Lazo53
Lieutenant
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- Juni 2010
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Da hast du absolut den Nagel auf den Kopf getroffen und ich kann das aus meinem Alltag als IT'ler auch nur bestätigen.DerOlf schrieb:@Lazo53
Den ausgewachsenen Digitalkulturpessimisten wirst du aus mir nicht mehr herausbekommen.
Ich arbeite jeden Tag mit Systemen (IoT), die regelmäßig an mangelnden Redundanzen scheitern, weil den Betreibern/Entwicklern die Kostenersparnis wichtiger war, als ein zuverlässig funktionierendes System (Redundanz kostet ... und das spart man sich lieber, damit der Service konkurenzfähig bleibt).
Im Alltag erlebe ich einfache Elektronik oder simple Mechanik oft als deutlich leistungsfähiger und zuverlässiger, als jedes noch so ausgefeilte Digitalsystem mit Internetzugang.
Diese Systeme mögen weniger wartungsintensiv und in Herstellung und Betrieb günstiger sein (es muss niemand vorbeikommen, um einen Fehlerspeicher zu löschen oder der Software zu versichern, dass schon alles in Ordnung ist ... das geht alles online). Das spart irgendwem sicher eine Menge Geld. und einigen anderen einiges an Arbeit und Herumgurkerei.
Leider muss ich mir eben auch Erklärungen dafür aus dem Finger saugen, warum das jetzt gerade nicht funktioniert. Also kostet es gleichzeitig meine Nerven und so ganz nebenbei die Zeit der anderen Kunden.
Das ist mehr als nur ärgerlich. Das ist peinlich. In meinem Job muss es schnell gehen ... niemand wartet an der Kasse einer Tankstelle gerne drauf, dass ein PAL* gelöst wird. Die Kunden wollen weiter.
*) ein "Problem anderer Leute".
Was du beschreibst ist nichts anderes als das Ergebnis von jahrelanger Kostenoptimierung auf dem Rücken der Leute, die das ganze am Ende zum laufen halten müssen. Redundanz kostet, Vor-Ort-Support kostet, ordentliche Hardware kostet, saubere Software kostet - und all das wird als erstes weg gespart, damit die Marge stimmt. Was übrig bleibt ist ein System, das im Datenblatt super aussieht, im Alltag aber ständig irgendwo klemmt. Und wer darfs ausbaden? Genau, die Leute an der Front. Du an der Tankstelle, ich beim Endanwender.
Was mich dabei am meisten nervt ist die Ehrlichkeit die dabei fehlt. Die Betreiber sparen sich Geld, aber die Kosten sind ja nicht weg - die werden nur weiter geschoben. Auf dich, auf mich, auf den wartenden Kunden. In keiner Bilanz taucht auf wie viel Umsatz an der Kasse verloren geht weil die Karte nicht funktioniert, oder wie viel Nerven der Techniker lässt, weil er für ein Problem geradestehen muss, das er nicht verursacht hat. Diese Kosten sind einfach unsichtbar und deswegen ist das Modell für die Betreiber attraktiv. Ein klassischer Fall von "Gewinne privatisieren, Verluste externalisieren".
Und dann kommt noch dazu was ich vorhin schon gesagt habe - wir Menschen sind Gewohnheitstiere. Wir gewöhnen uns an die smarten Systeme, wir vergessen wie einfach früher Dinge funktioniert haben und irgendwann trauen wir uns gar nicht mehr die einfache Lösung zu wählen weil sie ja "veraltet" wirkt. Ein mechanischer Zapfhahn, ein Drehknopf am Thermostat, ein Türschloss mit Schlüssel - das läuft und läuft und läuft. Ohne Firmware Update, ohne Cloud Anbindung, ohne dass irgendein Server in einem anderen Land online sein muss damit ich in mein eigenes Haus komme. Aber wir bauen es raus weil "smart" sich besser verkaufen lässt.
Wo ich dir noch was mit auf den Weg geben will: Das Problem ist meiner Meinung nach nicht die Digitalisierung an sich, sondern die schlampige Digitalisierung. Man KANN robuste digitale Systeme bauen - die Luftfahrt macht es, die Medizintechnik macht es, kritische Infrastruktur macht es. Nur kostet das eben ein vielfaches vom Consumer IoT Standard und das will keiner bezahlen. Solange der Markt Billig Digitalisierung belohnt, kriegen wir Billig Digitalisierung. Da müsste man an den Rahmenbedingungen ansetzen - Haftung, Standards, Betreiberpflichten - aber das ist eine politische Frage und keine technische.
Und jetzt kommt der Punkt der mir bei der ganzen Debatte am meisten Sorgen macht: Genau das gleiche Muster sehen wir gerade bei KI. Wird schnell rein gepackt, überall wo möglich, ohne Redundanz, ohne Fallback, ohne dass die Betreiber wirklich verstehen was sie da tun. Chatbot statt Kundendienst weil es Geld spart - bis er Mist erzählt. KI Bilderkennung statt Wachpersonal - bis sie versagt. Die IoT Katastrophe der letzten 15 Jahre ist wahrscheinlich nur die Generalprobe für das was uns bei KI in den nächsten 15 Jahren blüht. Nur eine Ebene komplexer und mit deutlich größerem Schadenspotential.
Also nein, du bist kein Digitalpessimist. Du bist einfach jemand der den Job macht den die Systemarchitekten hätten machen sollen. Und deine Frustration ist ein Warnsignal das die Branche eigentlich ernst nehmen müsste. Tut sie aber nicht, weil du keine Aktien besitzt und auf keiner Tech Konferenz sprichst.
Ergänzung ()
"Das erste funktionierende LLM kam von Microsoft" – nein. Du meinst Microsoft Tay von 2016. Das war kein LLM im heutigen Sinne, sondern ein deutlich simplerer Chatbot mit Pattern-Matching und einfachen neuronalen Komponenten. Die Vorläufer echter LLMs (Word2Vec, GPT-1, BERT) kamen von Google und OpenAI, nicht Microsoft. Und "das erste funktionierende" – LLMs im modernen Sinne begannen mit GPT-2 (2019) und wurden mit GPT-3 (2020) massentauglich. Tay war ein Vorläufer und ein warnendes Beispiel, aber technisch eine andere Klasse.Valanx schrieb:Würde sie eher als "fleißig" bezeichnen. Fleißarbeit wie Daten in Dokumenten finden und sortieren kann sie super.
Wenn der Mensch nur noch die KI fragt enden wir mit Energy Drinks im "Leitungswasser" #iykyk
Was aber stimmt: Tay wurde tatsächlich binnen 16 Stunden durch koordinierte 4chan-Trolle zu einem rassistischen Chatbot umtrainiert, weil Microsoft ihn live aus User-Input weiterlernen ließ. Die Lehre daraus war real und hat die Branche geprägt: Modelle werden heute mit fixierten Gewichten deployed, nicht kontinuierlich aus Live-Input trainiert. Das ist der Grund warum KI´s bei einer Unterhaltung nichts lernen.