Elektronische Patientenakte: Akzeptanz auch nach einem Jahr weiterhin gering

Michael Schäfer
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Elektronische Patientenakte: Akzeptanz auch nach einem Jahr weiterhin gering
Bild: PxHere | CC0 1.0

Auch rund ein Jahr nach ihrer Einführung stehen die meisten Krankenversicherten in Deutschland der elektronischen Patientenakte (ePA) kritisch gegenüber. Dies ergab eine repräsentative Forsa-Befragung im Auftrag des Verbraucherzentrale Bundesverbands; die Gründe für die weiterhin hohe Ablehnung sind dabei vielfältig.

Keine Erfolgsgeschichte

Im Januar 2025 konnten bereits die ersten gesetzlich Versicherten im Rahmen eines Testprogramms auf die elektronische Patientenakte zugreifen, im darauffolgenden April wurde sie schließlich für alle Kunden der gesetzlichen Krankenkassen eingeführt. Die Einführung war allerdings von zahlreichen Problemen geprägt und nach dem eher verhaltenen Start ist die Akzeptanz bis heute kaum gestiegen. Für den Verbraucherzentrale Bundesverband bleibt sie damit deutlich hinter den Erwartungen zurück.

Zwar bekannt, aber für viele von geringem Nutzen

Dabei zeigt die Umfrage, dass sich eine deutliche Mehrheit der gesetzlich Versicherten bislang nicht oder nur kaum mit der ePA auseinandergesetzt hat. Zwar ist die elektronische Patientenakte 94 Prozent und damit der großen Mehrheit bekannt, doch lediglich 29 Prozent der Befragten haben sie aktiviert – 71 Prozent nutzen die ePA weiterhin nicht und beabsichtigen dies auch nicht. Neun Prozent der Versicherten haben sogar der Speicherung ihrer Daten in der digitalen Akte aktiv widersprochen und die Löschung verlangt.

Datenschutz und fehlende Rechtevergabe

Die Gründe für die hohe Ablehnung sind unterschiedlich gelagert: 75 Prozent der Befragten haben sich bislang noch nicht näher mit der ePA beschäftigt. Auch der für sie fehlende Nutzen spielt bei rund jedem dritten Kassenversicherten eine nicht unerhebliche Rolle. 13 Prozent sorgen sich der Umfrage nach um die Datensicherheit hinsichtlich der Eintragungen und führen Datenschutzbedenken als Grund für ihre Ablehnung an.

Dies ist wenig überraschend, war die Berichterstattung bereits vor dem Start der Testphase von Sicherheitsmängeln geprägt: So zeigten Sicherheitsexperten auf dem Hacker-Kongress 38C3 bereits Ende 2024, wie einfach Angreifer auf sämtliche ePAs zugreifen können. Auch nachdem viele dieser Schwachstellen, zumindest nach Aussagen des Betreibers Gematik, beseitigt worden seien, wurden im Mai des vergangenen Jahres weitere Sicherheitslücken entdeckt. Bereits im Februar 2025 forderten zudem die Kassenärztlichen Vereinigungen Bayerns, Hamburg, Nordrhein und Westfalen-Lippe eine Verlängerung der zu diesem Zeitpunkt bereits laufenden Testphase.

Ein wesentlicher Aspekt der Ablehnung ist vor allem die fehlende Einflussmöglichkeit der Versicherten darauf, wer auf ihre Daten zugreifen darf. Zwar kann es für die Behandlung von Vorteil sein, wenn beispielsweise der Hausarzt Informationen über mögliche psychische Erkrankungen und Therapien erhält, doch weshalb auch die Sprechstundenhilfe des eigenen Zahnarztes auf eben diese Daten zugreifen kann, ist für viele nicht nachvollziehbar. 68 Prozent der Befragten wünschen sich daher, genau festlegen zu können, wer Zugriff auf die Daten erhält.

Verbraucherschützer fordern mehr Aufklärung

Die Umfrage macht zudem deutlich, dass im Zusammenhang mit der ePA weiterhin großer Aufklärungsbedarf besteht. So wissen beispielsweise lediglich 25 Prozent der Befragten, dass ab Ende 2026 Daten in pseudonymisierter Form auch für Forschungszwecke verwendet werden können. Mit 54 Prozent gab nur etwas mehr als die Hälfte an, von der eigenen Krankenkasse über die ePA informiert worden zu sein. „Die Krankenkassen und das Gesundheitsministerium müssen die Versicherten verständlich und umfassend zur ePA informieren. Das kam bislang zu kurz“, erklärte Ramona Pop, Vorstand der Verbraucherzentrale Bundesverbands. Zudem wurden der komplizierte und unübersichtliche Einrichtungsprozess der ePA sowie die teils unzureichende Unterstützung und unklare Informationen durch die Krankenkassen kritisiert.

Wichtige Funktionen fehlen nach wie vor

Darüber hinaus wünschen sich Verbraucher digitale Untersuchungshefte (66 Prozent) sowie Hinweise auf Wechselwirkungen von Medikamenten (64 Prozent) und auf fehlende Impfungen (64 Prozent), mit denen die ePA ihre großen Vorteile ausspielen könnte. Entsprechende Funktionen lassen jedoch weiterhin auf sich warten. Solche Informationen können bislang zumindest in einem gewissen Umfang auch auf der Versichertenkarte gespeichert werden.

Zur Methodik

Die Umfrage wurde vom Meinungsforschungsinstitut Forsa im Auftrag des Verbraucherzentrale Bundesverbands durchgeführt, bei der in einem Zeitraum vom 3. bis 7. November 2025 1.037 gesetzlich krankenversicherte Personen ab 16 Jahren telefonisch befragt wurden. Die statistische Fehlertoleranz soll in der Gesamtstichprobe maximal ± 3 Prozentpunkte betragen.