Erfahrungsbericht: Die Apple Watch 4 sorgt für Ruhe im Kopf

Nicolas La Rocco 158 Kommentare
Erfahrungsbericht: Die Apple Watch 4 sorgt für Ruhe im Kopf

tl;dr: Seit gut zwei Monaten ist die EKG-Funktion der Apple Watch 4 in Deutschland verfügbar. Das macht die Smartwatch zu einem besseren Alltagsbegleiter für die Überwachung der eigenen Gesundheit. Beim Sport hingegen entscheidet weiterhin die Sportart, wie sinnvoll eine Apple Watch ist. Ein persönlicher Erfahrungsbericht.

Die letzten zwei Monate hat mich die Apple Watch 4 im Alltag begleitet – ein Leihgerät von Apple, kein gekauftes. Dass ich bislang das iPhone im Alltag für die bessere Wahl gehalten habe, sollte nach dem Test der Apple Watch 3 klar sein. Dennoch wollte ich der Smartwatch in vierter Generation und vor allem mit der jüngst in Deutschland hinzugekommenen EKG-Funktion eine weitere Chance geben. Prinzipiell sehe ich in der Apple Watch ein tolles Produkt, keine andere Smartwatch bietet derart viele Funktionen und ist so gut an das Betriebssystem des Smartphones gekoppelt. Einzig Samsungs Gear-Smartwatches können da mithalten, wenn auch nicht ganz. Im Wear-OS-Lager von Google kann man hingegen nur die Hände über dem Kopf zusammenschlagen.

Mir reichte bislang das Smartphone

Trotzdem ist selbst ein noch so gutes Produkt wie die Apple Watch nur dann sinnvoll, wenn es im Alltag wirklich benötigt wird. Und genau diesen Punkt habe ich über die letzten Jahre stets mit Nein beantworten müssen. Als Träger klassischer Armbanduhren benötige ich die Apple Watch nicht als Zeitmesser, für alle anderen Funktionen habe ich bislang das Smartphone vorgezogen, das sogar den Schrittzähler der Smartwatch ersetzen kann. Einzig die Überwachung der Herzfrequenz sowie mit der Apple Watch 4 das Erstellen von Elektrokardiogrammen bleiben damit als exklusive Funktionen der Smartwatch, die das iPhone nicht abdeckt. Auch bei der Erkennung von Stürzen kann die Smartwatch anders als das Smartphone automatisch den Notruf wählen.

In den vergangenen zwei Monaten mit der Apple Watch 4 hat sich nicht viel im Vergleich zu Anfang letzten Jahres an meiner Einstellung zu der Smartwatch verändert. Ich habe aber erkannt, dass sie zum Zwecke der Überwachung der körperlichen Vitalfunktionen sinnvoll ist und für Ruhe im Kopf sorgen kann, wenn die Smartwatch im Rahmen ihrer auch mit neuer EKG-Funktion eingeschränkten medizinischen Fähigkeiten einmal mehr bestätigt, dass mit dem eigenen Körper alles in bester Ordnung zu sein scheint.

Elektrokardiogramm mit der Apple Watch 4 erstellen

Zu wissen, wie es über den gesamten Tagesverlauf um den eigenen Puls bestellt ist und dass die Apple Watch bei auffälligem Puls trotz offensichtlicher Ruhephase warnt, dürfte nicht nur bei den Altersgruppen über 50 oder 60 für Sicherheit sorgen. Neuerdings lassen sich zudem Elektrokardiogramme über die Apple Watch erstellen, dafür werden neben einer Apple Watch 4 das (noch) aktuelle watchOS 5 und iOS 12.2 vorausgesetzt. Aber was ist ein Elektrokardiogramm (kurz EKG) eigentlich? Wikipedia sagt dazu:

Jeder Kontraktion des Herzmuskels geht eine elektrische Erregung voraus, die im Normalfall vom Sinusknoten ausgeht. Über das herzeigene elektrische Leitungssystem aus spezialisierten Herzmuskelzellen läuft sie zu den übrigen Herzmuskelzellen. Diese elektrischen Spannungsänderungen am Herzen kann man an der Körperoberfläche messen und im Zeitverlauf aufzeichnen. Es ergibt sich ein immer wiederkehrendes Bild der elektrischen Herzaktion. Mit dem EKG lassen sich vielfältige Aussagen zu Eigenschaften und Gesundheit des Herzens treffen. Zu beachten ist, dass das Oberflächen-EKG nur die elektrische Aktivität des Herzmuskels anzeigt, nicht jedoch die tatsächliche Auswurfleistung widerspiegelt.

Wikipedia zum Thema EKG

Diese Ergebnisse liefert ein EKG

Die für ein EKG benötigten Elektroden sitzen bei der Apple Watch 4 im Gehäuseboden und in der digitalen Krone, auf die während der Messung die Spitze des Zeigefingers oder eines anderen Fingers gelegt werden muss. Ein EKG lässt sich jederzeit aufzeichnen, auch wenn Symptome wie Herzrasen oder Herzstolpern verspürt werden. Während der Messung sollte die Smartwatch nicht zu locker am Handgelenk sitzen und der Arm auf einen Tisch oder in den Schoß gelegt werden. Nach 30 Sekunden ist die Messung abgeschlossen und das EKG liefert eines von vier Ergebnissen:

  • Sinusrhythmus
  • Vorhofflimmern
  • Niedrige oder hohe Herzfrequenz
  • Uneindeutig

Die Meldung „Sinusrhythmus“ signalisiert, dass im Moment der Messung ein gleichmäßiger Herzschlag zwischen 50 und 100 Schlägen pro Minute anliegt. Kurz gesagt: Alles in Ordnung, soweit es die Apple Watch feststellen kann. Von Vorhofflimmern geht die Apple Watch aus, wenn das Herz unregelmäßig zwischen 50 und 120 Mal pro Minute schlägt. Bei dieser Klassifizierung, und wenn bisher kein Vorhofflimmern diagnostiziert wurde, sollte man sich laut Apple an einen Arzt wenden. Die Meldung einer niedrigen oder hohen Herzfrequenz erscheint dann, wenn die Herzfrequenz unter 50 oder über 120 Schlägen pro Minute liegt. Dann lässt sich von der EKG-App nicht überprüfen, ob Vorhofflimmern vorliegt. Das Ergebnis „Uneindeutig“ bedeutet, dass keine Klassifizierung ermittelt werden konnte. Gründe dafür können eine zu locker sitzende Apple Watch sein oder dass der Arm während der Aufzeichnung nicht auf einen Tisch gelegt wurde.

Der Sinusrhythmus beruhigt

Obwohl bei mir selbst oder im engeren Familienkreis keine Herz-Kreislauf-Erkrankungen bekannt sind und ich mich nicht daran erinnern kann, wann das letzte Mal beim Arztbesuch ein EKG meines Herzens erstellt wurde, will man doch von Zeit zu Zeit einfach mal wissen, ob alles in Ordnung ist. Genau hier ist die Apple Watch 4 im Alltag äußerst praktisch, da sie schnell ein (erstes) Ergebnis liefert und damit für eine gewisse Beruhigung sorgt. Jedes Mal, wenn ein normaler Sinusrhythmus erkannt wurde, kann man etwas entspannter durchs Leben gehen.

Ich mache nach wie vor den falschen Sport

Beim Sport hat sich meine Einstellung zur Apple Watch hingegen nicht gegenüber dem letzten Test verändert. Beim Kraftsport mit Langhanteln, Kurzhanteln und Maschinen hilft mir die Uhr schlichtweg nicht weiter, Wiederholungen und Gewicht zu zählen. Sie erkennt noch nicht mal richtig, dass ich überhaupt Sport mache. Beim letzten wirklich anstrengenden Beintraining habe ich erst beim gemütlichen Laufen nach Hause den Aktivitätsring des Tages schließen können, obwohl ich davor 90 Minuten alles im Fitnessstudio gegeben habe. Beim Brust-, Schulter- oder Rückentraining ist es nicht anders: die Apple Watch erkennt es nicht. Selbst manuell lassen sich verschiedene Bodybuilding-Übungen nicht auswählen und tracken. Zwar nutzt die Fitnesskette FitX in Berlin Geräte von Life Fitness („Hammer Strength“) und TechnoGym, aber noch nicht in den smarten Varianten, die sich mit der Apple Watch koppeln lassen sollen.

Die Apple Watch ist stattdessen für Trainings wie Gehen, Laufen, Radfahren, Wandern, Yoga oder Schwimmen sowie auf Crosstrainern ausgelegt, das gilt auch für die vierte Generation. Bei diesen Trainings erkennt die Apple Watch automatisch, dass sie ausgeführt werden, und meldet sich mit einem entsprechenden Hinweis auf dem Display.

Sport Loop Armband der getesteten Nike-Variante
Sport Loop Armband der getesteten Nike-Variante

Das Gewicht der Apple Watch stört mich beim Krafttraining hingegen nicht mehr, nachdem ich bei der dritten Generation noch das Gefühl einer Dysbalance vor allem bei Übungen wie Bankdrücken verspürte oder mir das zumindest einbildete. Rückwirkend betrachtet habe ich mich wohl getäuscht. Auch bei anderen Übungen haben sich die 36,7 g (Gehäuse) der größeren 44-mm-Version bislang nicht negativ bemerkbar gemacht. Nur Handgelenkbandagen lassen sich nicht mit der Uhr kombinieren, sodass sie hin und wieder doch während des Trainings abgenommen werden muss. Ich sagte ja bereits, dass ich den falschen Sport mache.

Erstanlaufstelle für Benachrichtigungen

Hinsichtlich der Smartwatch-Funktionen, die sich alternativ auch mit dem Smartphone erledigen lassen, habe ich die Apple Watch aufgrund persönlicher Präferenzen nur eingeschränkt im Alltag verwendet. Sie diente meistens dem Ablesen der Uhrzeit oder des Wetters, nur selten wurden damit Nachrichten beantwortet oder Funktionen wie QR-Codes von Flugtickets genutzt. In den meisten Situationen zücke ich dann doch lieber das Smartphone. Als erste Anlaufstelle für Benachrichtigungen ist die Uhr allerdings in der Tat sehr praktisch. Hier lässt sich sozusagen im ersten Schritt filtern, ob mit dem Smartphone reagiert werden muss. Und auch für die Steuerung des Musikplayers kann die Uhr praktisch sein, wenngleich sich viele der Funktionen in meinem Fall über Touch-Gesten direkt am Kopfhörer (Galaxy Buds) lösen lassen, was ich meistens bevorzuge.

Fazit

Ich habe nach zwei Monaten mit der Apple Watch 4 für mich ganz persönlich festgestellt, dass ich wie schon bei der Apple Watch 3 auch ohne Smartwatch prima durch den Alltag komme. Gleichzeitig finde ich die Smartwatch aber nach wie vor gut durchdacht, schön designt sowie nicht zu auffällig am Handgelenk und für andere Personen auch praktisch(er) im Alltag. Sie passt eben nur bei mir nicht zur gewählten Sportart und dank einer selbst diagnostizierten Smartphone-Sucht habe ich den größeren Bildschirm ohnehin fast immer griffbereit und ziehe diesen dem kleineren am Handgelenk vor.

Mit der Apple Watch 4 und der seit Kurzem nutzbaren EKG-Funktion erkenne ich aber den medizinischen Nutzen der Uhr. Bei mir haben ein normaler Puls und ein unauffälliger Sinusrhythmus ebenso für Ruhe im Kopf gesorgt, wie es vermutlich bei einer Person mit Vorbelastung in diesem Bereich der Fall sein dürfte. Dabei muss beachtet oder besser gesagt ins Bewusstsein geholt werden, dass Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Männern und noch mehr bei Frauen die mit Abstand häufigsten natürlichen Todesursachen sind. Unter Berücksichtigung dieser Tatsache würde ich mir deshalb eher eine Apple Watch als ein klobiges Medizingerät ans Handgelenk binden. Einen Arzt ersetzt die Apple Watch zwar nicht, sie kann aber durchaus als Richtungszeiger bei gewissen Symptomen dienen, wie es in zahlreichen Geschichten verschiedener Social-Media-Kanäle immer wieder zu beobachten ist, wenn die Apple Watch als Lebensretter gelobt wird.

Ganz so weit würde ich in meiner persönlichen Einschätzung der Uhr zwar nicht gehen, mit den hinzugekommenen Funktionen der Apple Watch 4 sehe ich aber das Potenzial eines Alltagsbegleiters, der Vorwarnungen in Bezug auf das Herz geben kann. Dennoch werde ich mir die Uhr vorerst nicht kaufen, ich kann sie aber anderen empfehlen.

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