@mospider:
Zunächst zu dem TV-Total-Ausschnitt. Ja der Typ ist witzig, er hat aber auch ein ganz bestimmtes Thema - Humor. Und Humor, das sollten wir doch alle wissen, Humor ist auch, wenn man trotzdem lacht.
Find ich aber mal komisch, dass du den Witz garnicht kennst ... ich schreibe ihn hier lieber nicht rein ... denn das wäre wohl ein Fall fürs Aquarium.
Niemandem ist klarer, dass auch lesbische, alte Rollstuhlfahrerinnen aus Afrika einfach mal total üble Unmenschen sein können ... aber ich tüte nicht gleich alle Lesben, Alte, Afrikaner UND Rollstuhlfahrer deswegen so ein, weil mir EINE (oder zwei, drei) irgendwie fies aufgefallen ist.
Die nächste kann ja total anders zu sein.
Ich würde auch nicht wollen, dass "Deutsch" an Fernsehbildern vom Oktoberfest definiert wird ... das gleiche in Grün.
Ich begegne erstmal einem Menschen, und versuche möglichst wenig in meiner Begegnung mit diesen Menschen dadurch lenken zu lassen, was ich für komische "gerüchte" über "solche menschen" gehört habe.
Natürlich ist es auch rassistisch, Deutsche als pünktlich zu bezechnen, denn eine ganze Menge deutsche haben das einfach nicht verdient (denn die sind definitiv NICHT pünktlich).
Genauso sagt auch der Umstand, dass über 20% der Sachsen AfD gewählt haben nicht sicher aus, dass "man" in Sachsen eben rechts denkt ... genau DESWEGEN kann man Sachsen ja auch satirisch gegen Rechte einsetzen ... auf viele Sachsen trifft das nicht zu, denn die sind nicht rechts ... mir ist klar, dass ich da ein Vorurteil bediene, wenn ich Sachsen zur NoGo-Area für Linke erkläre ... ich fühle mich in Sachsen allerdings nicht sicher - und ich bin links.
Es ist trotzdem immer wieder interessant, wie auf dieses "Dunkeldeutschland" gerede reagiert wird, gerade von denen, die ansonsten mit Vorurteilen um sich werfen, als wäre es geschnitten Brot, das jeder braucht und haben will.
Ich komme aus einer Gegend, in der den Leuten ein grundsätzlicher Geiz vorgeworfen wird (den Kupferdraht sollen wir durch Pfennigdreherei erfunden haben, und die Schotten sind angeblich wegen "Verschwendungssucht" ausgewiesene Exil-Lipper) ... mehr als müdes Lachen erntet man mit sowas hier nicht mehr, denn der Hut ist echt alt.
Ich kann darüber lachen, solange es SO thematisiert wird, dass klar werden kann (wie bei dem Comedian übrigens auch), DASS es sich dabei um Satire handelt, und keinesfalls um Dinge, die man über mich ganz sicher weiß.
Wenn ich einen Lipper angreifen will, dann zitiere ich Otto v. Bismarck, der einmal gesagt haben soll, er wolle die Revolution gerne in dieser Region erleben, denn da würde ALLES ca. 100 Jahre später ankommen (was bedeutet, dass auch für mich der erste Weltkrieg bald vorbei ist ... Yippie).
Und nun zu meinem Rassismus-Begriff ... ich habe ihn vom "Rasse"-Begriff losgelöst, denn der moderne Rassismus bedient sich nicht mehr dieser plumpen Schiene ... allerdings sehe ich, was "vorurteils-" oder "gruppenbezogene Fremdenfeindlichkeit" im Alltag bewirkt ... z.B. das dringende Gefühl, scheinbar "fremden" gegenüber so zu sprechen, dass auch Grundschüler in der 2. Klasse das verstehen können ... das wirkt zunächst (und wird von den akteuren oft auch so verstanden) als "freundliches Entgegenkommen" und als solches ist es auch nicht weiter bedenklich ... allerdings symbolisiert es gleichzeitig eine fundierte Abschätzung des gegenüber, denn es wird dabei vorrausgesetzt (ungefragt), dass der jenige sprachliche Probleme haben könnte. Man hat keine Ahnung, wie ausgeprägt die Sprachkompetenz bei dem jenigen ist ... und trotzdem adressiert man ihn wie einen IDIOTEN. Und genau das tut man nur, weil man daran glaubt, dass alle, die "Merkmal xy" tragen, sprachliche Probleme haben.
Man spricht deutlich, langsam, mit korrekten Artikeln und fast hörbaren Satzzeichen.
Es mag sein, dass die einen Post wie den hier, nicht verstehen könnten (einen Versuch ist es definitiv wert) ... aber "die dritte links, und dann bei der Ampel wieder rechts" wird wohl etwas weniger komplex sein ... da ist es einfach nur unnötig ... und nebenbei ist eine Sonderform für Lerner so ziemlich das kontraproduktivste, was ich mir als Pädagoge so vorstellen kann.
Wenn wir so auf Sprachprobleme reagieren, dann ist auch kein Wunder, dass Menschen seit 30 Jahren in DE leben, und immer noch diese Sprachprobleme haben.
Das gleiche Problem habe ich beim Umgang mit Alten ... die gleiche soße - Laut, deutlich, langsam ... ganz ohne Aufforderung. Bei einzelnen ist das aber garnicht notwendig, denn deren Gehör funktioniert vielleicht noch einwandfrei ... oder sie haben ein Hörgerät, welches auf "normale Sprecher" eingestellt ist ... da fiepen von der Rückkopplung hört man sogar als Aussenstehender noch recht deutlich.
Mein Standpunkt dazu, wer spricht, dem kann geholfen werden ... aber wer's maul nicht aufkriegt, der ist letztlich selbst schuld, wenn er sich durch alles selbst durchswursteln muss.
Mir geht es dabei um Vorurteile ... ich spreche zunächst ganz normal ... bis ich entweder darauf aufmerksam gemacht werde (am liebsten vom Adressaten selbst), dass die Kommunikation so nicht gelingen wird (ein "Hä?" mit entsprechender "Konzentrations-Mimik" reicht da oft aus). Manchmal bemerke ich auch an den Antworten, dass da wohl was akkustisch nicht so ganz angekommen ist. Oder ich merke es daran, wie sich der entsprechende (Adressat) über das Gespräch äußert (auf der Metaebene).
In diesen Fällen (die nur Beispiele darstellen), passe ich meine Kommunikation dann auf diese spezielle Person an. Ich verfalle aber ganz sicher nicht bei jedem über 70jährigen in den gleichen Modus, in dem ich bei Gesprächen mit meinem Vater bin (er ist auf der einen Seite fast Taub).
Auch mit Zuwanderern (egal wo her) rede ich zunächst, wie mit allen anderen auch ... wer damit Probleme hat, der kann mich jederzeit darauf hinweisen, und ich werde mich anpassen ... aber von vornherein, gleich mit "Schwörersprache" oder "du mir geben ..." anzufangen, weil jemand nicht aussieht, wie ein deutscher Ureinwohner, das ist mMn Rassismus, weil es den Menschen nicht als Individuum sieht, sondern ausschließlich als Teil einer Gruppe (der man selbst NICHT angehört und angehören will), und ihm dadurch Eigenschaften zuschreibt, die man für die Gruppe als "Merkmal" betrachtet.
Und um genau diese unhinterfragte Zuschreibung geht es mir, denn die wird übertragen ... aus dem Korb Äpfel pickt man die faulen Äpfel raus ... aber man schmeißt nicht den ganzen Apfelkorb weg.
Und das ist das eigentlich dumme an Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, sie fragen nicht nach Individuen und Charaktereigenschaften, sondern nur nach Zuschreibungen, die die eigenen Erzählungen bestärken ... dabei geht es am ende allerdings nur um eines und das ist die Selbsterhöhung via Fremderniedrigung.
"Ich bin selbst scheiße ... aber DIE (da drüben, oben, unten, links, rechts) sind noch schlimmer" ... Nebenbei DAS Erfolgsrezept gescripteter Reality-TV-Shows.
Rassismus ist da eigentlich der falsche Begriff, denn was ich da an der Gesellschaft kritisier, ist weitaus größer und richtet sich lang nicht nur gegen Fremde.
Die gleiche Argumentation kann ich mit Sexismus, Homophobie, Heteronormativität, durchführen.
Oder mit JEDER anderen "Differenzlinie" die für unsere Gesellschaft bedeutung hat (Geschlecht, Alter, Sexualität, Sport, BIO .. es ist ganz egal was man da nimmt, es hängen immer unhinterfragte Zuschreibungen daran, die nur sagen, "Die (Anderen) sind anders als Wir, und da Wir die besten sind, müssen die schlechter sein).
So funktioniert auch Fremdenhass ... und wo die Vorurteile wiederlegbar sind (weil z.B. genügend Exemnplare beobachtet werden können, auf die zugeschriebene Eigenschaften NICHT passen ... wie unpünktliche Deutsche), da widerlegt sich auch der Fremdenhass meist von selbst.
Daher der mittlerweile tausendfach gut belegte negative Zusammenhang zwischen Migrationsanteil und AfD-Wahlergebnis (bei jeder Partei am rechten Rand gab es Studien dazu, warum diese Partei in einzelnen Wahlkreisen so erfolgreich war ... das Ergebnis war immer, dass es dort wenig Ausländer gab ... ansonsten gab es nur geringe Unterschiede).
Das wirklich schlimme an Vorurteilen ist meiner Meinung nach, dass sie ganze Gruppen mit Eigenschaften belegen, die tatsächlich nur wenige der Gruppe tragen ... und damit beinalten Vorurteile zu über 90% Lügen (ohne "ein Körnchen Wahrheit" kommen nichtmal Märchen aus).
Sorry für den endlosen Beitrag, ich hatte das Gefühl, mich erklären zu müssen.
Falls es jemanden genauer interessiert: Ein sehr guter Suchbegriff für Google wäre hier "Ethno-Kulturelle-Zugehörigkeitsordnung".
Weiterhin gibt es von der Uni-Bielefeld eine Langzeit-Studie zum Thema "gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit" (
GMF-Survey leider nur für den Zeitraum 2002 - 2012).
Die Begriffe haben sich leicht gewandelt, seit ich in dem Projekt selbst aktiv war, daher bitte ich um Verständnis, wenn nicht alles zu 100% passt ... in den letzten 15 Jahren hat sich sprachlich einiges in dem Bereich getan.