@Mondgesang:
Als ich den Anfang Deines Beitrages mit den Bildern von Craig Federighi gesehen habe, dachte ich erst mal "mein der Typ das wirklich ernst".
Apples Marketing gleitet schon gelegentlich ins peinliche ab (dazu gibt es ja auch Memes) aber anderseits ist Apple schon stilprägend für die ganze Tech Branche.
So verwendet heute mehr oder jeder Apple Style Spec-Sheets, also Dinge in dieser Art:
Das gilt natürlich auch für das Design der Produkte selbst. In der Linux Welt gibt es auch starke Apple Einflüsse, siehe Ubuntus (gescheiterten) Versuch eine Mac like Menüleiste in den Linux Desktop einzubringen.
Auch dass die Windows Taskleiste dem macOS Dock immer ähnlicher wird, ist so ein Einfluss.
Und wenn man sich die Intel Lunar Lake CPU mit on-Package LPDDR5 RAM anschaut sieht man dass man eines der Erfolgrezepte der M Chips kopiert hat, auch wenn dies in die AMD/Intel/Windows Welt nur begrenzt gut reinpasst.
Insofern ist Apple schon seit sehr langer Zeit ein Trendsetter. D.h. übrigens nicht, dass sie jede Idee immer zuerst haben, im Gegenteil. Aber sie schaffen den Sprung vom Konzept zum Produkt, oder entfernen die "Ecken und Kanten".
Der Erfolg des iPhone bestand damals, meines Erachtens, im wesentlichen aus drei Bausteinen:
- Sie haben des Konzept Touchscreen so verfeinert, dass man das Gerät komplett mit dem Finger bedienen konnte, dazu gehörte auch der kapazitive Multitouch Screen. Die Geräte die es davor schon z.B. mit Windows CE oder Symbian gab, brauchten einen "Stylus".
- Sie haben ein App Ökosystem darum geschaffen - nebenbei einen den Begriff "App" übrigens dabei erschaffen
- Oft unterschätzt wird die Wirkung des anfänglichen Zwangs-Bundles mit einer Mobilfunk Daten Flatrate. Vor dem iPhone galten mobile Daten als Kostenfalle die man unbedingt abschalten musste, d.h. die meisten Leute hatten Angst davor mit ihrem Telefon ins Internet zu gehen.
Apple hatte schon immer ein Gespür davor, welche Dinge wichtig sind. Dass das erste iPhone nicht mal UMTS konnte, geschenkt.
Dieses Konzept steht natürlich diametral der an technischer Exzellenz orientierten Tech-Nerd Denke gegenüber. Der Tech-Nerd sieht natürlich sofort, dass dem neuen Macbook Pro noch immer WIFI7 fehlt und er stört sich auch sofort an den unverschämten Preisen für RAM und SSD Erweiterungen.
Diese Welten und Denkweisen stehen sich komplett diametral gegenüber, das hat nun aber wenig damit zu tun, ob Marc Shuttleworth sein Brusthaar zeigt oder feine Lederjacke trägt.
Ich selber würde mich durchaus auch als Tech-Nerd bezeichnen, mein erster "richtiger" Computer lief noch mit CP/M, ich habe in den 80ern an der Uni sehr viel Unix (unter anderem SunOS/Solaris) genutzt, war aber auch unter den ersten paar hundert Betatestern von Windows NT (ich habe seinerzeit als freier Author für die c't und andere Zeitschriften gearbeitet).
Ich finde Linux als Backend und Entwicklungs System unschlagbar gut, macOS ist mit Homebrew nahe dran, Windows fürchterlich.
Aber Linux als Desktop hat mich nie überzeugt, ich habe es ein paar Jahre genutzt, aber letztendlich dem System wieder den Rücken gekehrt.
Die Linux Welt wird heute von den gleichen Problemen geplagt wie die kommerziellen Unixe Ende um 1990:
- Fragmentierung
- Mangelhaftes Ökosystem an End-User Apps
Ja die Situation heute ist ungleich besser als 1990, wo man schon happy war, wenn die Backspace Taste in der Shell ohne stty Akrobatik funktionierte...
Da ist man heute viel weiter, ein Linux Computer integriert sich normalerweise nahtlos in Netzwerk, Copy/Paste funktioniert, die Tastaturbelegung stimmt der Regel, man muss keine modsetting Zeilen mehr manuell anpassen, usw.
Damals gab es so seltsame Konstrukte wie die Sun 386i die eine DOS/Windows VM mitbrachte, um den Mangel an Office Anwendungen für Unix auszugleichen.
Solange man sich im Repo der jeweiligen Distro bewegt, kommt auch Oma Erna meistens mit Linux klar.
Aber "Side-Loading" kann unter Linux schnell zum Abenteuer werden.
In der Windows Welt kann man in der Regel eine beliebige Software als selbstextrahirendes EXE herunterladen, doppelklicken und es läuft. Dass das in der heutigen Zeit nicht immer eine gute Idee ist, ist eine andere Sache.
Nach wie vor ist auch das Risiko, dass man für die Lösung irgendeines Problems auf die Kommandozeile absteigen oder Konfig-Files anpassen muss, unter Linux noch signifikant höher als bei Windows oder macOS. Und klar, der unbedarfte Anwender kann dann auch schnell rauh mit der teilweisen toxischen Linux Community in Berührung kommen.
Natürlich mache ich mir Gedanken über die Risiken der Apple Welt, es ist letztendlich ein US-Konzern, es hängt alles an der AppleID, usw.
Auch wenn ich kein besonderer Fan von Richard Stallmann bin, in einem Punkt hat er komplett recht: Ein Gerät ohne offene Soft- und möglichst auch Hardware gehört einem nicht wirklich. Und das greift immer mehr um sich. Und das betrifft ja immer mehr Dinge auch außerhalb der eigentlichen IT Produkte.
Stallman war einer der Ersten der das erkannt hat, dafür verdient er Respekt.
Anderseits ist man auch als Open Source Anwender mindestens davon abhängig, dass sich eine Community findet, die die eigene Hardware unterstützt, denn die wenigsten User werden in der Lage sein, die Software selber zu pflegen.
Aber um auf Deine Ausgangsfrage zurückzukommen: Glaube nicht, dass sich das Problem mit "coolen Persönlichkeiten" lösen lässt. Es ist auch eigentlich kein "Problem" - die Linux Welt hat einige "systemimanente" Eigenheiten die sie ausmachen, und an denen kann man allenfalls graduelle Änderungen vornehmen.