Sony Xperia 1 II im Test: Die Alpha und CineAlta für die Hosentasche

Nicolas La Rocco 202 Kommentare
Sony Xperia 1 II im Test: Die Alpha und CineAlta für die Hosentasche

tl;dr: Mit seinem kantigen Design, dem flachen Display und einer Kopfhörerbuchse schwimmt das Sony Xperia 1 II gegen den Strom. Highlight ist das Kamerasystem mit seinen zwei mächtigen Pro-Apps für Foto- und Videoaufnahmen. Bei aller Liebe zu dem Smartphone kann Sony den extremen Preis damit aber nur zum Teil rechtfertigen.

Steht der Kauf eines neuen High-End-Smartphones an, fallen schnell Namen wie Apple, Huawei oder Samsung. Über die letzten Monate werden zudem verstärkt Marken wie OnePlus und Oppo oder Xiaomi genannt. Das japanische Traditionsunternehmen Sony war ebenfalls einmal Teil dieser Riege, hat auf dem Smartphone-Markt aber nicht mehr die Präsenz, die mit früheren Xperia-Smartphones wie den ersten Z-Modellen manifestiert und über die letzten Jahre an genannte Konkurrenz abgegeben wurde. Dennoch gibt es auch bei Sony nach wie vor im üblichen Jahresturnus ein Upgrade des gesamten Portfolios.

Dazu zählt mit dem Xperia 1 II (Mark 2) der Nachfolger des letztjährigen Xperia 1 (Test). Sony hatte die zweite Generation des Flaggschiffs, die sich bei der Namensgebung an den Alpha-Kameras aus selbem Haus orientiert, bereits Ende Februar zum (abgesagten) Mobile World Congress vorgestellt. Vorbestellt werden kann das Smartphone aber erst seit Ende Mai – und tatsächlich zu kaufen ist es erst seit wenigen Tagen, wenngleich die Verfügbarkeit bei den ohnehin wenigen Händlern eingeschränkt ist.

Preis und Verfügbarkeit

Im ComputerBase-Preisvergleich listen das Xperia 1 II je nach Farbe nur zwei (Schwarz) oder vier (Violett) Händler – teilweise mit Firmensitz im Ausland und schlechter Händlerbewertung. Sony selbst bietet das Smartphone mit „Versand ab Juli“ an und nennt Mobilcom Debitel und Otto als Online-Partner für den Verkauf. Bei Mobilcom Debitel ist das Smartphone bereits auf Lager, Otto hingegen kann laut Website ab Mitte August liefern.

Die unverbindliche Preisempfehlung des Xperia 1 II liegt bei 1.199 Euro. An Selbstbewusstsein bei der Preisgestaltung hat Sony somit selbst im Angesicht des schwindenden Marktanteils nichts eingebüßt. Den Produktentwicklern hat das Unternehmen anscheinend freie Hand gegeben – koste es, was es wolle.

Technische Daten im Überblick

Sony Xperia 1 II
Sony Xperia 1
Software:
(bei Erscheinen)
Android 10.0 Android 9.0
Display: 6,50 Zoll
1.644 × 3.840, 643 ppi
POLED, HDR, Gorilla Glass 6
Bedienung: Touch, Fingerabdrucksensor, Status-LED Touch, Fingerabdrucksensor
SoC: Qualcomm Snapdragon 865
1 × Kryo 585 Gold, 2,84 GHz
3 × Kryo 585 Gold, 2,42 GHz
4 × Kryo 585 Silver, 1,80 GHz
7 nm, 64-Bit
Qualcomm Snapdragon 855
1 × Kryo 485, 2,84 GHz
3 × Kryo 485, 2,42 GHz
4 × Kryo 485, 1,80 GHz
7 nm, 64-Bit
GPU: Adreno 650
587 MHz
Adreno 640
585 MHz
RAM: 8.192 MB
LPDDR5
6.144 MB
LPDDR4X
Speicher: 256 GB (erweiterbar) 128 GB (erweiterbar)
1. Kamera: 12,0 MP, 2160p
LED, f/1,7, AF, OIS
12,0 MP, 2160p
LED, f/1,6, AF, OIS
2. Kamera: 12,0 MP, f/2,4, AF, OIS
3. Kamera: 12,0 MP, f/2,2, AF 12,0 MP, f/2,4, AF
4. Kamera: Nein
5. Kamera: Nein
1. Frontkamera: 8,0 MP, 1080p
Display-Blitz, f/2,0
2. Frontkamera: Nein
GSM: GPRS + EDGE
UMTS: HSPA+
↓42,2 ↑5,76 Mbit/s
LTE: Advanced Pro Advanced Pro
↓1.200 ↑150 Mbit/s
5G: NSA Nein
WLAN: 802.11 a/b/g/n/ac/ax
Wi-Fi Direct, Miracast
802.11 a/b/g/n/ac
Wi-Fi Direct, Miracast
Bluetooth: 5.1 5.0 LE
Ortung: A-GPS, GLONASS, BeiDou, Galileo, QZSS A-GPS, GLONASS, BeiDou, Galileo
Weitere Standards: USB 3.1 Typ C, NFC
SIM-Karte: Nano-SIM
Nano-SIM
Variante
Nano-SIM, Dual-SIM
Akku: 4.000 mAh
fest verbaut, kabelloses Laden
3.330 mAh
fest verbaut
Größe (B×H×T): 72,0 × 166,0 × 7,90 mm 72,0 × 167,0 × 8,20 mm
Schutzart: IP68
Gewicht: 181 g 178 g
Preis: ab 1.117 € 949 € / ab 983 €

Aus dem Stand gute Ergonomie

Das Xperia 1 II ist ein Sony-Smartphone, wie man es zu früheren Zeiten blind erfühlen konnte. Weg sind die Rundungen des letzten Jahres, für den neuen Sommer ist Sony eine Transformation durchlaufen, die das kantige Design früherer Modelle zurückbringt. Damit ist es nun wieder möglich, das Smartphone mit etwas Fingerspitzengefühl aufrecht hinzustellen. Das funktioniert wunderbar mit drei von vier Seiten – nur auf die rechte Seite, die alle Tasten unterbringt, lässt sich das Xperia 1 II nicht stellen.

Fingerabdrucksensor im Rahmen

Von oben nach unten aufgezählt bietet das Xperia 1 II eine Lautstärkewippe, eine Power-Taste mit integriertem Fingerabdrucksensor und einen dedizierten, zweistufigen Auslöser mit Fokus für die Kamera. Das sind eben die kleinen Besonderheiten, die auch 2020 ein Sony-Smartphone ausmachen und für manchen Kunden kaufentscheidend sind. Beim Xperia 1 hatte der Hersteller den Fingerabdrucksensor noch neben die Power-Taste ausgelagert, was bei der Stammkundschaft nicht besonders gut ankam. Über den Auslöser lässt sich die Kamera-App im gesperrten Zustand starten, dann allerdings (gewollt) ohne Zugriff auf die Galerie und andere Funktionen des Smartphones.

Typisch Sony ist die linke Seite mit dem Schubfach für SIM- und microSD-Karte gestaltet worden. Mit „typisch“ ist der werkzeuglose Zugriff auf das Fach gemeint. Mit dem Fingernagel lässt sich die kleine Schublade aus dem Smartphone ziehen, was diesmal sogar ohne Neustart gelingt. Bisher schalteten sich Sony-Smartphones beim Öffnen des Fachs jedes Mal aus. Beim Blick in die Schublade wird aufgrund der Dichtgummis ersichtlich, dass Sony erneut eine Zertifizierung nach IP68 gegen das Eindringen von Staub und Wasser bietet. Nicht nur bei einem Fauxpas, sondern gerade in Coronazeiten ist das praktisch, da sich das Smartphone so einfach zwischendurch abwaschen lässt.

Endlich keine Rundungen mehr

Die Verarbeitung des schwarzen Testgerätes fällt einwandfrei aus, an der Haptik gibt es ebenso nichts auszusetzen, wenngleich das Xperia 1 II nicht gerade klein ist. Das kantige und eher in die Länge statt Breite gezogene Design ermöglicht aber einen sicheren Griff um das Smartphone. Sony bläst damit frischen Wind durch einen Wald rundgelutschter Smartphones. Wird das Modell in der linken Hand gehalten, erreicht der Zeigefinger den Fingerabdrucksensor, mit der rechten Hand ist es der Daumen. In puncto Ergonomie sind aber selbst diesem Design Grenzen gesteckt, da sich nur die unteren zwei Drittel des Displays mit der haltenden Hand erreichen lassen.

Display im Kinoformat

In dem 72,0 × 166,0 × 7,90 mm (B × H × T) großen und 181 g schweren Gehäuse aus Glas und Aluminium bringt Sony erneut das mit dem Xperia 1 eingeführte 6,5-Zoll-OLED-Display unter, das erfreulicherweise auf Spielereien wie gekrümmte Bildschirmränder verzichtet. Die gesamte Front schützt Gorilla Glass 6 von Corning. Das plane Display hat erneut das 21:9-Kinoformat und bietet eine sehr hohe Auflösung von 1.644 × 3.840 Pixeln, die es ermöglicht, 4K-Inhalte nativ darzustellen, sofern diese ebenfalls das 21:9-Format nutzen. Videos mit mehr Pixeln in der Höhe müssen gestaucht werden und verlieren dadurch ohne Zoom auch in der Breite an Bildpunkten.

Keine Notch und nach vorne gerichtete Lautsprecher

Eine Besonderheit des Displays ist das Weglassen eines Merkmals, das bei anderen Herstellern kaum mehr wegzudenken ist: die Notch. Beim Xperia 1 II ragen keinerlei andere Bauteile in den Bildschirm und stören das Sehvergnügen. Stattdessen fällt der Rahmen im oberen Bereich etwas breiter aus, damit Sony dort die Frontkamera mit 8 Megapixeln, verschiedene Sensoren etwa für die automatische Helligkeitsregulierung und den Lautsprecher zum Telefonieren unterbringen kann. Beim Abspielen von Musik und Videos bildet der obere Lautsprecher den Gegenpol zum unteren für die Stereo-Wiedergabe. Bei Sony sitzen die beiden gut klingenden Lautsprecher nach vorne gerichtet im Smartphone und nicht einer unten im Rahmen. So kann es kaum noch dazu kommen, dass ein Lautsprecher aus Versehen mit der Hand abgedeckt wird.

OLED hinkt der Konkurrenz hinterher

In Sachen Darstellungsqualität punktet das OLED-Display mit einer sehr scharfen, besonders kontrastreichen und selbst aus spitzen Blickwinkeln guten Darstellung. Problematisch oder zumindest trickreich wird es bei der Bewertung der maximalen Display-Helligkeit und der Farbabstimmung des Panels. Die Vermarktung mit dem Namen POLED („Plastic OLED“) lässt auf LG als Zulieferer des Panels schließen, da Samsung den Namen AMOLED verwendet. Außerdem will Sony eine Darstellungsqualität auf dem Niveau der eigenen Fernseher liefern, die bekanntlich Panels von LG nutzen. Letztgenanntes Unternehmen ist derzeit der einzige Anbieter, der OLED-Panels im großen Format für Fernseher und (vergleichsweise) kleine Smartphones produziert.

Das Xperia 1 II wird ab Werk mit dem Bildmodus „Standard“ ausgeliefert, mit dem Anwender „brillante Farben, indem die ursprüngliche Farbskala um hellere und lebendigere Farbeffekte erweitert wird“, erhalten sollen. In der Praxis steht dieser Modus allerdings für eine verfälschte Darstellung abseits jeglicher Standards, die vor allem mit satteren Farben daherkommt und einen stark verfälschten Weißpunkt mit viel zu hohem Blauanteil aufweist. Das ist die typische OLED-Darstellung von vor ein paar Jahren, als OLED noch neu war und die mittlerweile selbst Samsung abgelegt hat.

Das iPhone 11 Pro leuchtet 50 Prozent heller

In diesem Modus muss für das Ermitteln der Maximalhelligkeit zwischen manueller und automatischer Regulierung sowie jeweils dem genutzten Weißanteil (APL, „Average Picture Level“) unterschieden werden. Wer die manuelle Regulierung nutzt, kommt nicht über enttäuschende 338 cd/m² hinaus. Kurioserweise ist das Xperia 1 II das erste Smartphone, das bei kleinerem APL noch etwas dunkler wird. In jedem Fall ist der Weißpunkt mit 8.600 Kelvin katastrophal voreingestellt. Besser in puncto Helligkeit sieht es im Automatikmodus aus: 539 cd/m² attestiert das Messgerät dem Panel. Wird der Weißanteil auf maximal 10 Prozent reduziert, sind bis zu 572 cd/m² möglich.

Die Luxus-Smartphones von Apple, OnePlus und Samsung schaffen unter gleichen Testbedingungen allerdings 750 cd/m² und mehr, das iPhone 11 Pro Max sogar knapp 800 cd/m². Wer 1.200 Euro für ein Smartphone aufruft, muss beim Display das aktuell beste am Markt liefern können und das kann Sony zumindest im Standardmodus nicht. Es gibt aber eine Option, um in mehreren Punkten mehr aus dem Panel zu kitzeln.

Creator-Modus sollte Standard sein

Der zweite Bildmodus ist der „Creator-Modus“, mit dem Anwender „eine originalgetreue Reproduktion der vom Filmemacher beabsichtigten Vision mithilfe eines 4K-Displays und einer speziell entwickelten Bildverarbeitung, die mit der BT.2020-Farbskala und der 10-Bit-Farbe der HDR-Spezifikationen kompatibel ist, erstellen können“. Der Modus ist von Sonys CineAlta-Gruppe der professionellen Kinokameras entwickelt worden.

Bildmodi des Displays im Vergleich
Bildmodi des Displays im Vergleich

Im Creator-Modus liefert das Xperia 1 II eine viel bessere Farbdarstellung, wenngleich der Weißpunkt mit 7.700 Kelvin noch immer nicht in Bereichen von etwa DCI-P3 angekommen ist. Dennoch wirkt die gesamte Darstellung um ein Vielfaches natürlicher, sodass es keinen Grund gibt, diesen Modus nicht dauerhaft zu nutzen. Darüber hinaus darf das Display nur im Creator-Modus eine Stufe heller leuchten und das zudem unabhängig von der manuellen oder automatischen Helligkeitsregulierung. Wer den Creator-Modus nutzt, kann mit dem Schieberegler der Helligkeit immer das Maximum aus dem Panel holen. 589 cd/m² bei 100 Prozent APL und bis zu 637 cd/m² bei 10 Prozent APL sind der Konkurrenz von Apple, Huawei und OnePlus zwar noch immer nicht ebenbürtig, aber ein klarer Schritt nach vorne gegenüber den Werkseinstellungen.

Sony bleibt bei 60 Hz

Einen anderen Trend hat Sony hingegen vollständig verschlafen: höhere Bildwiederholfrequenzen von 90 und 120 Hz. Das Xperia 1 II bleibt stur bei 60 Hz und verschenkt damit Potenzial hinsichtlich des gefühlten Geschwindigkeitsniveaus. Die konservative Herangehensweise hat zwar Vorteile bei den Akkulaufzeiten, eine höhere Bildwiederholfrequenz hätte aber zumindest optional angeboten werden können. So hätten sich Kunden aussuchen können, welches Merkmal sie priorisieren möchten.

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