Kurznachrichtendienst: Schäden durch Telegram-Sperre größer als gedacht

Michael Schäfer 110 Kommentare
Kurznachrichtendienst: Schäden durch Telegram-Sperre größer als gedacht

Auch zwei Wochen nach der Sperrung von Telegram bleibt der Kurznachrichtendienst in Russland ein Thema: Die Blockierung zahlreicher IP-Adressen zeigt nach wie vor keine Wirkung, dafür leiden zahlreiche andere Unternehmen unter dem Beschluss der Medienaufsicht Roskomnadzor. Experten fordern nun ein Ende der sinnlosen Aktionen.

Sperre besitzt kaum Auswirkungen

So schafft es Telegram nach wie vor erfolgreich, die verordneten Sperrungen zu umgehen und die Erreichbarkeit des Dienstes stabil zu halten. Dies bestätigte auch Kreml-Sprecher Dimitri Peskow gegenüber der Moscow Times: „Bei mir funktioniert es und mehr gibt es dazu nicht zu sagen‟.

Amazon und Google erst der Anfang

Die Folgen der bisher kaum von Erfolg gekrönten Maßnahme können schon nicht mehr als Kollateralschäden bezeichnet werden, mittlerweile sollen hunderte von Unternehmen ebenfalls betroffen sein. Erst vor zehn Tagen wurde bekannt, dass alleine über 800.000 von Amazon für seine Cloud-Dienste gemietete IP-Adressen nicht mehr erreichbar waren, ebenso war Google betroffen. Auch mit Zahlungssystemen soll es in Russland nach den Sperrversuchen Probleme gegeben haben.

Großer Schaden für Russische Wirtschaft

Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Schäden bei anhaltenden Sperrungen in einigen Monaten die Grenze von einer Milliarde US-Dollar übersteigen könnten, denn in der Zwischenzeit haben die Aktionen von Roskomnadzor auch Auswirkungen auf die russische Wirtschaft, welche neben den beschriebenen Ausfällen bei Cloud- und Zahlungsdiensten auch Probleme mit Geo-Lokalisierungen, KI-Systemen, mobilen Applikationen oder großflächigen Support-Diensten kompensieren muss – gleiches gilt für E-Mail-Dienste wie Gmail. Andere Plattformen sind dagegen eher indirekt betroffen: So ist auch der Video-Dienst YouTube nur noch schwer zu erreichen, womit Google und viele Content-Anbieter weniger Werbeeinnahmen durch ausbleibende Nutzer generieren. Daher haben Experten die Einstellung der in ihren Augen sinnlosen Aktion gefordert.

Schuld sind die anderen

Die russische Medienaufsicht versucht stattdessen den schwarzen Peter der anderen Seite zuzuschieben: Ihrer Meinung nach sind die flächendeckenden Ausfälle auf die fehlende Kooperation seitens Amazon zurückzuführen. So sollen Gespräche mit dem Cloud-Anbieter über eine Zusammenarbeit nicht zum gewünschten Erfolg geführt haben. Anders bei Google, hier soll die Kontaktaufnahme sehr konstruktiv verlaufen sein.

Konflikt schwillt seit langem an

Dem jetzigen Verlauf der Angelegenheit ging ein langer Rechtsstreit voraus, bei dem Telegram beschuldigt wurde, durch die genutzte verschlüsselte Kommunikation den Terrorismus zu unterstützen: So soll der Messenger eine zentrale Rolle bei der Planung des Anschlags auf die Metro in St. Petersburg am 3. April 2017 gespielt haben.

Nach einem verlorenen Berufungsverfahren erhielt der Kurznachrichtendienst 15 Tage Zeit, die nötigen Schlüssel zur Entschlüsselung der Nachrichten an den russischen Geheimdienst FSB (Föderaler Dienst für Sicherheit der Russischen Föderation) auszuhändigen. Da Telegram diese Schlüssel nach eigener Aussage nicht besitzen würde, konnten diese auch nicht übergeben werden. Nach Verstreichen der Frist leitete die Medienaufsichtsbehörde entsprechende Schritte zur Sperrung ein, welche für das jetzige Chaos verantwortlich sind.