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Andreas Frischholz
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Microsofts Copilot(+) bringt KI-Helfer ohne echten Mehrwert

Wer Windows 11 startet, stolpert über den Copilot. Vom Explorer über Microsoft 365 mit den Office-Apps bis zu Windows-Klassikern wie Notepad und Paint – überall KI. Versprochen wird eine neue Ära des Betriebssystems, in der intelligente Assistenten die Nutzer jederzeit unterstützen. Die Copilot+ PCs bieten noch eine Reihe weiterer exklusiver Funktionen, um die „Produktivität und Kreativität“ zu beschleunigen, wie es im Werbe-Slogan von Microsoft heißt. Der Haken ist bislang aber, dass diese im Alltag praktisch keinen bleibenden Eindruck hinterlassen, wie der Langzeittest der Redaktion mit einem Copilot+ PC zeigt.

Erkennbar ist das schon an der Auswahl der Funktionen, die Microsoft in einem Blog-Beitrag vom Dezember 2025 direkt bewirbt.

  • Recall: Im Frühjahr 2024 präsentierte Microsoft die KI-Suche als Zugpferd, musste aber wegen Sicherheitsmängeln mehrfach nachbessern. Wenn man Recall testet, sind die Ergebnisse tatsächlich erstaunlich, im Langzeittest ist es aber nichts, was sich als Alltagsfunktion aufdrängt. Privatsphäre-Bedenken bleiben.
  • Live-Untertitel mit Übersetzungen: Mag sein, dass es bei globalen Unternehmen mit einer vielsprachigen Belegschaft einen Einsatzzweck gibt. Im Alltag sind diese weitestgehend bedeutungslos. Streaming-Dienste wie YouTube oder Netflix – also Anwendungen, bei denen Untertitel interessant sind – bieten selbst welche an.
  • Cocreator: Eine KI-Erweiterung für Paint, durch die es möglich ist, handgemalte Skizzen zu KI-Kunst aufzupolieren. Eine nette Spielerei, aber es bleibt unklar, wo der Cocreator in der Praxis weiterhelfen soll.
  • Windows Studio Effects: Filter für Videokonferenzen funktionieren zwar, in der Regel reichen aber die Optionen aus, die einem Apps wie Zoom oder Teams ohnehin bieten.
  • Fotos: Die Neuerungen in der Foto-App sind tatsächlich eine der kleinen Lichtblicke. Dass man die Auflösung von Bildern unter Windows hochskalieren kann, ist im Medienbereich zumindest eine Erleichterung. Auch wenn es online natürlich zahlreiche KI-Upscaling-Tools gibt.

Die Liste lässt sich fortsetzen. „Click to do“ soll Nutzer unterstützen, indem es bei der Dateiauswahl kontextbezogen eine passende Aktion vorschlägt. Wenn man die Tastenkombination „Windows-Taste + Klick“ oder „Windows-Taste + Q“ nutzt, kann man sich Texte zusammenfassen lassen oder bei Bildern den Hintergrund entfernen. Es erinnert etwas an die Steuerung von Point-und-Click-Adventure und klingt zumindest vom Konzept her sinnvoll. Tatsächlich ist die Bedienung aber wenig intuitiv und im Ergebnis macht es die Menüführung eher umständlicher. Die intelligente Windows-Suche soll das Leben mit der natürlichen Spracheingabe vereinfachen, wie das eingangs geschilderte Beispiel zeigt, gehen die Suchen aber zu oft schief.

Die Copilot-App funktioniert in der KI-Welt von Windows 11 noch am besten.
Die Copilot-App funktioniert in der KI-Welt von Windows 11 noch am besten.

Manche Funktionen wie das Bildschirm-Teilen in der Copilot-App sind tatsächlich vielversprechend. Wenn man Dokumente oder Artikel durcharbeitet und man per Spracheingabe direkt mit dem Assistenten über die jeweilige Quelle reden kann, ist das ein Ausblick auf eine Zukunft, in der die KI-Helfer einen Mehrwert bieten. Von einer neuen Ära, in der man den kompletten PC mit intelligenten Assistenten und per Spracheingabe steuert, ist Windows 11 aber noch weit entfernt. Selbst wenn man den KI-Neuerungen wohlwollend gegenübersteht, lautet das Fazit zu oft: Die Funktionen sind unausgereift, nutzlos oder beides.

Von einem KI-Hype ist Microsoft weit entfernt

Von dem Hype, den Microsoft ursprünglich mit den Copilot+ PCs entfachen wollte, ist man weit entfernt. Die KI-Welle reiten OpenAI mit ChatGPT, Google mit Gemini oder aktuell Anthropic mit dem Agenten Claude Code. Mit dem Start von Recall hatte man vielmehr einen Anti-Hype. Die Schwachstellen in der Architektur offenbarten die Risiken, die von generativen KI-Diensten ausgehen. Vor allem Enthusiast-Nutzern stößt das bitter auf.

Nun sind selbst massiv genervte Enthusiast-Nutzer kein sicheres Indiz, dass Neuerungen nicht in der breiten Masse verfangen. Rein von den Geschäftszahlen lohnt sich die KI-Entwicklung für Microsoft, das Cloud-Geschäft boomt. Sowohl mit Azure als auch Microsoft 365 verzeichnet man Rekordumsätze, die Nutzerzahlen steigen. Mit der Entwicklung von Diensten wie GitHub Copilot zeigt man sich zufrieden. Selbst in der Chefetage räumt man aber ein, dass die Dinge nicht ideal laufen.