Die größten gesellschaftlichen Veränderungen erfuhren wir immer nach Kriegen. Neuerdings gibts auch schleichende Revolutionen, ja.
Aber wieso ist das Streben nach materiellen Werten schlecht für den Fortschritt? Man sagt sogar, dass die Faulheit der eigentliche Motor für unsere Wirtschaft ist, weil wir immer Dinge wollen werden, die uns das Leben erleichtern.
Durch die Automatisierung fallen auch immer mehr Jobs weg, da kann unser Kurt Beck noch so rumbrüllen "rasier dich dann findest auch nen Job".
Das ist sicher richtig. Du solltest mal ein paar Vorlesungen in Fabrikautomatisierung hören, einige Dozenten werden richtig euphorisch wenn die erklären, mit welchen Mitteln man einen Arbeiter mehr einsparen kann. Aber die Gegenseite ist auch: Wo etwas automatisiert wird, muss ein Regelkreislauf erstellt, berechnet und eingebaut werden. Der Roboter mag auf den ersten Blick den Arbeiter mit Hauptschulabschluss ersetzen, aber bei näherem Hinsehen sieht man dann, dass der Roboter auch erst berechnet, gebaut und gewartet werden muss. Also wird ein Arbeitnehmer entlassen und sagen wir mal 50 anderen Arbeitnehmern 'garantiert' diese Umstellung ein wenig mehr den Arbeitsplatz.
Diese Umstellung von Landwirtschaft -> Industrie -> Dienstleistung hat keshkau schon gut beschrieben, als nächstes kommt dann die Informationsgesellschaft, in der der Handel mit Infos immer wichtiger wird (Google als Paradebeispiel)
All das wirkt sich auch auf unser Problem mit Armut aus. Wer gut gebildet ist und sich in der Schule auf den Arsch gesetzt hat, der hat später gute Chancen, nicht als arm zu gelten, also weniger als der Durchschnitt zu haben - egal wo man jetzt die Trennlinie zieht.
PS: Wenn ich einen Betrieb mit 10 Mann habe, der Ziegelsteine transportiert und ich kauf mir eine Sackkarre, so dass 5 Leute arbeitslos werden, dann sagen viele das das schlecht sei. Aber wer baut die Sackkarre? Wer hat sie entworfen? Wer hat dem Unternehmer die Sackkarre verkauft und daran verdient?
Der Unternehmer spart zwar die Hälfte seiner Personalkosten, aber einen Teil davon gibt er aus, um ständig Nachschub an Sackkarren zu haben. Möglicherweise wird einer von den fünf Arbeitslosen der Ingenieur, der das Wunderding gemacht hat. Ein anderer war so schlau und handelt nun mit ihnen. Der dritte entlassene Ziegelschlepper tüftelt schon an einer Erfindung, mit der man die Ziegel hydraulisch auf ein Fahrzeug heben kann etc. Nur die beiden letzten Ziegelarbeiter, die haben keine Idee. Die bleiben arbeitslos, werden arm. Das ist Darwin im 21. Jahrhundert und das ist ok so. Alles andere wäre Subvention, Eingriff ins Gleichgewicht, Verschwendung von Ressourcen.
Unsere Abneigung gegen Entlassungen ist nur deshalb so stark, weil wir oft Menschen sehen, die nicht flexibel genug sind, auf diese Veränderung zu reagieren. Oft versuchen Politiker Arbeitsplätze zu retten, obwohl die Wirtschaft sie gar nicht mehr braucht - einer der wenigen Nachteile unserer Demokratie. Wenn man mehr Mittel darauf verwenden würde, Arbeitslose unter Druck zu setzen, sich fortzubilden und sich an den Markt anzupassen, dann ist das schon ein Fortschritt. Im Moment ist das eher so, dass der Staat eine Menge Mittel darauf verwendet, Arbeitsplätze zu retten, deren Ende schon absehbar ist.
Edit: Ich habe gerade darüber nachgedacht, wo uns eine noch stärkere Automatisierung hinführt. Wenn man davon ausgeht, dass die Menschheit nicht klüger wird, aber all die Technik in unserem Leben immer komplexer und undurchsichtiger wird (wir hatten das Thema hier im Forum mit der technologischen Singularität), kann man dann nicht sagen, dass ein immer größerer Teil der Menschen schlicht unnötig für die Wirtschaft wird? Im Moment beträgt die Ausbildungszeit eines hochgebildeten Spezialisten für Technik (Physiker, Mathematiker, Biologie, Ingenieur) ca. 33% seiner Lebenszeit (mit 26 tritt er ins Berufsleben ein, mit 80 stirbt er). Nicht viele schaffen es so weit. Nur ist es heute ja so, dass man für Jobs die früher ein normaler Techniker erledigen konnte, heute einen Ingenieur braucht.
Also entweder wird unsere Wirtschaft und die Produkte immer komplexer und zwar so lange, bis nur noch eine Handvoll Menschen auf der Welt wirklich begreift, was hier passiert, oder die Menschheit muss einen Weg finden schlauer zu werden, damit auch die weniger Begabten eine Chance bekommen, etwa auf das Niveau des heutigen Abiturs zu gelangen, um in Zukunft die Jobs von heute zu machen. Das klingt etwas verwirrend, ich weiß. Ich will nur darauf hinaus, dass man vor 300 Jahren als dummer Mensch nicht zwangsläufig in Gefahr geriet, arbeitslos und arm zu werden. Wer kräftig und fleißig war, konnte trotzdem etwas auf die Beine stellen. Das ist ja heute nicht mehr so. Wem die geistigen Reserven fehlen oder einfach immer zu langsam ist, der gerät aufs Abstellgleis.