4/8 350-Watt-Netzteile im Test : Ein ganzes Testfeld patzt bei den Schutzschaltungen

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Schutzschaltungen

Die fast komplett rot markierten Tabellen lassen es erahnen: Alle Netzteile in diesem Vergleichstest versagen im Bereich der Schutzschaltungen. Für das teure Sea Sonic kommt es zum Supergau, zwei Testmuster starben bereits beim ersten Überlast-Test auf der 3,3-Volt-Schiene. Mit Ruhm bekleckern sich allerdings auch die anderen Testkandidaten nicht, auch die mit dem Übertromschutz (OCP) ausgestatteten Netzteile von Corsair und Super Flower patzen deutlich.

Das Corsair VS350 ist laut Hersteller neben dem Überstromschutz auch mit einem Überhitzungsschutz (OTP) ausgestattet. Ermöglicht wird dies durch den Sitronix ST9S429-PG14, der OCP auf bis zu zwei 12-Volt-Schienen realisiert, jedoch über keinen Überhitzungsschutz verfügt. Immerhin ist ein Temperaturfühler im unteren Teil des Sekundärkühlkörpers im Netzteil wiederzufinden. Auch Abseits des Überhitzungsschutzes machen die ermittelten Werte bei Überlast wenig Hoffnung: Auf der 3,3-Volt- und der 5-Volt-Schiene schaltet das Netzteil deutlich zu spät ab. Immerhin stimmt der Auslösepunkt auf der 12-Volt-Schiene, womit das Corsair tatsächlich noch die besten Messwerte im Vergleich produziert.

Corsair VS350
Rail Spezifikation laut Netzteilaufkleber Auslösepunkt der Schutzschaltungen
+3,3 Volt 14 A 32 A bei 2,68 V
+5 Volt 14 A 34 A bei 4,2 V, +12 Volt bei 13,2 Volt
+12 Volt gesamt 25 A 36 A bei 11,25 V
LC-Power LC500-12 – 12-Volt-Schiene
LC-Power LC500-12 – 12-Volt-Schiene

Das LC-Power soll laut Hersteller über zwei 12-Volt-Schienen verfügen: Abgesehen von dem dafür notwendigen, aber fehlenden Überstromschutz (OCP) stellt das PCB aber nur eine Schiene bereit. Als Protection-IC wurde ein einfacher Weltrend WT751002-S verbaut, welcher nur OVP auf +3,3 V, +5 V und +12 V sowie UVP auf den Minor-Rails unterstützt. Entsprechend katastrophal fallen auch die Testergebnisse aus: Insbesondere auf der 3,3-Volt-Schiene schaltet das Netzteil erst nach heftigem Fiepen sowie einer unglaublichen Restwelligkeit von 1.080 mV ab. Damit übertrifft das LC500-12 den Grenzwert der ATX-Norm um mehr als das 21-fache. Dieses Verhalten ließ sich in mehreren aufeinander folgenden Tests reproduzieren.

LC-Power LC500-12
Rail Spezifikation laut Netzteilaufkleber Auslösepunkt der Schutzschaltungen
+3,3 Volt 21 A 34 A bei <3 V, Restwelligkeit bei 1080 mV, Netzteil fiept stark
+5 Volt 15 A 40 A bei 4,12 V, +12 Volt bei 13,2 V
+12 Volt gesamt 25 A 36 A bei 11,45 V, +5 Volt bei 5,35V

Für das bereits angesprochene Sea Sonic ließen sich keine Messergebnisse für die 5- und die 12-Volt-Schienen ermitteln. Zwei vorhandene Testmuster starben bereits bei Überlast auf der 3,3-Volt-Schiene. Der für die Schutzschaltungen zuständige Protection-IC mit der Bezeichnung HY-510N verfügt über einen identischen Funktionsumfang wie das Modell von Weltrend im LC-Power – OCP ist somit nicht vorhanden. Immerhin: Ein weiteres Testmuster schaltete im Lautstärketest am Testsystem rechtzeitig ab.

Sea Sonic S12II-350Bronze
Rail Spezifikation laut Netzteilaufkleber Auslösepunkt der Schutzschaltungen
+3,3 Volt 12 A 40 A bei 3,04 V, Netzteil kaputt
+5 Volt 16 A -
+12 Volt gesamt 27 A -

Das Super Flower Bronze FX soll laut Hersteller über den Überstromschutz verfügen. Ermöglicht wird dies durch den verbauten Sitronix ST9S429-PG14, der auch im Corsair VS350 zum Einsatz kommt. Im Praxistest lassen sich für das Super Flower jedoch nur unzureichende Noten aussprechen, denn die Auslösepunkte wurden deutlich zu hoch angesetzt.

Super Flower Bronze FX 350 Watt
Rail Spezifikation laut Netzteilaufkleber Auslösepunkt der Schutzschaltungen
+3,3 Volt 18 A 32 A bei 1,94 V
+5 Volt 18 A 30 A bei 4,41 V, +12 Volt bei 12,9 V
+12 Volt gesamt 26 A 42 A bei 9,4 V, Restwelligkeit bei 360 mV, +5 Volt bei 4,3 V
Xilence Performance C 350 Watt – 12-Volt-Schiene
Xilence Performance C 350 Watt – 12-Volt-Schiene

Wie beim LC-Power sollen auch im Xilence Performance C zwei 12-Volt-Schienen verbaut sein. Praktisch sind diese bereits mangels OCP hinfällig, immerhin würde die technische Plattform diese aber theoretisch bereitstellen. Der Auftragsfertiger XHY beendet die Spekulationen jedoch vorzeitig und lötete die beiden Stromschienen einfach zu einer Single-Rail zusammen. Der verbaute Protection IC stammt von Sitronix, der einfache ST9S313-DAG stellt die Schutzschaltungen UVP und OVP bereit. Im Praxiseinsatz hilft das jedoch nicht, das Performance C schaltet viel zu spät ab: Die 5-Volt-Schiene ließ sich um fast das Vierfache der vom Hersteller versprochenen Stromstärke überlasten, auf der 3,3-Volt-Schiene lag im Extremfall nur noch eine Spannung von 1,3 Volt an.

Xilence Performance C 350 Watt (XP500R6)
Rail Spezifikation laut Netzteilaufkleber Auslösepunkt der Schutzschaltungen
+3,3 Volt 15 A 35 A bei 1,3 V, Restwelligkeit bei 75 mV
+5 Volt 12 A 46 A bei 3,7 V, Restwelligkeit bei 120 mV, +12 Volt bei 13,4 V
+12 Volt gesamt 25 A 45 A bei 10,8 V, Restwelligkeit bei 160 mV, +5 Volt bei 5,35 V

Die Ergebnisse im Überlasttest blieben auch den Netzteilherstellern nicht verborgen. Super Flower überraschte mit einem umfangreichen Statement und nimmt das Bronze FX vom Markt [sic!]:

Die Super Flower Bronze Netzteile sind keine Fokus-Produkte für den Endkundenmarkt. Super Flower konzentriert sich derzeit auf die obere Mittelklasse bis zum High-End-Segment. Die neuen Leadex-Modelle sind, wie einige Tester bestätigen können, vorbildlich abgesichert und schalten egal bei welcher Überlast ab, bevor Spannungen oder Restwelligkeit die Spezifikation verlassen.

Die Super Flower Bronze-Modelle richten sich ans Einsteigersegment sowie die Systemintegratoren und eher weniger an die anspruchsvollen Enthusiasten und Overclocker. Unabhängig davon verfügt auch die Einsteigerserie über die Schutzschaltungen OVP, OVP, SCP, OCP und OPP. Die Auslöse-Schwellenwerte für OPP und OCP sind so gewählt, dass das Netzteil vor dem Abschalten nicht beschädigt wird. Wie der ComputerBase-Test zeigt, funktionieren die Schutzschaltungen in diesem Sinne ausreichend.

Dass die gemessenen Spannungen bei massiver Überlast unterhalb der vorgegebenen ATX-Grenzwerte liegen können trifft zu. Wir raten grundsätzlich davon ab, PC-Netzteile zu überlasten. Die Unterschreitung tritt in diesem Fall erst bei massiver Überlast auf, die im Normalbetrieb nicht vorkommen sollte. Sollte hingegen beispielsweise ein Spannungswandler auf dem Mainboard eine schwere Störung haben, so schaltet das 350-Watt-Bronze-Netzteil ab, ohne Schaden zu nehmen.

Unabhängig davon werden wir bei zukünftigen neuen Netzteil-Produkten und Fertigungs-Chargen auch bei günstigen Produkten verstärkt auf die Schwellenwerte für das Ansprechen der Schutzschaltungen achten, um jegliche Rest-Unsicherheit einzelner Anwender auszuräumen. Alle Super Flower Bronze werden in dieser Form nicht mehr hergestellt und werden 2016 durch einen Nachfolger abgelöst. Im deutschen Handel befinden sich lediglich Restmengen einzelner Modelle.

Super Flower reagiert auf die schlechten Ergebnisse

LC-Power verspricht für das LC500-12 hingegen Besserung, ein entsprechendes Statement liegt ComputerBase vor. Schuld für das schlechte Abschneiden soll ein Fehlverhalten des Auftragsfertigers sein [sic!].

In der getesteten Form entspricht das Netzteil LC500-12 V2.31 nicht dem Qualitätsanspruch von LC-Power, den wir nicht nur bei höherwertigen Serien, sondern auch im Einstiegssegment verfolgen. Hier wurden die entsprechenden Vorgaben vom Auftragsfertiger nicht korrekt umgesetzt und leider hat auch das Qualitätsmanagement bei dieser Charge versagt.

Dies mag zum Teil der nötigen Umstellung (Platinen-Layouts, Produktion) auf die höheren Effizienzwerte geschuldet sein, entschuldigt aber nicht die vorhandenen Fehler. Wir werden diese schnellstmöglich korrigieren, um auch im Einstiegssegment weiterhin ein optimales Preisleistungsverhätnis bieten zu können.

Auch Sea Sonic reagiert auf die Ergebnisse im Überlast-Test und wird die nächste Version des S12II-350 Bronze mit dem Überstromschutz OCP ausstatten.

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