Vernünftiger Konsum - Ist das möglich?

sc00ty

Commander
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2.596
Guten Abend,

in Folge des Skandals um Amazon und die schrecklichen Arbeitsbedingungen für ausländische Leiharbeiter bin ich ernsthaft über mein eigenes Konsumverhalten ins Grübeln gekommen. Als Student steht es um mein Budget grundsätzlich schlecht, weswegen ich auf günstige Schnäppchen bei Aldi, Amazon, H&M, usw. bisher gerne zurückgreife. Dass ich damit die Maschinerie nur weiter unterstütze und antreibe, war mir zwar bewusst, doch etwas aktiv dagegen zu tun, leider auch zu "unbequem".

Daher meine Frage an das Forum: Ist es in Deutschland denn möglich "vernünftig" zu konsumieren? Wenn ja, wie?

Natürlich sollte vor der eigentlichen Diskussion geklärt werden, was "vernünftig" bedeutet. Um es mal am Beispiel Amazon zu definieren, sollen vor allem die Arbeitsbedingungen ausschlaggebend sein. Umweltfreundlichkeit und fairer Wettbewerb dürfen aber ebenso mit einwirken. Mir geht es letztlich nicht darum, einen Weltverbesserer-Thread zu eröffnen, vielmehr wäre es schön, wenn gemeinsam Möglichkeiten gefunden werden, im Alltag "vernünftiger" zu konsumieren.

Viele Grüße
Max alias sc00ty
 
Ich habe mir ebenso schon das ein oder andere Mal Gedanken darüber gemacht, mit dem vorläufigen Ergebnis, dass es in unserer globalisierten Welt kaum noch möglich ist, mit "gutem Gewissen" zu konsumieren.

Irgendwo auf dem ellenlangen Produktweg wird es immer eine Menschengruppe geben, die zugunsten von Zwischenhändlern, Herstellern und Endkonsumenten unter prekären Umständen arbeiten und leben müssen.
 
Zuletzt bearbeitet: (Tippfehler)
Das Problem ist ganz einfach das solche Sachen keine Massenware sind, bei Elektronik ja nicht mal Nieschenware und die Preise daher deutlich höher als die tatsächlichen Mehrkosten sind.
 
Nun ja, du kannst z.B. deine Hardware erst einmal nicht bei Amazon oder Mind Factory (und Co) kaufen, sondern beim kleinen Computershop um die Ecke. Die Preise sind da teilweise nicht signifikant höher und du hast persönliche Ansprechpartner im Fehlerfall. Du hast natürlich keinen Einfluss auf die Herstellung, deine Komponenten werden im Zweifel trotzdem bei Firmen wie Foxxconn hergestellt. Und natürlich weißt du nicht, woher der Laden seine Lieferungen erhält und unter welchen Bedingungen.

Eleganter geht es bei Lebensmitteln. Kauf vom lokalen Bauernmarkt und Fleischer, Problem gelöst. Da ist dann kein Pferd im Hack, außer du willst es. Und die Erdbeeren lösen auch keinen Durchfall aus. Dafür kostet etwas Fleischer-Wurst auch mal eben 50-100% mehr als beim Aldi.

Global gesehen: Nein, du kannst nichts gegen die Ausbeutung tun. Du kannst bei Fair Trade - Läden kaufen, du kannst zum Bauernmarkt rennen, aber früher oder später verwendest du Produkte moderner Sklaverei. Du hast nur 2 Optionen: dir elend vorkommen, weil du das Leid anderer ausnutzt, oder froh sein, dass du zur globalen Spitze gehörst.
 
Vergiss es. Ohne deinen Lebensstandard signifikant runter zu schrauben kannst du dein Leben nicht mit gutem Gewissen führen.
Kaufe Produkte aus der Umgebung ohne lange Hersteller- und Lieferantenketten. Das klappt bei Nahrungsmitteln (sind bei so was ja immer im Focus) recht gut. Einige wenige deutsche und überprüfbare Textilhersteller gibt's auch noch und wenn du dir Mühe gibst lassen sich auch Baumaterialien sowohl Ökologisch als auch Moralisch halbwegs sauber beziehen.

Damit bist du aber als nicht Millionär so blank das du dir die ganzen kritischen Luxus und Konsumartikel eh nicht mehr leisten kannst;-)
Ich kenne einige wenige die das über Jahre durchgezogen haben. Du wirst in dieser Gesellschaft anecken und wirst vieeel Energie brauchen um so was durch zu ziehen. Aber man kann ja schon mal anfangen: Kaum Fleisch essen, nur Produkte aus der Region und damit der Saison futtern. Geht beim essen durchaus und ist obendrein gesund.
Verkauf dein Auto und kauf dir eine gutes Rad aus deutscher Produktion. Verzichte auf moderne Elektronik (es gibt so gut wie keine Fair hergestellten High Tech Artikel!) und beschränke dich auf eine analoges Radio. Kaufe Fair hergestellte Klamotten und rechne mit 200€ für eine Hose im Körnerfresserstyle, denn viel billiger ist hier in D eine Hose nicht herzustellen. Fliege nicht in den Urlaub sondern Pack einen Rucksack und lauf vor der Haustür los...

Man kann sehr viel machen. Muss aber auch auf einiges verzichten wenn man's konsequent machen will...
 
Ich bin mal ganz provokant und behaupte:
Jeder, der ein Produkt kauft, vertreibt, herstellt oder in irgendeiner Art und Weise daran beteiligt ist, hat Schuld.

Wir haben Schuld, weil wir Produkte kaufen, die irgendjemanden benachteiligen.
Der Verkäufer hat Schuld, weil er das Produkt verkauft.
Der Hersteller hat Schuld, weil er das Produkt herstellt.
Der Arbeiter hat Schuld, weil er unter den Bedingungen bereit ist zu arbeiten.

So, un nun zerreisst meine Aussagen.
 
Sehe ich etwas anders, die Grundaussage stimmt aber. Die Antwort ist: Nein, geht nicht.

Es sind zu viele Faktoren, einzig was Daaron schreibt kann man machen, sofern man um sich rum denn überhaupt noch einen Bauern hat. Ansonsten kann man zum nächsten Bauern 10KM weit mit der Schubkarre rennen, denn Auto fahren dahin wäre ja den Ölkonzernen das Geld in den Rachen werfen. Arbeiten müsste man lokal, und essen nur was es dort gibt.

Elektrizität ist dann sowieso tabu, kochen nur mit Holz aus dem Wäldchen nebenan, ebenso Warmwasser und heizen.

Es würde aber denke ich schon reichen den Konsum einzuschränken und zu verkleinern und nur das kaufen was man auch braucht, und nicht jeden Mist der einem für ein schöneres Lebensgefühl suggeriert wird.
 
Onkelhitman schrieb:
Elektrizität ist dann sowieso tabu, kochen nur mit Holz aus dem Wäldchen nebenan, ebenso Warmwasser und heizen.
Wieso? Wenn man seine Solarpanels nicht beim Chinamann kauft, sondern bei einem der deutschen Hersteller wie Solarworld, dann ist man schon einmal auf einem guten Kurs (nur eben signifikant teurer). Klar, die Rohstoffe kommen evtl. doch aus ostasiatischer Zwangsarbeit, aber man kann nicht alles haben.

Und übrigens kann man mit Holz aus dem heimischen Wald verdammt gut heizen und für Warmwasser sorgen. Wir haben hier im Haus zwar eine Ölheizung, nutzen die aber nur an extrem kalten Tagen, damit der Speicher nicht zu sehr absackt während niemand zuhause ist. Ansonsten haben wir einen großen Holzvergaser und in beiden Wohnzimmern n kleinen Kaminofen. Das ist tatsächlich billiger als Öl... und ich muss sagen, es ist hammergeil, vor nem glühenden Holzofen einzuschlafen. Das hat einfach nur Style.
 
Klar, die Rohstoffe kommen evtl. doch aus ostasiatischer Zwangsarbeit, aber man kann nicht alles haben.

Du siehst, es geht nicht ohne jemand anderes auszubeuten. ;) Du kannst dir nur die "schwere" der Körperverletzung anderer aussuchen, nicht aber komplett verzichten ohne zum Wald und Wiesenbewohner mit Wäldchen nebenan zu werden.

Ich könnte hier gar nicht mit Holz heizen, denn ich habe hier in der Nähe keinen Wald. Ich kann auch nicht Holz herbeischaffen, denn dafür bräuchte ich wieder einen Wagen, der wiederum mit Öl läuft. Wie ein Holzofen wirkt weiss ich auch, aber ich will damit verdeutlichen, dass es nunmal einfach nicht überall geht.
 
Ein blöder Ackergaul bin ich selber und ein langes Gesicht kann ich auch machen. Nen Gaul muss ich aber auch irgendwo hinstellen und nen Karren ebenso. Könnte mir höchstens nen DaVinci-Hubschrauber bauen bei dem man trampeln muss und dann abhebt. Aber fraglich ob ich das Gewicht hinbekomme (nicht meins, sondern vom Holz).
 
Beim Smartphone gibt es bald eine Alternative: Fairphone
 
Daaron schrieb:
Nun ja, du kannst z.B. deine Hardware erst einmal nicht bei Amazon oder Mind Factory (und Co) kaufen, sondern beim kleinen Computershop um die Ecke. Die Preise sind da teilweise nicht signifikant höher und du hast persönliche Ansprechpartner im Fehlerfall. Du hast natürlich keinen Einfluss auf die Herstellung, deine Komponenten werden im Zweifel trotzdem bei Firmen wie Foxxconn hergestellt. Und natürlich weißt du nicht, woher der Laden seine Lieferungen erhält und unter welchen Bedingungen.

Eleganter geht es bei Lebensmitteln. Kauf vom lokalen Bauernmarkt und Fleischer, Problem gelöst. Da ist dann kein Pferd im Hack, außer du willst es. Und die Erdbeeren lösen auch keinen Durchfall aus. Dafür kostet etwas Fleischer-Wurst auch mal eben 50-100% mehr als beim Aldi.

Global gesehen: Nein, du kannst nichts gegen die Ausbeutung tun. Du kannst bei Fair Trade - Läden kaufen, du kannst zum Bauernmarkt rennen, aber früher oder später verwendest du Produkte moderner Sklaverei. Du hast nur 2 Optionen: dir elend vorkommen, weil du das Leid anderer ausnutzt, oder froh sein, dass du zur globalen Spitze gehörst.

das trifft ziemlich genau meine Einstellung. Mit etwas veränderter Einstellung kann man schon einige Dinge verändern. Natürlich nicht die ganze Welt, aber es ist ein gutes Gefühl für sich selbst nicht mehr nach Geiz ist geil zu leben, sondern eben z.B. für Lebensmittel faire preise zu zahlen. Ich esse nicht jeden Tag Fleisch, es gibt leckere Alternativen und wenn ich Fleisch esse, dann kaufe ich qualitativ hochwertiges Fleisch. Genauso bei Büchern, die kaufe ich nicht bei Amazon, sondern beim Buchladen in der Stadt, Elektronik genauso :D
 
Generell ist ein erster Schritt mit einer gewissen Verweigerung verbunden. Aber man kann nicht alles aufgeben unter normalen Westeuropabedingungen...oder man muß als Kommune mit Allroundern (Handwerk, Medizin, Biologie, Ernährung, Energietechnik) zu sehr großen Opfern bereit sein und dafür noch einen Haufen Startkapital haben.

So, als normaler Konsument, gilt ein einfaches Gesetz, wenn man etwas ändern will: Man stelle sich die Frage: Muß ich jeden Scheiss haben und mitmachen?? Für die meisten Menschen gilt: Ja, will ich und muß ich...genau deswegen funktioniert Ausbeutung und Kapitalismus. Funktioniert nämlich nur bei entsprechender Nachfrage und daher liegt es am einzelnen Konsumenten, ob man die teilweise bescheidenen Lebens- und Arbeitskonditionen von Menschen mitverschuldet.

Regionale Produkte ist ein korrekter Ansatz, kostet aber auch mehr Geld. Gebraucht bei Konsumgütern geht ebenfalls, da wir ja gerne schnell wechseln.....man findet fast alles gebraucht. Und manchmal einfach Nein sagen....so kann man schon etwas am eigenen Verhalten ändern. Und wenn es nicht ein einzelner macht sonder viele, dann zwingt man zumindest die Produzenten mal zum Nachdenken, da ja heute alles medialisiert weitergegeben wird.
 
Ob das hier in Deutschland möglich ist ist eher fraglich.

Ich hab Verwandte in Kanada die bis zum nächsten Ort ~ 100km haben und deren Grundstück etwa so groß ist wie hier ein ganzer Landkreis. Die Versorgen sich im großen selbst halt Holzhacken Angeln etc glaube wirklich viel näher kann man dem kaum kommen.

Am Ende ist es auch eine Frage der Möglichkeiten die einem gegeben sind.

Man muss ja nicht gleich ins ganze Extrem gehen und alles ändern auch kleine Schritte können Sachen ändern. Ich hab noch nie bei Ebay Amazone etc. bestellt es geht auch wenn es trotzdem Präsent ist.
 
Zuletzt bearbeitet:
Abgesehen von Lebensmitteln kann man die allermeisten Sachen auch gebraucht kaufen ohne wirklich schlechtere Produkte zu bekommen (OK, Klopapier lass ich als Ausnahme gelten ;) )
Gerade im Technikbereich wird bei der Produktion UND bei der Entsorgung so viel Energie und Ressourcen verbraucht, dass es der Umwelt (und dem Gewissen?) auf jeden Fall zu gute kommt, wenn man ein Produktleben verlängert. Denn jeder weiterbenutzte Gegenstand ist deutlich ökologischer als ein recycleter und neu produzierter.
 
methadron schrieb:
Genauso bei Büchern, die kaufe ich nicht bei Amazon, sondern beim Buchladen in der Stadt, Elektronik genauso :D
Schade nur, dass es den kleinen gemütlichen Buchladen nicht mehr gibt, von Antiquaren abgesehen. Sämtliche Buchhändler hier in der Gegend gehören entweder zu Hugendubel oder Thalia. Gerade Thalia haben echt ALLES aufgekauft, was in und um Dresden herum in irgend einer Form mit aktueller Literatur gehandelt hat.
Spätestens wenn man dann aber seine Bücher gern als englische Originalfassung hat geht man doch zu Amazon. Die haben den Kram wenigstens.

Radde schrieb:
Abgesehen von Lebensmitteln kann man die allermeisten Sachen auch gebraucht kaufen ohne wirklich schlechtere Produkte zu bekommen (OK, Klopapier lass ich als Ausnahme gelten ;) )
Würdest du ne gebrauchte CPU kaufen, die vorher evtl. nem notorischen (und noch dazu unvorsichtigen) OC'er gehört hat? Oder ne gebrauchte Festplatte, die n paar Mal verdammt heiß lief? ne gebrauchte Maus, bei der die Tasten schon durch sind?

Nein, das einzige was ich gebraucht gekauft hab war mein Auto, weil hier wirklich jeder Kilometer den Wert quasi halbiert. Beim Rest setz ich auf qualitativ hochwertige Produkte, die ewig und drei Tage halten. Mein 5.1 - System ist ein analoges Creative-System, für das noch in DM bezahlt wurde. Mein Fernseher stammt aus den späten 90ern und zeigt jetzt erst definitive Ausfallerscheinungen.
 
Meine Ma arbeitet in einem kleinen Buchladen leider mittlerweile ca 200km entfernt, aber wir haben in Braunschweig das große Glück einen riesigen Buchladen zu haben, der Inhabergeführt ist und wirklich alles hat, top Beratung und sämtliche Bücher in allen Sprachen.
Was gebrauchte IT angeht, ich habe Mittwoch seit Ewigkeiten mal wieder Neuware gekauft, ich bin ein ziemlicher Kleinanzeigenfan, unsere Smartphones, Tablets und sogar der TV ist gebraucht gekauft, aber immer mit Besichtigung und Funktionskontrolle. Und ich bin damit bislang immer gut gefahren.
 
@Daaron
OK, Festplatte ist wirklich ein gutes Beispiel, was ich auch eher neu kaufen würde.
Trotzdem habe ich im Heimelektronik-Bereich glaube ich einen ganz guten Gebraucht- bzw. lang-benutzt-Schnitt. Gebraucht sind z.B. Fernseher und einer von zwei PC-Monitoren. Maus (Logitech MX510) und Tastatur (mittlerweile 14 Jahre alt!) sind vermutlich auch überdurchschnittlich alt.
Aber natürlich bin auch ich nicht konsequent heilig. Bei bestimmten Dingen achte ich einfach mehr darauf und bei anderen Dingen weniger.
 
Ich finde es wirklich spassig, das hier gebrauchte Komponenten des Lieblingsspielzeugs so schlecht weg kommen. Wenn man den Gedanken weiterspinnt, so hat man eine weitere fehlerquelle aufgedeckt: Ehrlichkeit!!

Wenn ich eine total abgeritten HDD verkaufe, so kann ich das ehrlich angeben und beim Preis von vornherein keine Wunder erwarten. Das wäre korrekt. Oder ich verkaufe sie als neuwertig, obwohl ich von defekten Sektoren weiß.....das wäre arschlochlike, aber scheinbar normal.

Das kann es doch nicht sein, wenn man oben von Fairness und Veränderung redet. Die fängt bei jedem einzelnen an. Wer hier im Forum etwas verkauft, der sollte so viel Arsch in der Hose haben, das es keine verschwiegenen Mängel gibt. Und wenn jemand für einen Proz noch Geld fordert, dann muß man ihm den Preis auch nicht kaputtfeilschen.

Genau das hier angesprochene Verhalten spiegelt aber unsere Gesellschaft und unsere Welt wieder.....Abzocke, wo immer es geht. Und solange das in den Köpfen ist, ändert sich garnichts.
 
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