Kommentar : Warum Microsoft Yahoo übernehmen sollte

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Jirko Alex

Microsoft bietet Yahoo pro Aktie 31 US-Dollar an und stellt damit den größten Deal der Internetbranche in Aussicht. Beinahe 45 Milliarden US-Dollar will man aus der Kriegskasse nehmen – und schöpft diese damit mehr als aus, weshalb sogar erstmals Schulden in der Geschichte Microsofts gemacht werden könnten – um, ja – um was eigentlich genau zu erreichen? Google scheint es zu wissen; die Angst davor sitzt jedenfalls, bot Google-Chef Eric Schmidt dem „chief yahoo“ Jerry Yang doch Unterstützung in jeder Form an. Wer mit Google jedoch nur die Suchmaschine verbindet und den potenziellen „Microhoo“-Konzern ebenfalls nur auf diesen Markt reduziert, greift zu kurz. Der Kampf um Yahoo ist überaus vielschichtig und könnte letztendlich ein Paradebeispiel dafür sein, das zwei ewige Nicht-Gewinner zusammen mehr erreichen können als man ihnen zutraut.

Eines ist ziemlich offensichtlich: Sowohl Yahoo als auch Microsoft litten in der Vergangenheit erheblich unter der schier exponentiell anwachsenden Marktmacht Googles. Statt, wie Yahoo, auf einer Seite so ziemlich alles zu vereinen, was der Mensch im Internetzeitalter so brauchen könnte oder, wie Microsoft, einfach die Trends zu verpennen, glänzte Google seit jeher mit einer beängstigend treffsicheren Simplizität. Google – das sind sechs Buchstaben und eine Suchzeile, die das Web bedeuten. Dass dieses Erfolgsrezept aufgeht, ist offensichtlich: Am Markt der Suchmaschinenwerbung dominieren exakt diese sechs Buchstaben; ein horrender Vorsprung vor jeder „Konkurrenz“ kennzeichnet das Google-Imperium in diesem Marktbereich. Wie sollte, wie könnte es auch anders sein: Je nach Schätzung kommt Google auf einen weltweiten Marktanteil von etwa 62 Prozent aller Suchanfragen, weit führend vor dem Klassenzweiten – Yahoo – mit etwa 12,8 Prozent (Microsoft: 2,9 Prozent). Bezogen auf saftige 66,2 Milliarden Suchanfragen im Dezember 2007 ergibt sich – auf's Jahr gesehen – ein enormer Markt für kontextbezogene Werbung in Suchergebnissen.

Kann Microsofts Interesse also darin liegen, Googles Suchmaschine Paroli zu bieten? Nein. Jedenfalls rechtfertigt das allein keine 45 Milliarden US-Dollar, selbst, wenn im Idealfall die Marktanteile von Microsoft und Yahoo addiert – vielleicht sogar multipliziert – würden, es reicht nicht gegen den ewig Ersten.

Dennoch beschwört Steve Ballmer, man müsse konkurrenzfähiger werden und an einem Kauf von Yahoo führe nichts vorbei. Statt Klassenprimus werden zu wollen, begnüge sich Microsoft gerne sogar mit dem zweiten Platz. Was sind das für Töne? Microsoft, das Idealbeispiel eines Quasi-Monopolisten in jeder Vorlesung für angehende Ökonomen, gäbe sich offenkundig auch mit dem zweiten Platz zufrieden? Aber natürlich, wenn man die Langzeitwirkung beachtet, die das Rezept „Microhoo“ so mit sich bringt! Denn Google ist mehr als eine Suchzeile, Yahoo mehr als ein sinkender Stern am Himmel der einstigen Internetpioniere und Microsoft ist und bleibt eine verdammt fette Dollarmaschine, die notfalls verpasste Chancen durch nachträgliche Zukäufe wieder korrigiert.

Stell dir vor, du bist ein Universalgenie und keiner weiß es. Google muss sich derzeit fast so vorkommen, bedenkt man, dass hinter dem Konzern, der sogar im Duden als Suchmaschine abgehakt wird, eigentlich sehr viel mehr steckt. Gewiss: Ein Google Earth mögen viele kennen, YouTube ist eine der ultimativen Web-2.0-Angebote im Netz und Googles Desktopsuche verschafft sich nicht zuletzt nach Anfeindungen gegen Microsoft, selbige durch die Vista-Suche auszuschließen, ab und an Gehör. Aber über 30 weitere Tools, Features und Geekanwendungen finden sich ebenso hinter den schlanken bunten Buchstaben, die das Web bedeuten. Müsste man sie nicht eigentlich sehen? Die wenigsten tun es; man ist Google-blind geworden. Und genau das ist auch ein Hauptproblem des Konzerns: So stark der Vorsprung im Bereich der Online-Werbung ist, so horrend bisher die Gewinne sind, ein Wachstum ist nicht beliebig möglich. Googles größtes Kapital ist das, was die Börse ihm angedeiht – solange der Konzern innovativ, schier unaufhaltsam wachsend und sympathisch wirkt, schießen Google-Aktien auch weiterhin in die Höhe. Sollten aber nicht über kurz oder lang weitere Standbeine hinzu kommen, könnte das perfekte Bild bröckeln – mit zumindest ungünstigen Folgen für Google.

Microsoft hingegen braucht sich dahingehend wohl keine Sorgen zu machen. Und ob nun hier oder da eine Sparte tiefrote Zahlen schreibt oder die vollmundig angekündigte Revolution des Internets ein weiteres mal scheitert – die Redmonder haben etwas, was ihnen keiner nehmen kann: Verdammt viel Geld. Und Yahoo? Denen mag es wohl an letzterem fehlen – immerhin mussten erst kürzlich über 1000 Mitarbeiter des Konzerns entlassen werden – aber es geht nicht immer nur um's Geld. Diesmal wirklich nicht. Was Yahoo so sehr auszeichnet ist die schiere Reichweite. Alexa sieht Yahoo und Google in der Reichweite gleichauf – zuletzt mit leichtem Vorsprung für Google, mit Sicherheit aber ohne einen deutlichen Vorsprung für einen der beiden. Nimmt man Microsofts live.com nun noch hinzu, käme ein Zusammenschluss beider Firmen im weltweiten Internetvergleich unbestritten auf Platz 1. Zählt man nur die reinen Seitenaufrufe, ließe ein Microhoo das dann zweitplatzierte Angebot – MySpace – gar mit 35 Milliarden PageViews hinter sich, so Analysten.

Sicher, Microsoft nur zu unterstellen, die Reichweite der einverleibten Webseiten erhöhen zu wollen, wäre zu trivial. Das braucht es nicht, erreichten Microsoft-Seiten nach Zählungen von Compete allein im Dezember des vergangenen Jahres doch über 120 Millionen verschiedene Internetnutzer (Yahoo: 131 Millionen) bei über 35 Milliarden Seitenabrufen (Yahoo: 31 Milliarden). Analysten rechneten sogar aus, dass der Nettoreichweitengewinn für Microsoft nur bei etwa 31 Prozent läge. Das heißt, dass annähernd 70 Prozent der Microsoft-Leser auch bei Yahoo stöbern und umgekehrt, sie also nicht neu hinzukämen. Andererseits würden sich die Seitenabrufe nahezu verdoppeln – nicht unwesentlich für Bannerwerbung – und die Aufmerksamkeit eines größeren Teils der Internetnutzer läge ebenfalls bei Seiten unter Microsoft-Regie.

Prognostizierte Auswirkungen eines Zusammenschlusses von Microsoft und Yahoo
Prognostizierte Auswirkungen eines Zusammenschlusses von Microsoft und Yahoo

Nicht zu vergessen ist auch der enorme Zugewinn im Web-2.0-Bereich für Microsoft. Zwar sicherten sich die Redmonder schon in der Vergangenheit einen Teil vom Facebook, einen richtig dicken Brocken können sie aber nicht in die Waagschale der Web-2.0-Gemeinschaft legen. Yahoo hingegen ist Eigentümer von FlickR, dem weltgrößten Fotoblog. Dass Microsoft auch hieran Interesse haben dürfte, steht außer Zweifel.

Neben dem Markt der kontextbezogenen Textwerbung gibt es zudem ein anderes Metier, in dem es um Yahoo nicht schlecht bestellt ist. Bei der Bannerwerbung steht der Konzern nämlich in der Nahrungskette ganz oben – 18,8 Prozent der Internetnutzer konsumieren Werbung bei Yahoo bei durchschnittlich 20,5 Bannern, die pro User angezeigt werden. Microsoft erreicht mit Bannerwerbung hingegen nur 6,7 Prozent der Internetnutzer, Google gar nur ein Prozent. Microhoo würde hier offenkundig einen riesigen Vorsprung aufbauen, der Google kaum eine Chance lässt.

Wer also siegt im Kampf der Giganten? Das vorauszusagen ist gerade im Gesamtkontext nur schwer möglich. Fest steht, dass Microsoft gar nicht so schlecht daran täte, Yahoo zu übernehmen; nicht, weil damit eine Revolution auf dem Markt der Suchmaschinen stattfände – das wissen auch die Redmonder – aber das ist nicht wesentlich. Microsofts universelle Aufstellung hebt die Auseinandersetzung jedenfalls auf eine universelle Ebene, auf der Google als Gesamtkonzept deutlich schlechter aufgestellt ist – und das weiß auch Google.

Das Tauziehen um Yahoo dürfte also interessant werden; was der Konsument am Ende davon hat, dürfte bisher aber kaum jemand wissen. Und wenn, lassen sich die Antworten sicherlich nicht mit Google finden.

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