Cannon Lake: Die erste 10-nm-CPU wird für Intel zum Albtraum

Volker Rißka 115 Kommentare
Cannon Lake: Die erste 10-nm-CPU wird für Intel zum Albtraum

Das Jahr 2017 ist vorüber und Intels vollmundige Versprechungen, die ersten 10-nm-Chips zu liefern, haben sich nicht erfüllt. Die 10-nm-Fertigung läuft nicht, vom ersten geplanten Prozessor Cannon Lake könnte am Ende noch weniger übrig bleiben als bisher gedacht. Eine Zusammenfassung nach aktuellem (Gerüchte-)Stand.

We know how to make 10nm chipstitelten viele US-Medien seinerzeit zum IDF, Intels mittlerweile eingestellter Hausmesse, als über den Stand der aktuellen Fertigung philosophiert und ein Marktstart eventuell schon Ende 2015 angepeilt wurde. Das war Mitte 2012. Diese Theorien wurden in den folgenden Jahren stetig wiederholt, um am Ende wieder nicht bestehen zu können. Auch Ende 2017 fehlte deshalb von einem 10-nm-Produkt von Intel jede Spur, der Hersteller lenkt den Fokus auf andere Produkte, so auch zur kommenden Woche laufenden CES 2018. Auf dem Vorjahresevent hatte Intel noch ein Notebook mit Cannon Lake gezeigt, Roadmaps legten einen Starttermin im Herbst 2017 nah. Doch daraus ist wieder nichts geworden, aus den bereits stetig schwammigen Angaben mit einer Vorstellung im zweiten Halbjahr 2017 wurde später die Aussage hinsichtlich Samples und ein Auslieferungsstart noch in diesem Jahr korrigiert, letztlich folgte nur noch die Angabe, 2018 Produkte im Markt haben zu wollen.

Cannon Lake ist Broadwell 2.0

Die Vergleiche von Cannon Lake in 10 nm mit Broadwell und der Vorgängerfertigung 14 nm liegen auf der Hand – und sind auch nicht von der Hand zu weisen. Auch dort hatte Intel einen zügigen Start vorhergesagt, am Ende kam es anders als gedacht. Bei Broadwell als erster Generation 14 nm zog Intel ebenfalls schon einmal eine Reißleine, indem der Hersteller die Desktop-Chips einstampfte. Da dieses jedoch nahezu mit dem Ausdruck „Der Desktop ist tot!“ gleichgesetzt wurde, ruderte Intel später wieder ein wenig zurück und ließ schon zwei Jahre vor dem Start Skylake durchsickern und pflanzte zudem einige Notebook-Chips zurück ins Desktop-Portfolio. Nur zwei davon waren bekanntlich sockelbar, alle weiteren wie beim Notebook üblich verlötet als BGA-Chip. Der Rest waren Broadwell-U/Y.

Erst im Jahr darauf und der darauf folgenden Generation nahm die 14-nm-Fertigung langsam richtig Fahrt auf und wurde seit Skylake stetig verbessert und optimiert. Folglich ist mit Coffee Lake und dem Kaby Lake Refresh auch noch nicht das Ende erreicht, Whiskey Lake und weitere CPUs sollen im Jahr 2018 in 14 nm folgen.

Nur noch Cannon Lake-Y als „Show-Produkt“?

Für Cannon Lake zeigt sich nun ein sehr ähnliches respektive noch schlimmeres Bild. Auch dort wurden erneut zuerst die Desktop-Chips eingestellt, direkt darauf folgen jedoch die Server-Ableger – Cannon Lake-SP wird es nicht geben, stattdessen wird dort direkt auf Ice Lake-SP gewartet. Doch die Einstellung scheint nun sogar noch mehr zu umfassen, die 10-nm-Fertigung ist scheinbar noch schwieriger zu bändigen als gedacht. So werden nicht einmal mehr alle Notebook-Chips bedacht, selbst die Cannon Lake-U stehen nach dem Kaby Lake Refresh auf dem Abstellgleis, womit nur Cannon Lake-Y bleiben würde – und diese nicht vor Sommer 2018 verfügbar sein sollen.

Im September veröffentlichte DigiTimes einen Bericht, in dem es davon sprach, dass Cannon Lake mit iGPU erst Ende 2018 verfügbar würden. Seinerzeit war dies nicht so genau einzuordnen, was denn gemeint wäre, aber nun scheint sich zu manifestieren, dass es Cannon Lake ohne integrierte GPU geben soll. Entsprechende Samples mit dem Status PQR (qualified for production) sollen dabei mit nur maximal 2,2 GHz für zwei Kerne arbeiten. Diese erscheinen dabei jedoch hinsichtlich der Aussage, dass es der Turbo-Takt ist tendenziell eher unglaubwürdig, denn das wäre ein extremer Rückschritt: Kaby Lake-Y schafft bei 7 Watt cTDP bis zu 1,6 GHz in der Basis und 3,6 GHz im Turbo, Kaby Lake-U mit 15 Watt liegt bei bis zu 2,8 GHz in der Basis und 4 GHz beim Turbo – und das alles inklusive Grafikeinheit.

Ohnehin ist fraglich, was für ein Markt ein solches Produkt anvisieren würde. Integrierte Grafik ist seit Westmere und Sandy Bridge elementarer Bestandteil der neuen Architekturen von Intel, eine solche CPU müsste dann beispielsweise mit einer GeForce MX 150 gepaart werden, die spätestens die Energieeffizienz der Plattform wieder zunichte macht. Das ganze Produkt würde ad absurdum geführt. Einige Analysten glauben deshalb sogar, dass Intel solch eine spezielle Variante nur veröffentlicht, um die Börse und Investoren zu beruhigen.

Cannon Lake ist tot, es lebe Ice Lake

Das erste 10-nm-Produkt von Intel ist demnach vermutlich primär ein Papiertiger. Der Hersteller selbst hatte bereits im Sommer überraschend den Blick auf Ice Lake geschoben. Denn nie zuvor hatte Intel einen tape-in eines Produkts vermeldet, wenn noch nicht einmal das angestrebte neue Produkt verfügbar war. Bei Ice Lake in 10nm+ bleibt nun zu hoffen, dass sich die Lern- aber vor allem Yield-Kurve ähnlich entwickelt wie bei Broadwell zu Skylake und Kaby Lake. Sonst wird der bisherige Technologieführer bei der Halbleiterfertigung trotz neuer Materialien und Kniffen in der Fertigung von seinen Mitbewerbern TSMC sowie der IBM-Fertigungsallianz inklusive Samsung und Globalfoundries nicht nur eingeholt sondern überholt.

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