Galaxy S9 und S9+ ausprobiert: Samsung legt mit 960-FPS-Kamera und AR Emoji nach

Nicolas La Rocco 217 Kommentare
Galaxy S9 und S9+ ausprobiert: Samsung legt mit 960-FPS-Kamera und AR Emoji nach

Samsung hat soeben mit der Vorstellung des Galaxy S9 und Galaxy S9+ begonnen. Zum Abschluss der Keynote um 19:00 Uhr können die neuen Smartphones bereits vorbestellt werden, Marktstart ist der 16. März. Dieses Jahr neu sind Kamera, Prozessor, Fingerabdrucksensor und Software. ComputerBase konnte beide Modelle ausprobieren.

Fingerabdrucksensor versetzt

Das Samsung Galaxy S9 und das Galaxy S9+ sind eine Evolution und weitere Verbesserung der bereits sehr guten Basis, die mit der Galaxy-S8-Serie vor einem Jahr gebildet wurde. Rein äußerlich betrachtet und nur auf das Design bezogen hat Samsung kaum Veränderungen gegenüber dem Vorjahr vorgenommen. Die eine Anpassung, die auf der Rückseite auffällt, ist dafür umso entscheidender. Der Fingerabdrucksensor hat es zwar noch immer nicht in das Display geschafft, sitzt nun aber endlich unterhalb der Kamera und ist damit zum einen besser mit beliebiger Hand zu erreichen und zum anderen nicht mehr der Kamera im Weg, die damit frei von Fingerabdrücken bleibt.

Neue Kamera mit Superzeitlupe

Die zweite große Veränderung betrifft die Kamera. Das Galaxy S9+ bietet erstmals eine Dual-Kamera, wie sie bisher nur beim Galaxy Note 8 (Test) anzutreffen war. Die Sensoren dahinter sind neu, der grundsätzliche Aufbau und die Funktionen sind aber gleich. Über das zweite Objektiv ermöglicht Samsung einen zweifachen optischen Zoom und den „Live Fokus“ genannten Bokeh-Effekt, der sich nach Wunsch mehr oder weniger intensiv und auch noch im Nachhinein anwenden lässt.

Wichtiger als der Dual-Kamera-Aufbau des Galaxy S9+ ist aber, was Samsung an der Hauptkamera verändert hat, die baugleich in beiden Smartphone-Varianten steckt. An den neu entwickelten 12-Megapixel-Sensor hat Samsung DRAM als schnellen Zwischenspeicher angeflanscht, um zum einen eine neue Multi-Frame-Rauschunterdrückung und zum anderen eine neue Superzeitlupe mit 960 FPS in 720p-Auflösung zu realisieren. Dieser Aufbau des Sensors erinnert an Sonys erstmals im Xperia XZ Premium (Test) verbauten Exmor-Sensor mit 128 MB Zwischenspeicher für ebenfalls 960 FPS in 720p. Samsung hat bei der neuen Zeitlupe allerdings eine sinnvolle und im Alltag praktische Funktion integriert, die Sony fehlt.

Wie bei Sony kann die Superzeitlupe auch beim Galaxy S9 jederzeit beim Filmen im normalen Videomodus zugeschaltet werden. Neu im normalen Videomodus ist die Unterstützung der 4K-Auflösung mit 3.840 × 2.160 Bildpunkten mit 60 statt 30 FPS. Die Videostabilisierung lässt sich im neuen UHD-Modus nicht verwenden, außerdem fallen der Verfolgungs-Autofokus und die Videoeffekte weg. Letzteres ist auch bei UHD mit 30 FPS sowie in den Auflösungen QHD und Full HD mit 60 FPS der Fall. Rein optional ist die Nutzung des HEVC-Codecs, der standardmäßig nicht zum Einsatz kommt.

Da mit der Superzeitlupe nur 0,2 Sekunden aufgezeichnet werden können, ist es bei Sony nicht einfach, den richtigen Moment zu treffen. Samsung hat hierfür eine Automatik entwickelt, bei der sich über ein Quadrat auf dem Display eine Markierung setzen lässt, in deren Bereich die Kamera erkennen soll, dass eine Bewegung stattfindet, die in Superzeitlupe aufgenommen werden soll. Im Kurztest erkannte das Galaxy S9 das Platzen eines mit Wasser gefüllten Ballons im richtigen Augenblick und hielt den Moment mit beeindruckenden 960 FPS fest. Aufnahmen mit der Superzeitlupe lassen sich außerdem in ein animiertes GIF wandeln und als bewegtes Wallpaper abspeichern.

Multi-Frame-Rauschunterdrückung

Den schnellen Zwischenspeicher im Kamerasensor nutzt Samsung darüber hinaus für eine neue Multi-Frame-Rauschunterdrückung (MFNR), die bei schlechten Lichtbedingungen unter 1 Lux automatisch aktiviert wird. Während das Galaxy S8 unter diesen Bedingungen noch drei Bilder schoss und diese zu einer besseren Aufnahme vereinte, schießt das Galaxy S9 zwölf Fotos, die in drei Stapeln zu je vier Bildern aufgenommen werden, aus denen dann die besten drei wieder zu einer Aufnahme kombiniert werden. Samsung demonstrierte die neue Bildverarbeitung anhand einer Aufnahme eines Teddybärs mit dem Galaxy S9+, die deutlich weniger Bildrauschen als beim Galaxy S8+ aufweist. Die MFNR wird über den neuen Bildprozessor im Exynos-Chip abgewickelt, der Snapdragon 845 des US-Modells unterstützt diese Technik aber ebenso. Grundsätzliche bieten beide Varianten in allen Punkten die gleichen Features.

Ergebnis der Multi-Frame-Rauschunterdrückung
Ergebnis der Multi-Frame-Rauschunterdrückung (Bild: Samsung)

Variable Blende f/1.5 und f/2.4

Galaxy S9 und Galaxy S9+ sind Samsungs erste in Europa erhältliche Smartphones mit variabler Blende, die im Automatikmodus der Kamera zwischen f/1.5 und f/2.4 wechselt. Bisher war dieses Feature nur bei dem für den asiatischen Markt bestimmten Luxus-Klapphandy W2018 verfügbar. Für Aufnahmen bei Tageslicht nutzt der Automatikmodus die f/2.4-Blende, ab etwa 100 Lux soll dann automatisch auf Blende f/1.5 gewechselt werden. Im Vergleich zur Kamera des Galaxy S8 mit f/1.7-Blende soll mit Blende f/1.5 28 Prozent mehr Licht auf den Sensor treffen. In einem abgedunkelten Raum mit Blumengestecken an der Wand konnte das Galaxy S9 im Vergleich mit einem Google Pixel 2 XL (Test) ein brauchbares Bild knipsen. ComputerBase wird die Kamera des Galaxy S9 im Rahmen des MWC und vor Marktstart eigenen Tests unterziehen.

Exynos 9810 ist schneller

Dass Samsung mehr als bisher aus der Kamera herausholt, liegt auch am neuen Prozessor, den Samsungs Semiconductor-Sparte bereits Anfang des Jahres vorgestellt hatte. Der Exynos 9810 besitzt vier Performance-Kerne, die im Galaxy S9 mit bis zu 2,7 GHz takten. Die Chip-Sparte hatte den Chip noch mit bis zu 2,9 GHz vorgestellt. Nur weil das System-on-a-Chip gewisse Funktionen beherrscht, werden diese aber nicht zwangsweise für ein Endgerät übernommen. Die vier Efficiency-Kerne takten ebenfalls um 200 MHz reduziert mit 1,7 statt 1,9 GHz. Beim vorgestellten Chip mit höheren Maximaltaktraten spricht Samsung von einer ungefähr verdoppelten Single-Core-Performance und einer um 40 Prozent gestiegenen Multi-Core-Performance.

Die neue Grafikeinheit Mali-G72 MP18 mit bis zu 572 MHz soll 20 Prozent mehr Leistung bieten als die Mali-G71 MP20 des Galaxy S8. Zudem stecken in dem SoC für Foto- und Videoaufnahmen zwei Bildprozessoren (ISP – Image Signal Processor) und eine Security Processing Unit (SPU) mit verbesserter Verschlüsselung und Firewalls, die Subsysteme untereinander abschottet. Das neue LTE-Modem schafft bis zu 1,2 Gbit/s im Downstream und bis zu 200 Mbit/s im Upstream.

AR Emoji statt Animoji

Erstmals verarbeitet der Exynos 9810 über die Frontkamera Informationen für den 3D-Scan eines Gesichts, mit Hilfe dessen Face-Tracking-Features abgewickelt werden können. Dieses Feature verwendet Samsung für die neuen AR Emoji, die stark an Apples Animoji des iPhone X (Test) erinnern. AR Emoji können wie bei Apple über den Messenger geteilt oder als animiertes GIF in den sozialen Netzwerken gepostet werden. Neben eigenen Aufnahmen lässt sich der 3D-Scan des Gesichts auch mit von Samsung vordefinierten Gesichtsausdrücken kombinieren. Außerdem stehen verschiedene Alter Ego wie Tiere, Figuren und Masken zur Auswahl. Für die AR Emoji benötigt Samsung kein spezielles Kamerasystem wie die TrueDepth-Kamera des iPhone X. Bei Apple wird diese allerdings primär auch nur für Face ID benötigt, da Animoji auch mit zugehaltenem Punktprojektor weiterhin funktionieren.

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