"Unser Staat geht keine Bürger mehr was an" - Vaterland? Wo ist das?

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perfekt!57

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"Unser Staat geht keine Bürger mehr was an" - "Vaterland? Wo ist das?"

Ich verlinke die Rede des "Marquis von Posa" - ausgedacht und empfunden von einem gewissen Friederich Schiller (deutscher Dichter; 1759-1805), (Teil des "Don Carlos" ca. 1787, also 222 Jahre alt).

Lesen, hören, ein gewisser Zeitbezugbezug ist, vorsichtig ausgedrückt, für viele ganz sicher unverkennbar. Gerne Eure Meinung.

(Hier folgt noch der Youtube-Link zum gesprochenen Text)


"Was Ihre Majestät verbreitet, ist das Menschenglück?
Ist das dasselbe Glück, das meine reine Liebe den Menschen gönnt?

Nein, ein Neues erschuf die Politik Ihrer Krone;
in ihren Münzen läßt sie Wahrheit schlagen - die Wahrheit, die sie dulden kann,
so will's die Politik.

Aber darf denn meine Menschenliebe sich zur Verkürzung eines Menschen hergeben?
Kann ich ihn glücklich nennen, solange er nicht "denken" darf? (reden)

Glückseeligkeit, die sie uns prägen auszustreuen, muss ich mich weigern.
Ich kann nicht Fürstendiener sein.

Der Staat, dem meine Pflicht ich schuldig war, der ist nicht mehr.
Vaterland, wo ist das? Hier?
Unser Staat geht keinen Bürger mehr was an.

In diesem Staat wollen Sie allgegenwärtig sein,
Menschen sind Ihnen brauchbar, weiter nichts.
Die Politik erfand ein Maß, dem alle Bürger unterwürfig sich zu passen, angewiesen sind.

Nein, das Jahrhundert ist meinem Ideal nicht reif,
ich lebe ein Bürger derer, welche kommen werden.

Sie, mein König, so niedrig denken Sie von Menschenwürde,
dass Sie die Kühnheit nicht erwartet, daran gemahnt zu werden -

doch manche Bürger preisen sich noch glücklich in ihrer Erniedrigung,
schmücken mit feiger Weisheit ihre Ketten aus -
und sie mit Anstand tragen nennt man "Tugend",
wie könnten sie in dieser traurigen Verstümmlung auch noch Achtung haben - vor Menschen.
Freude aber muss aus ihren Augen leuchten.

Was in den Augen Ihrer Knechte glänzt, ist das noch Freude?

Sie haben den Menschen zu Ihrer Hände Werk verwandelt
und dieser neu gegossnen Kreatur sich selbst zum Gott gegeben.

Für das zertrettene Glück von Millionen haben Sie nichts gewonnen.

Schade, dass in seinem Blut gewälzt, das Opfer wenig dazu taugt,
dem Geist des Opferers ein Loblieb anzustimmen.

Sanftere Jahrhunderte verdrängen unsere Zeit,
die bringen Weisheit, Bürgerglück;
dann wird der Staat seine Bürger sparen,
und die Notwendigkeit wird menschlich sein.

... Mächtiger als Ihre Henkerfeuer brennt in Menschen Begeisterung -
schon flohen Tausende -
der Bürger, den Sie verloren, war Ihr Edelster.

Klug nimmt die Elisabeth die Flüchtigen auf,
und Britannien blüht durch die entflohenen Bürger unseres Landes, ... .

Sie wollen pflanzten für die Ewigkeit - und säen? Tod...!

Ein so erzwungnes Werk wird seines Schöpfers Geist nicht überdauern:
Der Mensch ist mehr, als was Sie von ihm halten. ...

Ja, ja ich wiederhole: Geben Sie uns, was Sie uns nahmen, wieder,
lassen Sie Menschenglück und -geister reifen in Ihrem Weltgebäude,
werden Sie von Millionen Königen ein König,
geben Sie die unnatürliche Vergötterung auf ... .

Ein Federzug von Ihrer Hand entscheidet das Schicksal der Erde -
geben Sie - "Gedankenfreiheit" - Gottes herrlicher Natur -
auf Freiheit ist sie gegründet - Ihre Schöpfung aber, wie eng und arm.

Das Rauschen eines Blattes erschreckt den Herrn der Christenheit -
weihen Sie dem Glück der Völker die Regentschaft,
stellen Sie der Menschheit verlorenen Adel wieder her,

den Bürger binde keine Pflicht, als seiner Brüder gleich er wird gerecht,
der Landmann rühme sich des Pflugs,
in seiner Werkstatt träume sich der Künstler zum Bildner einer schöneren Welt,
den Denker hemme ferner keine Schranke, als das Gesetz moralischen Verstandes,

der Staat mische sich in die Rechte der Familie nicht ein und schreibe der Liebe nicht vor.

Wenn nun der Mensch, sich selbst zurückgegeben, zu seines Werts Gefühl erwacht,
der Freiheit erhabene, edle Tugenden gedeihen,

wenn Sie zum Glücklichsten der Welt das ganze Volk in unserem Staat gemacht,
dann, dann sind Sie der Welt es schuldig, ihr das Gesetz friedlichen Glücks zu geben.

Hier stehe ich vor Ihnen und habe nichts für mich selbst erbeten;
meine Mitbürger, nur ihre Sache wollte ich vertreten.

Kann ich nun gehen, mit einer erfüllten Hoffnung,
dann ist dieser Tag der schönste meines Lebens."


Grüße


p.




http://de.wikipedia.org/wiki/Don_Karlos_(Schiller)

http://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Schiller
.
 
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