Was ich an der ganzen Sache so problematisch finde ist, dass niemand das Gesamtbild im Bezug auf den Marktanteil und auch die Architektur sieht. Intel ist nicht umsonst zehnmal so groß wie AMD. Die machen ihr Geld schlicht nicht mit Desktop-CPUs für Enthusiasten, sondern mit Datacenter, AI und Notebooks (und vielleicht ein bisschen mit Desktop). Das spiegelt sich auch gut in den Marktanteilen wieder (nach wie vor bei über 80%).
Entsprechend ist auch die Prioritätensetzung. Nicht umsonst ist der Mobilbereich mit Ice Lake seit letztem Jahr schon auf 10nm, Tiger Lake folgt dieses Jahr als zweite 10nm-Generation und Ende des Jahres kommt Ice Lake mit 10nm auch in die Xeons. Bei den Desktop-CPUs bleibt Intel ja voraussichtlich auch 2021 noch auf 14nm (wobei die Architektur zurückgeportet sein soll, also neue Architektur, altes Fertigungsverfahren).
AMD hat das Pferd hingegen von der anderen Seite (nicht von hinten) aufgezäumt und sich auf die Desktop-CPUs fokussiert. Das resultiert vor allem in Communities wie dieser und der generellen Presse in einer hohen Resonanz. Gut fürs Image, gut für die Berichterstattung, gut für die öffentliche Meinung. Dass die Technologie sehr universell ist und auch im Serverbereich eingesetzt werden kann, ist für manche Dinge sicher ein Vorteil, aber nicht überall. In einer Zeit, in der AI und Deep Learning immer wichtiger werden, kann AMD den Markt mit noch so vielen Kernen totwerfen, es wird ihnen wenig nützen. Aber klar, alles hat seine Daseinsberechtigung und Anwendungsgebiete, genau deshalb kann man aber nicht 1:1 vergleichen.
Aber nochmal zurück zu Mobile. Hier ist Intel vor allem durch Programme wie Project Athena und die neuen Architekturen sehr gut aufgestellt. Viele hoffen ja, dass AMD auch hier zuschlagen könnte. Das wird aber aus diversen Gründen so nicht passieren. Einerseits schafft AMD die Produktionsmasse an CPUs nicht, die für den Mobile-Bereich wirklich notwendig ist, andererseits gibt es hier keinen verschlafenen Konkurrenten. Mobile war für Intel immer schon die Paradedisziplin, entsprechend hoch ist die Erfahrung und entsprechend gut ist das Ökosystem entwickelt (Thunderbolt 3, WiFi 6 etc.). Die geleakten Benchmarks diese Woche zu Tiger Lake (vier Kerne) gegen Renoir U (acht Kerne) haben ganz gut gezeigt, wo die Reise hingeht, nicht nur im Bezug auf die GPUs. Auch Devices wie der Surface Laptop 3, die mit Ice Lake einfach schneller und länger laufen, zeigen ganz gut den Rückstand von AMD (oder den Vorsprung von Intel). Einzig im H-Bereich ist Intel derzeit in der Defensive, hier tritt aber die gleiche Mechanik wie bei den Desktop-CPUs auf: der Fokus darauf ist nicht vorhanden, entsprechend nach wie vor 14nm auf alter Architektur.
Meiner Meinung nach sollte man also seinen Horizont bei der ganzen Debatte "Intel vs. AMD" etwas erweitern. Sicher, für die Enthusiasten zählt nur der Desktop-Bereich. Und hier ist Intel ganz klar ins Hintertreffen geraten, allerdings deshalb, weil der Fokus wo anders liegt und das Marktsegment entsprechend einfach zu erobern war. Sicher, auch dafür müssen Technik und Leistung stimmen (beides hat AMD sehr gut geliefert), ein weiterer Faktor ist aber auch der günstige Preis, den AMD im Retail für seine Prozessoren aufruft. Nur dadurch ist es der Firma gelungen, eine so gute öffentliche/mediale Meinung zu ergattern, da Ryzen jetzt auf einmal DAS Budget-Ding schlechthin ist. Anders würde die Sache aussehen, wären die CPUs gleich teuer wie bei Intel. Man könnte es also als (sehr umfangreichen, teuren, aufwändigen) Marketing-Gag auffassen, den AMD aber gebraucht hat, um sich überhaupt wieder zurückzukämpfen. Intel juckt das allerdings nicht wirklich, da das Geld in anderen Bereichen verdient wird. Der Marktanteil und auch ein Rekordquartal nach dem anderen sprechen dafür. Zum Vergleich: während AMD im ersten Quartal 2020 1,79 Milliarden USD Umsatz und 222 Millionen USD Gewinn gemacht hat, kommt Intel auf 19,8 Milliarden USD Umsatz und 5,7 Milliarden USD Gewinn. Bereits Intels Gewinn ist also dreimal so hoch wie der Umsatz von AMD.
Also immer etwas differenzieren
