deathhour schrieb:
Könnte mir bitte einer erklären wieso die Kirche ihre Machtposition/Politik so geändert hat?
Bis zum Aufkommen der großen Handelshäuser (Medici usw.) in der Renaissance hatte die Kirche so gut wie gar keine Konkurrenz zu fürchten. Doch selbst diese Kaufleute waren streng gläubig und wären nie auf den Gedanken gekommen, sie von der Kirche loszusagen.
Während des 30-jährigen Krieges waren es in erster Linie die weltlichen Herrscher, die den Streit vom Zaun brachen, als Protestanten die Anerkennung (Duldung) ihrer Glaubensrichtung einforderten. Bis dahin waren die Königshäuser untereinander durch Heirat verbunden und stützten sich gegenseitig. Nun aber schlug der Protestantismus eine tiefe Bresche in die gewohnte Ordnung. Gekämpft wurde nicht nur für den eigenen Machtbereich, sondern für die gerechte Sache: den eigenen Glauben. Da brauchte die Kirche gar nicht einzugreifen, weil sie in den Köpfen der Entscheider allgegenwärtig war.
Die Masse des Volkes war im Gegensatz dazu völlig ungebildet. Sie hatte höchstens Hunger und Armut, aber nichts zu melden. Der Einfluss der Kirche beruhte damals auch darauf, dass es außer der Bibel wenig Alternativen zu lesen gab. Wer konnte sich überhaupt ein Buch leisten?
Mittlerweile liegen die Dinge anders: Schulbildung ist überall vorhanden, Wohlstand auch. Die Autoritäten bröckeln und der Nachwuchs lässt sich nichts mehr sagen, sondern setzt seinen eigenen Kopf durch. Die Medien prasseln unentwegt auf die Menschen ein, die Botschaft der Kirche bringt es höchstens noch auf ein Grundrauschen, das kaum noch vernommen wird.
Hinzu kommt, dass der rational denkende Mensch auf die Idee gekommen ist, die Welt ohne Gott erklären zu können. Das hätte man früher nie zu denken gewagt. Und die „Gotteslästerer“, die ihre Stimme erheben, kann heute jeder hören. Früher hätte man sie sofort aufgeknüpft.
Schließlich noch: Demokratie. Früher wurden die Kaiser "von Gottes Gnaden" vom Papst gekrönt. Es war undenkbar, sich als Leibeigener dagegen aufzulehnen. Heute wählt der Pöbel seine Regierung selbst, ganz ohne kirchlichen Beistand.