Vielen Dank für den kritischen Artikel – ich kann die Sichtweise voll unterstreichen.
Ich habe das Thema selbst in mehreren Posts schon erwähnt und bleibe bei meiner Einschätzung:
OpenAI hat kein tragbares Geschäftskonzept.
Das Kernproblem: OpenAI hat kein Ökosystem
Alle großen Tech-Unternehmen haben ihre Produkt-Ökosysteme – Apple mit iPhone/Mac/Watch, Google mit Android/Drive/Maps/Chrome,Playstore,Apps - Microsoft mit Office/Cloud/Xbox/OS - Amazon mit Alexa/Echo/Fire TV/ Cloud. Diese schaffen Abhängigkeiten, die Kunden binden. Oder die Bindung und Verknüpfung von Socialmedia, Werbung und Datenerfassung.
Was hat OpenAI? Eine ChatGPT-Website und eine API – jederzeit schließbar und austauschbar. Der Wechsel zu Gemini oder Claude ist problemlos möglich. Es gibt keine echte Kundenbindung.
Die Zahlen sprechen für sich
- 9 Milliarden Dollar Cash-Burn prognostiziert für 2025
- 17 Milliarden Dollar Cash-Burn prognostiziert für 2026
- Erst 2030 soll OpenAI cashflow-positiv werden
- Zum Vergleich: Anthropic prognostiziert, seine Cash-Burn-Rate auf etwa ein Drittel des Umsatzes in 2026 und auf 9% bis 2027 zu senken. OpenAI hingegen erwartet, dass seine Burn-Rate bei 57% in 2026 und 2027 bleibt.
Das Abschreibungs-Problem – die versteckte Zeitbombe
Was in der öffentlichen Diskussion oft untergeht: Die Chips im Herzen des Infrastruktur-Ausbaus haben eine reale Nutzungsdauer von ein bis drei Jahren durch schnelle technologische Obsoleszenz und physischen Verschleiß – aber Unternehmen schreiben sie über fünf bis sechs Jahre ab.
Diese Buchhaltungs-Diskrepanz hat erhebliche Auswirkungen. Die Kosten werden über einen längeren Zeitraum verteilt als die Fakten rechtfertigen – was The Economist als das "4-Billionen-Dollar-Buchführungsrätsel im Herzen der KI-Cloud" bezeichnet hat.
Nvidia CEO Jensen Huang hat das selbst angedeutet: "Wenn Blackwell in Volumen ausgeliefert wird, könntest du Hoppers nicht verschenken."
Das Finanzierungskarussell: Wenn OpenAI endlich in der angeblichen Gewinnzone ankommt, ist die Hardware längst veraltet. Dann müssen neue Server her – alte Schulden und veraltete Technik noch nicht abbezahlt, und schon kommen neue Schulden dazu.
Aber: Die AGI-Wette hat den LLM-Zug ins Rollen gebracht
Bei aller Kritik muss man anerkennen: Diese massive Investitionswelle hat der Forschung und Medizin einen enormen Schub gegeben. Proteinstruktur-Vorhersagen, Medikamentenentwicklung, wissenschaftliche Textanalyse – das wäre ohne diesen Hype nicht so schnell gekommen.
Nur muss man realistisch bleiben: Alles hat seinen Preis – sei es eigene Hardware, Datentransfer, Werbung oder Leistung gegen Cash. Der Preis wird aufgrund von Infrastruktur, Energie und Unterhalt hoch bleiben. Es ist ein Investment mit der Aussicht auf Rendite, und weil OpenAI sich gut verkauft hat, sind alle auf diesen Zug aufgesprungen.
Das Dreieck: Investment – Nutzen – Ressourcen
Diese drei Faktoren müssen im Gleichgewicht sein:
- Investment: 122 Milliarden eingesammelt
- Ressourcen: Keine eigene Infrastruktur, Banken verweigern Kredite, Partner zerstritten
- Nutzen: ChatGPT-Website ohne Ökosystem, austauschbar
Bei OpenAI kippt dieses Dreieck.
Die Ackermann-Parallele – Geschichte wiederholt sich
Wer sich an Josef Ackermann und die Deutsche Bank erinnert, kennt das Muster:
2006: Ackermann verspricht 25% Eigenkapitalrendite → Alle klatschen, Investoren strömen rein
2008: Die "Papiere im Keller" kommen ans Licht → Finanzkrise, alle haben mitgespielt
2026: Sam Altman verspricht 17,5% Mindestrendite an Private-Equity-Investoren → Alle klatschen
202X: ???
Das Muster ist immer dasselbe: Unrealistische Renditeversprechen → Investoren strömen rein → Druck steigt → Kreative Buchführung (Abschreibungen auf 6 statt 3 Jahre, um Gewinne schönzurechnen) → Risiken werden versteckt → Irgendwann platzt die Blase.
Wenn höhere Rendite versprochen wird und die nicht kommt, sind die Investoren weg. Und wenn dann im Keller die alten Papiere ans Tageslicht kommen – die geschönten Abschreibungen, die versteckten Verluste, die nicht eingehaltenen Versprechen – sieht es nicht gut aus.
Der Rettungsanker: Werbung
Es gibt eine große Marktverschiebung, und ich denke,
Werbung ist der Rettungsanker, den OpenAI jetzt auswirft. Die Tatsache, dass in den USA bereits zahlende Abonnenten von Werbung betroffen sind, deutet darauf hin, wohin die Reise geht.
Entweder entwickelt sich ChatGPT zu einer kostenlosen LLM-Chat-Werbeplattform, die Daten abgreift und Marktanalysen macht – oder sie schaffen kurzfristig ein Produkt, das sie tatsächlich verkaufen können. Beides kein Zeichen von Stärke.
Der Markt wird regeln. Die aktuelle Situation – Stargate-Chaos, Pentagon-Zirkus, Microsoft-Verärgerung, Banken die Kredite verweigern, Oracle das nicht mehr mitspielen will – zeigt bereits die ersten Risse. OpenAI muss sich auf ein Kerngeschäft konzentrieren, statt von allem ein bisschen zu machen.
Die "Superapp" klingt nach Verzweiflung, nicht nach Strategie.
Es wird eine spannende Zeit für alle.