Intels Sechs-Kern-NUC im Test: Der NUC im Alltag

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Volker Rißka 110 Kommentare

Bei der Alltagsbetrachtung zieht ComputerBase die größten Parallelen zu aktuellen Notebooks. Denn im Grunde genommen ist der NUC ja quasi ein Notebook ohne Bildschirm. In Büros lässt er sich hinter einen Monitor hängen – dank optionaler VESA-Halterung ist das kein Problem. Im Vergleich zu anderen mobilen CPUs für Notebooks lässt sich am Ende am besten die Leistung einordnen, da von Notebooks entsprechend viele aktuelle Werte vorliegen, einschließlich Ice Lake und AMD Ryzen.

Das NUC-Flaggschiff NUC10i7FNHAA inklusive 16 GByte RAM, 256-GByte-SSD und 1-TByte-HDD kostet stattliche 935 US-Dollar (UVP). Dieser PC soll als Komplettpaket überzeugen und will in erster Linie mit seiner Prozessorleistung beeindrucken. Die offiziellen 25 Watt TDP klingen nach extrem viel, doch auch aktuelle Notebooks weichen oftmals von den vor ein paar Jahren in der U-Serie noch streng gesetzten 15 Watt TDP unter Dauerlast ab.

Verbaut ist im teuersten Modell der NUC10-Flotte eine M.2-Lösung mit 256 GByte von Kingston, die aber nur mit zwei PCIe-Lanes angesprochen wird. Die 1 TByte fassende Festplatte arbeitet mit 5.400 U/min und kommt von Seagate. Der mit 16 GByte großzügig vorhandene Arbeitsspeicher stammt erneut von Kingston als einem der größten OEM/ODM-Zulieferer, er arbeitet mit DDR4-2666 bei Timings von CL19-19-19-43-2T im Dual-Channel-Modus.

Intels vorinstalliertes Treiber-Tool kümmert sich unter Windows 10 um die Aktualisierung in Form neuer Treiber und erwischt dabei fast alle Elemente. Nur „fast“, denn ausgerechnet das BIOS-Update mit den aktuellen Microcode-Patches für die CPU inklusive der Schließung der letzten Sicherheitslücken wird nicht automatisch mitinstalliert. Dies ist aber ebenfalls problemlos umsetzbar, eine ausführbare *.exe-Datei startet den Vorgang unter Windows 10 und setzt ihn dann nach einem Neustart direkt in der Boot-Umgebung fort. ComputerBase hat das System mit allen verfügbaren Updates getestet.

HDD und Lüfter sind laute Schwachstellen

Im Alltagseinsatz macht das System einen sehr ausgewogenen Eindruck, wenngleich der Formfaktor seine Nachteile hat. Sehr gut gefällt allerdings erst einmal, dass der Lüfter sich unter Windows 10 im Leerlauf bei unter 6 Watt Leistungsaufnahme fast vollständig abschaltet und so unhörbar ist.

Was im konkreten Fall des Testmusters dann noch stört, ist ein Relikt aus vergangener Zeit: die HDD. Diese übertönt bei leichten Anfragen an den PC schnell den Lüfter und markiert an anderer Stelle das schwächste Element im PC. Natürlich ist die HDD immer noch das günstigste Datengrab, doch rund 400 Euro Preisunterschied nur für RAM, SSD und HDD inklusive Windows 10 kann ein Kunde, der sich die Basisversion als Barebone kauft, möglicherweise sinnvoller investieren. Eine schnelle, 1 TByte fassende M.2-SSD gibt es für 170 Euro, 16 GByte SO-DIMM kosten kaum 70 Euro – da bleibt immer noch ausreichend Geld übrig, das dann dauerhaft leisere Basismodell nach Wunsch anzupassen.

Die Leistung der Laufwerke

ComputerBase wirft an der Stelle einen Blick auf die im teuersten NUC verbauten beiden Massenspeicher. Obwohl die 256-GByte-SSD vom NUC theoretisch über vier PCIe-Lanes angesprochen werden kann, hat sich Intel für ein günstiges Kingston-Modell entschieden, das nur zwei Lanes nutzt. Entsprechend fallen die Ergebnisse aus: 1.600 MB/s im Lesen und 900 MB/s im Schreiben kann die SSD bereitstellen.

Die SATA-Festplatte von Seagate ist mit 5.400 U/min im 2,5-Zoll-Format kein Rennpferd. Sie ist als Datengrab gedacht, mehr darf hier auch nicht erwartet werden. Die Ergebnisse entsprechen den Erwartungen an eine Fesstplatte für 40 bis 50 Euro Kaufpreis. Der gleiche Preis gilt auch für die SSD, eine große Auswahl an 256-GByte-Lösungen im M.2-Format selbst mit vier Lanes gibt es für unter 50 Euro.

Unter Volllast wird es schnell, heiß und laut

Wird der kleine PC richtig gefordert, wird er hörbar – nun maßgeblich durch den Lüfter. Je nach Position des Mini-PCs auf dem Schreibtisch kann der dann nerven. Empfehlenswert ist eine Position leicht versetzt oder per VESA-Halterung hinter dem Display.

Moderne Anwendungen mit Bedarf an vielen Kernen und Threads steuert Intels CPU automatisch mit passendem Takt an: Der Turbo-Modus kommt wie von Intel spezifiziert zum Einsatz. Das bedeutet, er darf für wenige Sekunden die TDP überschreiten, geht dann aber wieder zurück in die Nähe des Ausgangswerts. So liegt die Peak-Power der CPU beim Start einer Anwendung in den ersten Sekunden bei 62 von durch das BIOS festgelegten maximalen 64 Watt, nach kurzer Zeit wird das System aber auf 30 Watt eingebremst. Das ist immer noch mehr als die offizielle TDP-Obergrenze (configUP TDP bei 25 Watt), aber nicht zu viel für das kompakte System. Statt 96 Grad innerhalb der ersten Sekunden werden die Kerne mit dauerhaften 80 Grad unter Volllast weniger warm, der Lüfter arbeitet auch noch einen kleinen Tick langsamer – und leiser.

Viele Lüfterprofile – aber nur im BIOS

Die Lüftersteuerung im BIOS (F2 beim Start) lässt den Nutzer aus verschiedenen Profilen wählen. Inbegriffen ist dort sogar eine Fanless-Variante, also der Betrieb komplett ohne aktive Kühlung. Diese sollte aber nur in Betracht gezogen werden, wenn das Mainboard in einem alternativen Gehäuse genutzt wird und eine entsprechend voluminöse passive Kühllösung vorliegt. Leider lässt sich die Lüftersteuerung nicht unter Windows anpassen, eine Software für diesen Zweck gibt es von Intel nicht. Eine vergebene Chance.

Szenario Windows Leerlauf Teillast (1 Kern) Volllast (alle Kerne)
Lautstärke < 30 dB 39 dB 42 -> 39* dB
Leistungsaufnahme (Steckdose) 6,5 Watt 39 Watt 102 -> 60* Watt
Lautstärke-Messungen orthogonal zur Oberfläche, 40 cm Abstand von vorn
* Zu Beginn Turbo-Modus, danach dauerhaft im Power-Limit

Das Gesamtsystem zieht unter Umständen über 100 Watt aus der Wand, während die Regel unter Vollast 40 bis 60 Watt sind. Dies erklärt aber das große Netzteil, das 19 Volt bei 6,32 Ampere und somit letztlich insgesamt bis zu 120 Watt bereitstellen kann.

Benchmarks in Anwendungen und Spielen

Ein Sechs-Kern-NUC ist mehr als eine kleine Netflix-Streaming-Plattform. Natürlich kann Comet Lake mit der integrierten UHD-630-Grafikeinheit auch das problemlos, wie der Check mit Amazon Prime Video zeigt: Fünf bis sechs Prozent Auslastung der CPU und 14 Watt Leistungsaufnahme für den kompletten NUC sorgen für eine relativ geräuscharme, aber nicht geräuschlose 1080p-Wiedergabe.

Mit sechs Kernen ist die größte Variante aber auch größeren Aufgaben gewachsen, wobei es vor allem beim Vergleich schwierig wird. Denn neben der CPU selbst entscheidet im „mobilen“ Segment respektive den CPU-Klassen mit weniger als 65 Watt TDP in der Regel maßgeblich die von Intel oder dem OEM maximal dauerhaft freigegebene Verlustleistung. Der Core i7-10710U bietet ab Werk eine TDP von 15 Watt, offiziell dürfen es maximal 25 Watt sein – Intel nutzt im NUC10, wahrscheinlich weil man das System komplett unter eigener Kontrolle hat, sogar 30 Watt.

Vergleiche zu Notebook-CPUs in gleicher und ähnlicher TDP-Klasse

Die nachfolgende Tabelle gibt Auskunft darüber, mit welcher kurz- und langfristigen maximalen Verlustleistung die CPUs in den nachfolgenden Tabellen und Diagrammen getestet wurden. 30 Watt, die die CPU im NUC10 bietet, hat keiner der Kontrahenten vorzuweisen.

CPU Modus Verlauf CPU-Package-Power
kurzfristig langfristig
Intel NUC10i7FNH i7-10710U Standard 65 Watt 30 Watt
Yoga C940 i7-1065G7 Leistung 35 Watt 25 Watt
Yoga C940 i7-1065G7 Leise 25 Watt 9 Watt
Yoga C640 i7-10510U Leistung 35 Watt 20 Watt
Yoga C640 i7-10510U Leise 25 Watt 15 Watt
IdeaPad S540 R7 3700U Leistung Auslesen nicht möglich
IdeaPad S540 R7 3700U Leise Auslesen nicht möglich

Gleich zu Beginn kann allerdings positiv festgehalten werden, dass die Kühlung ausreichend stark ausgelegt wurde, um bei 30 Watt dauerhaft denselben Takt zur Verfügung zu stellen: Nur der erste Lauf im Cinebench R15 ist schneller als die restlichen, weil dort zu Beginn noch 65 Watt anliegen, danach bleibt die Leistung immer gleich.

Ein Blick auf die Taktraten unter Dauerlast in Blender Benchmark zeigt, dass sie dank 30 Watt sogar höher als bei den anderen zuletzt getesteten mobilen CPUs von Intel und AMD liegen, obwohl der Prozessor zwei Kerne mehr zu bieten hat.

Bei Anwendungen zeigt der NUC auf dieser Basis ein starkes Bild. Die hohe TDP-Einstufung und Fortschritte in der 14-nm-Fertigung sorgen sogar dafür, dass selbst ein Core i7-8750H mit einer TDP von dauerhaft 35 Watt (im Razer Blade 15 von 2018) und ebenfalls sechs Kernen teils deutlich geschlagen wird.

Wie üblich nichts zum Spielen ist die integrierte Intel-Grafik, das zeigt schon der kleine Test via 3DMark. UHD 630 reicht für Windows und Co, doch selbst für Casual-Spiele, wie die aktuellen Benchmarks mit Fortnite und Benchmarks mit Apex Legends sowie Rainbow Six: Siege zeigen, ist sie nicht zu gebrauchen.

Vergleich zum Desktop-Prozessor

Mit sechs Kernen und zwölf Threads bei dauerhaft 30 Watt ist der Mini-PC eine klare Alternative zu herkömmlichen Desktop-Lösungen. Ein Vergleich der Leistungsfähigkeit mit einem klassischen Desktop-Prozessor sei an der Stelle deshalb ebenfalls gegeben. Die Ergebnisse entstammen vollständig aus dem CPU-Testpark, wie er seit Sommer 2019 genutzt wird und auf dem auch die CPU-Rangliste basiert.

Die Single-Thread-Leistung des Intel Core i7-10710U entspricht im NUC dabei dem schnellen Intel Core i7-9700, multi-threaded kommt das Modell auf das Niveau eines Core i5-9400 respektive des alten Flaggschiffs Core i7-7700K. Das ist für einen Mini-PC in der TDP-Klasse eine mehr als ordentliche Leistung.

Alternatives Betriebssystem problemlos möglich

Wie in jeder Generation NUC ist auch der Einsatz in einer produktiven Umgebung ohne Windows problemlos möglich. Linux-Distributionen kennen selbst neueste Hardware Monate im Voraus und unterstützen diese. Da die Skylake-Architektur seit vielen Jahren in der Basis identisch ist, wird jedes Hardware-Feature inklusive des Decodierens von H.265-Medien und VP9 durch die integrierte Grafik voll unterstützt.

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