AW: Helmplicht beim Fahradfahren für Kinder unter 14 Jahren?
HappyMutant schrieb:
@Interlink: Da wären wir beim selben Phänomen, das du bemängelst. Interpretation von Statistiken um subjektive Meinungen zu belegen.
Es bezweifelt doch niemand das eine sichere Fahrweise gelernt werden muß und das Helme nicht in jeder Situation helfen können. Eine hundertprozentige Sicherheit kann es nicht geben. Es wäre lächerlich dies dem Helm zuzuschreiben. Aber er kann unterstützen wenn die Unfallbeteiligten versagt haben.
Was können 20mm Styropor unterstützen? Hast Du mal in Physik z.B. den Impulssatz durchgenommen? Diese Schutzwirkung verschwindet bei Unfällen von Alltagsradlern derzeit leider im "statistischen Rauschen". Und je leichter die Helme werden, desto mehr ist die Schutzwirkung anzuzweifeln. Bei meinem Integralhelm fürs Motorrad wußte ich wenigstens, was ich hatte. Auch der Downhill - Mountainbiker bevorzugt solidere Schutzkleidung.
Ich sehe hier - egal ob per Rad oder am Steuer - bei fast jeder Fahrt in die Stadt Radfahrer, die mit 20 bis 30 Sachen im Aufklappbereich von Autotüren fahren. Rate einmal, ob sich deren Leben mit Helm oder mit dem elementaren Sicherheitsabstand zur Tür sicherer gestaltet? Eine nicht so seltene Unfallfolge beim Abgang über die Autotür ist übrigens der Genickbruch. Bei der Landung, wenn die Leute nicht das Fallen gelernt haben und Kopf und Arme rechtzeitig in die korrekte Position bekommen haben.
Den von Relict befürchteten Genickbruch durfte ich nach Abgang über eine Autotür im Gefälle (ca. 10%) schon in der Bekanntschaft erleben.
Das System "Sicherheitsgurt + Knautschzone" hat aus gutem Grund die Zahl der Verkehrstoten im Auto auf Anhieb um ca. 50% reduziert. Da ist eine Knautschzone dran beteiligt, die sich teils 1/2m zusammenfalten kann und ebenso ein Weg, auf dem per Sicherheitsgurt die Geschwindigkeit via Bremsbeschleunigung des Körpers abgebaut wird. Und nicht nur 10 - 20mm zu komprimierendes Styropor.
Aber deine Vergleiche und die vielen "könnte" sind schon komisch. Einen Säugling mit einem Kind zu vergleichen ist schon mal heikel, da sich der Körper nunmal weiterentwickelt. Wie du auch selber zugibst, solange es in deine Argumentation paßt. Aber ein Fahrrad fahrenden Säugling hab ich noch nicht gesehen.
Die Konsistenz des Gehirnes verbessert sich nicht. Nur die Nackenmuskulatur.
Immerhin: Im Kindersitz kann ein Helm einen Fall aus ca. 1,50m Höhe gut entschärfen. Ab ca. 15 - 18km/h bei einem Aufprall geht die Schutzwirkung der Helmschale für den Kopf aber zunehmend gegen Null. Für höhere Aufprallgeschwindigkeiten sind Fahrradhelme denn auch nicht spezifiziert.
Knautschzone + Sicherheitsgurt sind heute im Regelfall auf mindestens 50km/h spezifiert, d.h. die Überlebenswahrscheinlichkeit im Stadtverkehr beträgt bei jüngeren Erwachsenen damit praktisch 100%.
Und das ein Helm (die heutzutage nun auch Leichtgewichte sind) ein verstärktes Risiko darstellt, erinnert mich ja fatal an Airbag und Sicherheitsgurt Diskussionen. Es gibt Ausnahmefälle in denen diese Sicherheitssysteme nachteilig sein könnten, aber du beschreibst ein Extrem was du natürlich kaum beweisen können wirst. Also das was du den Befürwortern vorwirfst. Das heißt eben nicht das diese Systeme generell gefährlich oder wirkungslos sind.
Nicht alles, was hinkt, ist ein Vergleich. Richtig: Helme sind heute Leichtgewichte. Was vielleicht den Tragekomfort, aber keinesfalls die Schutzwirkung erhöht.
Beim Sicherheitsgurt sind die Fälle, in denen der Sicherheitsgurt schädlich sein kann, bekanntermaßen Ausnahmen. Wie z.B. der ausgesprochen seltene Fall, dass jemand bei einem Unfall jenseits der 100km/h durch die Windschutzscheibe geschleudert wird, ohne sich dabei oder in der weiteren Flugbahn an einem festen Hindernis zu zermatschen.
Beim Fahrradhelm ist die
generelle Schutzwirkung zumindest von der offiziellen Unfallstatistik aber noch nicht nachgewiesen. Jedes Jahr strangulieren sich übrigens einige Kinder in Deutschland an Spielgerüsten, weil sie den Fahrradhelm auf dem Spielplatz anbehalten haben. Gebrauchsanweisungen werden im PC - Zeitalter ja auch höchst ungern gelesen.
Das Argument das die positivere Unfallstatistik mit Helm durch das Alter der Helmträger beeinflußt wird, ist genauso lächerlich. Wenn also die jüngeren Verkehrsteilnehmer keinen Helm getragen hätten, dann wäre die Statistik genauso ausgefallen? Und die Rentner trotz Helm trotzdem gestorben? Komischerweise stellt sich mir bei derart hanebüchener Interpretation auch die Nackenhaare auf. Wenn man eine angeblich falsche Interpretation umdreht wird nicht automatisch eine richtige daraus....
Bitte Fakten. Welche positive Unfallstatistik? Links?
Zwar ist die moderne Statistik maßgeblich unter Beteiligung von Medizinern mitentwickelt worden, aber speziell das, was von Helm-Herstellern gerne gereicht wird, strotzt vor handwerklichen Fehlern (und ich bilde mir ein, das nach erfolgreich absolvierten einschlägigen Vorlesungen auch beurteilen zu können). Wer eine Studie über die Wirksamkeit von Fahrradhelmen macht, kann nicht z.B. die die Fälle von überwiegend jungen Helmträgern mit den Fällen von überwiegend alten Nicht-Helmträgern vergleichen. Kann er schon und es ist leider auch schon passiert, aber genausogut kann man Äpfel mit Birnen vergleichen.
Zumindest sollte es Dich mißtrauisch machen, wenn eine Firma wie Bell (der erste Hersteller von Fahrradhelmen) es in den ersten zur Werbung herangezogenen Studien nötig hatte, den Teilen eine achzigprozentige Schutzwirkung gegen schwere Verletzungen (!) anzudichten. Das haben sich die Hersteller von Schutzhelmen nicht einmal getraut, als es um die Einführung der Helmpflicht für Mofa-Fahrer ging.
Noch einmal: Beim Alltagsradeln auf der Straße gibt es bestimmte Unfalltypen, deren Erforschung für die Helm-Diskussion ausgesprochen zielführend sein könnte und die keinesfalls z.B. durch den beliebten "Melonen-Test" realistisch abgebildet werden. Nur dann, wenn ein Schutz-Utensil unter dem Strich und nicht nur für einzelne, seltenere Unfalltypen deutlich mehr Sicherheit bringt, gäbe es einen Anlass, über die verpflichtende Einführung nachzudenken.
Aber: Als Radfahrer tut man mehr für seine Gesundheit durch Stärkung des Herz-Kreislaufsystemes, als durch das zusätzliche Unfallrisiko kompensiert werden kann. Insofern müsste ich noch Geld von meiner Krankenkasse bekommen.
Und schön darauf achten, dass man ein körperlich durchschnittlich entwickeltes Kind nicht unter 8 Jahren ohne Begleitung allein in den Straßenverkehr lassen kann, weil vorher Koordination und räumliches Vorstellungsvermögen noch nicht ausreichend entwickelt sind. Ohne etliche Stunden begleitende Einführung ist es für die lieben Kleinen höchst unsicher. Eine berechenbare, umsichtige Fahrweise, elementare Verkehrsregeln und elementare Sicherheitsregeln (wie die mit dem Sicherheitsabstand zu parkenden Autos) wollen erst einmal beherrscht sein. Das kann ein
guter Fahrradunterricht leisten. Oder auch Eltern, die Ahnung vom Fahrradfahren im Alltag haben.