Ich finde die allgemeine Kritik etwas überzogen. Klar hats Macken, aber es ist ja nicht so, dass es unnutzbar wäre und mit Windows 10 (oder gar 8) alles besser war.
Ich kann aus drei verschiedenen Perspektiven meinen Senf dazu geben:
- Gelegenheitsnutzer, meine Eltern. Beide schon im Rentenalter. Der Wechsel von 10 auf 11 lief problemlos, nach 10 Jahren war der Laptop eh mal fällig. Ja ich habe dafür extra ein Microsoft Konto erstellt, da ich das OneDrive-Backup nützlich finde - der kostenlose Speicher reicht für die wichtigen Dokumente der letzten 25+ Jahre. Backup machen sie sonst eh nicht oder viel zu selten.
- Normaluser/Zocker, ich selbst. Schon vor Jahren auf Windows 11 gewechselt, mit ein paar Tools einige der Spionagefunktionen deaktiviert, passt. Weder beim zocken, noch arbeiten oder surfen macht mir Windows 11 Probleme. Die Copilot App kommt gelegentlich zum Einsatz, ist ganz nett, wenn auch kein Vergleich zu Copilot Pro. Einmal wöchentlich gibts eine Zockerrunde mit Freunden über Opentalk, die Aufteilung zwischen Windows 10/11 und Linuxusern liegt bei 50/50.
Die Windowsuser starten Spiel XY und sind direkt online, die Linuxuser müssen komischerweise immer wieder irgendwelche Einstellungen und Werte anpassen, damit sie spielen können. Nichts gegen Linux, aber darauf habe ich einfach keinen Bock. Ja, Komfort über totale Kontrolle und Privatsphäre. Steinigt mich.
- Poweruser/Arbeit, ich bin ein IT Admin bei einem Mittelständler mit rund 2.000 Mitarbeitern weltweit - etwa 1.400 haben einen User mit M365 E5 Lizenz (+ 200 Frontline Worker in den Werken)
Windows 11 in Verbindung mit Microsoft 365 hat die Arbeit unserer User und bei uns in der IT schon echt revolutioniert. Wobei das eher am Wechsel in die Cloud liegt, als an Windows 11 selbst.
Es ist halt alles aus einer Hand: OS, Kommunikationstools (Teams und Outlook), Kollaborationswerkzeuge (OneDrive und Teams) und der "dumme" Speicher (SharePoint). Alles abgesichert durch das große Defender-Paket und MFA natürlich.
Die ersten 100 Copilot Pro User lernen den Assistenten immer mehr schätzen, der auch laufend besser wird.
ERP, CRM, Bewerbermanagement im Personal, sogar das Brotzeitbestellportal authentifiziert sich sicher über Entra ID/Azure. Kaum noch jemand braucht zum mobilen Arbeiten einen VPN starten...
In den Besprechungsräumen stehen "Teams Rooms" Konferenzsysteme, die ebenfalls voll integriert sind - allenfalls 1-2 mal im Monat müssen wir vor oder während Besprechungen helfen, weil irgendjemand die Kamera nicht zum laufen bringt, oder nicht weiß, wie er präsentieren kann.
"Der Gast darf den Clickshare Dongle nicht anstecken, haben wir auch ein HDMI Kabel?" - Geschichte, hüpf einfach ins Teams Meeting in deinem Kalender und teile deinen Bildschirm. Teams kapiert automatisch, dass du in einem Teams Room hockst, und deaktiviert die Audiogeräte.
"Ich habe Kaffee über meinen Laptop geschüttet und jetzt geht er nicht mehr an" - kein Problem, hier hast du ein Ersatzgerät, meld dich mal da und da an und in einer Stunde hast du alle E-Mails und Files über OneDrive wieder lokal zur Verfügung.
"Mein Postfach ist bei 98 GB" - das räumt die Retention Policy im Nu auf und schiebt alles älter als 5 Jahre ins Onlinearchiv.
Ja, man macht sich da als Firma extrem abhängig von Microsoft und vom bösen Amerikaner, aber was wäre die Alternative? Wieder alles onprem? Nein Danke.
Wenn ich nur 5 Jahre zurück denke grausts mir. Jeder zweite der damals (gezwungenermaßen) zuhause arbeiten musste, hat den VPN nicht zum laufen bekommen. Entweder weil der ISP schei..e war, weil ein Hybridrouter genutzt wurde, (in Bayern auf dem Land ist DSL noch Luxus...) oder die Firewall vom Router geblockt hat. Ohne VPN keine Netzlaufwerke, kein Login am ERP-System (und zig weiteren), kurzum: keine Arbeit möglich.
Die Postfachgröße am lokalen Exchange war extrem limitiert (Normaluser 3 GB, hohe Tiere bis 10 GB), also musste ständig archiviert werden. Poweruser hatten irgendwann ein dutzend .pst Dateien, die natürlich regelmäßig korrupt wurden und über die scanpst.exe repariert werden mussten. Gibt es natürlich nicht mehr, Archivdateien öffnet Outlook gar nicht mehr.
Skype for Business konnte noch keinen persistenten Chat (für ein Jährchen in der Übergangszeit habe ich extra noch einen persistant chat server installiert...) und hatte nur rudimentäre Kollaborationstools.
Wenn die Firewall Spam/Phishing etc. nicht erkannt hatte - und die schaut ja auch nur auf den Header und kuckt sich Anhänge an - ging jeder Müll durch. Und wenn Otto-Normal-User auf einen verschurbelten Phising Link geklickt hat, haben wir nur davon mitbekommen, wenn es mal gebeichtet wurde. Keine "unusual travel" Erkennung mit automatischer Usersperrung, und natürlich auch kein MFA.
Man kann MS ja haten, und ja, es gibt Alternativen, aber das Gesamtpaket ist wirklich rund, sowohl für den normalen Anwender, aber vor allem auch für die Administratoren.
Sorry, dass das in einen Rant ausgeartet ist, der mit Windows 11 am Ende gar nicht viel zu tun hatte.
