C:\B_retro\Ausgabe_59\: D-VHS brachte HDTV per Bits aufs Band

Sven Bauduin
190 Kommentare
C:\B_retro\Ausgabe_59\: D-VHS brachte HDTV per Bits aufs Band
Bild: Toby Hudson | CC BY-SA 3.0

tl;dr: Schon 1998 und damit noch vor der Blu-ray brachte D-VHS bereits HD-Inhalte wie HDTV und große Datenmengen von bis zu 50 GB digital per Bits auf das klassische Magnetband. Während sich die DVD noch mit einer PAL-Auflösung von 576p zufriedengeben musste, beherrschte D-VHS per MPEG-2 bereits bis zu 1080i.

Jeden Sonntag wirft diese Serie einen unterhaltsamen Blick zurück auf drei Jahrzehnte voller bewegter Geschichten und interessanten Entwicklungen der Computerszene. Mythen, Meilensteine und Meisterwerke: C:\B_retro\.

C:\B_retro\Ausgabe_59\

Digital Video Home System (D-VHS)

Das Digital Video Home System (D-VHS) beherrschte als Nachfolger der Standards VHS und S-VHS bereits im Jahr 1998 hohe Auflösungen von 1.280 × 720 Pixeln (720p) und „interlaced“ 1.920 × 1.080 Pixeln (1080i) sowie mehrere digitale Tonspuren vom Typ Dolby Digital. Zudem speicherte D-VHS bis zu 50 GB Daten auf bis zu 500 Meter langen klassischen Magnetbändern.

C:\B_retro\Ausgabe_59\D-VHS\

Seiner Zeit weit voraus und heute dennoch vollkommen in Vergessenheit geraten, bot D-VHS bereits 1998 Attribute und Spezifikationen, die Anwender bei anderen Formaten wie der DVD seinerzeit vergebens suchten.

Während die DVD im Format DVD-5 auf 4,7 GB sowie im mit zwei Schichten arbeitenden Format DVD-9 auf maximal 8,5 GB begrenzt war, bot D-VHS bereits wahlweise 25, 32, 42 und 50 GB Speicherplatz. Unterschiedliche Aufnahme-Modi und Geschwindigkeiten machten den digitalen und dennoch klassischen Magnetspeicher zudem sehr flexibel.

Spezifikationen

D-VHS wurde von JVC, Hitachi, Matsushita und Philips entwickelt und speicherte Audio- und Videomaterial wahlweise in 720p oder mit Zeilensprungverfahren in 1080i per MPEG-Transportstrom im 1994 eingeführten Standard MPEG-2.

Hierzu kamen die unterschiedlich spezifizierten Magnetbänder zum Einsatz, die zudem mit mehreren Bandgeschwindigkeiten bespielt werden konnten.

Maximale Spieldauer in Minuten
Format Speicherplatz Bandlänge High Speed Low Speed Low Speed 3 Low Speed 5
DF-240 25 GB 250 Meter 120 240 720 1.200
DF-300 32 GB 315 Meter 150 300 900 1.500
DF-420 42 GB 435 Meter 210 420 1.260 2.100
DF-480 50 GB 500 Meter 240 500 1.440 2.400

Somit war es mit D-VHS möglich bis zu 40 Stunden Audio- und Videomaterial auf einem Magnetspeicher zu archivieren, wobei hochauflösende Inhalte mit 1.920 × 1.080 oder 1.280 × 720 Pixeln in der Regel mit mit 28,2 Mbit/s im HS-Format („High Speed“) gespeichert wurden. HD-Inhalte konnten somit bis zu 4 Stunden lang sein.

Selbst PAL-Aufnahmen mit 720 × 576 Pixeln in 576p waren dem Bildmaterial der DVD überlegen, da diese mit durchschnittlich 14,1 Mbit/s vorlagen, während die DVD auf einen Datenstrom von maximal 10,08 Mbit/s und durchschnittlich 5 Mbit/s kam.

Weitere Spezifikationen von D-VHS hat JVC in einer Präsentation (PPT) sowie der Broschüre (PDF) zum JVC HM-30000U D-VHS-Rekorder zusammengefasst, einem der führenden D-VHS-Aufnahmegeräte seiner Zeit.

Die D-VHS-Rekorder kamen aber vor allem in Europa nie aus ihrer Nische heraus, obwohl D-VHS neben dem bereits 1994 eingeführten DV der einzige Standard war, der Anwendern ein digitales Videosystem mit der Möglichkeit Eigenaufnahmen anzufertigen zur Verfügung stellte.

Aber auch die hohen Anschaffungspreise schreckten Privatanwender ab, denn D-VHS-Rekorder kosteten je nach Modelle zwischen 2.500 und 5.000 DM.

Selbst im Jahr 2004, kurz vor dem Ende der D-VHS, kosteten Aufnahme- und Abspielgeräte wie der Marantz MV-8300 (PDF) noch zwischen 1.500 und 2.000 Euro.

Filme auf D-Theater

Um den Absatzzahlen der D-VHS-Rekordern einen Schub zu verleihen und im Kampf gegen die DVD zu stärken, führte ein Konsortium mit JVC an der Spitze im Jahr 2002 die Marke D-Theater ein, unter der insgesamt 166 Filme in 720p und 1080i auf D-VHS-Kassetten vertrieben wurden. Die LaserDisc Database (LDDB) liefert eine entsprechende Übersicht.

Mit einer Auflösung von größtenteils 1.920 × 1.080 Pixeln, hohen Bitraten und mehreren Audiospuren, die zusätzlich zu Dolby Digital auch DTS mit 5.1 unterstützten, wollte das Konsortium mit D-Theater „das ultimative Heimkino-Erlebnis“ bieten und scheiterte nach einem kurzen Hoch in den USA kläglich.

Gegen die DVD konnte sich D-Theater nicht durchsetzen und auch die Blu-ray samt entsprechender Abspielgeräte wurde von der Industrie bereits in Stellung gebracht.

Zu den letzten Unterstützern von D-VHS und D-Theater gehörten neben JVC auch 20th Century Fox, Artisan Entertainment, DreamWorks und Universal Pictures.

Die letzten Filme die unter dem Label D-Theater auf D-VHS erschienen waren 2 Fast 2 Furious und I, Robot im Jahr 2005. Der ebenfalls bereits angekündigte Actionfilm Alien vs. Predator wurde nicht mehr an den Einzelhandel ausgeliefert.

Daraufhin wurde das Format komplett eingestellt und ist heute nur noch für Liebhaber und Sammler von Relevanz.

Filme die unter dem Label D-Theater angeboten wurden, besaßen in der Regel einen Kopierschutz vom Typ DTCP, der das Kopieren der Inhalte über FireWire verhindern sollte. Einige Studios verzichteten aber auf diesen Sicherheitsmechanismus und ermutigten Käufer im Intro der D-VHS dazu Kopien anzufertigen und diese an Freunde und Familie zu verteilen, um so das D-VHS-Format bekannter zu machen.

Zu welcher Qualität D-Theater und die D-VHS in der Lage waren, zeigt eine offizielles Demo aus dem Jahr 2002, die in 1080p mit 60 Bildern pro Sekunde läuft.

Die Website cine4home, die den damaligen Preisbrecher JVC HM-DH30000U im Test hatte, zog seinerzeit folgendes Fazit:

In den Bereichen Bedienungskomfort und Verschleißfreiheit zwar unterlegen, bietet der neue HDTV-D-VHS Standard eine sagenhafte Bildqualität, die von DVD in den nächsten Jahren nicht erreicht werden kann.

cine4home

Auch Area DVD, die mit dem JVC HM-DR10000 einen der ersten D-VHS-Rekorder im Test hatten, kommen zu einem ähnlichen Urteil:

Mit D-VHS wird endlich ein langgehegter Wunsch Realität: Aufnahmen, die sich nicht oder nur kaum vom Quellsignal unterscheiden lassen. Gleich mit dem ersten Modell erreichte JVC dieses Ziel auf Anhieb. Dank der hohen Bitrate ist der D-VHS-Recorder in der Lage, Digital-Aufnahmen zu machen, die sich praktisch nicht mehr vom Original unterscheiden lassen.

Area DVD

Dennoch sind die D-VHS und D-Theater heute weitestgehend aus dem kollektiven Gedächtnis der Anwender verschwunden und beinahe in Vergessenheit geraten. Die Liebhaber und Sammler solcher „Relikte“ zahlen für gebrauchte D-VHS-Rekorder aber je nach Modell nach wie vor Preise von 750 bis 2.000 Euro.

C:\B_retro\Community_Notes\

Hinweise und Ergänzungen aus der Community

In den Community-Notes kommen die Community-Mitglieder aus dem ComputerBase-Forum mit ihren Empfehlungen und Ergänzungen zu Wort.

Community-Mitglied „brubbelmichi“ hat ein Video des YouTube-Kanals „Techmoan“ geteilt, welches sich unter dem Titel „When HD Movies came on VHS“ mit dem Thema D-VHS beschäftigt.

C:\B_retro\Feedback\

Feedback ist jederzeit willkommen

Die Redaktion freut sich über konstruktive Kritik, Lob, aber auch Vorschläge, um die Serie zukünftig noch stärker an den Wünschen der Leserschaft ausrichten zu können. Mit diesem Lesestoff im Gepäck wünscht die Redaktion einen erholsamen Sonntag und einen schönen 2. Advent.

C:\B_retro\Review\

Die letzten fünf Ausgaben in der Übersicht

An dieser Stelle finden sich die letzten fünf Themen der vorangegangenen Ausgaben von C:\B_retro\:

Noch mehr Inhalte dieser Art und viele weitere Berichte und Anekdoten finden sich in der Retro-Ecke im Forum von ComputerBase als auch in den Themenbereichen C:\B_retro\ und Retro.