Trumps Kill Switch: Wie die EU Alternativen zu MS365, ChatGPT und Co. aufbauen will
Dass die Trump-Administration Anthropics Top-Modelle Fable 5 und Mythos 5 sperrte, ist gravierend für Europa. Technologie-Blockaden sind kein hypothetisches Szenario mehr. Die EU hat bereits einen Plan gegen die Big-Tech-Abhängigkeit vorgelegt. Wie Open Source helfen soll und wo es bei den Maßnahmen hakt.
Was von der Sperre der Anthropic-Modelle Fable 5 und Mythos 5 sowie GPT-5.6 von OpenAI bleibt, ist der Beweis der Abhängigkeit. Ob Europa zeitgemäße KI-Modelle erhält, lässt sich am Ende per Federstrich im Weißen Haus entscheiden. Das Besondere an diesem Fall war zudem die Art des Banns: Mittels Exportkontroll-Regeln untersagte die Trump-Administration die Verbreitung der Modelle. Es ist eine Form der Regulierung, die über das KI-Wettrüsten hinausgeht. Wenn KI-Modelle so begrenzt werden, lässt sich auch Microsoft 365 eingrenzen oder komplett abschalten – ein Vorgang, der viele Unternehmen im Kern des Alltagsgeschäfts treffen würde. Das Fazit von Markus Beckedahl, Gründer vom Zentrum für Digitalrechte und Demokratie, lautete: Der Kill Switch ist damit kein hypothetisches Szenario mehr.
Die zentrale Frage ist: Wie sollte die EU reagieren? Europa hat nur wenig Faustpfand, wenn es zu Handelskonflikten im Tech-Geschäft kommt. Dazu zählen etwa der Chipmaschinen-Produzent ASML und weitere Unternehmen aus der Lieferkette wie Zeiss aus Deutschland. Ansonsten befindet sich die EU zumindest Stand heute in der Konsumentenrolle. Im Cloud-Geschäft dominieren drei US-Konzerne mit einem Marktanteil von rund 70 Prozent, bei der KI-Rechenleistung kamen die USA im Jahr 2025 auf 17,3 GW Compute-Leistung, in der EU waren es 1,4 GW. Cloud- und KI-Dienste werden in Übersee kontrolliert.
Welche Konsequenzen das haben kann, zeichnet sich allein im KI-Wettrüsten immer mehr ab. Neben ökonomischer Stärke geht es dabei um handfeste Sicherheitsfragen. Mit aktuellen Agenten-Systemen, die auf Modellen wie Mythos oder GPT-5.6 basieren, lassen sich wesentlich schneller Schwachstellen entdecken. Die Technologie kommt nun im Alltag an, Microsofts Juli-Patchday umfasste rund 570 CVE-klassifizierte Schwachstellen. Mehr als viermal so viele wie im Vorjahr. Eine Analyse von Epoch AI (via Neunetz) zeigt zudem, wie stark die Zahl von kritischen Sicherheitslücken seit der Vorstellung von Claude Mythos Preview im April bei führenden Cloud-Anbietern gestiegen ist. Der Faktor liegt bei 3,5.
Eine Lesart ist daher: Anhand des Zugangs zu Modellen dieser Leistungsklasse entscheidet sich, inwieweit Anbieter in einer Region in der Lage sind, ihre Infrastruktur abzusichern. Ein Argument in europäischen Kreisen war bislang, dass es im Zweifel chinesische Open-Source-Modelle gibt, die nicht so weit hinter den US-Modellen liegen. Zhipu AI erzielt beispielsweise mit GLM-5.2 erstaunliche Resultate, in Benchmarks erreicht es fast das Niveau von Claude Mythos. Der Haken: Auch China überlegt derzeit, den Zugang zu chinesischen Top-Modellen zu begrenzen. Verlässlichkeit ist keine geopolitische Kategorie im Jahr 2026.
Die Probleme gehen über das klassische Cloud- und KI-Geschäft hinaus. Sie greifen auf Bereiche wie den Maschinenbau über, die immer mehr in den Fokus der KI-Entwicklung rücken. Eine Warnung kommt etwa von Kuka, einem der führenden deutschen Robotik-Hersteller aus Augsburg, der sich aber seit 2016 im Mehrheitsbesitz des chinesischen Midea-Konzerns befindet. Kukas Deutschland-Chef Christoph Schell erklärte im Juni auf der FAZ-KI-Konferenz, Deutschlands Zukunft im Bereich Robotik und KI entscheide sich im nächsten Jahr. „Dann wird sich das Fenster langsam schließen“, so Schell.
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