Trumps Kill Switch: Wie sich Open-Source-Alternativen gegen Microsoft 365 und Co. durchsetzen können
3/4Dass es dieses Mal anders wird, hält Andreas Prins für möglich. Er ist als Global Head of Sovereign Solutions bei dem Open-Source-Unternehmen Suse tätig und zeigt sich im Interview mit ComputerBase angetan von dem Maßnahmenpaket. Open-Source-Lösungen sind für ihn ohnehin der Schlüssel, um sich von der amerikanischen Tech-Abhängigkeit zu lösen. „Wenn wir weiterhin US-Technologie finanzieren, ist das ultimativ ein Risiko für Europa“, so Prins. Dass nun mehr Unternehmen rund um das Open-Source-Ökosystem entstehen sollen, ist ein Schritt in die richtige Richtung. Die EU-Kommission denkt nicht mehr nur in politischen Kategorien wie Souveränität, sondern begreift Open Source als Wirtschaftsfaktor.
Neben dem unternehmerischen Denken nennt Prins noch zwei weitere Aspekte, die er im Tech Sovereignty Package für besonders relevant hält:
- Open Source ist so klar wie nie in einem staatlichen Strategietext verankert. „Wenn man unabhängiger werden will, ist Open Source aufgrund der Offenheit, der Flexibilität und der Tatsache, dass man selbst die Verantwortung übernehmen kann, unverzichtbar“, so Prins.
- Das technische Verständnis. „Allein das Wort ‚Lieferkette‘ für Software und Hardware findet sich sowohl im CADA als auch in der Open-Source-Strategie“, sagt Prins. Für ihn ein Indiz, dass nun tatsächlich Expertise im Hintergrund wirkt. Es arbeiten Leute an dem Konzept, die ihr Handwerk verstehen.
So ein Vorgehen kann helfen, um die Technologie zu verbreiten. Denn der relevante Punkt beim Open-Source-Ökosystem ist: Sämtliche Apps, Tools und Cloud-Lösungen existieren bereits, teils werden diese ja von Big-Tech-Konzernen selbst weiterentwickelt. Der Haken ist nur: Wie bekommt man die Big-Tech-Alternativen unter das Volk?
Heureka-Mythos: Ein gutes Produkt allein reicht nicht
Skalierung und Marktverbreitung zählen bei neuen Produkten zu den entscheidenden Faktoren, kommen aber oft zu kurz, argumentieren die amerikanischen Journalisten Ezra Klein und Derek Thompson in ihrem 2025 veröffentlichten Buch „Der neue Wohlstand“. Sie sprechen von einem Heureka-Mythos, laut dem eine Erfindung als Geniestreich ausreicht und sich dann alles von selbst findet. Das ist aber nicht der Fall.
An idea going from nonexistence to existence—from zero to one—introduces the possibility of change. But the way individuals, companies, and governments take an idea from one to one billion is the story of how the world actually changes.
Ezra Klein und Derek Thompson
Wenn eine neue Technologie oder ein neues Produkt entsteht, zeigt es nur, dass Änderungen möglich sind. Der entscheidende Schritt ist, die Produktion von eins auf eine Milliarde hochzuskalieren. Sie argumentieren dabei unter anderem anhand der Entwicklung von Penicillin (Skalierung funktionierte) oder der amerikanischen Solarbranche (Skalierung funktionierte nicht). Übertragen lässt sich die Erkenntnis aber auch auf den Tech-Sektor. Facebook war etwa zunächst ein soziales Netzwerk von vielen. Man erreichte aber als Erstes eine Größenordnung, bei der Netzwerkeffekte griffen. Und irgendwann war Facebook finanziell allen so weit voraus, dass man potenzielle Konkurrenz wie Instagram einfach wegkaufen konnte, bevor diese gefährlich wurde.
Trickle Down: Der Weg für Open Source in Europa geht über die Verwaltung
Für Open-Source-Lösungen soll in der EU der Weg über die Verwaltungen führen. In Deutschland wandelt sich die Debatte derzeit mal wieder, der Mythos-Schock sitzt. In Frankreich ist man jedoch weiter. „Zum Beispiel betreibt das französische Bildungsministerium bereits 400.000 Nextcloud-Office-Installationen als Ersatz für Microsoft 365“, so Prins. Keine Millionen, aber die Menge wird relevant.
Vom öffentlichen Sektor ausgehend erhofft er sich nun einen Trickle-Down-Effekt. Wenn die Verwaltung auf Open Source setzt, müssen Dienstleister entsprechende Lösungen anbieten. Über diese Aufträge ebnet man dann den Weg in die Wirtschaft. „Und dann ist die Idee, dass sich das auf eher kommerzielle, proprietäre Geschäftsmodelle ausweiten wird“, so Prins.
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Davon profitiert dann der bestehende Markt. Nextcloud hat gemeinsam mit Partnern erst im Juni Euro-Office als Alternative zu Microsoft 365 vorgestellt. Der Aufschlag wurde mit Interesse verfolgt, führte aber auch zu Grabenkämpfen, die sich etwa um verwendete Dateiformate und Marketing-Aussagen drehten. Für Prins ist das aber ein Zeichen eines gesunden Wettbewerbs. Und Suse soll davon profitieren. „Wir sind das Betriebssystem des Rechenzentrums, das Betriebssystem der Cloud, mit vielen Werkzeugen drumherum. Aber wir sehen uns zunehmend als Spinne im Netz dieser gesamten Souveränitätsbewegung in Europa“, so Prins.
Die Sony- und Microsoft-Lehre: Eigene Produkte schaltet keiner ab
Wie man Nutzer zum Wechsel bewegt, ist jedoch eine weitere Baustelle. Begriffe wie Offenheit, Verantwortlichkeit und die Eigentumsfrage in politischen Strategien helfen dabei nur bedingt. Interessanter ist, dass es gerade Microsoft und Sony sind, die derzeit die Vorzüge eines offenen Systems demonstrieren.
Aufgrund eines auslaufenden Lizenzdeals kündigte Sony an, dass 500 Filme und Serien von Studio Canal – darunter Blockbuster wie Terminator 2 – ab dem 1. September aus der Bibliothek verschwinden. Käufer können also nicht mehr darauf zugreifen. Die Kritik ist enorm, neu sind die Probleme nicht. Amazons Nutzungsbedingungen enthalten beim Kauf digitaler Güter ähnliche Klauseln. Diese Form von Besitz ist flüchtig.
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Klassische Datenträger rücken als Alternative ebenfalls an den Rand. Sowohl Sony als auch Microsoft kündigten das Ende der Spiele-Discs an, was Spieler noch abhängiger von den jeweiligen Stores der Konsolenkonzerne macht. Nicht nur die Trump-Administration liefert Präzedenzfälle. Auch Konzerne wie Sony und Microsoft zeigen, was es bedeutet, wenn eine Seite den Stecker ziehen kann.
Je mehr diese Erkenntnis um sich greift, desto eher steigen die Chancen, dass Nutzer zumindest offen für Alternativen sind. Schnell geht der Wandel ohnehin nicht. „Es benötigt Zeit“, sagt Prins.
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