Wikipedia: Nach Umstieg auf HTTPS weniger Zensurversuche

Michael Schäfer 31 Kommentare
Wikipedia: Nach Umstieg auf HTTPS weniger Zensurversuche
Bild: geralt | CC0 1.0

Mit der Umstellung der Online-Enzyklopädie Wikipedia auf das Hypertext Transfer Protocol Secure (HTTPS) konnte einhergehend eine Verringerung von staatlich angeordneter Zensur beobachtet werden. Dies geht aus einem Bericht von drei Forschern der Harvard-Universität hervor. Einen wirklichen Schutz bietet die Methode jedoch nicht.

Mitte Juni 2015 kündigte die Wikimedia Foundation an, den Traffic zu den Seiten des Online-Lexikons komplett auf das verschlüsselte HTTPS umgestellt zu haben. Gleichzeitig sollte unter der Verwendung von HTTP Strict Transport Security sichergestellt werden, dass Verbindungen mit Transport Layer Security (TLS) nicht mit einer älteren und somit unsicheren Version erfolgen konnten. Für eingeloggte Nutzer war die Verwendung der sicheren HTTPS-Verbindung bereits seit 2013 möglich.

Befürchtungen von kompletten Sperrungen nicht bestätigt

Dieser Schritt wurde zum damaligen Zeitpunkt in der Community kontrovers diskutiert, viele Nutzer befürchteten, dass die Stiftung mit diesem Vorhaben staatlicher Zensur die Tür noch weiter öffnen würde mit der Folge, dass noch mehr Seiten unter Wikipedia gesperrt werden. Denn mit einem gesicherten Zugang könnten die zuständigen Stellen nicht mehr verfolgen, auf welche Seiten der Nutzer genau zugreift – womit befürchtet wurde, dass dadurch vorsorglich der komplette Zugang zu Wikipedia von staatlicher Seite gesperrt werden würde.

Dass dies nicht der Fall war und ist zeigt nun das Ergebnis einer Studie der US-amerikanischen Universität Harvard. Die Untersuchungen zeigten, dass bestimmte Länder ihren Bürgern zwar immer noch den Zugriff auf das Lexikon gänzlich, auf einzelne Seiten oder bestimmte Sprachversionen verweigerten. So wurde ersichtlich, dass unter anderem China allem Anschein nach nur den in Landessprache verfügbaren Teil von Wikipedia zensiert, Thailand und Usbekistan dagegen verschiedene Sprachversionen sperren. Weltweit betrachtet seien die Zensurversuche jedoch zurückgegangen.

Datenverkehr auf zwei Wegen untersucht

Die Studie begann im Mai 2015 und zog sich bis in den Juni des vergangenen Jahres, die anschließende Analyse zog sich zudem über mehrere Monate hin bis zur heutigen Veröffentlichung der Ergebnisse. Diese wurden dabei auf verschiedenen Wegen ermittelt und überprüft: So wurde mittels eines selbst geschriebenen Algorithmus der zu Wikipedia eingehende Datenverkehr pro Herkunftsland analysiert und mit aus der Vergangenheit gewonnenen Daten verglichen. Diese sollten Aufschluss über potenzielle Zensurversuche geben. Gleichzeitig simulierten die Forscher den Zugriff auf Wikipedia auf Benutzerebene in den verschiedenen Ländern.

Durch die langwierige Auswertung zeichnet der Bericht jedoch nicht die komplette Realität ab und erscheint teilweise lückenhaft: So fand die vollständige Sperrung von Wikipedia in der Türkei keinen Einzug in die Untersuchung, da diese erst seit April dieses Jahres gilt. Betroffen sind von der Sperrung alle Sprachversion.

Verbesserung, aber kein kompletter Schutz

Mit dem verschlüsselten Zugriff scheint Wikipedia zumindest in Teilbereichen ein wirksames Mittel gegen staatliche Zensurbemühungen gefunden zu haben: „Die Entscheidung für den Umstieg auf HTTPS war gut für die Sicherstellung des Zugangs zu Wissen“, so die Forscher in ihrer abschließenden Begründung. Dennoch bietet der Verschlüsselungsstandard nach wie vor keinen wirklichen Schutz gegen eine Zensur. Hier sind andere Maßnahmen vonnöten.