Fu Manchu schrieb:
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Ich finde es schlimmer wenn 100 Kinder verletzt werden bei 10.000 (1%) Teilnehmern als wenn 70 Kinder verletzt werden bei 5.000 Radfahrern (1,4%). Relativ gesehen sind die 1,4% (70 Verletzte) schlimmer, absolut gesehen sind die 100 (1%) schlimmer. (Zahlen als Beispiel)
Und wenn letztendlich die absolute Zahl verletzer Kinder abnimmt ist ein Helmpflicht doch was ganz großartiges. Denn das eine absolute Kind könnte deines sein - und das relative auch.
Dann solltest Du Deinem Kind das Radfahren konsequenterweise lieber verbieten. Helmpflicht nutzt Deinem Kind nur, wenn anschließend das Produkt aus der Wahrscheinlichkeit, dass sich ein Unfall ereignet und der Verletzungsschwere sinkt.
Das wundersame Fazit in Australien war, dass die verbleibenden Kinder auf der Straße zwar eine geringere Wahrscheinlichkeit hatten, pro Unfall eine Kopfverletzung zu erleiden. Das wurde aber von der steigenden Wahrscheinlichkeit kompensiert, überhaupt einen Unfall zu erleiden.
Die Zahl der Unfälle sank in Australien anscheinend zu einem großen Teil dadurch, dass weniger Kinder mit dem Fahrrad unterwegs waren. Die verbleibenden Kinder waren im Straßenverkehr auf dem Fahrrad unter dem Strich geringfügig mehr gefährdet als vorher ohne Helmpflicht. Ob das nun daran lag, dass die Autofahrer nicht mehr so mit Radfahrern rechneten oder daran, dass nun riskanter Rad gefahren wurde, oder an welcher Kombination dieser und anderer Ursachen, sei dahingestellt.
Du kannst ja dafür eintreten, dass das Fahrrad erst ab 15 erlaubt wird. Dann gibt es endgültig 0 Opfer bei Kindern auf dem Fahrrad.
Ich möchte aber einen möglichst freien Zugang zu einem Verkehrsmittel erhalten, mit dem ich ab 10 Jahren plötzlich einen Aktionsradius von über 10km bekam, auch ohne Angehörige als Chauffeur zu engagieren oder mir beim Warten auf den in meiner Heimatstadt nicht gerade üppig angebotenen Nahverkehr die Füße in den Bauch zu stehen.
Dieser freie Zugang wird schon durch den zusätzlichen Helmkauf unwahrscheinlicher. Es gibt inzwischen hierzulande
mehrere Millionen Kinder, für die schon ein klappriges Gebrauchtrad ein Luxusgegenstand ist.
Den besten Schutz bei der Fahrradnutzung erzielst Du für Dein Kind vermutlich, wenn Du ihm möglichst umfassende Kenntnisse zu einer sicheren Fahrweise beibringst bzw. beibringen lässt. Wenn Du das in die Wege geleitet hast, kannst Du ihm zusätzlich das Helmtragen schmackhaft machen, ohne gleichzeitig für eine Helmpflicht einzutreten. Es wäre schade, wenn es sich vom Helm oder von Radwegen in falscher Sicherheit wiegen lässt und betont "über die Bande" fährt.
Eine gestiegene Helmtragequote kann irgendwann einmal Politiker dazu verführen, daraus eine Pflicht zu machen. Mit der Konsequenz, dass das Fahrrad spätestens für Deine Enkel und Urenkel wieder unsicherer werden kann.
Die Diskussion gegen einen Helm ist doch eine Verhöhung und Verachtung aller Menschen und Angehörigen, die durch schwere Kopfverletzungen gestorben oder geschädigt wurden und denen ein Helm geholfen hätte. Die Häufigkeit solcher Unfälle ist nicht von der Hand zu weisen, auch wenn evtl Unfälle und Schäden anderer Art noch häufiger sind und in diesen Fällen ein Helm nicht nötig war.
Wieder jenseits aller Argumente. Nur eine Minderheit der Menschen hierzulande, die bei Kopfverletzungen sterben, holt sich diese Verletzungen auf dem Fahrrad. Und häufig hat das beteiligte Kfz dabei eine Geschwindigkeit, die nicht durch die Helmkonstruktion abgedeckt ist.
Mindestens mit dem gleichen Grundton der Empörung kann ich eine Helmpflicht bei Hausarbeiten fordern. Radfahrer stellen lediglich ca. 10% der mit Schädel-Hirn-Trauma ins Krankenhaus eingelieferten Menschen.
Auch die ästhetische Empfindlichkeit mancher Verkehrsteilnehmer darf nicht Anhaltspunkt einer Diskussion sein. Was interessiert die Frisur oder Optik eines Radlers, wenn er letztendlich sein Leben einem Stück Plastik überzogenem Styropor verdankt. Und wenn er dann nicht mehr Fahrrad fahren will ist das doch sein alleiniges Problem - aber er zieht damit nicht andere in den Ruin.
Wo zieht ein Radfahrer durch sein Ableben "
andere in den Ruin"? Wer den Radfahrern per Helm diesbezüglich den Heiligenschein aufsetzen will, muss den Kfz-Verkehr aber ganz gewaltig umorganisieren, um die jährlich immer noch über 6000 Opfer im Straßenverkehr auf eine Zahl zu drücken, damit auch bei Radfahrern Handlungsbedarf besteht. Bei schweren Verkehrsunfällen zwischen zwei Kfz wird häufig genug mindestens eine weiter Familie betroffen. Von den rund 100 Mann, die mit mir auf dem Gymnasium eingeschult wurden, waren übrigens bereits 2 im Alter von 22 Jahren tot. Wer sich auf einem Kleinkraftrad bzw. in einem Kleinwagen mit einem Lkw anlegt, hat selbst heute nicht zu gute Chancen.
Wer dem Volk Sicherheitsmaßnahmen verordnen will, sollte auch die Eigenschaften berücksichtigen, die den Menschen vom Roboter unterscheiden. Dazu gehört selbst in China inzwischen eine individuelle Kleidung und eine individuelle Frisur. Wenn man das Radfahren im Alltag z.B. deshalb einstellt, weil spätestens bei feuchtem Wetter nur noch Kurzfrisuren trotz Helmtragens bequem in Form zu halten sind, mag das zwar unvernünftig sein, geschieht aber und hat die Konsequenz, dass in der Elterngeneration wieder ein Stück weniger Erfahrung zum sicheren Radfahren vorhanden ist, die an die Kinder weitergegeben werden könnte.
Mache einfach mal das Experiment: setze dir einen Helm auf und stoße mit dem Kopf (Stirn/Hinterkopf) gegen eine Wand. Nur leicht. Du merkst, es passiert nichts. Jetzt mal stärker bis du an eine gewisse Grenze kommst, bei der du nicht weiter gehen willst. Und jetzt entdecke diese Grenze ohne Helm. Wenn du genau so weit kommst hast du meinen Segen ohne Helm zu fahren. Und ich wette, du kommst nicht mal so weit, das es einem Aufprall von 10 km/h entspricht - langsames Fahrradtempo.
Wenn Fahrradunfälle zu 100% in Headbanging mit max. 18km/h auf die Rübe bestünden, wäre die Welt für Helmfabrikanten völlig in Ordnung, denn bis dahin gehen die Helmnormen.
Leider beschränken sich Radfahrer nicht auf diesen Unfalltyp. Obendrein hat ihre Häufigkeit im Straßenbild und auch ihr Fahrverhalten einen Einfluss darauf, wie hoch das Risiko ist, mit einem Kfz so zu kollidieren, dass es zu schwersten Verletzungen kommt. Zudem hat die Politik die Möglichkeit zu anderen Maßnahmen, die nachgewiesenermaßen sowohl Unfall-Häufigkeit als auch -Schwere drastisch senken. Wie z.B. Tempo 30 wirklich überall dort, wo Kinder außerhalb von Kfz unterwegs sind. Dazu kann auch schon mal ein Abschnitt einer Bundesstraße gehören, aber es wird wohl noch weitere Jahrzehnte dauern, bis die Politik davon überzeugt ist, dass entsprechende Maßnahmen eine Wiederwahl nicht gefährden.
PS: meine Tour über 40 km führte heute über 20 km Stadtgebiet und 20km Waldgebiet. Durchschnittsrempo 22,37 km/h. Spitze 55,80 Km/h
Wenn Du schon Geschwindigkeiten auf 4 Stellen genau angibst: Hast Du denn auch den Reifenumfang auf 4 gültige Stellen bestimmt?
Wald hatte ich auf dem Fahrrad hinreichend während über 20000km im Harz. Wobei der Rand keine 500m von der Wohnung entfernt war.
P.S. / @HappyMutant:
Im ADFC gab es ab den 80ern traditionell eine Strömung "kontra Fahrradhelm", die aber mit dem schrittweisen Rückzug des Vereins aus der Verkehrspolitik und der Hinwendung zur Radtouristik inzwischen praktisch bedeutungslos geworden ist.
Neue Daten gibt es bei solchen Dingen erst, wenn mal wieder ein Verkehrspolitiker im Verein mit Gesundheitspolitikern richtig dicke Bretter bohren will. Dass überhaupt staatliche Statistiken in Australien verfügbar waren und zu einer wissenschaftlichen Arbeit genutzt wurden, ist ein seltener Glücksfall. Drittmittel von einer Helmfirma hat es dafür vermutlich nicht gegeben.
Auch Deutschland ist nicht gerade dafür bekannt, dass man routinemäßig gesetzliche Vorschriften sorgfältig auf Wirksamkeit abklopft und ggf. ersatzlos streicht.
Immerhin wurde am Anfang des Threads auch eine neuere
Studie gereicht, die aus medizinischer Sicht ebenfalls aktuelle Fahrradhelme als Allheilmittel deutlich entzaubert. Dort mit der abschließenden Forderung nach Neuentwicklungen.