AMC vs. Universal: Einigung bringt Kinofilme schneller ins Streaming

Michael Schäfer 120 Kommentare
AMC vs. Universal: Einigung bringt Kinofilme schneller ins Streaming
Bild: igorovsyannykov | CC0 1.0

Die weltgrößte Kinokette AMC, zu denen hierzulande die UCI-Lichtspielhäuser gehören, und das Filmstudio Universal haben ihren Streit bezüglich der Fristen, ab wann ein Film außerhalb der Kinos gezeigt werden darf, beigelegt. Der bisher branchenübliche Standard von 75 beziehungsweise 90 Tagen wird dabei auf 17 Tage reduziert.

Ausgangspunkt der Auseinandersetzung war der Film „Trolls World Tour“ („Trolls 2 - Trolls World Tour“ in Deutschland), welcher am 10. April 2020 in den USA Premiere feierte. Zum Start in Deutschland am 23. April 2020 bot Universal den Film am gleichen Tag weltweit für 19,99 US-Dollar im Stream an, nach der Zahlung ließ sich der Film für 48 Stunden über die jeweilige Plattform abspielen. Adam Aron, CEO von AMC, bezeichnete die Pläne von Universal zum damaligen Zeitpunkt als völlig inakzeptabel und kündigte einen Boykott aller Studios an, welche ähnliche Ziele verfolgen würden.

Gute Umsätze auch ohne Kino

Mit dem Animationsfilm hatte das Studio dennoch innerhalb der ersten drei Wochen 77 Millionen US-Dollar eingenommen. Dies rührt auch daher, weil das Studio 80 Prozent der Leihgebühren für den Stream statt der normal üblichen rund 50 Prozent vom Preis der Kinotickets behalten konnte. Um den gleichen Erlös zu erzielen, hätten daher deutlich mehr Zuschauer die Kinos besuchen müssen, als der Film ausgeliehen wurde.

Kinos ohne Druckmittel

Aufgrund der aktuellen Corona-Ereignisse hat sich die Verhandlungsposition der Kinobetreiber deutlich verschlechtert. Nachdem bereits Mitte April hierzulande den Lichtspielhäusern untersagt wurde zu öffnen, setzt dieser Effekt seit einigen Wochen auch in den USA ein. Dadurch haben die dortigen Kinos massive wirtschaftliche Einbußen zu verzeichnen. Hätte vor rund einem Jahr ein Boykott der großen Ketten für ebenfalls spürbare Umsatzrückgänge bei den Studios gesorgt, geht es aktuell für viele Häuser fast nur noch um das blanke Überleben.

Die andere Seite besetzt mit der Möglichkeit, die Filme direkt zu den Zuschauern bringen zu können, eine deutlich komfortablere Position, mit der sich zumindest ein Teil der Einnahmen sichern lässt. Hinzu kommen finanzielle Probleme, mit welchen AMC aufgrund von teuren Renovierungen seiner Spielstätten und der Übernahme von Konkurrenten bereits vor der Pandemie und der damit verbundenen Schließung der Standorte für vier Monate zu kämpfen hatte. Eine Neuverhandlung der Schulden mit den Gläubigern konnte AMC nur knapp vor dem Konkurs bewahren, wie das Branchenmagazin Variety schreibt.

Langfristige Bindung

Die jetzt geschlossene mehrjährige Übereinkunft dürfte als direktes Resultat des aktuellen Standes der Kinolandschaft gesehen werden. Die eher ungewöhnliche Zahl von 17 Tagen, für welche die Kinos über das Exklusivrecht zur Aufführung verfügen, resultiert aus den ersten drei Wochenenden nach der Filmpremiere. Innerhalb dieser Tage werden vor allem bei Blockbustern für gewöhnlich die meisten Einnahmen verzeichnet. Erst nach Ablauf der Frist darf der Film im Rahmen eines Premium-Angebotes gestreamt werden. Dennoch wird davon ausgegangen, dass die Kinos gerade bei Big-Budget-Produktionen längere Exklusivlaufzeiten erhalten beziehungsweise nachverhandeln können.

Auf der anderen Seite erhält das Studio mit der neuen Regelung die Option, Filme, die möglicherweise wenig Zuschauer in die Kinos ziehen, früher außerhalb zu zeigen. An dem bisherigen Zeitraum von drei Monaten, bis die Filme auf Datenträgern veräußert werden dürfen, soll dagegen nicht gerüttelt worden sein.

Noch keine Einigung für Europa

Die genauen Bedingungen der Übereinkunft, welche zunächst nur für die USA gilt, sollen dagegen geheim bleiben. Über das Vorgehen in Europa soll in den nächsten Wochen beratschlagt werden. Es dürfte jedoch als eher unwahrscheinlich gelten, dass die Bedingungen sich groß von den jetzt geschlossenen unterscheiden werden, da aufgrund der wochenlangen Schließung und dem jetzigen Betrieb mit deutlichen Einschränkungen die Verhandlungsposition der Betreiber nicht besser als derer in den USA ist. Lediglich der Zeitraum dürfte sich auf 18 Tage erhöhen, da Filme hierzulande traditionell donnerstags starten.

Kehrtwendung

Adam Aron schlug in einer Erklärung derweil komplett gegensätzliche Töne an:

AMC nimmt dieses neue Branchenmodell mit Begeisterung an, sowohl weil wir an der Gesamtheit der wirtschaftlichen Aspekte der neuen Struktur beteiligt sind, als auch weil Premium-Video auf Abruf das zusätzliche Potenzial für eine höhere Rentabilität der Filmstudios sorgt, was wiederum zu mehr Kinofilmen mit grünem Licht führen dürfte.

Adam Aron, CEO von AMC

Sich verändernde Kinolandschaft

Mit der jetzt getroffenen Einigung dürfte es nur eine Frage der Zeit sein, bis auch andere Studios mit den Kinoketten verhandeln werden. Damit dürfte sich die Kinolandschaft nicht nur in den USA nachhaltig verändern. Bereits Streaming-Dienste wie Netflix oder Amazon Prime Video haben gezeigt, dass auch sie hochwertige Großproduktionen stemmen können, welche qualitativ durchaus mit Kinofilmen mithalten können. Die hohe Schlagzahl sorgt aber auch für Probleme: So kommen die Synchronstudios in Deutschland mit ihrer Arbeit kaum nach und verfügen dadurch über weniger Zeit. Dies wirkt sich zum einen nicht selten auf die Qualität der Synchronisation aus, zudem können Schauspieler oftmals nicht mit ihren in Deutschland gewohnten Stimmen besetzt werden. Das Kino erhält hier eine deutlich längere Vorlaufzeit.