Ich zähle mich zu den (mittlerweile kontrollierten) Phobikern. Eine Phobie liegt imho vor wenn man eine unangemessene Angst entwickelt, die die Lebensqualität einschränkt und man äußerst irrational reagiert. Darüber hinaus hält die Angst auch noch an wenn der Krabbler bereits entsorgt wurde bzw. geflüchtet ist, also keine unmittelbare "Gefahr" mehr besteht.
Zudem meidet man jegliche Art der Konfrontation.
Dabei handelt es sich auch nicht um eine Urangst sondern um etwas anerzogenes. Irgendwann in der Kindheit hat man "gelernt" das Spinnen "Ihhhhh" und "Bahhh" sind.
In meiner Kindheit ging das soweit das ich im Spatsommer kaum noch draußen war weil das die Saison der Kreuzspinnen ist die immer und überall ihre Netze aufbreiteten. Eine Spinne im selben Raum, undenkbar damals. Spielen in Büschen oder unter Bäumen ? Ging nicht. Ich habe unbewusst immer alles kontrolliert und es vermieden Orte aufzusuchen wo sich die Tierchen aufhalten. Dachboden, Keller, Gartenhäuschen ... alles böse Orte.
Nachdem ich dann in meiner Jugend einmal aus einem fahrenden Auto "geflüchtet" bin (gab jede Menge Prellungen und Schürfwunden) weil eine Spinne an der Sonnenblende war dachte ich mir das ich da so langsam etwas ändern muss. Ich habe mir daraufhin eine Vogelspinne (Eupalaestrus Campestratus) zugelegt die ich inkl. Terrarium von einem Händler erwarb (sie war also immer hinter Glas). Nachdem ich jede Menge Fachliteratur über Spinnen gelesen hatte und dies auch immer selbst am lebenden Objekt nachvollziehen konnte (Verhalten der Spinne in bestimmten Situationen) "gewöhnte" man sich aneinander. Die Panik bei der Fütterung wenn sich der Koloss auf ein Futtertier stürzte legte sich irgendwann und man schaute neugierig zu auf welche Art sie dieses Mal jagen würde. Das ging dann so einige Monate lang bis ich dann so weit war "mein Haustier" auch mal näher zu betrachten.
Ich hatte bis dato selbst die Häutungen nur mit Schweißausbrüchen und kontrollierter Panik in die Hand nehmen können (Spinnen haben Exoskelette die sie bei einer Häutung einfach abwerfen - das Skelett entspricht also zu 100% der Spinne ... wiegt nur deutlich weniger.). Mit diesem Häutungen habe ich dann täglich "geübt". Immer mal in die Hand nehmen, betrachten ... einfach an den Anblick gewöhnen. Das ging irgendwann ganz gut weil die Haut ja auch nicht weglaufen konnte. *g*
Beim Kauf meiner zweiten Vogelspinne (Brachypelma-Smithi) lernte ich dann Jemanden kennen der vor Jahren ein ähnliches Problem hatte und mittlerweile die Angst überwunden hatte.
So kam es dann dass er eines Tages meine bis dahin gut bekannte Vogelspinne aus dem Terrarium nahm und sie mir auf die Hand setzte. Sie blieb erstmal gut 2 min ruhig sitzen (bis der erste Handschweiß getrocknet war) und fing dann an ganz ruhig den Arm hoch zu krabbeln. Bis dato hatte ich nur ein Bild von "rennenden Spinnen" im Kopf (die nach dem weglaufen nicht mehr zu finden sind), umso erstaunter war ich das der Krabbler ganz behutsam seine Umgebung erkundete und mit der Hand gelenkt werden konnte. Das hat er dann wochenlang mit mir gemacht. Irgendwann habe ich sie dann mal selbst raus genommen und herumlaufen lassen. Dummerweise hatte dabei wohl ich eine hektische Bewegung gemacht und die Spinne entwickelte eine ähnliche Panik wie ich selbst. Sie rannte los um dann nach 40cm an der Tischkante wieder zu stoppen. Puhhh... Panik pur. Ich habe dann aber meinen ganzen Mut zusammengenommen und sie wieder vorsichtig auf meine Hand dirigiert und sie ins Terrarium gesetzt. Seitdem komme ich mit den Tierchen klar. Sie hat genauso viel Angst vor mir wie ich vor ihr. *g*
Dummerweise nur mit den Vogelspinnen. Mit denen kann ich mittlerweile "arbeiten" ohne das es mich großartig juckt. Wenn jedoch mal ein dicker schwarzer Hausspinnenvertreter über den Teppich flitzt ist es mir immer noch sehr unangenehm. Die würde ich immer noch nicht anfassen weil die Dinger eben so flott sind und ich somit nicht kontrollieren kann wo sie hin rennen. Trotzdem würde ich sagen das es sich gebessert hat da ich sie jetzt mit einem Glas o.ä. einfangen und dann an die frische Luft setzen kann. Vorher: undenkbar!
Wenn sie dann doch hinter der Couch verschwinden sollten dann ist es eben so. Ich weiß das Spinnen nach Möglichkeit Orte meiden wo etwas los ist. Sollte sie also auf der Couch rumkrabbeln dann wird sie sobald sie mich entdeckt flüchten. Mit diesem Wissen macht es die Sache schon Mal leichter.
Eine Sache noch: Diesen Sommer hatte ich wieder einen ähnlichen Vorfall beim Autofahren wie in meiner Jugend. Diesmal war ich jedoch der Fahrer. Ich klappte in einer Kurve die Sonnenblende runter und sah das dort ein stattlicher Krabbler baumelte. Panik! Ich war drauf und dran in dieser Schrecksekunde das Lenkrad loszulassen um das Tier zu entfernen. Bin aber dann doch noch erst um die Kurve gefahren, habe angehalten und dann erst gehandelt. Davon bekomme ich jetzt noch eine Gänsehaut aber bin schon etwas Stolz das ich so besonnen handeln konnte.
Es lohnt sich also sich mit der Angst zu beschäftigen. Spinnen sind eigentlich recht interessante Tiere und tun eigentlich keiner Menschenseele etwas. Vogelspinnen können zwar empfindlich zubeißen (sie haben bis zu 1.5cm lange Beißwerkzeuge), das tun sie jedoch nur wenn ihnen keine andere Möglichkeit (z.b. Flucht) mehr bleibt. Ich halte sie aufgrund ihrer "ruhigen" Art (langsames Laufen wenn man sich nicht hektisch bewegt) für besonders geeignet was eine "Therapie" angeht. Sie haben die typische Spinnenform (man kann sich also optisch an sie gewöhnen) und sie können nicht mal eben so "in den Pulli krabbeln".
Hausspinnen sind völlig "ungefährlich", sie kommen mit ihren kleinen Beißwerkzeugen nicht durch die menschliche Haut.
Rational gibt es also keinen Grund Angst zu haben. Nur handeln Phobiker selten Rational.
Ich hoffe mein Post war nicht zu lang oder zu langweilig. Wollte nur mal meinen Standpunkt zum Thema bringen. Als Mann wird man ja oft belächelt wenn man eine Phobie gegen Spinnen hat.
Vogelspinnen kommen übrigens auch beim schwächeren Geschlecht an. Gerade diejenigen die steif und fest behaupten das sie einen nie besuchen würden weil man Vogelspinnen hält stehen dann stundenlang interessiert vor dem Terrarium rum.