Anvil Native 75 im Test: Traumtastatur macht mehr Spaß als gedacht

Max Doll
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Anvil Native 75 im Test: Traumtastatur macht mehr Spaß als gedacht

Enthusiasten aus Deutschland bauen eine Tastatur mit allem, was wirklich geil ist, so lautet die Prämisse der Native 75. In einem „fetten“ Aluminium-Gehäuse kombiniert sie ein schlankes, frei veränderbares Layout und viele Wahlmöglichkeiten. Was die Traumtastatur aus dem Custom-Kaninchenbau am Ende kann, klärt der Test.

Zwischen blinkenden Touchscreen-Tastaturen sieht die Native 75 nahezu unsichtbar aus. Sie legt den Fokus auf vorteilhafte Ausstattung, die nicht sofort ins Auge springt. „Keinen unnötigen Schnickschnack“ lautet daher das Versprechen ihrer Erbauer aus der Custom-Szene. Sie ist quasi ein Produkt von Kennern für Kenner – und das macht sie tatsächlich begehrenswert. Alle Details im Test.

Anvil Native 75 (FR4-Plate)
17.08.2026
  • Dezenter Premium-Klang
  • Quelloffene Firmware
  • Solide Taster(-Auswahl)
  • Plate und Farbe wählbar
  • Gehäuseform erschwert Anheben
  • Geringfügig ungleichmäßige Akustik

Die Native 75 im Überblick

Das 75-%-Layout legt Anvil kompakt aus. In der äußersten Reihe werden maximal viele Tasten aneinandergerückt, um den wenigen Platz maximal für Eingabemöglichkeiten zu nutzen. Die erzeugten Input-Signale gehen per Kabel in den PC, geändert werden sie über die Kombination aus quelloffener QMK-Firmware und VIA-App im Browser.

Das war alles? Fast. Viel auffällige Ausstattung hat die Tastatur auf dem Papier nicht, dafür viel Material – was zu einem Gewicht von gut 1,7 Kilogramm führt – und viel Wahlfreiheit. Sie fängt bei der Farbe an. Das Gehäuse gibt es aufpreisfrei (!) in Schwarz, Dunkelgrün und hellem Blau, als rund 90 Euro teures Zubehör zudem in Weiß, Gold und Violett. Beim Material der Switch-Plate und bei den Tastern darf ebenso ausgewählt werden. Das beeinflusst Akustik und Rückmeldung beim Tippen.

Die PBT-Tastenkappen sind entweder weiß, weiß-schwarz oder für 29 Euro Aufpreis für das Retro-Set in zwei Grautönen gehalten. Ein Nachkauf ist möglich, ein Set liegt zwischen 59 und 69 Euro, 12 Kappen in Akzentfarben liegen bei rund 10 Euro. Dazu gibt es ein „Gottlos auf Mutter“-Set, das in Kooperation mit der Modemarke entstanden ist. Sowohl an diesem Label als auch an Anvil ist der Streamer Staiy beteiligt.

Weitere Aufpreise werden für eine alternative Switchplate sowie Speed- und Silent-Taster fällig, sofern gewünscht. Im Webshop von Anvil gibt es die komplette Native 75 ab 260 Euro, mit allen Extras endet sie bei 327 Euro. Viel Geld für eine Tastatur, aber eher wenig für ein Custom-Produkt.

Anvil Native 75
Größe (L × B × H): 31,8 × 13,0 × 4,1 cm
Layout: 75 % ISO
Gewicht: 1.665 g
Gehäuse-Material: Aluminium
Kabel: 1,60 m, USB/Type-C-USB (modular)
Hub-Funktion:
Key-Rollover: 6-KRO, N-KRO
Schalter: Gateron G Pro 3.0 Yellow
Hot-Swap-fähig
Switch Plate:
FR4
Variante
Polycarbonat
Tasten: Form: zylindrisch
Material: PBT-Kunststoff
Beschriftung: dye sublimation
Zusatztasten: 1 × Extra
Medienfunktionen: Stumm, Lautstärke, Abspielen/Pause, Stopp, Vor/Zurück
Zusatzfunktionen: Helligkeit (regeln, ausschalten), LED-Modi, Gaming-Modus, Makroaufnahme
Beleuchtung: Farbe: RGB
Modi: Atmungseffekt, Welleneffekt, Reaktiver Modus, umlaufende Aktivierung, Farbschleife
Sonstige: individuelle LED-Profile
Makros & Programmierung: 1 Profile, Hardware-Wiedergabe
vollständig (inkl. Sekundärbelegung) programmierbar
Quelloffene Firmware
Preis: 260 € / 280 €

Taster: Gateron oder Cherry

Ab Werk stehen fünf verschiedene Taster zur Wahl. Ärgerlich ist, dass Anvil nicht klar ausweist, welche Modelle verbaut werden, sondern nur die farbliche Kodierung angibt. So muss man dem Anbieter vertrauen. Das widerspricht der Enthusiasten-Philosophie – gerade diese Gruppe möchte eigentlich gerne genau wissen, was sie bekommt, denn die gleiche Farbe garantiert weder den gleichen Klang noch das gleiche Feeling. Aktuell handelt es sich bei Yellow-, Brown-, Blue- und Speed-Switches um Gaterons G Pro 3.0, Silent-Red-Taster stammen hingegen aus der MX2-Serie von Cherry.

Yellow = Universaltaster

In Form der G Pro 3.0 lassen sich sauber eingleitende, recht ruhige Taster mit eher dumpfer Akustik auswählen, die die FR4-Plate komplementiert. Was sie auszeichnet, ist ein gutes Gesamtpaket, das zwar nicht an der Speerspitze, aber grob in der oberen Mittelklasse liegt. MX2 Silent sind zwar die besten Taster der MX2-Serie, halten aber nicht ganz mit. Der Griff zu FR4 sorgt dabei für klare, aber leicht entlastete Anschläge, eine ausgewogene Gesamtabstimmung also. Der Rest ist Geschmacksfrage.

Gateron G Pro 3.0 Yellow
Cherry MX2 Silent
Gateron G Pro 3.0 Brown
Charakteristik: linear linear, Geräuschdämpfung taktil
Hubweg: 4,0 mm 3,7 mm 4,0 mm
Widerstand: Von 25 g bis 67 g Von 30 g bis 100 g Von 40 g bis 50 g
Position des Signalpunktes: 2,0 mm 1,9 mm 2,0 mm
Widerstand am Signalpunkt: 50 g 45 g
Widerstand am Druckpunkt: 55 g
Lebensdauer (Anschläge): 50 Mio. 100 Mio. 50 Mio.

G Pro 3.0 Yellow sind etwas schwerer zu drücken als normale rote Taster. Sie bleiben leichtgängig, werden aber besser dosierbar. Das hilft dabei, harte Anschläge am Chassis zu vermeiden und ist beim Tippen etwas unempfindlicher gegenüber Fehleingaben – sie sind eine hervorragende Allround-Option mit ausgewogener Abstimmung. Cherrys Silent-Taster dämpfen hier mit Gummipuffern zusätzlich. Sie werden dadurch leiser, aber auch weicher am Anschlag.

Anvil setzt Gateron- oder Cherry-Taster in Hot-Swap-Sockel
Anvil setzt Gateron- oder Cherry-Taster in Hot-Swap-Sockel

Braune Taster bringen einen kaum wahrnehmbaren Druckpunkt mit. Auch blaue Taster haben diesen Klick nur schwach, lassen ihn jedoch zusätzlich deutlich hören. Wer die Optionen ausprobieren möchte, kann bei Anvil einen Switch-Tester mit allen Optionen erwerben. Die Kosten von rund 6 Euro werden beim Erwerb einer Tastatur verrechnet.

Beleuchtung im Tastenbett

LEDs setzt Anvil mit Ausnahme der obersten Tastenreihe unter die Taster („South Facing“) und leuchtet primär das Tastenbett aus. Für die Beschriftung kommt das Dye-Sublimation-Verfahren zum Einsatz, bei dem der Kunststoff haltbar durchgefärbt wird. Licht kann so nicht passieren, beleuchtet wird nur das Tastenfeld. Hoher Kontrast sorgt trotzdem für gut lesbare Beschriftung, prinzipiell werden die LEDs mit den Werks-Tastenkappen aber weitgehend irrelevant. Die bei zunehmender Leuchtkraft minimal hörbare Hintergrundbeleuchtung brachte Anvil während des Tests per Firmware-Update zum Schweigen.

Tastenkappen lasen kein Licht passieren
Tastenkappen lasen kein Licht passieren
Deshalb leuchtet nur das Tastenbett
Deshalb leuchtet nur das Tastenbett

Alltag & Akustik

Der massive Materialeinsatz und die wohlbedachte Zusammenstellung liefern einen Gegenwert beim Tippen, vor allem beim Kapitel Klang. Der ist eine Stärke der Anvil 75, aber nicht ganz im Detail ausgeformt.

Akustik: Gediegenes Klacken

Zwei Schichten Schaumstoff und ein massives Metallgehäuse produzieren eine trockene, dezente Akustik, die dezent und voll klackt. Anschläge arbeitet die Native klar heraus, sie wird „clicky“ by nature – aber eben auf eine Art, die wohlklingend unauffällig bleibt. Der kontrollierte Tipp-Ton bekommt allerdings Beimischungen bei außen liegenden Tasten. Hier führen vor allem härtere Anschläge zu etwas helleren Rückmeldungen, da das Gehäuse für metallischen Hall sorgt.

Aufbau der Native 75: Die Tastatur lebt vom Material
Aufbau der Native 75: Die Tastatur lebt vom Material (Bild: Anvil)
Anvil Native 75 (Gateron G Pro 3.0 Yellow)

Akustisch wäre da noch etwas mehr zu holen und für über 200 Euro kein ganz vermessener Wunsch – „für optimalen Sound“, den Anvil verspricht. Im ersten Moment lässt der inhomogene Klangteppich stutzen, im ersten Moment wurde die Tastatur aber auch mit deutlichem Kraftüberschuss genutzt, den insbesondere die Leertaste hörbar quittierte – andere Hersteller dämmen die Tastenkappe deshalb. Nach ein paar Tagen schliff sich eine sanftere, entspanntere Betätigung ein, die Unterschiede verringerte. Es ist also auch eine Frage der Gewöhnung.

Wir haben das Board für euch entwickelt, das wir vor 2 Jahren haben wollten und nirgendwo gefunden haben.

Anvil

Zur dezenten Grundabstimmung der Tastatur passen die flüssigen Yellow-Switches hervorragend. Darin liegt, trotz aller, dem Preis geschuldeten Anmerkungen, der Vorzug der Native 75. Sie ist ein Gegenentwurf zum Marktumfeld, indem sie präzise und leise Anschläge ermöglicht und im Hintergrund bleibt.

Eine GMMK3 klingt bei weitem nicht so hochwertig und zeigt, wie hervorragend sich die dumpfe Klanglage profilieren kann. Vollmetall gibt es zwar schon günstiger, aber anders abgestimmt. Akko Mod007, Keychron Q5 oder Monsgeek M1 V5 produzieren ploppige Anschläge in unterschiedlich starker Ausprägung, sie wollen „da“ sein, von einer Corsair Makr ganz zu schweigen. Und wenn man das gleiche Layout mit identischen Tastern bemüht, setzt sich die Native 75 um Welten von einer im Vergleich dünnen und klackrigen, aber eben erheblich günstigeren Sharkoon SGK50 S3 ab.

Alltag: Zu dicht gedrängt?

Meckern muss man trotzdem. 1,65 Kilogramm Metall sollten sich bequem anheben lassen. Das ist keine Frage persönlicher Fitness, sondern des plan auf dem Schreibtisch liegenden Gehäuses. Andere, wenn auch nicht alle, Hersteller wie etwa Akko bei der Mod 007 setzen deshalb auf angeschrägte Griffmulden für mehr Komfort.

Das zusammengezogene Layout ist wieder ein Fall für Gewöhnung. Es funktioniert nach Gedächtnistraining für die Finger besser als gedacht. Das auseinandergezogene 75%-Gegenstück mit Drehregler bleibt die bequemere Variante, dieses hier aber klar die effizientere. Möglichst viele Tasten möglichst kompakt unterzubringen, das gelingt, und das ist im Alltag angenehm, sobald die Finger präzise an die gewünschte Taste finden. Anvil setzt hier auf die Power-User-Option. Und das mit Fug und Recht, denn wer seine Tastatur nicht häufig nutzt, braucht eigentlich in der Preisklasse kaum zu schauen.

Zusammengeschobene Tasten: Eine Frage der Gewöhnung
Zusammengeschobene Tasten: Eine Frage der Gewöhnung

Ausgelegt ist die Tastatur auch an anderer Stelle auf diese Zielgruppe, die ihre Tastatur im Schlaf nutzen kann. Symbole sind gut verständlich und nicht OS-spezifisch – ein Bonus! –, aber nur für Primärfunktionen. Da die Belegung ohnehin gänzlich freigestellt ist, ergibt auch das Sinn: Man soll am Ende mit einem individuellen Layout arbeiten können.

Die rechtsseitigen als „ANVIL“-Tasten markierten Switches sind entsprechend uneingängig: ‚A‘ für ‚antfernen‘, ‚N‘ für ‚Nild auf, das passt schon auf der Primärebene nicht. Beiliegende Alternativen schaffen Abhilfe für die Werkskonfiguration, die tatsächlich eine gute und sinnvolle Basis für Anpassungen bietet.

Verfehlt die Anvil Ansprüche an die Luxus-Klasse deshalb fast, weil sie nicht ganz auf den Punkt kommt? Das kann man durchaus so sehen, auch in Anbetracht des Marketings, bei dem rationale Nüchternheit und jubelnde Gaming-Attitüde mit vagen „Performance“-Versprechen aufeinandertreffen. Die eigentliche Qualität des Produkts ist aber da: Praktisch „klickt“ die Native 75 mit zunehmender Nutzung immer besser. Feedback der Tasten und Akustik ergeben ein überraschend spaßiges, alltagstaugliches und damit gelungenes Gesamtbild.

Software: Same procedure as every QMK

Ein weiterer Vorteil der Native 75 ist ihre quelloffene Firmware. Sie kann im Browser per Web-App konfiguriert werden. VIA zeigt zwar teils ein wenig technische Bezeichnungen, lässt aber auch alle Freiheiten und kann Tasten in bis zu vier Ebenen belegen. Ein rundes Angebot unabhängig vom Wollen oder der Existenz eines spezifischen Anbieters: So sollte es sein.

VIA läuft überall und überzeugend
VIA läuft überall und überzeugend
Belegt werden können mehrere FN-Ebenen
Belegt werden können mehrere FN-Ebenen
Auch Farben lassen sich fix einstellen
Auch Farben lassen sich fix einstellen

Fazit

Zwischen blinkenden Touchscreen-Tastaturen sieht die Native 75 nahezu unsichtbar aus. Sie legt den Fokus auf vorteilhafte Ausstattung, die nicht sofort ins Auge springt. „Keinen unnötigen Schnickschnack“ lautet daher das Versprechen ihrer Erbauer aus der Custom-Szene. Sie ist quasi ein Produkt von Kennern für Kenner – und das macht sie tatsächlich begehrenswert.

Das Gesamtpaket stimmt jedenfalls bis hin zur gediegenen – mit Abstrichen am Rand – Akustik, die einen Kontrastpunkt zu anderen, ploppenden Metalltastaturen schafft. In vielen Details ist die Tastatur durchdacht, an ein paar Stellen dürfte sie noch durchdachter sein. Das ändert am Ende aber nichts daran, dass Eingaben mit der Native 75 nicht nur zufriedenstellen, sondern Spaß machen – mehr als nach dem ersten Blick auf die Produktseite gedacht.

Fazit: Nicht ganz perfekt, aber richtig „nice“
Fazit: Nicht ganz perfekt, aber richtig „nice“

Am Ende steht jedoch die große Preisfrage. Die rund 290 Euro der getesteten Konfiguration machen die Native 75 zu einem Stück Hardware für Liebhaber und Liebhaberei – aber die sind auch die Zielgruppe von Tastatur und Preisklasse. Anvil lässt jedoch Augenmaß walten: Keine Features ohne Mehrwert sind am Ende ein Mehrwert für sich. Das Paket ist fraglos gut. Wer das nicht braucht, findet die gleichen Taster, die gleiche QMK-Firmware und das gleiche Layout aber auch in der Sharkoon SGK50 S3 PBT (Test) für 80 Euro. Akustischen und haptischen Luxus versprüht die dann aber nicht.

Anvil Native 75 (FR4-Plate)
17.08.2026
  • Dezenter Premium-Klang
  • Quelloffene Firmware
  • Solide Taster(-Auswahl)
  • Plate und Farbe wählbar
  • Gehäuseform erschwert Anheben
  • Geringfügig ungleichmäßige Akustik

ComputerBase hat die Native 75 von Anvil leihweise zum Testen erhalten. Eine Einflussnahme des Herstellers auf den Testbericht fand nicht statt, eine Verpflichtung zur Veröffentlichung bestand nicht.

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