iPhone X im Test: Sieh mich an, wenn du was willst 2/3

Frank Hüber et al. 333 Kommentare

Face ID: Sieh mich an, wenn du was willst

Face ID ist die wohl größte Änderung, die das iPhone X bei der alltäglichen Nutzung mitbringt. Seit dem iPhone 5s und auch bei aktuellen Smartphones wie dem iPhone 8 (Test) übernimmt der Fingerabdrucksensor Touch ID die Absicherung des iPhones gegen unbefugten Zugriff und auf Wunsch die Autorisierung von Käufen. Alle Apps, die zuvor Touch ID unterstützt haben, unterstützen nun übrigens automatisch Face ID. Touch ID wiederum sitzt im Home-Button, den es beim iPhone X nicht mehr gibt. Das neue OLED-Display nimmt beinahe die gesamte Front ein, nur die Notch am oberen Ende des Displays bietet noch Fläche, um dort Technik unterzubringen, die zwingend auf der Vorderseite des Smartphones sitzen muss.

In der Notch muss Apple viel Technik auf wenig Fläche und Volumen unterbringen. Bisher fanden Näherungssensor, Umgebungslichtsensor, Lautsprecher, Mikrofon und Frontkamera in der vergleichsweise großen „Stirn“ eines jeden iPhones Platz, jetzt buhlen zusätzlich Infrarotkamera, Infrarotbeleuchter und Punktprojektor um deutlich weniger Stauraum. TrueDepth-Kamerasystem nennt Apple das Gesamtkonstrukt dieser Komponenten, die zwar auch Face ID ermöglichen, aber noch mehr Funktionen abdecken.

Die Sensoren des iPhone X an der Vorderseite
Die Sensoren des iPhone X an der Vorderseite (Bild: Apple)

Schneller als Touch ID – eingerichtet

Gleich einer der ersten Schritte nach dem Start des iPhone X ist die Einrichtung von Face ID. Der Benutzer wird dabei aufgefordert, seinen Kopf innerhalb eines von der Kamera eingefangenen Kreises langsam zu drehen, damit die Kamera nicht nur die frontale Ansicht sondern auch seitliche Konturen einfangen kann. Dies ist bei der Einrichtung lediglich zweimal nacheinander notwendig und geht sehr viel schneller als die Einrichtung von Touch ID, bei der ein mehrfaches Auflegen des Fingers in unterschiedlichen Positionen notwendig ist.

Ein Anblick alleine genügt nicht

Zum Entsperren des iPhone X muss der Nutzer dann nur noch auf dieses schauen – und mit dem Finger auf dem Display von unten nach oben wischen. Apple kehrt mit dem iPhone X somit auch zurück zu „slide to unlock“, wenn auch von unten nach oben statt von links nach rechts.

Zunächst erscheint diese zusätzliche Wischgeste unnötig und umständlich. Umständlich bleibt sie auch, unnötig jedoch nicht. Ohne diesen zweiten Schritt zum Entsperren würde der Benutzer keine Benachrichtigungen auf dem Sperrbildschirm sehen können, da dieser sofort freigegeben und übersprungen werden würde. Jetzt verharrt das iPhone auf dem Sperrbildschirm und zeigt durch ein entriegeltes Schloss oben an, dass man durch Wischen auf den Startbildschirm gelangen kann. Zudem werden die auf dem Sperrbildschirm hinterlegten Benachrichtigungen nun freigegeben, die vorher ohne Inhalt angezeigt wurden. Gibt es bei einem gesperrten iPhone X beispielsweise nur den Hinweis, dass eine Erinnerung vorliegt, klappt diese durch die Entsperrung automatisch auf und zeigt den Inhalt der Erinnerung an.

Apple iPhone X – Per Face ID entsperrt
Apple iPhone X – Per Face ID entsperrt
Apple iPhone X – Warten auf Face ID
Apple iPhone X – Warten auf Face ID
Apple iPhone X – PIN als Alternative zu Face ID
Apple iPhone X – PIN als Alternative zu Face ID

Alternativ lässt sich die Reihenfolge aber auch umdrehen, wenn das iPhone X sofort auf den Startbildschirm springen soll, wenn Face ID den Benutzer erkennt. Hierfür kann schon beim Hochheben des iPhone X über den Bildschirm gewischt werden, so dass der Startbildschirm öffnet, wenn Face ID den Nutzer identifiziert hat.

Schlägt Face ID fehl, verhält sich das iPhone X wie ein iPhone mit Touch ID – es fordert zur Eingabe der hinterlegten PIN auf.

Problemloser, aber langsamer als Touch ID

Im Test funktionierte Face ID problemlos. Sowohl die Einrichtung als auch das spätere Entsperren des iPhone X funktioniert – unabhängig von Helligkeit, Umgebung, direktem oder indirektem Licht. Mit all diesen unterschiedlichen Bedingungen hat Face ID keine Probleme. Auch absolute Dunkelheit in einem Raum ohne jedes Fenster und jede Beleuchtung bringt das System von Apple Dank Infrarot nicht aus dem Tritt. Im Test kam es so nicht einmal zu dem Fall, dass das iPhone X das Gesicht, wenn es dem iPhone X frontal gezeigt und nicht verdeckt wurde, nicht erkannt hat. Touch ID scheitert hier im Alltag häufiger an der eindeutigen Erkennung des Fingerabdrucks. Auch nasse Finger bei Regen oder nach dem Händewaschen stellen Face ID anders als für Touch ID nicht vor unlösbare Herausforderungen.

Bei der Nutzung und von einem iPhone mit Touch ID kommend erweist sich Face ID aber dennoch häufig als umständlicher und langsamer als Touch ID. Es kam immer wieder zu Situationen, in denen auf die Freigabe des iPhone X durch Face ID kurz gewartet werden musste, da eben nicht frontal auf das Display geguckt wurde. Mit Touch ID passiert dies nicht, da sich das iPhone häufig schon beim Herausnehmen aus der Hosentasche entsperren lässt. Wer dies häufiger so handhabt, muss beim iPhone X länger warten.

Im Alltag ist Face ID nicht immer nutzbar

Ein Entsperren „mal eben nebenbei“, ohne auf das Smartphone zu gucken beziehungsweise dies in Richtung Gesicht auszurichten, funktioniert nicht mehr. Erst durch das iPhone X wird deutlich, wie häufig man das – je nach Nutzungsverhalten – bisher getan hat. Um ein iPhone X, das auf dem Tisch neben dem Anwender liegt, zu entsperren, muss dieser sich künftig etwas über das iPhone X beugen, eine direkte Draufsicht frontal von oben ist allerdings nicht nötig. Ein zum Aufladen etwa auf einer Anrichte quer abgelegtes iPhone X lässt sich auch nur entsperren, indem es kurz in die Hand genommen und zum Benutzer hin ausgerichtet wird.

Zu weit darf das iPhone X nicht weg sein

Im Auto in einer Handyhalterung über der Mittelkonsole, die in den Lüftungsschlitzen befestigt ist, zeigen sich dann die Grenzen von Face ID. Ein Entsperren des iPhone X durch den Fahrer war in diesem Fall nicht mehr möglich. Erst durch das Lehnen des Oberkörpers nach rechts und nach vorne wurde das iPhone X entsperrt. Bei Touch ID ist zwar auch ein Eingriff notwendig, nämlich der Griff der rechten Hand an das Smartphone, allerdings kann der Blick hierfür auf der Straße bleiben und darüber hinaus ist auch beim iPhone X nach dem Entsperren noch ein Wischen über den Bildschirm notwendig.

Grundsätzlich zeigt sich, dass das iPhone X nicht zu weit vom Gesicht entfernt sein darf, damit Face ID zuverlässig beziehungsweise überhaupt noch funktioniert. Ein voll ausgestreckter Arm, was in diesem Fall einer Entfernung von etwas über 60 cm entspricht, ist bereits eine zu große Distanz, Face ID erkennt den Benutzer nicht.

Mehrere Personen im Blickfeld sind kein Problem

Eine zweite Person und somit ein zweites Gesicht direkt neben der in Face ID hinterlegten Person ist für das iPhone X hingegen unproblematisch. Möchte man also ein Selfie mit dem Partner im Arm machen, steht Face ID diesem Vorhaben nicht im Weg.

Aufmerksamkeitsprüfung für direkten Augenkontakt

Für eine höhere Sicherheit lässt sich bei Face ID eine Aufmerksamkeitsprüfung aktivieren, bei der es erforderlich ist, dass der Benutzer die Augen geöffnet hat und zum Telefon blickt. Erst dann entsperrt Face ID das iPhone X – frei nach dem Motto „sieh mich gefälligst an, wenn du was von mir willst“. So kann beispielsweise verhindert werden, dass jemand anderes das Smartphone entsperrt, während man schläft. Die Aufmerksamkeitsprüfung funktioniert im Test problemlos.

Kein Problem mit Sonnenbrillen

Apple selbst weist jedoch darauf hin, dass es beispielsweise mit Sonnenbrillen zu Problemen im Zusammenspiel mit der Aufmerksamkeitsprüfung kommen kann. Im Test konnte dies nicht bestätigt werden. Auch mit aufgesetzter Sonnenbrille ließ sich das iPhone X per Face ID entsperren, wobei nicht auszuschließen ist, dass stark spiegelnde oder farbige Sonnenbrillen nicht eingesetzt werden können.

Eine spürbare Auswirkung auf die Geschwindigkeit des Entsperrens ist bei aktivierter Aufmerksamkeitsprüfung ebenso wenig zu verzeichnen wie daraus im normalen Gebrauch resultierende Einschränkungen, von Sonnenbrillen einmal abgesehen.

Kein Entsperren mit Schal und Winterjacke

Face ID ist weitgehend unabhängig von der Frisur, Kleidung, dem Schmuck oder Brillen einsetzbar. Wichtig ist jedoch, dass die Augen, die Nase und der Mund zur Erkennung nicht verdeckt werden. Wer seinen Schal im Winter bis hoch in das Gesicht zieht oder eine hoch schließende Winterjacke trägt, kann Face ID demnach nicht mehr nutzen. Sobald der Mund verdeckt ist, funktioniert Face ID nicht mehr. Verdecken lange Haare zu viele Bereiche des Gesichts, kann auch dies dazu führen, dass Face ID nicht mehr funktioniert.

Auch Touch ID hat im Winter Probleme

Der Fairness halber sollte an dieser Stelle jedoch nicht unerwähnt bleiben, dass Touch ID und der Home-Button aktueller iPhones generell mit normalen Handschuhen im Winter nicht bedient werden kann. Frei von Einschränkungen sind somit beide Systeme nicht.

Ein Foto der hinterlegten Person reicht wie erwartet nicht zum Überlisten von Face ID. Apple selbst hat schon zur Ankündigung bestätigt, dass eineiige Zwillinge vom System nicht eindeutig unterschieden werden können, aber diese Unterscheidung fällt in der Regel auch Menschen schwer und kann Prinzip-bedingt nicht dem System selbst angelastet werden. Auch sehr nahe Verwandte mit großer Ähnlichkeit können das System unter Umständen überlisten. Das Unternehmen Bkav möchte Face ID mit einer selbst gebauten Maske überlistet haben, abseits des selbst veröffentlichten Videos fehlt eine unabhängige Bestätigung jedoch noch.

Neue Gesten ersetzen den Home-Button

Da dem iPhone X der Home-Button fehlt, sind neue Gesten in iOS 11 nötig, um dennoch alle Aufgaben erledigen zu können. In den ersten Stunden mit dem iPhone X werden iPhone-Stammnutzer immer wieder mit dem Daumen auf das Display drücken, um das gewohnte Touch ID zu nutzen – erfolglos.

Wischen nach oben statt Home-Button

Dies fängt beim Wischen nach oben zum Sprung auf den Startbildschirm an. Diese Geste ist nicht nur beim Entsperren des iPhone X notwendig, sondern auch aus jeder App heraus anwendbar, um zu jedem Zeitpunkt wieder auf den Startbildschirm zu springen. Das Bild springt dabei immer auf die zuletzt geöffnete Seite des Startbildschirms, ein weiterer Wisch nach oben sorgt dann für einen Sprung auf die erste Seite des Startbildschirms. An diese Geste hat man sich nach sehr kurzer Zeit gewöhnt und sie stellt auch keine Verschlechterung der Bedienbarkeit im Vergleich zum Home-Button dar.

Hintergrund-Apps lassen sich umständlicher schließen

Wird der Finger beim Wisch nach oben nicht vom Display genommen, öffnet sich die Übersicht der geöffneten Apps. In dieser Ansicht kann wie gewohnt eine App ausgewählt und wieder geöffnet werden. Was jedoch nicht möglich ist, ist das einfache Schließen einer App durch einen Wisch nach oben. Um eine App zu schließen muss in dieser Ansicht wiederum ein Finger das Display gedrückt halten. Nun erhält jede geöffnete App oben links ein Symbol, über das sie geschlossen werden kann, was einen weiteren Druck erforderlich macht.

Sowohl das Anzeigen der geöffneten Apps, die bei Touch ID über einen schnellen Doppelklick auf den Home-Button erfolgte, dauert beim iPhone X länger, als auch das Schließen von geöffneten Apps, was bei anderen iPhones durch ein einfaches Wischen der jeweiligen App nach oben erfolgte. An dieses Vorgehen gewöhnt man sich zwar, umständlicher als mit Touch ID bleibt es jedoch.

Apple iPhone X – Der App-Switcher
Apple iPhone X – Der App-Switcher
Apple iPhone X – Der App-Switcher
Apple iPhone X – Der App-Switcher
Apple iPhone X – Apps im Hintergrund
Apple iPhone X – Apps im Hintergrund

Keine gänzliche Neuheit des iPhone X ist hingegen der Wechsel zwischen Apps durch ein Wischen mit „deep press“ nach rechts am unteren Rand des Displays. Allerdings können beim iPhone X so alle zuletzt geöffneten Apps durchlaufen werden, während bislang immer nur zwischen den beiden zuletzt geöffneten Apps hin und her gewechselt wurde. Beim iPhone X funktioniert diese Geste zudem auch von rechts nach links, um die Apps in umgekehrter Reihenfolge zu durchlaufen.

Kontrollzentrum oben rechts, Benachrichtigungen oben links

Das Kontrollzentrum kann auf dem iPhone X nicht per Wischen nach oben erreicht werden, da diese Geste zum Sprung auf den Startbildschirm dient. Deshalb hat Apple das Kontrollzentrum in die rechte obere Ecke gelegt. Wird von dieser nach unten gewischt, öffnet sich das Kontrollzentrum – angepasst an die jeweilige Orientierung des iPhone X. In der linken oberen Ecke führt ein Wisch nach unten hingegen zum Öffnen der Benachrichtigungen. Auch an diese Veränderung hat man sich schnell gewöhnt.

Verbesserte Dual-Kamera und Frontkamera-Porträts

Bildstabilisator auch für das Teleobjektiv

Grundsätzlich hat das iPhone X dasselbe Dual-Kamera-System wie das iPhone 8 Plus und setzen auf dieselben Sensoren mit 12 Megapixel. Zwei kleine Unterschied gibt es jedoch. Die Blendenzahl des Teleobjektivs hat Apple von f/2.8 auf f/2.4 verringert, was eine kürzere Belichtungszeit ermöglich (das Weitwinkelobjektiv verfügt hingegen bei beiden Modellen über eine Blendenzahl von f/1.8). Darüber hinaus hat das Teleobjektiv des iPhone X im Gegensatz zum iPhone 8 Plus nun auch einen optischen Bildstabilisator, was beim Einsatz des 2fachen optischen Zooms zu weniger verwackelten Bildern führt.

Die mit dem iPhone X gemachten Bilder sehen schlussendlich aufgrund des gleichen Unterbaus und identischer Algorithmen aus wie die des iPhone 8 Plus. Auf einen umfassenden Foto-Vergleich wird deshalb an dieser Steller verzichtet und auf den ausführlichen Kameratest des iPhone 8 Plus verwiesen, der belegt, dass die Fotos deutlich besser aussehen als noch beim iPhone 7 (Plus), dessen Fotos eher farbarm ausfielen.

Porträtaufnahmen mit Hintergrundfilter mit der Frontkamera

Durch die umfangreiche Technik des Frontkamerasystems für Face ID ermöglicht auch die Frontkamera des iPhone X Porträtaufnahmen, bei denen der Hintergrund unscharf maskiert wird und Beleuchtungseffekte genutzt werden können, ohne dass hierfür ein Dual-Kamera-System wie auf der Rückseite notwendig ist. Diese Effekte lassen sich nachträglich noch auf ein Bild anwenden oder auch entfernen, selbst wenn sie direkt bei der Aufnahme angewandt wurden, da das Original mit Tiefeninformationen ebenfalls gespeichert bleibt.

Im Test funktioniert dies zuverlässig. Die Ergebnisse des Unschärfe-Algorithmus' decken sich weitgehend mit dem Dual-Kamera-System der Rückseite, wobei die Bildqualität der Frontkamera deutlich hinter der der Dual-Kamera zurückbleibt. Die Kanten der porträtierten Person neigen somit auch beim Einsatz der Frontkamera dazu, zu unscharf dargestellt zu werden, und teilweise werden direkt im Bildhintergrund an die Person angrenzende Objekte nicht als Hintergrund erfasst. Beim Einsatz der Effekte „Bühnenlicht“ und „Bühnenlicht Mono“ fällt auf, dass die Konturen nicht immer klar erkannt werden, was zu Rändern am Objekt führt. Dies ist allerdings stark vom Hintergrund und den Lichtverhältnissen abhängig.

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