In eigener Sache: Stellungnahme zum Nvidia-NDA

Frank Hüber et al. 879 Kommentare
In eigener Sache: Stellungnahme zum Nvidia-NDA
Bild: Nvidia

Auch an dieser Stelle möchten wir nach unserer Äußerung im Forum noch einmal Stellung zur Vertraulichkeitsvereinbarung von Nvidia beziehen, die von Heise.de veröffentlicht wurde und für Diskussionen und falsche Anschuldigungen sorgte.

Warum wir nicht sofort reagiert haben? Wir mussten uns erst einmal schlau machen. Wir wussten zwar, dass es auch in unserer Redaktion eine Anfrage zur Aktualisierung gegeben hatte, urlaubsbedingt aber nicht mehr – und den Wortlaut damit nur von Heise. Und danach galt es sich ja auch noch zu überlegen, wie wir euch das, was wir euch sagen wollen, sagen. Nicht um dem Richter zu entkommen, sondern weil in einem solch' toxischen Umfeld online ja schon ein verschobenes Satzendzeichen zu neuen Verurteilungen und Verschwörungstheorien führt. Vielleicht hilft jetzt ja diese Offenheit und dass ihr auch schon eine Nacht darüber geschlafen habt ein Stück weit dabei, das zu verhindern? Es wäre schön!

Wir betreiben ComputerBase seit 1999, weil wir ein Tech-Online-Magazin herausgeben möchten, das den Unternehmen eben gerade nicht nach dem Mund redet. Gleichzeitig wollen wir euch unser unbeeinflusstes Urteil zu Produkten natürlich möglichst früh liefern. Viele von euch freuen sich auch genau darüber. Und sind wir mal nicht in der 1. Reihe dabei (zum Beispiel GeForce GTX 1070 FE, Intel Core X etc. pp), sind die Fragen nach dem Grund für die Verspätung sofort allgegenwärtig.

Seit Annodazumal gehört damit auch das Unterzeichnen von NDAs zu unserem Job, um Informationen oder Produkte von Herstellern zu erhalten, bevor sie öffentlich werden. NDAs sind in der Regel sehr weit gefasst und decken mehr ab, als sie müssten. NDAs sind in der Branche üblich, mal mündlich, mal schriftlich, mal stillschweigend. Auch ComputerBase unterzeichnet nicht alle NDAs und in der Tat ist ein NDA, das sich nicht auf ein konkretes Produkt bezieht, nicht die Regel – es ist aber auch kein Präzedenzfall. Eine Rechtsabteilung, um jedes NDA zu prüfen, haben wir aber nicht, erst recht nicht auf Reisen oder Messen, wo es NDAs an der Eingangstür zu unterzeichnen gilt.

Also lesen wir, was wir unterschreiben, und versuchen NDAs möglichst spezifisch auszulegen. Wir haben zum Beispiel neulich zur Computex vorab ein NDA bekommen, das weder die Computex noch ein Produkt nannte, wir aber nur für ein Produkt zur Computex angefragt hatten. So wie es uns vorlag, hätte es potentiell endlos für jedweden Austausch mit dem Hersteller gegolten, mit dem bisher zudem wenig Kontakt bestand. Das haben wir anpassen lassen.

Am Ende ist es aber immer eine Sache der Abwägung (Erfahrungen mit Hersteller, Häufigkeit der Preisgabe von Infos, pauschales NDA vs. alle zwei Wochen ein neues etc. pp.). Uns wäre es auch am liebsten, wir würde alle Infos nur auf Basis von Vertrauen bekommen (und bei einigen Herstellern ist uns das auch so möglich), andere wollen sich maximal absichern. Da spielt dann eine ganz persönliche Einschätzung der Sachlage die Rolle, die mittlerweile auf fast 20 Jahren Erfahrung fußt. Gelehrt hat uns diese Erfahrung: Uns hat noch nie ein Hersteller dazu gedrängt, einen Inhalt, den wir unter NDA erstellt haben, anzupassen oder zu ändern und dabei ultimativ sogar mit dem Richter gedroht.

Vielleicht gab es im Nachgang Missmut ob unserer kritischen Berichterstattung, vielleicht sogar mal die Androhung, dass es in Zukunft nichts mehr gibt, selten wurde sie auch durchgesetzt. Aber das hat uns nie tangiert und wird es auch nie. Denn wenn es so weit ist, geht für uns beide ganz persönlich und alle engagierten Mitglieder im Team einer der tragenden Pfeiler von ComputerBase verloren. Darauf haben wir dann keine Lust mehr. Und das meinen wir todernst!

Aber kommen wir jetzt zum konkreten Fall. Was Heise unserer Ansicht nach „vergisst“ zu erwähnen, ist der Umstand, dass diese Vereinbarung mehreren Einschränkungen unterliegt.

  1. Das NDA bezieht sich nur auf Informationen, die uns Nvidia explizit vorab unter Vertraulichkeit mitteilt. Allgemein bekannt gewordenen Informationen fallen nicht unter das NDA und über diese dürfen wir, selbst wenn wir sie vorab von Nvidia selbst mitgeteilt bekommen haben, dann auch vorab berichten.
  2. Die Vertraulichkeit endet, wenn ein Produkt veröffentlicht wird! Sobald also beispielsweise eine neue Grafikkarte erscheint, dürfen wir schreiben, was wir wollen.

Wenn Heise schreibt „Anders ausgedrückt: Journalisten dürfen nur das schreiben, was Nvidia in den Kram passt.“ ist dies aus unserer Sicht falsch. Denn mit Veröffentlichung und somit Ende der Sperrfrist zu einem Produkt, dürfen wir alles schreiben, vorher dürfen wir die von Nvidia erhaltenen Informationen schlicht nicht veröffentlichen.

Aussagen wie „Wer dieses Nvidia-NDA unterschreibt, muss sich also fünf Jahre lang dem Willen des amerikanischen Herstellers beugen“ sind aus unserer Sicht bewusst polarisierend, irreführend und fernab jeder gelebten Praxis in der Zusammenarbeit zwischen Medien und Herstellern.

Veröffentlicht man etwas in dieser Zeit ohne Erlaubnis, droht der Klagehammer.“ Auch diese Aussage ist ohne Erläuterung des Zusammenhangs aus unserer Sicht bewusst irreführend. Es geht nämlich nur um die Informationen, die Nvidia unter Vertraulichkeit vorab mitteilt, um nichts anderes. Diese darf man per Definition eines NDAs, denn genau das ist der Sinn, bis zur Veröffentlichung nicht preisgeben, über alles andere darf frei berichtet werden, ohne um Erlaubnis zu fragen.

Nicht erwähnt wird zudem, dass das Verhältnis zwischen Nvidia und Heise stark vorbelastet ist. Hätte Heise den eigenen journalistischen Ansprüchen gerecht werden wollen, hätte aus unserer Sicht auch dieser Aspekt Erwähnung finden sollen, um eine Einordnung der Auseinandersetzung für Außenstehende verständlicher zu machen. Auch hätte man sich, wie an anderer Stelle durchaus üblich, zumindest mit den nationalen Kollegen absprechen können. Die Motivation, wirklich auch etwas ändern zu wollen, wäre dann deutlich geworden, so hat es für uns leider auch den Beigeschmack einer persönlichen Fehde – auch wenn die inhaltliche Diskussion berechtigt ist.

Und was heißt das jetzt konkret für uns und euch? Unserer Einschätzung nach ändert das von Heise publizierte und von uns in der Tat unterschriebene NDA nichts an unserer bisherigen Arbeitsweise bei der Berichterstattung über Nvidia, auch wenn der Wortlaut für denjenigen, der im Alltag nichts mit NDAs zu tun hat, ganz anders wirkt. Wir werden aber auch weiterhin ein Produkt so bewerten können, wie wir das wollen, ohne spezifische negative Konsequenzen aus dem NDA erwarten zu müssen. Sollte Nvidia das nicht passen, steht und stand es ihnen seit jeher frei, uns außen vor zu lassen. Das NDA braucht es dafür nicht.

Uns steht es wiederum zu, auf eine Berichterstattung zu verzichten, sollte ein Hersteller aus einem NDA am Ende doch ein Einfluss auf unserer Berichterstattung ableiten. Wir erwarten nicht, dass das passiert, versprechen euch aber, sowas im Zweifelsfall nie zuzulassen!

Eure ComputerBase-Redaktion

Update 28.06.2018 15:46 Uhr

Wir haben uns vorgestern ausführlich und sehr transparent erklärt und wir bleiben bei unserer wohlüberlegten Einschätzung, die wir mit zahlreichen anderen deutschen Medien teilen: Die Unterzeichnung dieses NDA schränkt uns in unserer Berichterstattung nicht ein. Sollte es anders kommen, werden wir das NDA aufkündigen und euch davon in Kenntnis setzen. Bis dahin werden wir den großen Vorteil eines solchen NDAs nutzen: Informationen und Produkte vorab zu bekommen, um sie in den eigenen Redaktionsräumen ohne Einflüsse testen zu können, um euch zur offiziellen Markteinführung unsere unparteiische Sicht der Dinge darzulegen. So wie wir das in der Vergangenheit mit jedem NDA gehandhabt haben. Wir wollen und werden uns an unseren Taten messen lassen. Sollte es hier an konkreten Beispielen Diskussionsbedarf geben, stellen wir uns sachlicher Kritik dann gerne erneut. An dieser Stelle hören wir jetzt aber vorerst damit auf.

In diesem Zusammenhang gilt es aber wohl auch noch einmal klarzustellen: Dass Heise auf Basis der eigenen Einschätzung und nach Nvidias „Nein” an die Öffentlichkeit gegangen ist, damit sind wir einverstanden. Womit wir nicht einverstanden waren und sind, ist das wie sie es derart einseitig im Alleingang und ohne Rücksprache mit „den üblichen NDA-Verdächtigen” getan haben. Unser Verweis auf die auch schon einmal öffentlich ausgetragenen Auseinandersetzungen zwischen Heise und Nvidia hat deshalb aber nicht zur Klärung der Sachlage beigetragen.

Nach Gesprächen mit vielen weiteren Redaktionen über die vergangenen Tage haben wir inzwischen auch nach Hannover Kontakt aufgenommen, um die Angelegenheit noch einmal persönlich zu besprechen.

Wie wir euch in Zukunft mehr Einblicke in das, was im Vorfeld eines „NDA-Falls” abgelaufen ist, geben können, daran arbeiten wir intern bereits.