Spieledesign (bei Fortnite): Hirnforschung liefert Grundlagen für Spielspaß

Max Doll 59 Kommentare
Spieledesign (bei Fortnite): Hirnforschung liefert Grundlagen für Spielspaß
Bild: Epic Games

Ein gutes Nutzungserlebnis ist elementar für den Erfolg eines Videospiels. Dies wird unter anderem durch ein gezielt entwickeltes Interface, visuelle Hinweise und das auch an anderer Stelle gezielte Design sichergestellt. Diese auf Basis wissenschaftlicher Forschung ausgestalteten Aspekte fördern auch den Unterhaltungswert.

Wie wichtig der gezielte Entwurf eines Nutzungserlebnisses ist und welche Aspekte zu berücksichtigen sind, skizziert Celia Hodent, die zwischen 2013 und 2017 bei Epic Games als Director of User Experience tätig war, am Beispiel von Fortnite. Basis aller Überlegung sei das Verständnis des menschlichen Gehirns hinsichtlich seiner Fähigkeiten und Limitierungen, weil sich so erschließen lässt, wie ein Spiel wahrgenommen wird, schreibt Hodent.

Grenzen der Wahrnehmung

Schon Wahrnehmung ist subjektiv gefärbt. Wie etwas wahrgenommen wird, hänge wesentlich von Faktoren wie Vorwissen, Erwartungen, Kultur, Kontext oder sogar der DNA ab, die beeinflusst, ob jemand Farben erkennen könne. Beim Entwurf des Interfaces müsse deshalb gewährleistet sein, dass unterschiedliche Personen visuelle und akustische Infos gleich interpretieren. Dies könne durch Tests sichergestellt werden. Bei der Entwicklung von Fortnite hätte sich so gezeigt, dass das Symbol für Fallen, ein horizontaler Strich mit mehreren spitzen Dreiecken, auf verschiedene Arten interpretiert wurde. Das dann eingeführte Bild einer Bärenfalle hätten Tester hingegen zuverlässig korrekt mit Bedeutung versehen.

Grenzen des Gedächtnisses

Ebenso wichtig ist laut Hodent das Gedächtnis und dessen Fähigkeit zu vergessen. Gemäß der Vergessenskurve von Hermann Ebbinghaus blieben von erlernten, aber wenig bedeutsamen Dingen bereits nach einem Tag nur noch 30 Prozent im Gedächtnis. Für Spiele, besonders mit einem Dienstleistungskonzept, entsteht dadurch ein Problem, weil sie über einen längeren Zeitraum und mit großen Unterbrechungen gespielt werden können und sollen. Dies klappt allerdings nicht, wenn zurückkehrende Spieler Mechaniken und Bedienung vergessen haben.

Aufweichen lasse sich diese Limitierung durch das Wiederholen von Informationen oder das Einblenden von Tutorial-Tipps. In die Bresche springen letztlich auch „Navi-Systeme“, die stets den Weg zum nächsten Ziel weisen, weil sie Ortskenntnis der Spielwelt verzichtbar werden lassen. Auswirkungen können darüber hinaus minimiert werden, indem die Belastung des Gedächtnisses reduziert wird, erläutert Hodent. Dies gelinge, indem möglichst viele Informationen ständig verfügbar gemacht werden, wodurch weniger gelernt und erinnert werden muss. Ein gutes HUD wird deshalb wichtig, weil es genau dies leistet. In Fortnite helfe es beispielsweise durch die Möglichkeit, Crafting-Rezepte anzupinnen, wodurch sich Zutaten nicht gemerkt werden müssen.

Grenzen des menschlichen Gehirns
Grenzen des menschlichen Gehirns (Bild: Celia Hodent)

Grenzen der Aufmerksamkeit

Berücksichtigt werden muss gemäß Hodent außerdem die Aufmerksamkeit. Sie funktioniere wie ein Suchscheinwerfer und richtet sich auf etwas Bestimmtes. Das hat zur Folge, dass alles darum herum weitgehend ausgeblendet wird. Hodent vergleicht dies mit einem Barbesuch, bei dem man sich nur auf die Worte seiner Freunde konzentriert. Deshalb habe der Mensch entgegen verbreiteter Ansichten keine effizienten Multitasking-Fähigkeiten und versäume in solchen Situationen Informationen. Es sei deshalb wichtig, die kognitive Belastung zu verteilen und zu moderieren.

Die Aufmerksamkeit zu fordern werde erst dann sinnvoll, sobald Spieler das Spiel gemeistert haben. Setze ein Entwickler Multitasking beim Entdecken und Erlernen des Spiels voraus, laufe er Gefahr, dass wichtige Informationen übersehen werden. Hodent hält es deshalb für eine schlechte Idee, Tutorial-Texte während eines Kampfes mit Zombies einzublenden: Im besten Fall nerve die Ablenkung den Nutzer, im schlechtesten Fall merke er nicht einmal, dass eine wichtige Information eingeblendet wurde und könne sie erst recht nicht verarbeiten oder im Gedächtnis speichern.

Diese Aspekte zu berücksichtigen bedeutet laut Hodent, die Benutzungsfreundlichkeit des Spiels zu sichern. Eine Herausforderung solle und müsse aus gezieltem Design entstehen, nicht durch schlechte Menüführung, unklare Icons oder verwirrende Mechaniken. In Fortnite sollen Spieler nur durch das Entwickeln von Überlebensstrategien gefordert werden, nicht aber durch das Auswählen oder Erzeugen von Gegenständen, so die Designerin.

Die Nutzererfahrung steht auf zwei Säulen
Die Nutzererfahrung steht auf zwei Säulen (Bild: Celia Hodent)

Drei Säulen für Begeisterung

Zweiter Bestandteil eines guten Nutzungserlebnisses ist nach Hodent die Fähigkeit, Spieler zu begeistern, in die Welt zu ziehen und Engagement hervorzurufen. Dabei handele es sich um ein unscharfes Konzept, weil sich schlecht Vorhersagen über das Verhalten der Spieler treffen lassen. Aus eigener beruflicher Erfahrung hat Hodent drei wesentliche Komponenten ausgemacht, die diesen Bestandteil in der Regel fördern.

Kern dieser „engage-ability“ sei die Fähigkeit zu motivieren. Diese hält Hodent für zentral, weil das Spiel kein Mittel zum Zweck, sondern der Zweck ist. Motivation könne extrinsisch erzeugt werden, indem Tätigkeiten belohnt werden. Dies erfolge beispielsweise durch Quest-Belohnungen oder das Freischalten neuer Fähigkeiten. Sie könne aber auch intrinsisch erzeugt werden.

Hierbei tun Spieler etwas, weil die Tätigkeit verschiedene Bedürfnisse befriedigt, schreibt Hodent. Spiele können ein solches nach Kompetenzerfahrung durch Progression erfüllen, die etwa durch Fortschrittsbalken sichtbar gemacht werde. Dadurch wird es anders als beim Lernen des Gitarrenspiels, schreibt Hodent, weniger wahrscheinlich, dass Spieler sich anderen Titeln zuwenden. Abgedeckt werde darüber hinaus der Wunsch nach Autonomie über Selbstdarstellung durch kosmetische Gegenstände, mit denen sich auch in Fortnite umfangreich das Aussehen ändern lässt, und Beziehungen, der durch Wettbewerb oder Kooperation befriedigt werde. Auch hier bietet Fortnite mit Battle-Royale- und Survival-Modus entsprechende Lösungen.

Dazu komme als zweite Säule der emotionale Aspekt durch „Spielgefühl“. Hier spielen nach Hodent Kamera, Bedienung, Charaktere Storys, Musik, oder Reaktionen der Welt auf das Spielerverhalten, mithin die Glaubwürdigkeit der Welt eine Rolle. Der Aspekt kreise im Kern um Überraschungen und Neues, also letztlich um neue Inhalte, die Fortnite durch regelmäßige Updates einfügt.

Als dritte Säule benennt Hodent den „Spielfluss“. Er sei hoch, wenn eine Tätigkeit als lohnend und herausfordern betrachtet wird und man darin versinken kann. Der zweite Punkt wird als besonders wichtig hervorgehoben und durch das Herstellen des richtigen Schwierigkeitsgrades erzeugt, der weder zu sehr langweilt noch zu viel Stress erzeugt. Dies können Spiele erreichen, indem sie gezielte Herausforderungen platzieren oder wie Fortnite ähnlich starke Spieler im Matchmaking zusammenspannen würden. Um sich in die Welt vertiefen zu können, muss sie allerdings durchdrungen sein, betont Hodent, die die Bedeutung guter Tutorials hervorhebt. Nur wer seine Fehler verstehe und Erfolgsstrategien erkenne, erfahre ein Gefühl von Fortschritt. Wichtig sei zudem das Pacing, die Abwechslung von stressigen und ruhigeren Spielphasen, die sich in Fortnites Battle-Royale-Modus automatisch ergeben – letztlich wird hier Balancing umschrieben.