassen.
Dieser Punkt ist aber auch mit der 'Simulator-Sickness' konfrontiert: nachdem zwar Augenbewegungen berücksichtigt werden könnten für die Bildgestaltung, aber grad bei Filmen, wo eben doch auch betrachterunabhängige Bewegungen folgen (Kamera-Schwenks) ein Konflikt entstünde im Gehirn : 'Einerseits werden Augenbewegungen berücksichtigt in der Darstellung , andererseits bleiben Kopfbewegungen unberücksichtigt.'
Und Kopfbewegungen DÜRFTEN nicht mal berücksichtigt werden, man stelle sich bloß vor: man beschließt sich im Film dauernd auf eine Wand zu starren , während 90 Grad nach rechts davon, eine fürs filmverständnis wichtige Handlung passiert.
Punkt 3 zeigt also letztlich auch die Grenzen auf, bei der eine immer qualitativere Vermeidung des Soap-Effekts (selbst wenns technisch möglich und erschwinglich wird) gar keinen Sinn mehr macht - was Filme betrifft.
Bisher ist man technologisch gerade so weit, mit teuersten Mitteln 1) und 2) zu realisieren. Dabei entsteht aber ein Interessenskonflikt , nämlich : ein Kosten-Nutzen-Problem. Die Kosten sind relativ hoch, das zu implementieren ; der Soap-Opera-Effekt derart klein, dass sich 0815-Menschen gerne dran gewöhnen, und nur High-Quality-Videonerds sich daran stören, der zu erwartende Gewinn, bei so hoher Investition um bloß 1) und 2) zu realisieren (welcher nochdazu den Soap-Effekt NICHT (!!) vollständig beheben würde), wäre einfach zu gering !
Kostengünstig läßt sich mit derzeitigen Mitteln (Motionflow-Algoritmen) NUR Punkt 1) realisieren. Und dieser ist mal besser, mal schlechter umgesetzt, und hängt auch vom Kontent sicher ab (im Weltraum umherfliegende Raumschiffe, die sich nach ebenen vor und hinter nem anderen Raumschiff bewegen) erscheinen abstrakt, und somit glaubwürdiger (selbst mit Soap-Effekt) , als eine reale Szenerie, mit Menschen, Szenerien, die man automatisch mit Sehgewohnheiten vergleicht.
Hier wird von den Herstellern softwaremäßig sowieso schon Helden-Arbeit geleistet, um (und das Problem kommt durchaus auch von Cineasten selbst, die den Kinolook lieben, weil einige von denen nicht glauben wollen, dass eine hohe Bewegungsschärfe auch ohne Soap-Opera-Effekt ginge (wenn man die 3 oberen Punkte berücksichtigen würde) - mal ganz zu schweigen vom Nostalgie-Fetisch einiger Cineasten) die auf 24-25 Einzelbilder geeinigten Filmstandards (die langsam 100 Jahre alt werden), auf die Qualitätsansprüche des 21. Jahrhunderts zu biegen.
Die Technik was das betrifft steht auf der Schwelle zu Punkt 2 , und arbeitet gleichzeitig auch schon an Punkt 3. Noch ists nicht realisierbar, aber es wird bestimmt kommen. Soweit es eben Sinn macht.
Man wird sich irgendwann damit abfinden müssen, dass eine Illusion nicht beliebig realistisch dargestellt werden kann. Zum Beispiel auch, weil die Implementierung des eigenen Selbstes fehlt: selbst wenn man mit einer Technologie optisch das ganze Wohnzimmer wegknipsen könnte, und so darstellen könnt, als säße man in einer Achterbahn, bliebe der Konflikt: dass man zwar sieht, wie man mit der Achterbahn rast , und getrost auch Kopfbewegungen, Augenbewegungen, usw berücksichtigt wären, sowie 3d-Geräuschkulisse - und doch gäbe es den Widerspruch, das man am Körper keine realistischen Beschleunigungseffekte verspüren könnte (selbst mit nem entsprechendem Stuhl nicht, welches kippen kann, usw). Jedenfalls so lang keine künstliche Gravitation erfunden wurde, mit dem sich dieses darstellen ließe (und es sieht nicht so aus, als wenn das möglich sein wird (und damit meine ich nicht die Simulation von Schwerkraft über Zentrifugalkräfte - die könnten niemals beliebige Bewegungsszenarien realisieren).
Bei Illusionen wird man sich also immer mit einer 'Rest-Illusion' abfinden müssen, denk ich. Vor allem wenn sichs um exogene Stimuli handelt. Anders wärs, wenn man Matrix-ähnlich mal das Gehirn mit einer 'Simulation'verbinden können wird, und direkt dem Gehirn die Stimulationen geben kann, welche er auch hätte, wenn ers real erleben würde.
Aber das hat mit Fernsehtechnologie eben nicht mehr zu tun, und wird sicher seine eigenen Probleme mit sich bringen, was die Umsetzung betrifft, von denen wir heut noch gar nichts wissen.
Genauso wie man im Zeitalter der Fotografie noch nichts von Problemen mit Motionflow auf die Wahrnehmungsphysiologie wußte.
Motionflow bleibt insofern Geschmackssache.
Ich persönlich mag das Ruckeln von 24p-Filmen genausowenig wie den Soap-Effekt bei Motionflow.
Derzeit muss Motionflow als Erweiterung des Filmgenusses gesehen werden, und NICHT als Weiterentwicklung des Filmgenusses.
Das bedeutet, das Sportereignisse oder vielleicht auch Weltraumfilme, aber auch Animationsfilme und Zeichentrickfilme (die drei letzten sind abstrakt genug, dass wir sie von unseren Wahrnehmungsgewohnheiten nicht den Kriterien der Realität unterstellen) von Motionflow profitieren.
Bei Serien beginnts dann halt zu stören, falls man sich nicht gewöhnen will daran. Einige Fernseher lassen auch zu, den Motionflow zu regeln, und damit den Soap-Effekt etwas zu mildern - womit halt dann wieder etwas mehr Ruckeln da ist) - oder eben ganz auszuschalten.
Das bleibt einerseits eine Sache der persönlichen Präferenz; dem woran man sich gewöhnen kann, und eben den Content den man schaut (wie oben erwähnt).
Ich bin also schon froh dass ich immerhin die MÖGLICHKEIT hab, auf ein Motionflow zu schalten (vor allem in Spielen fänd ich das ja sehr gut - leider läßt die Verarbeitungsgeschwindigkeit der Bildverarbeiter noch keine vernünftigen Input-Lag-Zeiten zu (das liegt auch an der Frequenz des Einspeisesignals (50-60 Hz), sprich : der Fernseher ist GEZWUNGEN das zweite Bild ABZUWARTEN, um (angenommen in NULLZEIT) dann zwischen die zwei Bilder weitere Bilder zwischenzufügen, und darzustellen - das wären dann 1/60 Hz = 16 ms. Die Input-Lag-Zeit kann mathematisch NICHT schneller sein, als die Abfolge zwischen zwei Bildern (Einspeisesignal), denk ich = 16 ms. Null Milisekunden Inputlag hieße, dass die Geräte (zB Konsole und Fernseher) überlichtschnell arbeiten (auch das Kabel, das beide verbindet).
Das sind meine Meinungen... ich weiß nicht welche davon richtig sind, und welche nicht. Vielleicht stimmt es aber, wie mich selbst auch, einige Leute versöhnlich mit den derzeitigen 'technischen Grenzen' der modernen Fernseher.
Liebe Grüße,
cteno