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Onkelhitman
Gast
Genau das zweifel ich aber an. Soziale Wesen sind nur insofern sozial, als dass es ihnen Vorteile erbringt. Welchen Vorteil hat heute die Gemeinschaft? Keiner ist mehr direkt darauf angewiesen, nur passiv sind die Menschen als Arbeitstiere abhängig um ihr überleben zu sichern. Selbst das können sie von zu hause aus erledigen. Es geht also mit einem minimal an Gemeinschaftsfähigkeit.Es ist (wie eigentlich überall) der Teilverzicht, der Kompromissen inhärent ist. Ohne Kompromisse hingegen ist das Leben in der Gemneinschaft nicht möglich.Also sind die Möglichkeiten eben der Verzicht auf totale Zufriedenheit, oder der Verzicht auf Gemeinschaft - letzteres ist aber für soziale Wesen eigentlich keine Alternative .Also haben wir genaugenommen keine Wahl, denn die Befriedigung unserer sozialen Triebe ist ohne Teilverzicht unmöglich. Und das gilt für alle Lebensbereiche, in denen wir mit anderen in Interaktion treten.
Wie du schon schreibst, soziale Triebe. Triebe würde aber bedeuten, dass wir es alle nicht bewusst steuern könnten. Das sehe ich nicht so. Es gibt Menschen, die in Klöstern leben, in Bruderschaften, die zu hause abgeschottet von anderen Menschen leben und dort auch arbeiten und nur vom Lieferanten an der Haustüre einen Bezug nach außen hin haben. Ich würde diese Menschen nicht als krank bezeichnen, wohl aber als eine Art von anerzogen. Wenn nun jedoch das Gemeinschaftsgefühl langsam nach und nach vernichtet wird/würde, dann gibt es kein Bedürfnis mehr es zu befriedigen. Dann wäre man auch ohne die Gemeinschaft entweder zufrieden oder unzufrieden. Es bleibt daher meiner Meinung nach genau dort hängen. Ist man zufrieden oder ist man unzufrieden. Diesen Zustand kann man ebenfalls steuern. Sodass man eigentlich nur auf ein paar Dinge nicht verzichten kann:
Essen, Trinken, atmen. Der Rest der externen Stimuli hat mit den Erfahrungen und der eigenen Persönlichkeit zu tun. Als asketischer Mönch kannst du damit auskommen zu essen, trinken, meditieren, schlafen. Ein anderer braucht mehr als das. Was sich aber momentan in der Gesellschaft auftut ist die Reizüberflutung. Es gibt so vieles, was man haben, machen, wollen, sehen, schmecken, fühlen, riechen kann, dass man das, was man hat/macht nicht mehr schätzt. Sodass alles nur noch flau erscheint. Nebulös. Traumartig. Wenn ich eine Mahlzeit esse, möchte ich sie schmecken. Wenn du Musik produzierst/hörst, möchtest du sie fühlen. Wenn aber Musik nur im Hintergrund plätschert, wenn du nur Fastfood zu dir nimmst, was dann? Auf was bezieht man sich noch? Und da sind einfach sehr viele Konsumgüter, die einem vorgaukeln genau das zu tun, was man eigentlich braucht: Zufriedenheit geben. Aber früher als später merkt man, dass man von dem Zeug nur abhängig ist, nicht aber zufrieden. Also muss man mehr konsumieren, um zufriedener zu sein. Letztlich wird man aber um keinen Deut zufriedener, sondern nur abhängig von etwas, was man gar nicht wollte. Man wollte nur zufrieden sein.
Die Leute suchen sich daher den einfachen Weg. Arbeit = Geld = Konsum. Und nicht: Leben = Freude = Erfüllung. Du kannst Millionen besitzen, oder Millionen Fans und Anhänger, das macht dich nicht glücklich. Glücklich macht nur die Einstellung zu dem Ganzen.
Hier sehe ich nämlich auch ein gesellschaftliches Problem. Die Familie, Freunde, Wünsche, Träume, Sehnsüchte, das alles wird unterdrückt. Obwohl man eigentlich viel mehr davon will, weil es mit "richtigen" Gefühlen verbunden ist, kümmern sich die meisten Leute zu wenig darum, denn es erfordert: Zeit. Wer ist heute stolz darauf, Deutscher zu sein? Die Frage wäre nun: Warum sollte man? Ich selbst bin kein Patriot, ich bin mir aber der guten Dinge in Deutschland durchaus bewusst. Es geht dort den Ärmsten der Armen besser als dem Mittelstand in anderen Ländern. Anstatt aber in den Medien den lieben langen Tag zu senden, wie wunderbar diese Sozialsysteme in Deutschland sind, wird in alter Leier hoch und runter gespielt, wie schlecht es einigen Menschen doch geht. Es stimmt. Es geht einigen Menschen schlecht. Das bleibt bei ca. 82 Millionen Menschen nicht aus. Und ja, um diese Fälle muss man sich kümmern. Aber warum ist dann das schulterklopfen von den 40 Millionen nicht zu sehen, die Tagein/Tagaus Geld mit nach hause bringen? Die ihre Familie versorgen, mit der Arbeitsleistung und den Sozialabgaben andere Familien versorgen? Rentner? Kinder? Kranke? Pflegebedürftige? Warum wird das nicht propagiert, warum soll man wegen eines solchen Systems nicht stolz sein im Vergleich zu anderen Ländern?
Wieso soll man nur stolz sein, wenn der Minister Geld bei der Krankenkasse "eingespart" hat? Wenn er die Gelder streicht für wichtige Untersuchungen? Wieso sollte man stolz sein, wenn die Rentenbeitragssätze gekürzt werden, und die Rente für einige Menschen schon nicht ausreicht? Wieso sollte man stolz sein, wenn die deutsche Nationalmannschaft beim Fußball Weltmeister wird, die Kinder in den Schulen aber nachweislich nicht mehr so intelligent sind? Auf was sollte man stolz sein? Auf die Dinge, auf die man einwirkt. Wenn an Steuern bezahlt, wirkt man ein. Jeden Tag, für jeden Menschen in Deutschland.
Anstatt aber dieses Hochgefühl, diese Stimmung zu übenehmen, anstatt sie auf die eigene Familie, Freunde, Bekannte umzulegen, ist das Hauptziel Geld und Macht.
Und ja, wenn es letztlich bedeutet, dass man einsam aber glücklich, oder aber keine Persönlichkeit mehr hat und dafür unglücklich aber sozial beliebt ist, bin ich gerne Gesellschaftsfremd. Denn sie macht mich nicht glücklich, sie bietet mir keine Chance mich zu entfalten, sie macht nur die glücklich, die den Trend der Gesellschaft vorgeben. Diesem Trend folge ich nicht. Ich weiss, was mich glücklich macht, ich weiss, was die um mich herum glücklich macht. Ich weiss sogar, was die Menschen in diesem Land (und auch in Deutschland) glücklich machen würde, aber ich wüsste nicht, dass in der Gesellschaft oder in den Medien es genau so dargestellt würde. Denn dann müsste man sich selbst eingestehen, dass man sich selbst belogen hat. Wofür, frage ich mich?
Es bedeutet für mich daher, auf die Gesellschaft von vielen Menschen zu verzichten. Nicht aber auf mich.