Ja, der Halt, den in der DDR einst Familien und Nachbarschaft gaben, zerbröckelt unaufhaltsam. Wenn zb. die Angehörigen, Verwandschaft und Freunde in den Westen abwandern für Arbeit und ganze Landstriche veröden oder verkommen.
Aber auch Alter der Mütter und verändernde Bedürfnisse, Möglichkeiten und Werte wirken da mit ein.
Klar konnte man in der DDR viel unkomplizierter abtreiben als in der BRD.
Allerdings auch viel unkomplizierter ein Kind groß ziehen, vollkommen unabhängig der Schicht.
Heute glaube ich nicht selten, dass es schon eine Strafe ist, ein Kind zu bekommen oder zu einer Strafe gemacht wird.
Oder ein Kind wird zum blanken Kostenfaktor degradiert, sowohl politisch, als auch nicht selten gezwungenermaßen privat/wirtschaftlich.
Zu DDR-Zeiten hatte ich diesen Eindruck irgendwie nie. Nicht dass ich die Mauer wieder haben will. Aber die Bildungs- und Familienpolitik war mit Sicherheit nicht die schlechteste und vorallem konsequent, zuverlässig und einheitlich, trotz ideologischem Beigeschmack, aber immerhin überhaupt was brauchbares. WAS haben wir denn jetzt?
Die wirklichen Probleme liegen bestimmt nicht am DDR-Abtreibungsystem als Familienplanung. Die wenigsten Frauen treiben leichtfertig ab oder bringen ihr Kind später gar um. Als hätten DDR-Mütter ein gestörtes Verhältnis zu ihren Kindern... bzw. die DDR hätte gleichgültige Psychoten hervorgebracht.
Auch Alternativen wie Adoption o. Heimplatz, Jugendamt, Mütterberatung und sogar Familienhebammen gab es in der DDR.
Daher sind die Ursachen dahinter nicht mentalitätsbedingt aus DDR-Zeiten, denn gerade da wurden ja Kinder ganz im Gegenteil gefördert.
Völliger Käseladen, was diese Personen suggerieren und somit deutlichst übers Ziel hinaus geschossen.
Es ist eine Folge der aktuellen Situation, sowohl persönlicher Natur (geistig, seelig, wirtschaftlich), als auch der bisherigen Familienpolitik, zu der neben Bildungsangeboten auch entsprechende flächendeckende und für jedermann günstige Betreuungs- und Versorgungsangebote gehören, auch hinsichtlich Flexibilität für die Eltern. Auch dies zähle ich unter Chancengleichheit.
Es muß sich wieder lohnen, ein Kind in die Welt zu setzen und großzuziehen, für alle Seiten und Schichten.
Damit meine ich nicht so sehr finanzielle Anreize, sondern vorallem gesellschaftliche Fürsorge und Sicherheiten.
Wenn das nicht gegeben ist, braucht man sich auch nicht wundern und somit auch gar nicht erst mit dem moralischen Zeigefinger auf Eigenverantwortung Werte und Traditionen appelieren. Das löst auch keine Kirche.
Aber kommen wir doch nochmal auf die angesprochenen Statistiken, auf welchen ja diese mutmaßlichen Spekulationen beruhen zurück.
Dazu habe ich einen interessanten Artikel von "Die Zeit" gefunden:
Hier ein Auszug:
Was also sagen die Daten wirklich? Theresia Höynck erklärt, dass die amtlichen Zahlen nur nach dem Alter der Kinder erhoben werden. Alle null- bis fünfjährigen Kinder tauchen darin auf. Getötete Neugeborene stehen da neben Kindern von psychisch kranken Eltern und neben Kindern, deren Vater oder Mutter sich selbst und die Familie umbrachte (sogenannte „Mitnahme-Suizide“). Das Baby, das einmal zu stark geschüttelt wurde, ist darin ebenso enthalten, wie die Kinder, die vor den Augen der Eltern verhungerten oder zu Tode misshandelt wurden. Ähnliche Ursachen und soziale Hintergründe sind also nur teilweise zu vermuten.
Außerdem sind die Zahlen selbst nicht aussagekräftig. Die statistische Varianz ist sehr groß. Da die Bevölkerungszahl in Ostdeutschland wesentlich geringer ist als in Westdeutschland und Kindstötungen ohnehin sehr selten vorkommen, könnte das theoretisch bedeuten, dass ein totes Kind mehr in der Statistik einen Unterschied von 100 Prozent zum Vorjahr ausmachen würde.
Theresia Höynck nennt als Beispiel die neun getöteten Babys in Brandenburg. Sie wurden zwischen 1988 und 1999 geboren und starben bald darauf. Doch in der Statistik tauchen sie alle zusammen in dem Jahr auf, in dem sie entdeckt wurden. Das heißt, sie treiben die Zahlen für Ostdeutschland über mehrere Jahre in die Höhe.
http://www.zeit.de/online/2008/09/kindstoetungen-ddr-abtreibung?page=2
Ich wiederhole mich: Es wird hier übelste Panik- und Stimmungsmache betrieben, auf Ebene der Politik als auch der Medien. Umso schlimmer dies auch noch aus dem Munde eines Politkers, Ex-Gynäkologen und DDR-Bürgers ertragen zu müssen.
Ein ernsthaftes Problem der tatsächlichen vorsätzlichen Kindstötungen ist in seiner Gesamtheit überhaupt nicht relevant und geht aus diesen Statistiken auch überhaupt nicht hervor.
Die DDR kann nicht dauernd als Sündenbock wie es gerade passt herhalten. Also sollte man derartige Äusserungen, ja schon die Gedanken daran an allerletzte Stelle verbannen.
PS:
Wisst ihr was ich stattdessen vermute? Dass eher das bundesdeutsche wesentlich striktere und gängelndere Abtreibungsgesetz sowas eher fördert.
Eine Reise nach Holland kann sich auch nicht jede arbeitslose Ostfrau leisten und dort leben nun mal mehr davon.
Ansonsten schert sich auch so kaum einer darum. Wie sonst kann es denn völllig unbemerkt zu 9 toten Babys innerhalb eines Zeitraumes von 10 Jahren kommen?
Auch die Kirche hat außer im Nachhinein laut rumzublöken und den moralischen Zeigefinger zu heben absolut nichts getan. Also sollten auch sie mal ganz kleinlaut sein und sich eher schämen.