Slim.Shady schrieb:
Unfassbar, wie viele Probleme wir mit diesen Summen auf der Welt lösen könnten, vorausgesetzt, sinnvoll eingesetzt.
wolve666 schrieb:
Wenn man sich mal überlegt, das man mit diesen Geldsummen soviele soziale Probleme in der ganzen Welt lösen könnte (Hunger in Afrika, sauberes Trinkwasser, Bildung), und es wird nur für so einen Bullshit verplempert
(
@Slim.Shady &
@wolve666 => habe eure Posts nur exemplarisch zitiert; Beitrag richtet sich an
alle der Fraktion "
in Sozialprojekte investieren wären besser gewesen")
Die Idee "mit dem Geld könnte man die Welt retten, wenn man es nur in Sozialausgaben stecken würde" mag moralisch eingängig wirken, ist analytisch aber mindestens
sehr zweifelhaft.
- Erstens: Handelt es sich um private Investitionsentscheidungen (CapEx/Opex in Rechenzentren, Modelle, Talente, Energie- und Netz-Infrastruktur), nicht um frei disponierbare Wohlfahrtsbudgets.
- Zweitens: wird hier eine statische Umverteilungsintuition gegen eine dynamische Innovations- und Produktivitätslogik ausgespielt: Investitionen in eine "General-Purpose"-Technologie wie KI zielen auf Skaleneffekte, Wissensspillover, Produktivitätsgewinne und langfristige Wachstumspfade. Ob man diese Gewinne später politisch über Steuern, Transfers oder öffentliche Güter verteilt, ist eine nachgelagerte Frage. Eine naive "Entweder-Oder"-Rechnung unterschlägt die Opportunitätskosten – insbesondere die entgangene Wertschöpfung, die überhaupt erst fiskalische Spielräume und reale Ressourcen schafft.
Noch problematischer aber ist die implizite Annahme, man könne sehr große Summen mit der Gießkanne über Sozialprojekte ausschütten und erhalte quasi automatisch nachhaltige Entwicklungsfortschritte.
Entwicklungsökonomisch ist das Gegenteil plausibel: unkonditionierte oder schlecht designte Transfers erzeugen häufig Anreizverzerrungen (Stichwort "Moral Hazard"), Abhängigkeitsdynamiken und Crowding-out lokaler Eigenleistung => wenn externe Finanzierung verlässlich einspringt,
sinkt der Druck, produktive Kapazitäten nachhaltig aufzubauen, Steuerbasis zu verbreitern, Governance zu verbessern oder überhaupt eine resiliente und gewartete Infrastruktur zu etablieren. Das ist kein moralisches Urteil über Empfänger, sondern ein strukturelles Problem => kurzfristige Linderung wird belohnt, langfristiger Kompetenzaufbau bleibt ohne Motivation, weil er politisch und administrativ viel mühsamer ist und erst spät tatsächliche Ergebnisse liefert.
Dazu kommt ein zweiter, empirisch gut erklärbarer Mechanismus: In Kontexten schwacher Staatlichkeit ist die Absorptionsfähigkeit begrenzt. Große Mittelzuflüsse treffen auf knappe Verwaltungs- und Kontrollkapazitäten sowie gerade in Entwicklungsländern auch unzureichende Kultur - das Ergebnis ist dann Korruption, Selbstbereicherung, Diebstahl und größere soziale Unruhe.
Je größer und schneller der Geldstrom, desto mehr Chaos und Verlockung entsteht.
Konkret enden viele Entwicklungsprogramme so:
- der Geldgeber kann die tatsächliche Mittelverwendung nur unvollkommen beobachten
- lokale Intermediäre optimieren auf eigene Nutzenfunktionen
- echtes Monitoring ist teuer - tatsächlich umsetzbare Indikatoren häufig nicht repräsentativ (außerdem: welches Entwicklungsprojekt will schon von sich aus reporten, dass es gescheitert ist?)
Die Idee, man müsse nur "genug Geld" bereitstellen, verkennt die Engstelle tatsächlicher Entwicklungsländer: nicht die nominale Summe ist knapp, sondern Institutionenqualität, Kultur, ...
Ein dritter Punkt betrifft Nachhaltigkeit im engen, technischen Sinn. Infrastruktur- und Sozialprogramme erzeugen dauerhaften Nutzen nur, wenn es Betriebs- und Wartungsregime, Eigentümerverantwortung, Ersatzteilversorgung, Kompetenzen und Sanktionsmechanismen gegen Zweckentfremdung gibt – also funktionierende Supply Chains, Standards, Ausbildung und Rechtsdurchsetzung.
Fehlt dieser Unterbau, entsteht nur Quark: Projekte, die auf Fotos beeindruckend wirken, deren Lebenszykluskosten aber niemand trägt und deren Nutzungspraxis sich nicht stabilisiert. Nachhaltige Entwicklung ist deshalb kein Finanzierungsproblem. Gesellschaften bauen Humankapital, Produktionsroutinen, Qualitätskultur und Marktintegration nicht dadurch auf, dass man ihnen periodisch Kaufkraft zuführt, sondern dadurch, dass sie unter verlässlichen Regeln Wertschöpfung
selbst organisieren, Fehlerkosten internalisieren und Kompetenzen akkumulieren.
Das ist auch eines der Probleme von Sozialismus & Kommunismus. Wo Preis- und Wettbewerbssignale systematisch ausgeschaltet werden und Ressourcenallokation primär politisch erfolgt, steigen Allokationsineffizienzen und Korruption enorm.
Kurz: Die Frage ist nicht, ob X Milliarden sozial ausgegeben werden könnten, sondern ob solche Ausgaben bei gegebenen Governance- und Anreizstrukturen überhaupt die behaupteten Wirkungen hätten. Wer das bejaht, argumentiert moralisch – aber nicht kausal. Und Entwicklung ist am Ende keine Frage guter Absichten, sondern der Kausalität.
Selbiges gilt für hiesige Ideen, wie z.B. einfach die Arbeitslosenbezüge zu erhöhen: es hält Menschen in Abhängigkeit. Aus demselben Grund füttert man nicht persistent Wildtiere - sie verlernen einen normalen und selbstständigen Umgang mit Ressourcen.